{"id":29946,"date":"2023-06-05T11:03:18","date_gmt":"2023-06-05T09:03:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/das-andere-italien\/"},"modified":"2023-06-29T14:13:12","modified_gmt":"2023-06-29T12:13:12","slug":"das-andere-italien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/das-andere-italien\/","title":{"rendered":"Das andere Italien"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Ministerpr\u00e4sidentin Giorgia Meloni kam das Wort Antifaschismus nicht \u00fcber die Lippen. Sie sprach von einem Tag der Freiheit und nicht der Befreiung. In dieser auf den ersten Blick scheinbar unbedeutenden sprachlichen Verschiebung wird eines der zentralen Anliegen dieser Regierung deutlich: Es geht um nicht weniger als die Umdeutung und Neuschreibung der j\u00fcngeren italienischen Geschichte. Der Begriff des \u201eAntifaschismus\u201c soll aus den K\u00f6pfen der Menschen gel\u00f6scht werden, damit nicht l\u00e4nger \u00fcber den historischen und aktuellen Faschismus gesprochen werden muss. Entsprechend \u00e4u\u00dferte sich Ignazio La Russa, der Pr\u00e4sident des Italienischen Senats: \u201eDie (italienische, R.K.) Verfassung bezieht sich an keiner Stelle auf den Antifaschismus. Die gem\u00e4\u00dfigten Parteien wollten der Kommunistischen Partei Italiens und der Sowjetunion dieses Geschenk nicht machen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Russa hat das zweith\u00f6chste Amt im Staat inne. In seiner Wohnung steht eine Mussolini-B\u00fcste: \u201eDie geh\u00f6rte meinem Vater, die schmei\u00dfe ich nicht weg\u201c. Er sollte einmal ein Buch in die Hand nehmen und den Geschichtsunterricht nachholen, empfahlen Plakate in seiner Geburtsstadt. Denn im Artikel 12, Absatz 1 der italienischen Verfassung hei\u00dft es knapp und klar: \u201eDie Neubildung der aufgel\u00f6sten faschistischen Partei ist in jedweder Form verboten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verbot der Reorganisation der faschistischen Partei in welcher Form auch immer ist keine spezifische Rechtsvorschrift, sondern ein wahrer Grundsatz der italienischen Verfassung. So sieht es auch Sergio Mattarella, der Pr\u00e4sident der Italienischen Republik: \u201eDer 25. April ist das Fest der italienischen Identit\u00e4t, wiedergefunden und wiederbegr\u00fcndet nach dem Faschismus. Die Republik ist auf der Verfassung als einer Tochter des antifaschistischen Kampfes begr\u00fcndet. Wir sollten uns fragen, wo und wie wir stehen w\u00fcrden, wenn der Faschismus und der Nationalsozialismus die Oberhand gewonnen h\u00e4tten. Die Verfassung ist die Antwort auf die zivilisatorische Krise, die der Nazi-Faschismus verursacht hat. Eine Antwort begr\u00fcndet auf der Niederlage des Totalitarismus. Der Faschismus f\u00fchrte Italien in die Katastrophe. Die Widerstandsbewegung war die moralische Revolte der Patrioten, und es war die Widerstandsbewegung, die zum R\u00fcckgrat wurde, um die endg\u00fcltige Wahl f\u00fcr die Stabilit\u00e4t der Freiheit des italienischen Volkes zu erreichen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Francesco Lollobrigida, Minister f\u00fcr Landwirtschaft in der aktuellen Regierung, gilt als einer der wichtigsten Strippenzieher im neofaschistischen Milieu. Schon als Sechszehnj\u00e4hriger nahm er am Begr\u00e4bnis von Giorgio Almirante, dem Gr\u00fcnder des Movimento Sociale Italiano (MSI) teil. (Die MSI war die authentische Nachfolgerin der Partei Mussolinis und konnte durch die Namens\u00e4nderung ihr Verbot umgehen.) Der Sohn der ber\u00fchmten Schauspielerin macht sich Sorgen um die Zukunft Italiens: \u201eWir m\u00fcssen auch an das Italien von \u00fcbermorgen denken. Aus diesem Grund werden wir Anreize f\u00fcr Geburten schaffen. Wir werden einen Wohlfahrtsstaat errichten, in dem jeder die M\u00f6glichkeit zum Arbeiten hat, um eine Familie gr\u00fcnden zu k\u00f6nnen. Wir d\u00fcrfen uns nicht mit der Idee des ethnischen Ersatzes abfinden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lollobrigida bezieht sich mit dieser Aussage auf die Theorie des wei\u00dfen \u201eSuprematismus\u201c, der \u00dcberlegenheit der wei\u00dfen Rasse, die in Italien durch eine \u201eethnische Umvolkung\u201c bedroht sei. Das ist keine neue Theorie, weder in Italien noch im Umfeld der extremistischen europ\u00e4ischen Rechten. Lollobrigida betreibt den gezielten Tabubruch, um Stimmen einzufangen. Ein nicht unerheblicher Teil der italienischen Bev\u00f6lkerung f\u00fchlt sich zu Recht von Europa allein gelassen bei der Versorgung und Integration der au\u00dfereurop\u00e4ischen Fl\u00fcchtlinge. Das Versagen Europas in der Fl\u00fcchtlingspolitik ist ein Geschenk f\u00fcr die italienischen Faschist\/innen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lollobrigida mit dem Spitznamen \u201eLollo beautiful\u201c ist derzeit der ber\u00fchmteste Schwager Italiens. Er genie\u00dft das volle Vertrauen seiner Schw\u00e4gerin Giorgia Meloni. Seit zwanzig Jahren ist er ihr rechter Arm und hat entscheidend an ihrer Karriere bis in die Staatsspitze mitgewirkt. Er hat die Listen der faschistischen Abgeordneten f\u00fcr Parlament und Senat zusammengestellt, er hat die Besetzung von \u00c4mtern in staatlichen Unternehmen betrieben, er hat Berater\/innen und F\u00fchrungskr\u00e4fte an Schnittstellen platziert. Und dabei seine alten Freunde nicht vergessen. Wie zum Beispiel Giancarlo Righini, den er mit wichtigen Vollmachten f\u00fcr den Haushalt und die Landwirtschaft ausgestattet hat. Er ist ein alter Weggef\u00e4hrte aus der MSI, der vor einigen Jahren anl\u00e4sslich des 25. Aprils in den sozialen Medien seine Gef\u00fchle \u00e4u\u00dferte: \u201eIch ehre die jungen Kameraden, die bei der Verteidigung des Vaterlandes ihr Leben gelassen haben &#8230; sie sind jedes Jahr in meinen Gedanken und in meinem Gebet. Ich feiere (den 25. April, R.K.) nicht. Dort herrscht der rote Hass.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oder Francesco Acquaroli, dem er den Weg zum Pr\u00e4sidenten der Region \u201edie Marken\u201c geebnet hat. Dieser veranstaltete zum Ged\u00e4chtnis an Mussolinis \u201eMarsch auf Rom\u201c gemeinsam mit einigen lokalen B\u00fcrgermeistern ein festliches Abendessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenige Tage vor dem 25. April polemisierte La Russa gegen die Partisan\/innen, die 1944 in der Via Rasella \u201eunr\u00fchmlich\u201c Mitglieder einer Milit\u00e4r-Musik-Kapelle erschossen h\u00e4tten. Ruth Dureghello, die Pr\u00e4sidentin der J\u00fcdischen Gemeinde Roms, reagierte sofort: \u201eDas waren keine Musiker, sondern Soldaten der SS, die unser Land mit Hilfe der Faschisten besetzt hielten und Juden in die Vernichtungslager deportierten. Es leben hoch die Partisanen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um die Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit Italiens wiederherzustellen.\u201c<br \/>\nDie Street-Art-K\u00fcnstlerin Laika malte als ihre Antwort in der Via Rasella einen SS-Soldaten, der in Richtung La Russa \u201eAbdanken (Dimission)!\u201c ruft. Die Wirkung blieb nicht aus. Mehr Menschen als \u00fcblich sind an den Ort des Attentats im Zentrum Roms gekommen. Street-Art-Kunst als Mittel, um den Verlust von Geschichtsbewusstsein aufzuhalten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Ministerpr\u00e4sidentin Giorgia Meloni kam das Wort Antifaschismus nicht \u00fcber die Lippen. Sie sprach von einem Tag der Freiheit und nicht der Befreiung. 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