{"id":29947,"date":"2023-06-05T11:03:19","date_gmt":"2023-06-05T09:03:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/der-vorfall-laesst-uns-sprachlos-zurueck\/"},"modified":"2023-06-11T20:29:02","modified_gmt":"2023-06-11T18:29:02","slug":"der-vorfall-laesst-uns-sprachlos-zurueck","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/06\/der-vorfall-laesst-uns-sprachlos-zurueck\/","title":{"rendered":"\u201eDer Vorfall l\u00e4sst uns sprachlos zur\u00fcck\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Und noch ein angeblicher Einzelfall in der langen Reihe rassistischer Polizeigewalt: Ein brutaler SEK-Einsatz am 27. April 2023 gegen vier westafrikanische Klimaaktivisten schockierte die Schwarze Community in Mannheim. Sie geh\u00f6rten zu einer Jugenddelegation, die im Rahmen eines offiziell gef\u00f6rderten dreiw\u00f6chigen Austauschprojekts vor Ort war. Der Vorfall l\u00e4sst die Diskussion um polizeilichen Rassismus in der Stadt erneut aufflammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr die meisten der acht jungen M\u00e4nner und Frauen aus Westafrika war es der erste Auslandsaufenthalt: Die Klimaaktivist*innen waren von der Black Academy \u2013 Schwarze Akademie Mannheim mit Unterst\u00fctzung des Goethe-Instituts eingeladen worden, um afrikanische Perspektiven sichtbar zu machen und Bewegungen f\u00fcr Nachhaltigkeit und Klimagerechtigkeit international zu vernetzen. Bei offiziellen Empf\u00e4ngen, Workshops und Besuchen bei verschiedenen Organisationen vermittelten die acht Jugendlichen im April drei Wochen lang ihre Erfahrungen und suchten die Diskussion mit hiesigen Aktivist*innen und Projekten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Traumatisierende Gewalterfahrung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAm 27. April haben viele von uns mit gro\u00dfer Vorfreude auf unsere Veranstaltung zur Vorstellung Schwarzer Pers\u00f6nlichkeiten im antirassistischen und antikolonialen Widerstand gewartet. Wir waren sehr begeistert von der Idee, einige afrikanische Held*innen vorzustellen\u201c, berichtete Nicole Amoussou von Black Academy. Doch der morgendliche \u00dcberfall durch die Staatsgewalt zwang die Organisator*innen, die Veranstaltung abzusagen und ein anderes Thema in den Mittelpunkt zu stellen: staatlichen Rassismus und vor allem rassistische <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/11\/gemeinsam-gegen-rassistische-polizeigewalt-aber-was-tun\/\">Polizeigewalt<\/a>.<br \/>\nDie vier jungen Aktivisten lagen noch im Bett, als ein vermummtes und martialisch bewaffnetes Sondereinsatzkommando (SEK) am 27. April 2023 um 6 Uhr fr\u00fch ihre Unterkunft im Stadtteil K\u00e4fertal st\u00fcrmte. Ihnen blieb kaum die Zeit, ihre P\u00e4sse an sich zu raffen, um sich ausweisen zu k\u00f6nnen, geschweige denn sich anzuziehen. Die 15 Beamt*innen schleppten sie brutal vor die Haust\u00fcr und fesselten sie mit Kabelbindern, sodass sie teilweise an den Handgelenken bluteten. Barfu\u00df und nur sp\u00e4rlich bekleidet mussten sie dort stundenlang in der morgendlichen K\u00e4lte ausharren, neugierig be\u00e4ugt von Passant*innen und Anwohner*innen. Obwohl sie gegen\u00fcber den Einsatzkr\u00e4ften wiederholt den Grund ihres Aufenthalts nannten und darum baten, ihre Ansprechpartnerin bei der Black Academy, Nicole Amoussou, anrufen zu d\u00fcrfen, blieb das SEK uneinsichtig. Erst nach zwei Stunden wurden die jungen Westafrikaner freigelassen. Sie sind durch den Einsatz massiv traumatisiert und ben\u00f6tigten psychologische Betreuung. \u201eWir wurden in der \u00d6ffentlichkeit dehumanisiert und entw\u00fcrdigt, w\u00e4hrend wir eingeladen waren, als Aktivisten f\u00fcr Vielfalt und Diversit\u00e4t aufzutreten\u201c, erkl\u00e4rten die Betroffenen. \u201eWir fordern eine \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rung und Entschuldigung der Polizei\u201c. Diese l\u00e4sst aber auf sich warten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Verd\u00e4chtige vegane Lebensmittel<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00f6rtliche Polizeispitze h\u00e4lt weiter an ihrer grotesken Darstellung fest: Sie habe in einem Drogenverfahren ermittelt und einen bewaffneten, gef\u00e4hrlichen Verd\u00e4chtigen sowie m\u00f6glicherweise explosive Stoffe in der Wohnung vermutet. Im Zimmer der vier Westafrikaner seien \u201ebet\u00e4ubungsmittel- und sprengstoffverd\u00e4chtige Gegenst\u00e4nde aufgefunden\u201c worden.<br \/>\nSchon diese Wortwahl best\u00e4tigt das offen rassistische Weltbild: Schwarze Menschen sind pauschal tatverd\u00e4chtig, klassischerweise Dealer*innen, Waf\u2028fenh\u00e4ndler*innen oder gar Terrorist*innen. Die mutma\u00dflichen Sprengs\u00e4tze entpuppten sich als \u201esehr ungew\u00f6hnlich verpackte Lebensmittel\u201c, wie die Polizeivizepr\u00e4sidentin einr\u00e4umen musste \u2013 die Klimaaktivist*innen hatten die veganen Esswaren aus ihrem Herkunftsland mitgebracht, um sie bei einem Workshop zu nachhaltiger Ern\u00e4hrung bei der Bundesgartenschau in Mannheim zu zeigen.<br \/>\nAuch ansonsten klaffen die Darstellungen der Beh\u00f6rde und der Betroffenen meilenweit auseinander. So beharrt die Polizei weiter auf den Behauptungen, die vier Jugendlichen h\u00e4tten versucht zu fl\u00fcchten, was den Ged\u00e4chtnisprotokollen diametral widerspricht, denn die vier Westafrikaner blieben in der Wohnung, um ihre P\u00e4sse zu suchen. Zudem verbreitet die Einsatzleitung weiter die Behauptung, die Wohnung habe einem Verd\u00e4chtigen geh\u00f6rt, obwohl die R\u00e4umlichkeiten bereits seit rund einem Jahr von der Black Academy als B\u00fcro angemietet und mangels Alternativen als \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr die vier m\u00e4nnlichen G\u00e4ste genutzt wurden. Selbstverst\u00e4ndlich dominierte in der Berichterstattung in den \u00f6rtlichen Medien die polizeiliche Version.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Wohlfeile Betroffenheit ohne Konsequenzen<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem Mannheimer Oberb\u00fcrgermeister Peter Kurz war der Vorfall sichtlich unangenehm, denn schlie\u00dflich gibt sich die Stadt gerne antirassistisch und kolonialismuskritisch. Deshalb beteiligt sie sich auch mit verschiedenen Projekten an der UN-Dekade f\u00fcr Menschen afrikanischer Herkunft, in deren Rahmen auch der von Black Academy organisierte Jugendaustausch stattfand. Noch wenige Tage zuvor hatte Kurz pers\u00f6nlich die acht Delegierten im Rathaus empfangen. Dabei war unter anderem die Frage angesprochen worden, ob Mannheim ein sicherer Aufenthaltsort f\u00fcr People of Colour sei. Diese Frage war den jungen Menschen nun auf drastische Weise beantwortet worden.<br \/>\nDer Oberb\u00fcrgermeister bem\u00fchte sich um Schadensbegrenzung, traf sich umgehend mit den acht Aktivist*innen und entschuldigte sich daf\u00fcr, dass sie derart schockierende Erlebnisse machen mussten. In einer am 2. Mai 2023 im Innenausschuss des Gemeinderats verlesenen Erkl\u00e4rung erkannte Kurz zwar an, dass die Betroffenen den Vorfall als rassistisch wahrgenommen hatten, \u00e4u\u00dferte aber keine offene Kritik an der Polizei. Auch der Integrationsbeauftragte der Stadt wollte den strukturellen Rassismus bei den Einsatzkr\u00e4ften nicht klar benennen, sondern forderte stattdessen zum verst\u00e4rkten Dialog auf, auch zwischen der Polizei und den von solchen Eins\u00e4tzen Betroffenen \u2013 ein Hohn f\u00fcr alle Opfer rassistischer Polizeigewalt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Druck von der Stra\u00dfe<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass es \u00fcberhaupt breiter diskutiert wird, liegt wohl vor allem an der prominenten F\u00f6rderung des Austauschprojekts, in dessen Rahmen die Betroffenen ins Land gekommen waren. Dennoch dauerte es mehrere Tage, bis der Einsatz \u00fcberhaupt in den Medien landete. F\u00fcr st\u00e4rkere Wahrnehmung sorgte auch, dass Nicole Amoussou bei einer Demonstration gegen Polizeigewalt am 2. Mai 2023 ihre Emp\u00f6rung in einem Redebeitrag nochmals \u00f6ffentlich machte. Anlass der Demo war ein t\u00f6dlicher Polizeieinsatz am 2. Mai 2022, bei dem ein Mann von Polizeibeamten am Mannheimer Marktplatz misshandelt und erstickt worden war; auch dieser Fall ist bis heute nicht aufgekl\u00e4rt.<br \/>\nAmoussou zweifelte in ihrer Rede an, dass das SEK genauso vorgegangen w\u00e4re, wenn es sich bei den Menschen in der Wohnung um wei\u00dfe Deutsche gehandelt h\u00e4tte \u2013 das n\u00e4mlich behaupten die Polizeioberen hartn\u00e4ckig. Und sie stellte die Frage, wie wohl die Reaktionen gewesen w\u00e4ren, wenn Mannheimer Jugendliche in einem afrikanischen Staat von Spezialeinheiten angegriffen und misshandelt worden w\u00e4ren. Die einfache Antwort kann sich jede*r zusammenreimen: Mit Sicherheit h\u00e4tte es einen internationalen Proteststurm und massive diplomatische Verwicklungen gegeben; mit halb\u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfertem Bedauern des lokalen B\u00fcrgermeisters w\u00e4re es wohl kaum getan gewesen.<br \/>\nAuf Nachfrage erkl\u00e4rte die Black Academy: \u201eWir betrachten den Vorfall als rassistischen Vorfall. Als Entw\u00fcrdigung und Entmenschlichung von Schwarzen Menschen, was keinen Einzelfall darstellt, sondern sich seit Jahren wiederholt. Dass die Polizei dies abstreitet und klar sagt, dass sie keine rassistischen Strukturen h\u00e4tte, l\u00e4sst uns sprachlos zur\u00fcck.\u201c Es bleibt zu hoffen, dass die antirassistischen Initiativen und die Gruppen gegen Polizeigewalt diesen SEK-\u00dcberfall weiterhin zum Thema machen und daf\u00fcr sorgen, dass er nicht unter den Teppich gekehrt werden kann.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und noch ein angeblicher Einzelfall in der langen Reihe rassistischer Polizeigewalt: Ein brutaler SEK-Einsatz am 27. April 2023 gegen vier westafrikanische Klimaaktivisten schockierte die Schwarze Community in Mannheim. Sie geh\u00f6rten zu einer Jugenddelegation, die im Rahmen eines offiziell gef\u00f6rderten dreiw\u00f6chigen Austauschprojekts vor Ort war. 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