{"id":3003,"date":"1999-12-01T00:00:46","date_gmt":"1999-11-30T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3003"},"modified":"2022-07-26T13:56:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:58","slug":"etappensieg-von-rechts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/12\/etappensieg-von-rechts\/","title":{"rendered":"Etappensieg von Rechts"},"content":{"rendered":"<p>Die Wehrmacht war am Holocaust beteiligt und eine verbrecherische Organisation. Das ist die zentrale Aussage der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944\u201d, die das unabh\u00e4ngige Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung (HIS) inzwischen in 30 deutschen und \u00f6sterreichischen St\u00e4dten zeigen konnte. Damit ist jetzt Schlu\u00df. Statt in die USA geht die Ausstellung vorerst wieder zur\u00fcck in die Archive. Dort sollen die Fotos und ihre Aussagekraft neu \u00fcberpr\u00fcft werden. Damit erreicht jetzt ein Text, was protestierende CSUler und demonstrierende Nazis ebenso wenig geschafft haben, wie diverse Stink- und ein richtiges Bombenattentat: die wer-wei\u00df-schon-wie vorl\u00e4ufige Schlie\u00dfung der Ausstellung und damit ihre \u00f6ffentliche Diskreditierung.<\/p>\n<p>&#8222;Bilder einer Ausstellung\u201d hei\u00dft der Artikel des polnischen Historikers Bogdan Musial, der in der Zeitschrift Vierteljahreshefte f\u00fcr Zeitgeschichte ver\u00f6ffentlicht wurde und jetzt als Stein des Ansto\u00dfes gegen die Wehrmachtsausstellung flog. Auf neun in der Ausstellung gezeigten Bildern, versucht Musial nachzuweisen, sind nicht Verbrechen von Wehrmachtssoldaten gezeigt. Statt dessen handele es sich um Greueltaten des sowjetischen Geheimdienstes NKDW. Der vergleichsweise unbedeutende Artikel &#8211; notwendige Kritik an unzureichend oder falsch ausgewiesenen Fotos hatte es in den vergangenen vier Jahren immer wieder gegeben &#8211; erlangt seine Sprengkraft nur durch die surroundings, in denen er plaziert ist. Der Kontext ist der sogenannte Normalisierungsdiskurs. Die weltpolitische Rolle Deutschlands seit 1989\/90 wird von einem Feuilletonismus flankiert, der der BRD eine geradezu besondere Normalit\u00e4t zurechtschreibt. Zu dieser Normalisierung geh\u00f6rt vor allem die Neuordnung der Geschichte, wobei die Bedeutung des Holocausts auf die von einem Verbrechen unter anderen zurechtgestutzt wird. Um die Definition, Interpretation und Bedeutung von Ereignissen und Begriffen wird ein kultureller Krieg gef\u00fchrt. Da\u00df einige Bilder nicht nur falsch eingeordnet sind, sondern tats\u00e4chlich auch noch Verbrechen von Kommunisten zeigen, wird jetzt von rechten KulturkriegerInnen gekonnt ausgeschlachtet. Stalinistische und nationalsozialistische Verbrechen m\u00fc\u00dften nun als ineinander verschr\u00e4nkte Ph\u00e4nomene behandelt werden, t\u00f6nt es befriedigt aus Welt und FAZ. Den Nazi-Verbrechen die Bedeutung der historischen Einzigartigkeit zu nehmen, daran arbeiten deutsche Rechte sp\u00e4testens seit Kriegsende.<\/p>\n<p>Gerade weil die Kritik Musials nach dessen Angaben gar nicht &#8222;das eigentliche Thema der Ausstellung\u201d zum Gegenstand hatte, sondern sich blo\u00df auf neun von &#8211; je nach Z\u00e4hlweise und Zuordnung zu &#8222;illustrierenden\u201d oder &#8222;dokumentierenden\u201d &#8211; 1433 bzw. 801 Fotos beschr\u00e4nkt, ist die Reaktion des HIS das falsche Signal. Denn was \u00fcbrig bleibt ist der Eindruck, hier sei bislang absichtlich falsch dargestellt oder sogar gef\u00e4lscht worden und dazugeh\u00f6rig ein weitverbreitetes Gef\u00fchl von &#8222;da mu\u00df ja was dran sein\u201d. Und dar\u00fcber freut sich die rechte Feuilletonredaktion und die LeserInnen adjutieren mit bewaffneter Offenheit: In der Welt am Sonntag beispielsweise wird die Ausstellung als &#8222;Volksverhetzung\u201d bezeichnet (Leserbrief: &#8222;Wo bleibt die Anklage?\u201d, Dr.E.Kraft, Essen) oder volkst\u00fcmelnde Betroffenheit dar\u00fcber ge\u00e4u\u00dfert, da\u00df die &#8222;Wahrheit\u201d wieder mal &#8222;fast ausschlie\u00dflich von jenseits unserer Landesgrenzen kommt\u201d (H.Wohlrath, Solingen). Da\u00df die Ausstellungsmacher und ihre linksliberalen Unterst\u00fctzerInnen gerade diesmal eingeknickt sind, ist ein \u00e4rgerlicher Schritt in Richtung deutschnationaler &#8222;Normalisierung\u201d. Statt die Dimensionen des Vernichtungskrieges begreiflich zu machen, anstatt der Rede von &#8222;Verstrickungen\u201d, &#8222;Verfehlungen\u201d, &#8222;einzelnen Verbrechen\u201d langfristig die Legitimation zu entziehen und der Einsicht in die planerische Involviertheit und aktive Rolle der Wehrmacht im Vernichtungskrieg zu gesellschaftlicher Akzeptanz zu verhelfen, droht die Ausstellung jetzt als Devotionaliensammlung f\u00fcr Totalitarismustheoretiker zu verkommen. Die vorl\u00e4ufige Schlie\u00dfung der Ausstellung ist also ein rechter Sieg im Kulturkrieg. Es darf wieder h\u00e4misch gefragt werden: &#8222;Vielleicht ist das Urteil des Internationalen Milit\u00e4rtribunals von N\u00fcrnberg \u00fcber die Wehrmacht, wonach sie keine verbrecherische Organisation war, ja richtig\u201d (P.Lauer, OStR, Hannover). Fragen solcher Art sind keine Fragen, sondern Antworten, die von einer hegemonialen Position im kulturellen &#8222;Stellungskrieg\u201d (Gramsci) aus gegeben werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wehrmacht war am Holocaust beteiligt und eine verbrecherische Organisation. Das ist die zentrale Aussage der Ausstellung &#8222;Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944\u201d, die das unabh\u00e4ngige Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung (HIS) inzwischen in 30 deutschen und \u00f6sterreichischen St\u00e4dten zeigen konnte. Damit ist jetzt Schlu\u00df. 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