{"id":30116,"date":"2023-08-25T02:21:29","date_gmt":"2023-08-25T00:21:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=30116"},"modified":"2023-08-25T02:21:29","modified_gmt":"2023-08-25T00:21:29","slug":"anarchy-2023-in-saint-imier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/08\/anarchy-2023-in-saint-imier\/","title":{"rendered":"Anarchy 2023 in Saint-Imier"},"content":{"rendered":"<p>Mehr als 5.000 Anarchistinnen und Anarchisten trafen sich vom 19. bis 23. Juli 2023 in Saint-Imier im Schweizer Jura, um gemeinsam den 150. Jahrestag des Kongresses von Saint-Imier zu begehen. Es war das seit Jahrzehnten wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte Treffen von Anarchist*innen weltweit. Im September 1872 wurde in dem Uhrmacherst\u00e4dtchen die Antiautorit\u00e4re Internationale gegr\u00fcndet, ein Ereignis, das als Geburtsstunde des organisierten Anarchismus gilt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aus diesem Anlass fanden w\u00e4hrend des f\u00fcnft\u00e4gigen Treffens Infoveranstaltungen, Konzerte, Seminare, Diskussionen, Workshops und viele weitere Aktivit\u00e4ten statt. Wie schon 2012 beim letzten gro\u00dfen anarchistischen Treffen in St.-Imier wurden die Teilnehmenden gastfreundlich von der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung empfangen. Unterst\u00fctzt wurde der Kongress auch von der Gemeinde St.-Imier. Sie hatte den Veranstalter*innen st\u00e4dtische Geb\u00e4ude wie die Eissporthalle, den Grande salle de Spectacle, eine Turnhalle und weitere Veranstaltungsr\u00e4ume zur Verf\u00fcgung gestellt. Immerhin profitiere ja auch die Wirtschaft vom Jubil\u00e4um der Anarchist*innen.<\/p>\n<p>Mit rund 5.000 Einwohner*innen ist St.-Imier ein beschauliches St\u00e4dtchen im Berner Jura. Vom 19. bis 23. Juli 2023 hatte sich seine Bev\u00f6lkerung allerdings vor\u00fcbergehend mehr als verdoppelt. Pl\u00e4tze und Stra\u00dfen voller gut gelaunter, \u00fcberwiegend schwarz gekleideter Menschen, Unterhaltungen und Musik in allen m\u00f6glichen Sprachen, ein riesiger Zeltplatz direkt am Ortsrand. Der Kontrast zur sonstigen Ruhe konnte kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Das Treffen h\u00e4tte bereits 2022 stattfinden sollen, wurde aber aufgrund der Corona-Pandemie verschoben und ging nun ohne gr\u00f6\u00dfere Probleme \u00fcber die B\u00fchne. Schon vor Beginn hatten die Organisator*innen klargestellt: \u201eAnarchist*innen lehnen staatliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Autorit\u00e4t ab, doch Anarchie bedeutet nicht Chaos. Das Treffen wird ein Ort des Austauschs \u00fcber politische und gesellschaftliche Entwicklungen sein.\u201c<\/p>\n<p>Auch das gute Wetter trug zur Happening-Atmosph\u00e4re bei. \u00dcberall diskutierende Gruppen, Musik, Stra\u00dfentheater oder Leute, die in der Sonne sa\u00dfen. Dazu mehr als dreihundert Workshops und Vortr\u00e4ge. So ging es unter anderem um staatliche \u00dcberwachung, Abtreibung, Antimilitarismus, Klimaschutz, die Revolution in Rojava, Frauenk\u00e4mpfe im Iran oder Faschismus. Dar\u00fcber hinaus gab es praxisnahes Aktionsklettern oder das eigene k\u00f6rperliche Wohlbefinden f\u00f6rdernde Kurse. Auch lustiges wie den Workshop zum anarchistischen Jodeln gab es. Dies sei extrem n\u00fctzlich, \u201eum bei rechtsextremen Demos Faschist*innen aus dem Takt zu bringen\u201c, wie das Berliner Duo \u201eEsels Alptraum\u201c erkl\u00e4rte. An der Eissporthalle, in der die anarchistische Buchmesse stattfand, standen mittags oft 3.000 Leute geduldig f\u00fcr das hervorragende Essen der mit Freiwilligen arbeitenden K\u00fcchencrew an.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der Anarchismus ist tief im Berner Jura verwurzelt<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Es ist kein Zufall, dass viele Anarchist*innen das 150-j\u00e4hrige Jubil\u00e4um in Saint-Imier feierten. Das St\u00e4dtchen gilt seit der Gr\u00fcndung der Antiautorit\u00e4ren Internationale 1872 als der Geburtsort des organisierten Anarchismus. Damals sei man wohl nirgendwo auf der Welt so empf\u00e4nglich f\u00fcr die Idee gewesen, den Staat abzuschaffen, wie im Berner Jura, so der Schweizer Historiker Florian Eitel in seiner Studie \u201eAnarchistische Uhrmacher in der Schweiz\u201c [siehe Rezension in GWR 442: <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/der-anfang-des-anarchismus-2\/\">https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2019\/10\/der-anfang-des-anarchismus-2\/<\/a> ].<\/p>\n<p>Als Grund nennt er, dass die einst wohlhabende Uhrenindustrie in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts eine Proletarisierung der Arbeiter*innenschaft erlebte. Eine Weltwirtschaftskrise und die st\u00e4rker werdende globale Konkurrenz f\u00fchrten zu sinkenden L\u00f6hnen. In anderen Branchen stiegen die L\u00f6hne. Den Mitarbeiter*innen boten sich Aufstiegsm\u00f6glichkeiten, die die Uhrenindustrie nicht bieten konnte. Der Schweizer Filmemacher Cyril Sch\u00e4ublin hat der Epoche den k\u00fcrzlich angelaufenen Historienfilm \u201eUnrueh\u201c gewidmet [siehe Rezension in GWR 477: <a href=\"https:\/\/www.linksnet.de\/artikel\/485609\">https:\/\/www.linksnet.de\/artikel\/485609<\/a> ].<\/p>\n<p>Die Menschen in St.-Imier sehnten sich nach einer neuen, herrschaftsfreien Ordnung. Sie waren offen f\u00fcr die Ideen des russischen Anarchisten und Revolution\u00e4rs Michail Bakunin. Der Widersacher von Karl Marx traf sich 1872 mit dem italienischen Anarchisten Errico Malatesta und dem Schweizer Uhrmacher Adh\u00e9mar Schwitzgu\u00e9bel in St.-Imier. Das Treffen war eine Folge des Richtungsstreits in der Arbeiterbewegung. Marx und seine Anh\u00e4nger*innen strebten eine zentrale F\u00fchrung und Diktatur an, im Gegensatz zu den Antiautorit\u00e4ren um Bakunin. Mit 14 Gleichgesinnten aus Europa und den USA gr\u00fcndete Bakunin in St.-Imier die Antiautorit\u00e4re Internationale. Sie warfen Marx autorit\u00e4res Gehabe und diktatorischen Zentralismus vor. Tagungsort war ein Hotel, das sp\u00e4ter in Hotel Central umbenannt wurde. Der Antiautorit\u00e4ren Internationale schlossen sich die Landesf\u00f6derationen von Belgien, England, Holland, Italien, Spanien und den USA an. Sie sollte alle Sektionen und Mitglieder vereinen, die sich f\u00fcr eine f\u00f6derale Organisation der Internationale einsetzten, sowie die Zerst\u00f6rung aller Herrschaftsstrukturen und die Errichtung der anarchistischen Gesellschaft zum Ziel hatten.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren wurde das zuvor arg ramponierte Hotel Central saniert und eine Gedenktafel angebracht, die auf die Gr\u00fcndung der Antiautorit\u00e4ren Internationale hinweist. Ebenfalls an der Hauptstra\u00dfe steht das gro\u00dfe Geb\u00e4ude des 1984 als Kooperative gegr\u00fcndeten anarchistischen Kulturzentrums Espace Noir. Dort versammelte sich 1988 eine weitere Generation der von Arbeitslosigkeit betroffenen rebellischen Uhrenarbeiter*innen, um \u00fcber direkte Aktionen gegen die Firmenbosse zu beratschlagen. Das Espace Noir ist eine auf anarchistischen Ideen basierende selbstverwaltete Kooperative, die versucht, der wirtschaftlich bedingten Abwanderung eine Bewegung f\u00fcr das soziale und kulturelle \u00dcberleben der Region entgegenzustellen. Das Espace Noir beherbergt einen Buchladen, eine Kneipe, einen Versammlungsraum, eine Galerie, ein Theater, einen Konzertsaal, Wohnr\u00e4ume und ein Kino und war 2012 und 2023 ma\u00dfgeblich an der Organisierung der Anarchie-Tage beteiligt. Seit 2017 gibt es auch eine Rue Bakounine in St.-Imier.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Weniger ist oft mehr &#8211; eine vergebene Chance<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eEine gute Gelegenheit f\u00fcr libert\u00e4re Sympathisant*innen, Menschen aus der Region und anderer Weltgegenden, sich zu treffen und zu diskutieren, sowie libert\u00e4re Ideen und Praktiken zusammen zu erleben. Es wird auch eine Gelegenheit sein, f\u00fcr diejenigen welche die ereignisreiche Geschichte dieser Bewegung noch nicht kennen.\u201c Dieser Ank\u00fcndigung wurde die Anarchy 2023 gerecht. Ich denke viele, vor allem junge Menschen, die sich politisch orientieren wollten, haben einen Einblick in anarchistische Ideen, das Funktionieren selbstverwalteter Strukturen und ein Mut machendes, solidarisches Miteinander erlebt. Und meines Erachtens nach ist \u201edie Anarchie\u201c inzwischen weiblicher geworden, waren doch eindeutig mehr Frauen \u2013 oder weiblich gelesene Personen \u2013 als M\u00e4nner am Start.<\/p>\n<p>Weiter geht es im Aufruf: \u201eWas machen Anarchist*innen heute? Was sind ihre Ideen, ihre Werke, ihr Handeln? Was haben sie seit mehr als 150 Jahren zur Weltgeschichte beigetragen? Was k\u00f6nnen wir aus diesem Konzept lernen und warum ist Anarchie erstrebenswerter denn je?\u201c<\/p>\n<p>Da wird es schwieriger. Mensch konnte eine Vielfalt heutiger anarchistischer Praxis und Ideen kennen lernen. In Zeiten der Klimakatastrophe, des Artensterbens und des \u00fcberall in Europa erstarkenden Rechtsextremismus, der Ausbreitung autorit\u00e4ren Gedankenguts, des Antifeminismus und der Remilitarisierung der Politik, wurde jedoch meines Erachtens die Chance vertan, gemeinsam handlungsf\u00e4hig zu werden. Daf\u00fcr h\u00e4tte es nicht mehr als 300 Workshops bedurft, sondern zwei gut vorbereitete zentrale Gro\u00dfveranstaltungen, um sich gemeinsam dar\u00fcber auseinanderzusetzen, was wir als Anarchistinnen und Anarchisten l\u00e4nder\u00fcbergreifend zu tun gedenken. Zwei Einf\u00fchrungsreferate zu diesen zentralen Themen h\u00e4tten dazu f\u00fchren k\u00f6nnen sich mit Genossinnen und Genossen \u2013 zumindest aus Europa und einigen wenigen aus S\u00fcdamerika \u2013 in den folgenden Tagen auf grundlegende Eckpunkte unseres zuk\u00fcnftigen Handelns zu verst\u00e4ndigen. Stattdessen Festivalstimmung, Happening und selbstbestimmte Verdr\u00e4ngung. Ich hatte den Eindruck, dass durch die Flut an Angeboten die Kleingruppen eher unter sich blieben und nicht das Gef\u00fchl bekamen ein gro\u00dfes Ganzes zu sein und eine gemeinsame Verantwortung auch f\u00fcr das Gelingen des Treffens zu haben. Im Jahrmarkt der M\u00f6glichkeiten und der Beliebigkeit schienen die meisten froh f\u00fcr eine Woche ihrem grauen, schweren Alltag zu entfliehen. Auch das ist manchmal wichtig, politisch relevanter werden wir als Anarchist*innen so jedoch nicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aufruf f\u00fcr einen anarchistischen Kongress 2025<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eWarum ist Anarchie erstrebenswerter denn je?\u201c<\/p>\n<p>Wir wissen, dass der Kapitalismus uns alle und alles zerst\u00f6rt. Der Planet brennt, Kapital und Politik machen weiter wie bisher, Nazis und Rassist*innen, Jihadisten und Frauenfeinde marschieren erneut und ein gro\u00dfer Krieg droht (neben all den anderen Kriegen). Wenn wir uns selbst ernst nehmen, sollten wir uns ein Beispiel an Bakunin und seinen Genoss*innen vor 150 Jahren nehmen und uns verbindlich international absprechen und organisieren. Da wir diese Chance 2023 in Saint-Imier f\u00fcr ein nettes Festival vertan haben, dr\u00e4ngt die Zeit nun umso mehr. Deshalb: Wir brauchen einen anarchistischen Kongress, auf dem wir international miteinander diskutieren und uns auf Eckpunkte unseres Handelns verst\u00e4ndigen. Gerne in zwei Jahren, gerne erneut in St.-Imier, auf jeden Fall zentral, in der Mitte Europas, und international und von organisierten Gruppen vorbereitet. In Deutschland denke ich dabei an die anarchosyndikalistische Freie Arbeiter*innen Union (FAU), noch Aktive der aufgel\u00f6sten F\u00f6GA (F\u00f6deration Gewaltfreier Aktionsgruppen), die Zeitschrift Graswurzelrevolution, Aktivist*innen der IFA-IAF (Internationale der Anarchistischen F\u00f6deration), an interessierte feministische Gruppen und Antifas.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Packen wir\u00b4s an!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als 5.000 Anarchistinnen und Anarchisten trafen sich vom 19. bis 23. Juli 2023 in Saint-Imier im Schweizer Jura, um gemeinsam den 150. Jahrestag des Kongresses von Saint-Imier zu begehen. Es war das seit Jahrzehnten wahrscheinlich gr\u00f6\u00dfte Treffen von Anarchist*innen weltweit. Im September 1872 wurde in dem Uhrmacherst\u00e4dtchen die Antiautorit\u00e4re Internationale gegr\u00fcndet, ein Ereignis, das &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/08\/anarchy-2023-in-saint-imier\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":499,"featured_media":30117,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Anarchy 2023 in Saint-Imier - graswurzelrevolution","description":"Mehr als 5.000 Anarchistinnen und Anarchisten trafen sich vom 19. bis 23. Juli 2023 in Saint-Imier im Schweizer Jura, um gemeinsam den 150. Jahrestag des Kongre"},"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-30116","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-news"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30116","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/499"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30116"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30116\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30117"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}