{"id":30130,"date":"2023-09-05T18:20:33","date_gmt":"2023-09-05T16:20:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=30130"},"modified":"2023-09-05T18:30:59","modified_gmt":"2023-09-05T16:30:59","slug":"chile-ist-der-friedliche-weg-also-unmoeglich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/chile-ist-der-friedliche-weg-also-unmoeglich\/","title":{"rendered":"Chile: Ist der friedliche Weg also unm\u00f6glich?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Viele Gruppen auf der Linken haben den blutigen Milit\u00e4rputsch in Chile zum Anla\u00df genommen, einmal mehr die Unm\u00f6glichkeit und Vergeblichkeit des \u201efriedlichen Wegs\u201c zum Sozialismus zu konstatieren. Wir haben den Eindruck und wagen zu behaupten, da\u00df dieser Schlu\u00df zumindest voreilig gezogen wurde und wird, da\u00df ihm eine Unkenntnis und Untersch\u00e4tzung gewaltfreier Kampftechniken zugrunde liegt. Diese Behauptung wird jedenfalls durch die Tatsache gest\u00fctzt, da\u00df diese Gruppen parlamentarischen Weg (also die Politik Allendes) und friedlichen Weg unkritisch gleichsetzen und die M\u00f6glichkeiten einer gewaltfreien revolution\u00e4ren, jenseits von Parlamenten und etablierten Parteien sich formierenden Gegenmacht von unten nicht sehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Politik der Unidad Popular wird im allgemeinen als der schlechthin \u201efriedliche Weg zum Sozialismus\u201c dargestellt. Zwar f\u00fchrte Allendes Weg \u00fcber die Wahlurne und das Parlament \u2013 insofern kam er ohne einen gewaltsam-revolution\u00e4ren Akt an die Regierung, aber ist damit automatisch bewiesen, da\u00df \u201efriedlicher Weg\u201c gleichzusetzen ist mit der Eroberung der Parlamentsmehrheit? Oder gibt es keine revolution\u00e4r-gewaltfreie Alternative? Diese Frage wird von denen, die vom wohlbeh\u00fcteten Schreibtisch aus jetzt auf Kosten der chilenischen Massen Gewalt predigen, erst gar nicht gestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Uns ist keine zufriedenstellende Analyse des friedlichen (d. h. parlamentarischen) Versuchs der Volksfront bekannt, den Sozialismus in Chile einzuf\u00fchren. Aber auch die gewaltfreie Bewegung in der BRD hat die Analyse des chilenischen Experiments, w\u00e4hrend es noch im Gange war, vernachl\u00e4ssigt \u2013 sind wir doch jeder \u201erevolution\u00e4ren\u201c Strategie gegen\u00fcber skeptisch eingestellt, die \u2013 durch Wahlen oder andere Mittel \u2013 nach der Staatsmacht strebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nach unserer Auffassung mu\u00df die gewaltfreie Revolution auf der Eigenaktivit\u00e4t des Volkes basieren. Manchmal wird dies eine allm\u00e4hliche eigenst\u00e4ndige Reorganisierung der Gesellschaft von den \u201eGraswurzeln\u201c her sein, manchmal jedoch wird sie voller Ersch\u00fctterungen sein. Die Revolution wird massive K\u00e4mpfe mit sich bringen, oft wird sie aufr\u00fchrerische Formen annehmen wie Streiks, Besetzungen, Demonstrationen und andere Formen der Nicht-Zusammenarbeit und ziviler Usurpation. Die Gegenstrukturen, die im Verlauf von gewaltfreien K\u00e4mpfen gebildet werden, sollten die Strukturen der Gesellschaft, die wir verwirklichen wollen, schon vorher formen. Durch diese Strukturen \u2013 z. B. Stadtteilkomitees oder Arbeiterr\u00e4te \u2013 wird das Volk lernen, Initiative zu ergreifen und sein Leben selbst zu organisieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies ist in Chile viel zu sp\u00e4t und nur im Ansatz erkannt und praktiziert worden. Nachdem das Volk jahrelang durch Wahlen und parlamentarische Eiert\u00e4nze irregef\u00fchrt und abgelenkt worden war, erwachte das Mi\u00dftrauen der Arbeiterklasse gegen\u00fcber b\u00fcrgerlichen Institutionen wie Parlament, Justiz und Armee erst Jahre nach dem Wahlsieg Allendes und nahm erst Monate vor dem September-Putsch \u2013 viel zu sp\u00e4t \u2013 organisatorische Formen in den Arbeiter- und Bauernr\u00e4ten an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine gewaltfreie Revolution, wie wir sie sehen, mu\u00df sich auf diese wirklich \u00f6ffentlichen Formen der Selbstverwaltung und Selbstorganisation gr\u00fcnden. Dies ist mit dem parlamentarischen Weg grunds\u00e4tzlich unvereinbar. Die Partei kommt durch ein System zur Macht, in dem Leute \u00fcberredet werden, sich regieren zu lassen und auf ihre Selbstorganisation und Eigenverantwortung regelm\u00e4\u00dfig zugunsten von \u201egew\u00e4hlten Vertretern\u201c zu verzichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im parlamentarischen Sozialismus werden Ver\u00e4nderungen nicht auf die revolution\u00e4re Praxis des Volkes gegr\u00fcndet, sondern werden au\u00dferhalb seiner Reichweite entworfen und zu Gesetzen gemacht. Das Volk \u00fcbernimmt nicht die Produktionsmittel; vielmehr \u00fcbernimmt der Staat \u201ef\u00fcr das Volk\u201c durch Verstaatlichung und wird dadurch seinerseits zum Arbeitgeber. Unter Umst\u00e4nden wird eine Partei die Eigenaktivit\u00e4t des Volkes innerhalb gewisser Grenzen zu f\u00f6rdern suchen \u2013 wie in China. Voksfrontregierungen l\u00e4hmen in der Tat oft K\u00e4mpfe des Volkes, die unabh\u00e4ngig von der Regierungsmaschinerie, und oft gegen diese gerichtet, stattfinden wie etwa Fabrikbesetzungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es kann nicht darum gehen, Allendes zweifellos hohe Verdienste und Bem\u00fchungen zu schm\u00e4lern. Doch in der Bedr\u00e4ngnis durch die Opposition feindlich gesinnter Industriegesellschaften (USA, England, BRD), imperialistischer Regierungen und der einheimischen Bourgeosie war der parlamentarische Sozialismus eine unrealistische Strategie. Was er allenfalls zu bewirken in der Lage war, war gegen\u00fcber den Gegnern Zeit zu schinden und damit unweigerlich Chiles Sozialismus zu verw\u00e4ssern. Auf diese Weise wiederholte Allende eine Entwicklung, wie sie von sozialdemokratischen Bewegungen in Europa in \u00e4hnlicher Weise vollzogen wurde und wird. Den parlamentarischen Weg beschreiten hei\u00dft, eine Bewegung vom Volke absondern, was die F\u00fchrer der Bewegung wiederum veranlasst, ihre eigene \u201epolitische Gewandtheit\u201c h\u00f6her zu bewerten als die revolution\u00e4re Energie und Entschlossenheit des Volkes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Trotzkisten und Maoisten bringen ebenfalls eine allgemeine Kritik des b\u00fcrgerlich-parlamentarischen Weges vor, die der unsrigen im Wesentlichen \u00e4hnelt. Auch sie sehen die Zerbrechlichkeit eines sozialistischen Regimes, das vor\u00fcbergehend einen b\u00fcrgerlichen Staat regieren mu\u00df. Darum beharren sie mit Lenin auf der Notwendigkeit eines \u201eproletarischen Staates\u201c um die Kr\u00e4fte der Konterrevolution zu unterdr\u00fccken; mit Mao auf der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, das Volk zu bewaffnen; und mit Che auf der vorrangigen Bedeutung, die Armee der herrschenden Klasse zu vernichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir meinen: das Volk HAT bereits die Mittel, die Revolution zu tragen. Wenn die Revolution wirklich das Werk des Volkes ist und seine Bestrebungen wiedergibt, wenn die revolution\u00e4ren Organisationsformen wirklich <u>direkt<\/u> und partizipatorisch sind, wenn das Volk sich diese Formen selbst geschaffen hat, dann wird seine Solidarit\u00e4t gen\u00fcgen, im unbewaffneten Widerstand zu bestehen. Es lie\u00dfe sich Beispiel f\u00fcr Beispiel aufreihen, angefangen von den Kosaken, die Befehlen keine Folge leisteten und 1917 in Petrograd sogar auf die Seite der Revolution \u00fcberliefen bis hin zu den Armeen des Warschauer Paktes, die w\u00e4hrend des Einmarsches 1968 in die CSSR nach nur ein paar Tagen ersetzt werden mussten, um zu zeigen, da\u00df Soldaten als Agenten der Repression ungeeignet sind, entweder weil sie von den revolution\u00e4ren Massen unzuverl\u00e4ssig gemacht wurden oder sich ihnen unbewaffnete K\u00e4mpfer durch die Methoden der Nicht-Zusammenarbeit und des Massenungehorsams erfolgreich widersetzt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allende st\u00fcrzte nicht, weil das chilenische Volk unbewaffnet war, sondern weil seine Art von Sozialismus nicht das Produkt der Aktivit\u00e4t des Volkes war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber mit der Bewaffnung des Volkes wird die ganze Kette konterrevolution\u00e4rer Dynamik in Bewegung gesetzt: dezentralisierter Guerrilla-Kampf weicht in wachsendem Ma\u00dfe konventionellen Formen der Kriegf\u00fchrung und organisatorische Strukturen, die f\u00fcr den Militarismus charakteristisch sind, werden in die revolution\u00e4re Bewegung eingebettet. Da Waffentechnik und Bewaffnung immer hochentwickelter werden und damit dem gemeinen Volk immer weniger zug\u00e4nglich sind, wird die Kontrolle in einer Gruppe (Elite) konzentriert, die \u00fcber die Verteilung verf\u00fcgt; diese Gruppe wiederum ger\u00e4t in Abh\u00e4ngigkeit von ausw\u00e4rtigen Lieferquellen. Und solche Abh\u00e4ngigkeiten werden dann nach au\u00dfen als \u201eproletarischer Internationalismus&#8220; verkl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir setzen dagegen: die V\u00f6lker der Dritten Welt m\u00fcssen das Recht haben und die M\u00f6glichkeit haben, ihre eigene Revolution selbst zu kontrollieren. Unsere Solidarit\u00e4t mit den Befreiungsbewegungen der Dritten Welt mu\u00df in erster Linie darin bestehen, ihnen die Last des imperialistischen Westens vom R\u00fccken zu nehmen, d. h. die herrschende Gewalt zu mindern, gegen die sie sich zur Wehr setzen; und das dadurch, da\u00df wir im eigenen Land den revolution\u00e4ren Kampf aufnehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele Gruppen auf der Linken haben den blutigen Milit\u00e4rputsch in Chile zum Anla\u00df genommen, einmal mehr die Unm\u00f6glichkeit und Vergeblichkeit des \u201efriedlichen Wegs\u201c zum Sozialismus zu konstatieren. Wir haben den Eindruck und wagen zu behaupten, da\u00df dieser Schlu\u00df zumindest voreilig gezogen wurde und wird, da\u00df ihm eine Unkenntnis und Untersch\u00e4tzung gewaltfreier Kampftechniken zugrunde liegt. 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