{"id":30149,"date":"2023-09-04T17:33:22","date_gmt":"2023-09-04T15:33:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/anarchie-kongress-und-ukraine-krieg\/"},"modified":"2023-10-18T22:39:24","modified_gmt":"2023-10-18T20:39:24","slug":"anarchie-kongress-und-ukraine-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/anarchie-kongress-und-ukraine-krieg\/","title":{"rendered":"Anarchie-Kongress und Ukraine-Krieg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Was ist eigentlich Anarchie? F\u00fcr mich jedenfalls geh\u00f6rt zu den verbindenden Essentials des ansonsten sehr heterogenen anarchistischen Spektrums eine Herrschafts- und Staatskritik, samt entschiedener Kritik der damit einhergehenden Gewaltverh\u00e4ltnisse, die zum Beispiel bei Militarisierung und Militarismus offensichtlich sind. Darin grenzen sich anarchistische Theorien und Handlungsweisen von anderen sozialistischen Bewegungen ab, die autorit\u00e4rer verfasst sind und oft ein idealistisches Verst\u00e4ndnis des Staates haben, indem sie beispielsweise in Krisenzeiten den Staat wieder als vermeintliche Rettungsinstanz anrufen oder gar einen autorit\u00e4ren, etatistischen \u201eSozialismus\u201c anstreben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Anarchistischer M\u00e4rtyrer-Kult?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenigstens habe ich diese grunds\u00e4tzliche Differenz bisher so wahrgenommen. Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine scheint sich dies ge\u00e4ndert zu haben. So waren auf der anarchistischen Buchmesse, die im Rahmen der Veranstaltung in Saint-Imier stattfand, Portr\u00e4ts von im Krieg k\u00e4mpfend umgekommenen Anarchisten im Goldrahmen zu sehen. Und an den russischen Anarchisten Dmitri Petrow, der im Ukrainekrieg den Tod fand, erinnerte eine Schweigeminute. Im Gegensatz zu Plakaten, die sich klar gegen jeden Krieg und Militarismus positionierten, wurden die heroisierenden Portr\u00e4ts der in einer nationalistischen Armee dienenden und als \u201eGefallene\u201c verkl\u00e4rten \u201eAnarcho\u201c-Soldaten bis zum Ende der Messe nicht entfernt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Der Anspruch, selbst antiautorit\u00e4r zu agieren, andere Ansichten nicht ausgrenzen und nicht-hierarchisch debattieren zu wollen, schaffte in St. Imier gerade Feinden der Freiheit einen Rahmen f\u00fcr machtvolles Agieren.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, Antimilitarismus hatte es schwer in Saint-Imier. \u201eGefallene im Kampf gegen den russischen Imperialismus und f\u00fcr die Anarchie\u201c, das war auf einem gro\u00dfen Transparent zu sehen, an einer Wand in der Eissporthalle, in der die anarchistische Buchmesse stattfand. Doch Soldaten fallen nicht, sie morden, und sie werden ermordet. Der Begriff \u201eGefallene\u201c dient zur Verharmlosung und Glorifizierung des staatlichen Mordhandwerks. Diese Erkenntnis ist im Anarchismus des Jahres 2023 aber offenbar nicht mehr vorauszusetzen. Und seit wann tragen Menschen, die bewaffnet in Uniform innerhalb einer staatlichen Armee k\u00e4mpfen, etwas f\u00fcr die Anarchie bei? Ist eine Armee nicht Herrschaft in Reinkultur \u2013 und war dies nicht ein Kongress, der der Erinnerung (und Perspektive) des antiautorit\u00e4ren Erbes dienen sollte? \u201e<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/produkt\/krieg-ist-der-mord-auf-kommando\/\">Krieg ist der Mord auf Kommando<\/a>\u201c, so fasst ein Buchtitel des in St. Imier mit Veranstaltungen und einem B\u00fcchertisch vertretenden Verlags Graswurzelrevolution die anarchistisch-antimilitaristische Position treffend zusammen.<br \/>\n\u00dcber 400 Diskussionen und Workshops fanden in Saint-Imier statt, darunter auch eine von mir angebotene Debatte unter dem Titel: \u201eDie Ukraine, der Krieg und die antimilitaristische Perspektive\u201c. Der Titel sollte f\u00fcr sich sprechen, es ging mir darum, auszuloten, welche Alternativen zu immer weiteren Lieferungen von milit\u00e4rischen Mordwerkzeugen antimilitaristische Initiativen formulieren und praktizieren k\u00f6nnten. Ohne Nennung sowohl des Vortragstitels wie auch meines Namens fand diese Diskussionsveranstaltung auch eine mediale Erw\u00e4hnung, n\u00e4mlich auf Swissinfo, der schweizerischen \u00f6ffentlich-rechtlichen Nachrichten- und Informationsplattform ((1)). Dass es um meine Veranstaltung geht, wird aus verschiedenen Rahmeninformationen deutlich (die Personenzahl und der Umstand, dass ich eine Buchpublikation vorbereite, sind beispielsweise immerhin richtig).<br \/>\nDer Journalist Benjamin von Wyl geht in seinem Artikel zun\u00e4chst auf die Geschichte des Anarchismus und die besondere Rolle von Saint-Imier sowie den Anarchismuskongress 2023 ein, bevor er Kurs nimmt auf den Krieg in der Ukraine. Dass von Wyl dabei auf Seiten eines milit\u00e4rischen Kampfes gegen Russland steht, wird deutlich anhand seiner kurzen Beschreibung einer Podiumsdiskussion zum Thema. Im Anschluss schl\u00e4gt er den Bogen zu meiner Veranstaltung \u2013 und meint dabei, mir \u201eFalschinformationen zu Selenski\u201c(!) unterstellen zu k\u00f6nnen. Allerdings ist es von Wyl, der die Falschinformationen produziert. So habe ich nicht gesagt, dass Selenskyj sich an Waffenlieferungen bereichere. Das hat von Wyl erfunden. Auch habe ich nicht gesagt, dass der Krieg mit gigantischen NATO-Man\u00f6vern begann. Vielmehr sagte ich, dass durch die Politik von NATO und EU (<a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2017\/10\/der-neue-kalte-krieg\/\">Osterweiterung<\/a>, Ausschlagen von russischen Gespr\u00e4chsangeboten etc.) sowie die Man\u00f6ver Putin bewusst provoziert wurde, wobei ich betonte, dass dies selbstverst\u00e4ndlich keinen Angriffskrieg rechtfertigt.<br \/>\nVon Wyl, der schweigend Vortrag und Diskussion \u00fcber sich ergehen lie\u00df, ohne Wortmeldung oder Nachfrage, hat nicht einfach nur schlecht zugeh\u00f6rt. Nein, er geh\u00f6rt zu den Journalist*innen, die einen bewusst falsch verstehen wollen. Es wirkt wie eine Realsatire, dass ausgerechnet von Wyl bei Swissinfo f\u00fcr Demokratie-Themen, insbesondere f\u00fcr direkte Demokratie, zust\u00e4ndig ist. Absurd ist, dass er die \u201eKehrseite eines offenen Programms ohne Einschr\u00e4nkungen\u201c betont. Denn die Kuratoren, die er bei diesem Kongress vermisst, die vermisst er eben nicht bei den Anarchist*innen, die Waffengewalt bef\u00fcrworten. Nein, einzig angesichts meines Vortrages, der eben nicht nur gegen den in der Tat imperialistischen Aggressor Russland wetterte, sondern kritische Positionen auch gegen\u00fcber Deutschland, EU, NATO, USA und der Ukraine bezog und diese Positionen auch begr\u00fcndete. Nur da vermisst von Wyl das kuratierende Element. Offensichtlich vermisst er die Zensur \u2013 und kreidet es den Veranstaltenden an, dass ich \u00fcberhaupt reden durfte.<br \/>\nSo erf\u00fcllt sein Text eine Funktion: Menschen, die antimilitaristische Positionen beziehen \u2013 hier an meinem Beispiel \u2013, als durchgeknallt darzustellen. Um das zu erreichen, scheut er nicht vor abenteuerlichsten Verrenkungen zur\u00fcck, auch nicht vor offenen L\u00fcgen. Man hat mir nicht die Gelegenheit gegeben, diesen Swissinfo-Text vorab zu lesen, von Wyl sprach mich auch nicht im Anschluss an die Veranstaltung an, sondern verzog sich so wortlos, wie er gekommen war. Man lie\u00df mir den Text auch nachtr\u00e4glich nicht zukommen, setzte mich nicht einmal davon in Kenntnis. So werden viele swissinfo-Leser*innen nun glauben, was von Wyl ohne jede Korrekturm\u00f6glichkeit meinerseits an verbalen Erfindungen in die Welt gesetzt hat. An diesen L\u00fcgen h\u00e4tte die von dem 2020 \u00fcbrigens als \u201eTop-30 unter 30-Journalist ausgezeichneten Autor vorgeblich gew\u00fcnschte Moderation nichts ge\u00e4ndert.<br \/>\nDenn der Verweis auf Moderation ist nur von rhetorischer Funktion, um das freie Rederecht zu kritisieren, das ich in Saint-Imier aus\u00fcben durfte. Dass das Publikum am Ge\u00e4u\u00dferten \u201ekaum Zweifel\u201c gehabt haben soll, ist \u00fcbrigens ebenso unwahr, es gab im Gegenteil eine kontroverse Diskussion, bei der man sich allerdings \u2013 selten genug bei diesem Thema \u2013 ausreden lie\u00df. Diese Diskussion kann von Wyl nicht entgangen sein, da er selbst im Publikum sa\u00df. Das wahrheitsgem\u00e4\u00df zu berichten h\u00e4tte aber seiner \u201eBeweisf\u00fchrung\u201c geschadet, dass Antimilitarist*innen im Gegensatz zu den Bef\u00fcrworter*innen milit\u00e4rischer Eins\u00e4tze grunds\u00e4tzlich \u201eFalschinformationen\u201c aufsitzen, die auf russische Propaganda zur\u00fcckgingen, also aus dem Kreml gesteuert sind. Falschinformationen sind kein Privileg der russischen Seite, sondern reihen sich auch in von Wyls Text aneinander.<br \/>\nDass sich Falschinformationen \u2013 ironischerweise als Warnung vor Falschinformationen ausgegeben \u2013 so unwidersprochen verbreiten k\u00f6nnen, verweist auch auf das Fehlen von emanzipatorischen Gegenmedien mit gro\u00dfer Reichweite \u2013 fr\u00fcher sprach man von Alternativmedien, aber vielleicht ist der Begriff des Alternativen nun im Zeitalter von alternativen Fakten und Parteien, die das Alternative im Namen f\u00fchren, auch schon desavouiert.<br \/>\nDass sich allerdings auf einem anarchistischen Kongress Menschen, die einen Krieg im Namen staatlicher <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2022\/03\/logiken-des-krieges\/\">Logiken<\/a> (und nicht zuletzt im Namen von geopolitischen Machtk\u00e4mpfen und Kapitalinteressen) bef\u00fcrworten oder gar daran teilnehmen, so viel Raum verschaffen konnten, verweist auf ein Manko des Anarchismus. Der Anspruch, selbst antiautorit\u00e4r zu agieren, andere Ansichten nicht ausgrenzen und nicht-hierarchisch debattieren zu wollen, schaffte in St. Imier gerade Feinden der Freiheit einen Rahmen f\u00fcr machtvolles Agieren. Und straff organisierte, in Staatsarmeen integrierte milit\u00e4rische Einheiten kann ich eben nicht anders nennen als Feinde einer freiheitlich-sozialistischen, herrschaftsfreien Gesellschaft.<br \/>\nJa, machtvoll: Wo die antimilitaristisch gesonnenen Menschen in Saint-Imier Scheu hatten, Milit\u00e4rpropaganda schlicht zu entfernen und damit den offenen Konflikt vermieden, trat die militaristische Fraktion wortgewaltig auf und hatte keinerlei Skrupel, Antimilitarist*innen ver\u00e4chtlich zu machen und antimilitaristische Plakate abzurei\u00dfen. Was mit dazu beitrug, dass die Perspektive der sozialen Revolution gegen\u00fcber militaristischen Statements viel zu wenig Platz fand auf diesem \u2013 antiautorit\u00e4ren \u2013 Kongress. Insofern hat von Wyl mit seiner Kritik an einem offenen Programm ohne Einschr\u00e4nkungen sogar recht, wenn auch ganz anders, als er selbst es intendiert. Auch dies ist eine Ironie seines Beitrages.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was ist eigentlich Anarchie? F\u00fcr mich jedenfalls geh\u00f6rt zu den verbindenden Essentials des ansonsten sehr heterogenen anarchistischen Spektrums eine Herrschafts- und Staatskritik, samt entschiedener Kritik der damit einhergehenden Gewaltverh\u00e4ltnisse, die zum Beispiel bei Militarisierung und Militarismus offensichtlich sind. 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