{"id":30151,"date":"2023-09-04T17:33:22","date_gmt":"2023-09-04T15:33:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/der-groesste-anarchistische-kongress-des-21-jahrhunderts\/"},"modified":"2023-09-11T18:37:57","modified_gmt":"2023-09-11T16:37:57","slug":"der-groesste-anarchistische-kongress-des-21-jahrhunderts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/der-groesste-anarchistische-kongress-des-21-jahrhunderts\/","title":{"rendered":"Der gr\u00f6\u00dfte anarchistische Kongress des 21. Jahrhunderts"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Nach langer Fahrt kamen wir an. St. Imier zeigte sich uns als malerischer Ort, in einem Tal, umringt von Bergen. Ich war gespannt auf das Treffen von Anarchist*innen aus aller Welt.<br \/>\nAn der Eissporthalle, wo die anarchistische Buchmesse stattfinden sollte, luden wir aus und bauten unseren Stand auf. Danach fuhren wir ans andere Ende der Stadt, wo wir in einer Gymnastikhalle sehr komfortabel untergebracht waren, es gab Matratzen und sogar eine Dusche. Es gab ein Programm von rund 400 Workshops, die oft \u00fcberf\u00fcllt waren und meist problemlos abliefen.<br \/>\nNegativ war allerdings, dass die Themen der Workshops nur online einsehbar waren. Ich h\u00e4tte es besser gefunden, wenn es eine Auflistung in Schriftform gegeben h\u00e4tte, mit Angaben wo die Workshops stattfinden, da die Orte \u00fcber die ganze Stadt verteilt waren. Allerdings war es fast das Einzige, was formal zu bem\u00e4ngeln war. Um es vorweg zu nehmen: Das Essen war sehr gut! Die Organisation war sehr gut, auch die langen Schlangen, die sich bildeten, l\u00f6sten sich \u00fcberraschend schnell auf. Es scheint auch bei libert\u00e4r-sozialistisch gesinnten Menschen nicht ohne Schlangen abzugehen, ob beim Essen oder den Toiletten.Die Workshops waren vielf\u00e4ltig, wenn auch einige f\u00fcr mich wegen der Sprachbarriere nicht in Frage kamen. Das Kulturprogramm war auch reichlich. So gab es im Espace Noir, einem anarchistischen Zentrum, und in der Great Hall jeden Tag Konzerte.Auf der Buchmesse konnte man B\u00fccher an rund 100 St\u00e4nden kaufen und interessante Diskussionen erleben.<br \/>\nEs gab aber auch negative Vorkommnisse!<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>An mehreren Tagen der Buchmesse gab es handfeste gewaltsame interne Auseinandersetzungen, die leider zeigten, wie sehr die Gewalt in der anarchistischen Gemeinschaft verbreitet ist.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gab es bei den Workshops Leute, die den Eintritt ukrainischer Anarchist*innen in den Krieg bef\u00fcrworteten. Auf der Buchmesse in der Eishalle, die mit der nebenstehenden Essensausgabe das \u00f6rtliche Zentrum des Treffens war, war u.a. ein \u00fcbergro\u00dfes, un\u00fcbersehbares Transparent zu sehen, mit neun gezeichneten K\u00f6pfen mir unbekannter Leute. Drunter stand: \u201eGefallen im Kampf gegen den russischen Imperialismus und f\u00fcr die Anarchie!\u201c Aus Sicht sehr vieler Aussteller*innen ein \u00fcbler Versuch, die Anarchist*innen, die zur ukrainischen Armee gegangen sind, in traditionalistisch-autorit\u00e4rer Weise zu M\u00e4rtyrern zu erkl\u00e4ren! Andererseits wurden Transparente mit den Aufschriften \u201eGegen jeden Krieg\u201c wieder abgeh\u00e4ngt und in den betreffenden Workshops gar das Verwenden von Begriffen wie \u201eAntimilitarismus\u201c kritisiert. Auch soll es auf einigen der Workshops zum Ukrainekrieg zu Kontroversen und sehr hitzig ausgetragenen Diskussionen gekommen sein. Es erstaunte da auch nicht, dass der Guerillakampf der kurdischen YPG-Guerilla in <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/02\/der-krieg-der-tuerkei-gegen-die-menschen-in-rojava\/\">Rojava<\/a> (Nordwestkurdistan) gefeiert wurde, und zwar durch die Zugfahrt vieler Teilnehmer*innen am Samstag von St. Imier nach Lausanne, wo eine Solidarit\u00e4tsdemonstration f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/04\/rojava-ypg-der-militaerischen-niederlage-ins-auge-blicken\/\">Rojava-Guerilla<\/a> stattfand.Doch es geht noch weiter! An mehreren Tagen der Buchmesse gab es handfeste gewaltsame interne Auseinandersetzungen, die leider zeigten, wie sehr die Gewalt in der anarchistischen Gemeinschaft verbreitet ist.<br \/>\nAm ersten Tag der Buchmesse bereits hatte der franz\u00f6sischsprachige Verlag \u201eLa Lenteur\u201c (Die Langsamkeit) ein Buch zur Islamkritik und Kritik des Schleiers ausgelegt. Von einer Gruppe junger erkl\u00e4rter \u201eFeministinnen\u201c wurden der Stand und die Lenteur-Leute physisch angegriffen und des Rassismus bezichtigt, denn wei\u00dfe Cis-M\u00e4nner d\u00fcrften nicht den Islam kritisieren, das sei Rassismus. Nach dem Angriff baute La Lenteur seinen Tisch ab, suchte frustriert das Weite und reiste ab.<br \/>\nDoch dabei blieb es nicht, am Freitag und Samstag wurde von dieser Gruppierung, die nun als \u201eAnsammlung von Individuen aus verschiedenen Richtungen\u201c mir gegen\u00fcber bezeichnet wurde, auch der Stand der altehrw\u00fcrdigen, \u00fcber 130 Jahre lang bestehenden F\u00e9d\u00e9ration Anarchiste (FA) angegriffen, weil auch dort zwei B\u00fccher zur atheistisch-anarchistischen Kritik am Islam und des Schleiers auslagen. Es ging dabei erstens um das Buch von Hamid Zanaz (geboren in Algerien; \u00fcbrigens kein wei\u00dfer Cis-Mann): \u201eL\u2019impasse islamique. La religion contre la vie\u201c (Die islamische Sackgasse. Religion gegen das Leben), erschienen 2009, mit einem Vorwort von Michel Onfray, in der \u201eCollection Propos m\u00e9cr\u00e9ants\u201c (Kollektion Stimmen der Ungl\u00e4ubigen). Onfray ist seither leider zum neofaschistischen Autor geworden, aber 2009 war er noch anerkannter libert\u00e4rer Theoretiker des Atheismus. Zweitens ging es um das Buch von Ren\u00e9 Berthier Loran: \u201eUn voile sur la cause des femmes\u201c (Ein Schleier \u00fcber der Sache der Frauen), erschienen 2009 in der Edition du Monde libertaire.<br \/>\nDer Angriff galt nun dem gesamten Stand der FA. Dabei wurden B\u00fccher der FA gestohlenen, zerrissen und verbrannt. Diese Gewaltexzesse, wie B\u00fccherverbrennungen, kennen wir von den Nazis! Auch die gewaltsamen Feminist*innen bei der Buchmesse von St. Imier machen mich nur fassungslos, so wird hier der Aufstand der iranischen Frauen gegen den Schleier und das iranische, islamistische Mullah-Regime ignoriert!<br \/>\nZur Relativierung sei jedoch hinzugef\u00fcgt: Sehr viele Gespr\u00e4che und Begegnungen an unserem B\u00fcchertisch waren sehr konstruktiv. Auch viele deutschsprachige Schweizer*innen sprachen davon, dass sie so froh sind, dass es die Graswurzelrevolution und unseren Buchverlag gibt, und sie freuten sich sehr \u00fcber unsere Pr\u00e4senz. Wir trafen sogar einen GWR-Abonnenten aus Japan!<br \/>\nAm Stand wurden auch Brosch\u00fcren von der Gustav-Landauer-Gesellschaft (GLG) Berlin angeboten. Und der Genosse von der GLG hatte sogar eine umfangreiche Landauer-Ausstellung in franz\u00f6sischer Sprache in der Eishalle aufgeh\u00e4ngt und machte F\u00fchrungen in mehreren Sprachen dazu.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Fazit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">So positiv das Treffen in St. Imier insgesamt zu bewerten ist: Teile dieser Bewegung schaden ihr, indem sie in ihrer anma\u00dfenden Dominanz von Minderheitenmeinungen und ihrer Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung keine Basis f\u00fcr gemeinschaftliches Agieren bieten, sondern ein erschreckendes Bild von Ignoranz und Gewalt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach langer Fahrt kamen wir an. St. Imier zeigte sich uns als malerischer Ort, in einem Tal, umringt von Bergen. Ich war gespannt auf das Treffen von Anarchist*innen aus aller Welt. An der Eissporthalle, wo die anarchistische Buchmesse stattfinden sollte, luden wir aus und bauten unseren Stand auf. 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