{"id":30160,"date":"2023-09-04T17:33:26","date_gmt":"2023-09-04T15:33:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/koloniale-amnesie\/"},"modified":"2023-09-25T00:48:17","modified_gmt":"2023-09-24T22:48:17","slug":"koloniale-amnesie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/koloniale-amnesie\/","title":{"rendered":"Koloniale Amnesie"},"content":{"rendered":"<h5 style=\"text-align: justify;\">Verdr\u00e4ngung statt Erinnerung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dank zivilgesellschaftlichen Engagements sind postkoloniale Diskurse nicht mehr exotische Randerscheinungen, sondern haben eine breitere \u00d6ffentlichkeit erreicht. Dies hat auch die herrschende Politik \u2013 obgleich weiterhin eher bescheiden \u2013 in ihr Repertoire aufgenommen. Davon zeugt der im Dezember 2021 von der \u201eAmpelregierung\u201c verabschiedete Koalitionsvertrag. Er erkl\u00e4rt unter dem Stichwort \u201eKoloniales Erbe\u201c: \u201eWir wollen koloniale Kontinuit\u00e4ten \u00fcberwinden, uns in Partnerschaft auf Augenh\u00f6he begegnen und veranlassen unabh\u00e4ngige wissenschaftliche Studien zur Aufarbeitung des Kolonialismus.\u201c Allerdings fragt sich, angesichts der F\u00fclle kolonialkritischer Studien, was es da noch zu veranlassen gibt. Wer es wissen will, kann es wissen.<br \/>\nDie beharrliche Abwehr und Verweigerung einer substanziellen Befassung mit dem Wesen und Wirken kolonialer Fremdherrschaft kommentierte der Kolonialhistoriker Helmut Bley im Vorfeld der hundertj\u00e4hrigen Wiederkehr der Berliner Afrika-Konferenz von 1884\/85 in einer bis heute zutreffenden Weise: \u201eDie deutsche Kolonialgeschichte ist deshalb auch unerledigt, weil sie die Erinnerung daran wecken kann, da\u00df [&#8230;] in dieser Gesellschaft gewaltt\u00e4tige Traditionen vorhanden sind, die sich nicht auf den \u201aD\u00e4mon\u2018 Hitler reduzieren lassen, sondern die in sozusagen \u201anormalen\u2018 Zeiten, im Grunde in der \u201aguten alten Zeit\u2018 sich vollzogen.\u201c((1))<br \/>\nUm zu verhindern, dass diese \u201egute alte Zeit\u201c in den ehemaligen Kolonialmetropolen \u201ebeschmutzt\u201c wird, dienen teilweise noch immer \u201eAutobahnargumente\u201c wie \u201enicht alles unter Hitler war schlecht, immerhin wurden Autobahnen gebaut\u201c. Damit werden \u201eKulturleistungen\u201c gegen die verheerenden strukturellen Dimensionen und Folgen des Kolonialsystems f\u00fcr die kolonisierte Bev\u00f6lkerung aufgerechnet. Aber wie die Kolonialhistorikerin Gesine Kr\u00fcger klarstellte: \u201eSelbst wenn alle Kolonialbeamten und -milit\u00e4rs sehr nett gewesen w\u00e4ren, was sie nicht waren, \u00e4ndert das nichts daran, dass die europ\u00e4ischen M\u00e4chte danach strebten, einen Kontinent unter sich aufzuteilen und den erwartbaren Widerstand in brutalster Weise mit Mitteln der Aufstandsbek\u00e4mpfung niederschlugen, der h\u00e4ufig eine Politik der verbrannten Erde folgte.\u201c ((2))<br \/>\nDer britische Historiker David Andress bezeichnet dies bezogen auf Gro\u00dfbritannien, Frankreich und die USA als kulturelle Demenz. ((3)) Sie basiert auf einem Entwicklungspfad und -verst\u00e4ndnis, die ein historisches Privileg reklamieren, das rassisch \u2013 und in der Konsequenz rassistisch \u2013 gepr\u00e4gt ist. Insbesondere Angeh\u00f6rige privilegierter Gruppen haben, wie er meint, keine Lust Historiker*innen zuzuh\u00f6ren, die ihnen Schlechtes \u00fcber ihre gesch\u00e4tzten Identit\u00e4ten erz\u00e4hlen. Sie sind nicht an wirklicher Geschichte interessiert. Ihnen behagt die Schmusedecke des Halb-Erinnerns. Expertise, so Andress weiter, vermag Schichten der Mythologisierung kaum abzutragen. Die Beziehungen des Westens zu seiner Vergangenheit sind eine aktiv konstruierte, eifers\u00fcchtig bewachte und vergiftete Weigerung, sich den Fakten zu stellen. Diese sind bekannt, aber emotional und politisch unbequem. Es gibt keine Bereitschaft, sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen.<br \/>\nEine vom Verh\u00e4ltnis T\u00e4ter und Opfer bestimmte Vergangenheit, wie sie der Kolonialismus als Herrschaftssystem darstellt, l\u00e4sst aber demgegen\u00fcber \u2013 wie Aleida Assmann immer wieder betont \u2013 als ad\u00e4quate Form der bearbeitenden Erinnerung nur eine \u201eVergangenheitsbewahrung\u201c zu, die eine Gewaltgeschichte nicht verschweigt oder sich einer Auseinandersetzung mit ihr entzieht. ((4))<br \/>\nDie Ausblendung historisch verb\u00fcrgter Wissensbest\u00e4nde nimmt nicht nur den Ausschluss von Menschen anderer Herkunft oder Geschichte billigend in Kauf. Damit wird zugleich auch der Rassismus im eigenen Land bis heute bef\u00f6rdert, mit dem nicht nur Afrodeutsche im Alltag permanent konfrontiert sind.<br \/>\nAuf die deutsche (Nicht-)Befassung mit der Kolonialgeschichte trifft der Befund kolonialer Amnesie teilweise zu. Kritiker*innen dieser Kategorisierung verweisen auf die Thematisierung des deutschen Kolonialismus und die Existenz von Wissensbest\u00e4nden, die ihrer Meinung nach einer Amnesie entgegenstehen.<br \/>\nDoch koloniale Amnesie bedeutet keinesfalls, Kolonialismus zu tabuisieren. Die Immunisierung gegen Kritik am Kolonialismus ist auch eine Form der Amnesie. Sich \u00fcber dessen Stellenwert und Auswirkungen zu streiten ist noch lange kein Indiz f\u00fcr dessen Bearbeitung. Die Behauptung, es g\u00e4be keine koloniale Amnesie, wird damit begr\u00fcndet, dass es immer auch den deutschen Kolonialismus als Thema im \u00f6ffentlichen Raum gegeben hat. Das unterscheidet aber nicht zwischen den gegens\u00e4tzlichen Betrachtungsweisen einer Kolonialkritik und einer Apologie oder Romantisierung bzw. Verharmlosung kolonialer Herrschaft. So gesehen w\u00e4re eine Rechtfertigung kolonialer <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2012\/09\/uber-leichen-im-keller\/\">Massenvernichtung<\/a> als notwendiger Akt zivilisatorischer Mission ein Beweis, dass es keine koloniale Amnesie gibt.<br \/>\nKolonialnostalgie ist in der Tat ein Indiz daf\u00fcr, dass der Kolonialismus nicht vergessen worden ist. Die Relativierung seiner Gewalt- und Vernichtungsbereitschaft und deren Folgen hingegen werden damit als unwesentlich abgetan oder heruntergespielt \u2013 doch genau darin zeigt sich Amnesie. Das Vorhandensein hinreichender Quellen und Analysen beweist ja nicht, dass diese zur Kenntnis genommen und entsprechend verarbeitet werden. Wenn z. B. eine Mitarbeiterin im Bundesarchiv in Koblenz es schwierig findet \u201eeiner \u201akolonialen Amnesie\u2018 zu erliegen, wenn man als Archivar\/in gewisserma\u00dfen auf den Akten des Reichskolonialamts sitzt\u201c, verkennt dies die gesellschaftliche Wirklichkeit. Die Existenz der Archivbest\u00e4nde und der Zugang zu diesen kl\u00e4rt nicht automatisch auf oder tritt damit schon Fehlwahrnehmungen entgegen. Es reicht nicht, auf das Vorhandensein entsprechenden Quellenmaterials zu verweisen, um damit zu suggerieren, dieses werde zur geschichtlichen Aufkl\u00e4rung genutzt.<br \/>\nVorhandenes Wissen bleibt oftmals noch immer geleugnetes Wissen. Es verhindert nicht, dass apologetische oder relativierende Meinungen weiterhin integraler Bestandteil einer Dominanzkultur sind. Die Behauptung, das Schlagwort der kolonialen Amnesie treffe so pauschal nicht zu, verkennt die Kerndiagnose, die mit Archivbestand und -zugang herzlich wenig zu tun hat. Auch Andress betont, dass es jede Menge mit fundierter Literatur best\u00fcckte Bibliotheken und Buchhandlungen gibt. Zudem haben zahlreiche Wissenschaftler*innen schon seit Jahrzehnten vermehrt zu erkl\u00e4ren versucht, wie es wirklich war. Das Problem der Geschichtsverdr\u00e4ngung oder -leugnung aber bleibt, wenn Menschen weder h\u00f6ren noch lernen wollen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Beziehungen des Westens zu seiner Vergangenheit sind eine aktiv konstruierte, eifers\u00fcchtig bewachte und vergiftete Weigerung, sich den Fakten zu stellen. Diese sind bekannt, aber emotional und politisch unbequem. Es gibt keine Bereitschaft, sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Selbst in neueren selbstkritischen offiziellen Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte werden die weiterhin bestehenden Blindflecke nur allzu deutlich. So pr\u00e4sentierte das Ausw\u00e4rtige Amt 2019 ein Grundsatzpapier zur Unterst\u00fctzung von \u201eVergangenheitsarbeit und Vers\u00f6hnung\u201c, das deutsche Errungenschaften in der Bearbeitung eigener Geschichte pries. Beispielhaft werden das \u201eNS-Unrecht\u201c und die \u201eOpfer der SED-Diktatur\u201c aufgef\u00fchrt. Der deutsche Kolonialismus hingegen findet im gesamten Dokument von \u00fcber 20 Seiten kein einziges Mal Erw\u00e4hnung.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">V\u00f6lkermord ist V\u00f6lkermord<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Forderungen, der Bearbeitung der kolonialen Gewaltgeschichte den geb\u00fchrenden Raum zuzubilligen, haben zu vehementen Reaktionen gef\u00fchrt, in denen Fehlinterpretationen und Unterstellungen oftmals eine produktive Auseinandersetzung unm\u00f6glich machen. So wird der \u201eSelbstentkernungsversuch\u201c als \u201eAbschied von unserer Leiterinnerung\u201c beschworen und gipfelt in der Unterstellung: \u201eDie Singularit\u00e4t des Holocaust hat keinen Platz mehr im postkolonialen Diskurs\u201c.\u00a0((5)) Solche gebetsm\u00fchlenartig wiederholte Behauptungen werden im \u00f6ffentlichen Raum zwar wirksam operationalisiert (und k\u00f6nnen als weiterer Versuch zur Immunisierung verstanden werden), sie treffen aber nicht zu. Wie die Moderatorin einer Kultursendung im Deutschlandfunk schlussfolgerte, spiegelt die Auseinandersetzung \u201eein berechtigtes Ringen in der weiteren Aufarbeitung\u201c einer weithin unzureichenden Auseinandersetzung mit den kolonialen Gr\u00e4ueltaten des deutschen Kaiserreichs. ((6))<br \/>\nIn dieser k\u00fcnstlich entfachten, irref\u00fchrend zum \u201eneuen Historikerstreit\u201c stilisierten Kontroverse, wird der inhaltlich untaugliche \u2013 aber demagogisch wirksame \u2013 Versuch initiiert, die ernsthafte und rigorose Thematisierung deutscher Kolonialgr\u00e4uel zu relativieren. Ironischerweise wird dazu der Vorwurf einer Relativierung des Holocaust als Diskreditierung solchen Bem\u00fchens missbraucht: \u201eDer Fortschritt der Zivilisation ist von seinen Schattenseiten nicht zu trennen\u201c und \u201eDer Holocaust ist nicht vergleichbar mit der Niederschlagung des Herero- oder Maji-Maji-Aufstands\u201c waren zwei der polemischen Behauptungen, die in der Feststellung gipfelten, dass die \u201eEliminierung ganzer Gruppen in der Weltgeschichte\u201c als \u201eein weit verbreitetes Muster\u201c durch kein einziges Beispiel belegt werde und Unsinn sei. Noch nie habe \u201eeine moderne Nation den Versuch unternommen, ein gesamtes Volk restlos auszurotten\u201c. ((7))<br \/>\nIm \u00dcbereifer wird hier \u00fcbersehen, dass diese kategorische Aussage auch den Holocaust einschlie\u00dft und die in der V\u00f6lkermord-Konvention der Vereinten Nationen genannte Vernichtungsabsicht als unbegr\u00fcndet relativiert. Im \u00dcbrigen wird der Singularit\u00e4t des Holocaust \u201enichts genommen, wenn an die &#8230; Singularit\u00e4t der <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2020\/08\/die-wahre-geschichte-des-christoph-kolumbus\/\">Verbrechen des Kolonialismus<\/a>, sei es im Kongo, sei es im transatlantischen Sklavenhandel erinnert wird &#8230; Erinnern und Gedenken sind kein Nullsummenspiel.\u201c ((8)) Wer aber mit Verweis auf die Singularit\u00e4t des Holocaust darauf besteht, dass sich dieser einem Vergleich entzieht, begr\u00fcndet dies vergleichend: \u201eWer Singularit\u00e4t konstatiert, muss Vergleiche anstellen\u201d. ((9))<br \/>\nDies bedeutet nicht, dass die bis an Ausrottung grenzende Enteignung und Vertreibung indigener Gemeinschaften in Siedlerkolonien oder die verheerenden Folgen der s\u00fcdafrikanischen Apartheidpolitik mit dem Holocaust gleichzusetzen w\u00e4ren. Aber es verweist darauf, dass unsere jeweilige Verortung einen Einfluss darauf hat, wie wir eine Vergangenheit sehen und beurteilen \u2013 oder auch mit welchem Blickwinkel wir welche Teile einer Menschheitsgeschichte wahrnehmen, beachten, vergessen, ignorieren oder sogar bewusst ausklammern. Ereignisse und Erfahrungen von traumatischer Gewalt und Langzeitfolgen physischer, psychischer sowie kultureller Vernichtung sind jeweils einzigartig.<br \/>\nAus der Sicht der Nachfahren der Ovaherero und Nama, der Damara und San war deren Vernichtung durch den von den \u201eSchutztruppen\u201c in \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c zwischen 1904 und 1908 ver\u00fcbten V\u00f6lkermord und die Unterwerfung der \u00dcberlebenden unter ein Apartheid-System, das ihnen die Fortf\u00fchrung ihrer Lebensweise verweigerte, ebenso einzigartig wie f\u00fcr andere indigene Gemeinschaften siedlerkoloniale Formen einer mit physischer und kultureller Vernichtung einhergehenden Fremdherrschaft waren. ((10)) Der Kolonialismus war keinesfalls eine Randerscheinung deutscher Geschichte \u2013 auch nicht in Deutschland selbst. Immerhin gab es im Kaiserreich eine \u201eHottentottenwahl\u201c. Sie war Zeichen f\u00fcr die durchaus diskutierte und strittige Kolonialpolitik und diente der weiteren milit\u00e4rischen Aufr\u00fcstung.<br \/>\nDie bei \u201eStrafexpeditionen\u201c gegen die autochthonen Bev\u00f6lkerungen in den Kolonien geraubten K\u00f6rperteile, bis heute in unbekannter Zahl in ebenso wenig genau bekannten Orten Deutschlands eingelagert, sind zugleich Erinnerung daran, dass sie zum Zwecke einer pseudo-wissenschaftlichen kolonialen Anthropologie den Weg zum arischen Rassenwahn ebneten. Kolonialoffiziere vom Schlage eines von Trotha, Lettow-Vorbeck und Ritter Freiherr von Epp waren der personifizierte mentalit\u00e4tsgeschichtliche Ausdruck einer \u00c4ra, die im Holocaust und in der Kriegsf\u00fchrung in Osteuropa m\u00fcndete.<br \/>\nKeinesfalls zuf\u00e4llig f\u00fchrte Raphael Lemkin als ma\u00dfgeblicher Urheber der von den Vereinten Nationen 1948 verabschiedeten V\u00f6lkermord-Konvention in seinen zahlreichen Schriften auch die Vernichtungsstrategie im damaligen \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c als ein fr\u00fches Beispiel f\u00fcr Genozid an. Auch Hannah Arendt wies in \u201eElemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft\u201c darauf hin, dass der Holocaust nur in R\u00fcckbesinnung auf die Formen totaler Herrschaft in den Kolonien verstanden werden kann, denn die dort praktizierte Entmenschlichung fand Jahrzehnte sp\u00e4ter im eigenen Land statt.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Geschichte als Gegenwart: Deutschland und Namibia<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis heute wird noch h\u00e4ufig als vermeintliches Gegenargument zur Anwendung des Begriffs V\u00f6lkermord im rechtlichen Sinne auf den kolonialen Vernichtungskrieg in \u201eDeutsch-S\u00fcdwestafrika\u201c angef\u00fchrt, das mit der Wortsch\u00f6pfung einhergehende Rechtsverst\u00e4ndnis habe es damals noch nicht gegeben. Wird dieser Einwand ernst genommen, d\u00fcrften der Holocaust und die Vernichtung der Armenier*innen ebenfalls nicht als V\u00f6lkermord bezeichnet werden, denn beide Ereignisse vollzogen sich ebenfalls vor der V\u00f6lkermord-Konvention und der damit einhergehenden Begriffsbildung.<br \/>\nEs sollte 110 Jahre dauern, bis der Tatbestand des V\u00f6lkermords, der damals in aller \u00d6ffentlichkeit pr\u00e4sentiert wurde, von der Bundesregierung Mitte 2015 eingestanden wurde und zu bilateralen Verhandlungen mit der Regierung Namibias f\u00fchrte. Diese fanden Mitte Mai 2021 mit der Paraphierung eines \u201eVers\u00f6hnungsabkommens\u201c durch die Sonderbeauftragten beider Regierungen ein vorl\u00e4ufiges Ende. Darin \u201eakzeptiert Deutschland eine moralische, historische und politische Verpflichtung, sich f\u00fcr diesen V\u00f6lkermord zu entschuldigen und in der Folge die f\u00fcr eine Vers\u00f6hnung und f\u00fcr den Wiederaufbau erforderlichen Mittel bereitzustellen\u201c (III:\/11.). Eine rechtliche Verpflichtung wird explizit negiert und Reparationsleistungen werden ausdr\u00fccklich verworfen. Stattdessen stellt die Erkl\u00e4rung fest, dass \u201ealle finanziellen Aspekte der vergangenheitsbezogenen Fragen\u201c damit geregelt seien (V.\/20.).<br \/>\nAls \u201eGeste der Anerkennung des unermesslichen Leids\u201c, so der damalige Au\u00dfenminister Heiko Maas in einer Presseerkl\u00e4rung, sollen 1,05 Milliarden Euro einen Wiederaufbau unterst\u00fctzen. \u201eRechtliche Anspr\u00fcche auf Entsch\u00e4digung\u201c, stellte er klar, \u201elassen sich daraus nicht ableiten\u201c. Finanzielle Nachbesserungen werden kategorisch ausgeschlossen. Die \u201eWiederaufbauhilfe\u201c ist weniger als die seit Namibias Unabh\u00e4ngigkeit 1990 bereit gestellten Mittel entwicklungspolitischer Zusammenarbeit. In etwa so viel, wie der damalige Gesundheitsminister Jens Spahn f\u00fcr unbrauchbare Gesichtsmasken zum Schutz vor Covid verplemperte. Da liegt die Betonung wohl eher auf \u201eGeste\u201c als auf \u201eAnerkennung des unermesslichen Leids\u201c.<br \/>\nDas d\u00fcrfte auch f\u00fcr die 50 Millionen Euro gelten, die das Abkommen \u00fcber eine Laufzeit von 30 Jahren hinweg zur Verwendung auf \u201eangemessene Wege f\u00fcr Erinnerung und Gedenken\u201c wie \u201ef\u00fcr Vorhaben zur Vers\u00f6hnung, Erinnerung, Forschung und Bildung\u201c festlegt (V.\/17.\/18.). Das sind weniger als zwei Millionen pro Jahr. Die j\u00e4hrlichen Betriebskosten des Humboldt Forums \u2013 das in dem f\u00fcr 700 Millionen Euro teilweise wiederaufgebauten Berliner Schloss auch koloniales Raubgut zur Schau stellt \u2013 werden auf 60 Millionen Euro veranschlagt.<br \/>\nNach Ratifizierung des Abkommens soll Bundespr\u00e4sident Frank-Walter Steinmeier im namibischen Parlament um Entschuldigung bitten. Die Mehrheit der Ovaherero, Nama, Damara und San ist dort aber gar nicht vertreten. Doch laut dem Abkommen ist das Ergebnis bereits vereinbart: \u201eDie Regierung und die Bev\u00f6lkerung Namibias nehmen Deutschlands Entschuldigung an\u201c (IV.\/14.). Gefragt wurde die Bev\u00f6lkerung Namibias aber nicht. Wer sich unter dieser umh\u00f6rt, kommt da zu einem ganz anderen Ergebnis. Was ist an einem solchen Vertrags-Dekret eigentlich nicht kolonialistisch? Der massive innernamibische Widerstand gegen das Verhandlungsergebnis hat so auch dazu gef\u00fchrt, dass die namibische Regierung Nachverhandlungen fordert. Mehr als zwei Jahre nach Paraphierung der Vereinbarung harrt diese noch immer der Unterzeichnung durch die Au\u00dfenminister beider L\u00e4nder. Nach Auskunft der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage im Bundestag im Juli 2023 hat es zwischen den beiden Regierungen seit Ende 2022 keine Gespr\u00e4che mehr gegeben. \u2013 V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung geht anders.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Empathie und Selbsterkundung<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine Verst\u00e4ndigung \u00fcber den Umgang mit Kolonialverbrechen kann ohnehin nicht exklusiv zwischen Regierungen ausgehandelt werden. Sie muss zwischen den Menschen erfolgen. So kann allein die Einsicht leitend sein, dass diese nur mit selbstkritischen (Neu-)Positionierungen einher gehen kann: n\u00e4mlich der kritischen Frage an die Kultur- und mentalit\u00e4tsgeschichtlichen Grundlagen, an die Wissensrahmungen der heutigen Eigen- und Fremdwahrnehmungen, die Hinterfragung g\u00fcltiger Verst\u00e4ndnisse von Kultur und Gesellschaft. Diese m\u00fcssen die Position bestimmen, von der aus nur eine Verst\u00e4ndigung begonnen werden kann. Dazu muss auch die Bereitschaft geh\u00f6ren, den Sichtweisen, Wahrnehmungen und Erfahrungen der \u201eAnderen\u201c einen Raum zu bieten, diese nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern sich auch ansprechen zu lassen. Auss\u00f6hnung (so diese \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist) kann nicht vorgeschrieben werden, wenn man den Erinnerungsprozess von vornherein ausschlie\u00dft, weil die Erinnernden ausgeschlossen werden. ((11))<br \/>\nIn ihren Einlassungen zu einer \u201e\u00d6konomie der Empathie\u201c verweist Charlotte Wiedemann auf die schmerzhafte Notwendigkeit zu einer \u201egeistige(n) und emotionale(n) Selbstverortung in einer Geschichtslandschaft, die seit f\u00fcnfhundert Jahren von kolonialen und postkolonialen Asymmetrien gezeichnet ist.\u201c ((12)) Was sie von sich und anderen verlangt, ist nicht unm\u00f6glich: \u201eMitgef\u00fchl ist nicht gerecht, es folgt nicht dem Grundsatz von der Gleichheit aller Menschen. Den Schmerz der Anderen zu empfinden, mag unm\u00f6glich sein, aber ihn zu begreifen und zu respektieren, ist ein realistisches und notwendiges Ziel.\u201c Wenn postkoloniale Initiativen ernst gemeint sind, m\u00fcssen sich diese dem schmerzhaften Prozess stellen. Das ist der notwendige Ausgangspunkt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verdr\u00e4ngung statt Erinnerung Dank zivilgesellschaftlichen Engagements sind postkoloniale Diskurse nicht mehr exotische Randerscheinungen, sondern haben eine breitere \u00d6ffentlichkeit erreicht. Dies hat auch die herrschende Politik \u2013 obgleich weiterhin eher bescheiden \u2013 in ihr Repertoire aufgenommen. Davon zeugt der im Dezember 2021 von der \u201eAmpelregierung\u201c verabschiedete Koalitionsvertrag. Er erkl\u00e4rt unter dem Stichwort \u201eKoloniales Erbe\u201c: \u201eWir wollen &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/09\/koloniale-amnesie\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":30262,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Koloniale Amnesie - graswurzelrevolution","description":"Verdr\u00e4ngung statt Erinnerung Dank zivilgesellschaftlichen Engagements sind postkoloniale Diskurse nicht mehr exotische Randerscheinungen, sondern haben eine bre"},"footnotes":""},"categories":[1939,1033,1027],"tags":[1195,1942,1941],"class_list":["post-30160","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-481-september-2023","category-so-viele-farben","category-wir-sind-nicht-alleine","tag-kolonialismus","tag-namibia","tag-voelkermord"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30160","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30160"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30160\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30262"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30160"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30160"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30160"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}