{"id":3025,"date":"1999-12-01T00:00:18","date_gmt":"1999-11-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3025"},"modified":"2022-07-26T14:16:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:59","slug":"was-ist-der-marx-noch-wert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/12\/was-ist-der-marx-noch-wert\/","title":{"rendered":"Was ist der Marx (noch) &#8222;wert&#8220;?"},"content":{"rendered":"<p><cite>Das Kapital<\/cite> ist die gr\u00f6\u00dfte Leistung von Marx, davor hatte auch Bakunin gro\u00dfen Res(t)pekt. Bakunin \u00fcbersetzte dieses Werk selber ins Russische. Johann Most gab eine volksverst\u00e4ndliche Zusammenfassung heraus, welche von Marx redigiert wurde. Es liegt mir also fern, AnarchistInnen <em>gegen<\/em> Marx ins Feld zu f\u00fchren. Interessanter ist es, Marx gegen den libert\u00e4r-verkl\u00e4rten Marx anzuf\u00fchren, denn welchen Sinn macht es, Marx als libert\u00e4r zu verkl\u00e4ren? In GWR 239, S. 15, Fu\u00dfnote 4 wird sich bezogen auf &#8222;die f\u00fcr den Verkauf gesellschaftlich, durchschnittlich notwendige Arbeitszeit.&#8220; Doch: &#8222;Marx verneint dies (&#8230;) im zweiten Band des <cite>Kapitals<\/cite>.&#8220; Richtigerweise wird zum Schlu\u00df gefragt: &#8222;Warum sollten hier also andere Ma\u00dfst\u00e4be angesetzt werden wie beim Transport.&#8220; Die eigentliche Frage lautet: Warum erkannte dies Marx nicht? Fehler sind menschlich, ja sogar n\u00fctzlich, denn wir k\u00f6nnen aus ihnen lernen. Marx hat aber ebenso gro\u00dfe geistige Fehlleistungen abgeliefert. Seine Entwicklung \u00fcber die Jahrzehnte hinweg ist voller Widerspr\u00fcche. Dies beschreibt Daniel Gu\u00e9rin in <cite>Anarchismus und Marxismus<\/cite>&#8211; einer Schrift, die f\u00fcr die Auseinandersetzung w\u00e4hrend der StudentInnenbewegung wichtig war &#8211; sehr pr\u00e4gnant:<\/p>\n<p>&#8222;Der junge Marx, Humanist und Sch\u00fcler des Philosophen Feuerbach, entwickelt sich anschlie\u00dfend zu einem rigiden wissenschaftlichen Determinismus. Der Marx der &#8218;Neuen Rheinischen Zeitung&#8216;, der nur Demokrat genannt werden wollte, und der die Verbindung mit der fortschrittlichen deutschen Bourgeoisie suchte, \u00e4hnelt in nichts dem Marx von 1850, Kommunist und sogar Blanquist, Besinger der permanenten Revolution, der unabh\u00e4ngigen, politischen kommunistischen Aktion und der Diktatur des Proletariats. Welch ein Unterschied auch zwischen den Abschnitten im Kommunistischen Manifest 1848, die forderten, da\u00df der Staat die Gewalt \u00fcber die gesamte \u00d6konomie erlange und den sp\u00e4teren Erkl\u00e4rungen, in denen der Staat durch die &#8222;assoziierten Produzenten&#8220; ersetzt wird. Der Marx der folgenden Jahre, der die internationale Revolution auf wesentlich sp\u00e4ter verschob und sich in die Bibliothek des Britischen Museums einschlo\u00df, um sich umfassenden wissenschaftlichen Studien zu widmen, ist noch einmal v\u00f6llig anders als der aufst\u00e4ndische Marx von 1850, der an eine allgemeine, unmittelbar bevorstehende Erhebung glaubte. Der Marx von 1864-69, der zun\u00e4chst hinter den Kulissen die Rolle des heimlichen und machtuninteressierten Beraters der in der I. Internationale zusammengeschlossenen Arbeiter gespielt hatte, wird ab 1870 pl\u00f6tzlich ein sehr autorit\u00e4rer Marx, der von London aus den Generalrat der Internationalen dirigiert. Der Marx, der Anfang 1871 vor einer Erhebung in Paris heftig warnt, ist nicht derselbe wie der, der nachher in seiner ber\u00fchmten Adresse unter dem Titel <cite>B\u00fcrgerkrieg in Frankreich<\/cite>die Commune von Paris in den Himmel hinein lobt, von der er &#8211; nebenbei bemerkt &#8211; einige Z\u00fcge idealisiert. Schlie\u00dflich ist der Marx, der in der gleichen Schrift versichert, die Commune habe den Verdienst, den Staatsapparat zerschlagen und durch die kommunale Macht ersetzt zu haben, keineswegs der selbe Marx wie der, der in seinem Brief \u00fcber das Gothaer Programm unbedingt beweisen will, da\u00df der Staat nach der proletarischen Revolution noch f\u00fcr eine relativ lange Zeit \u00fcberleben m\u00fcsse. Wir k\u00f6nnten all diese Widerspr\u00fcche und diesen Zickzackkurs durch die Jahre hindurch verfolgen. Es kann nunmehr wohl keine Frage mehr sein, da\u00df der urspr\u00fcngliche Marxismus, derjenige von Marx und Engels, kein einheitlicher Block ist. Wir m\u00fcssen ihn einer kritischen Pr\u00fcfung unterziehen und k\u00f6nnen nur Teile von ihm \u00fcbernehmen, die zu unserem libert\u00e4ren Kommunismus in keinem Widerspruch stehen.&#8220;<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen eben nur Bruchteile \u00fcbernehmen. Die \u00f6konomische Kritik des Kapitalismus von Marx ist umfassend und wissenschaftlich. Aber ebenso stehen viele seiner Geisteshaltungen im krassen Widerspruch zu den anarchistischen.<\/p>\n<h3>Auf dem Misthaufen der Geschichte<\/h3>\n<p>Erich M\u00fchsam schrieb in <cite>Bismarxismus<\/cite>: &#8222;Der Marxismus &#8211; Landauer weist in seinem herrlichen <cite>Aufruf zum Sozialismus<\/cite>nachdr\u00fccklich darauf hin &#8211; besch\u00e4ftigt sich in allen seinen theoretischen Schriften nirgendwo mit dem Sozialismus, er ersch\u00f6pft sich in der Analyse und Kritik des Kapitalismus. Indem er aber ausgeht von der Hegelschen Lehre der Vern\u00fcnftigkeit alles Seienden und die unausweichliche Notwendigkeit der kapitalistischen Periode behauptet, ja, ihre Fortentwicklung bis zum Kulminationspunkt in die Zukunft hinein zur Grundlage seiner Revolutionslehre macht, bejaht er zun\u00e4chst alle Voraussetzungen des Kapitalismus, und so bejaht er den Staat, den Zentralismus, das Autorit\u00e4tsprinzip, alles, worauf der Kapitalismus ruht. Das Proletariat kann nicht zu Freiheit und Sozialismus kommen, ehe es nicht in seinem eigenen Befreiungskampf die Lehren verwirft, die die St\u00fctzen jedes Staatsglaubens sind: Autorit\u00e4t und Disziplin, Zentralismus und B\u00fcrokratismus, Positivismus und Fatalismus. Die Wissenschaft, sagt Bakunin, hat das Leben zu erhellen, nicht zu regieren. F\u00fchrerin im Kampf sei dem revolution\u00e4ren Proletariat nicht die anfechtbare Wissenschaft des Marxismus, der nichts anderes ist als Bismarxismus, sondern der unanfechtbare religi\u00f6se Glaube an sein Recht und seine Kraft, der Ha\u00df gegen die Ausbeutung und der Wille zur Freiheit!&#8220;<\/p>\n<p>Hier wird Bakunin nicht gegen, sondern eigentlich f\u00fcr Marx erkl\u00e4rlich. Marx und Engels, die beiden eitlen Gockel, haben schon vorzeitig, auf dem &#8222;Misthaufen der Geschichte&#8220;, ihre Endlagerungsgrube gescharrt. Zu den Verbiegungen von Marx hielt Johann Most in <cite>Marxereien und Eseleien<\/cite>fest:<\/p>\n<p>&#8222;Nichts w\u00e4re aber ein gr\u00f6\u00dferer Irrtum, als die etwaige Annahme, da\u00df die \u00c4ra der Irrt\u00fcmer heutzutage abgeschlossen sei. Wir sagen nicht zuviel, wenn wir behaupten, da\u00df neun Zehntel aller jetzt lebenden &#8218;Kultur'(?)-Menschen von einer Eselei in die andere fallen, ohne auch nur zu ahnen, wie sehr sie bis \u00fcber die beiden Ohren in Irrt\u00fcmern befangen sind. Man k\u00f6nnte \u00fcber dieses Thema eine Bibliothek von hundert anderthalbf\u00fc\u00dfigen Folianten schreiben, und man w\u00fcrde trotzdem nicht ersch\u00f6pfen, so ungeheuerlich verr\u00fcckt ist die durchschnittliche Denkweise der meisten sogenannten Marxisten. Wo man hinblickt, st\u00f6\u00dft man auf verkehrte Auffassungen, demgem\u00e4\u00df auch auf bl\u00f6dsinnige Schlu\u00dffolgerungen, kurzum, auf total unlogische Kreuz- und Querspr\u00fcnge verhunzter Gehirne.&#8220;<\/p>\n<p>Wozu ebenso zu rechnen ist, Marx zum obersten Libert\u00e4ren zu verkl\u00e4ren!<\/p>\n<h3>Stereotypen Marx&#8217;scher Anarchismuskritik<\/h3>\n<p>Der in GWR 239 zitierte Satz: &#8222;Jeder nach seinen F\u00e4higkeiten, jedem nach seinen Bed\u00fcrfnissen&#8220; sollte als erstes mal auf Marx selber bezogen werden. Marx&#8216; F\u00e4higkeit und Leistung war das Verfassen des <cite>Kapital<\/cite>. Und was war das Bed\u00fcrfnis von Marx? Stirner verbal auszuschalten und vernichten zu wollen. Max Stirners philosophische F\u00e4higkeit dr\u00fcckte sich im Werk <cite>Der Einzige und sein Eigentum<\/cite>aus. Wir heutigen AnarchistInnen sollten jede\/n nach seinen\/ihren F\u00e4higkeiten beurteilen und auch beschr\u00e4nken. Es geht nicht um Personen, sondern um Positionen!<\/p>\n<p>Wie verstand Marx Stirner? Gar nicht! Stirner ist \u00e4u\u00dferst schwierig zu verstehen, durch seine eigene Terminologie. Engels hatte Kontakt zu Stirners &#8222;Freien&#8220; in Berlin und war anf\u00e4nglich nicht unbeeindruckt. Nachdem er aber endg\u00fcltig zum Sprachrohr von Marx mutierte, \u00e4nderte sich dies schlag-Artig. In der <cite>Deutschen Ideologie<\/cite> &#8211; der Schrift gegen Stirner &#8211; wurde erstmalig das Grund-Strickmuster marxistischer Anarchismuskritik entwickelt. In einer der Sekund\u00e4rliteraturen zu Stirner, A.M. Bonanno&#8217;s <cite>Max Stirner und der Anarchismus<\/cite>, ist dies folgenderma\u00dfen beschrieben:<\/p>\n<p>&#8222;Und mit welchen Mitteln droschen sie (Marx\/Engels, d.A.) auf ihn (Stirner, d.A.) ein! Kein noch so mieses Register der Denunzierung, der Verf\u00e4lschung, des L\u00e4cherlich-Machens und in den Dreck-Ziehens, das die beiden erhabenen Begr\u00fcnder des &#8218;wissenschaftlichen Sozialismus&#8216; nicht gezogen h\u00e4tten, um auf \u00fcber 300 Druckseiten eine Handvoll Totschlagargumente zu variieren: &#8218;Sankt Max (Stirner, d.A.)&#8216;, der hohlste und d\u00fcrftigste Sch\u00e4del unter den Philosophen, habe das zweifelhafte &#8218;Verdienst, der Ausdruck der deutschen Kleinb\u00fcrger von heute zu sein, die danach trachten, Bourgeoisie zu werden.&#8216; Es fehle ihm g\u00e4nzlich an wissenschaftlichem Durchblick und proletarischem Klassenbewu\u00dftsein, demzufolge weigere er sich doch tats\u00e4chlich, sich um &#8218;den praktischen Zusammenhang&#8216; der bestehenden M\u00e4chte und Verh\u00e4ltnisse &#8218;zu bek\u00fcmmern, ihn kennenzulernen und nach ihm zu richten (!).&#8216; Mit blo\u00dfen &#8218;Fieberphantasien&#8216; im Kopf m\u00fcsse Stirners subjektiver Voluntarismus zwangsl\u00e4ufig in Don-Quichotterien enden und \u00fcberhaupt beweise das Konzept, die ganze Gesellschaft in freiwillige Gruppen aufzul\u00f6sen, &#8217;nur seinen eingerosteten Konservatismus&#8216; (hahahaha, d.A.). In der Tat sind das bereits so gut wie alle Stereotypen, die bis heue von marxistischer Seite gebetsm\u00fchlenhaft gegen den Anarchismus ins Feld gef\u00fchrt werden. Der schriftstellerische Aufwand, den Marx und Engels dabei betrieben, l\u00e4\u00dft sich &#8211; zumal bei Stirner &#8211; durch rein &#8218;politische&#8216; Rivalit\u00e4ten bzw. Machtk\u00e4mpfe allein freilich nicht erkl\u00e4ren. Die destruktive Inbrunst, mit der sie hier zu Werke gingen, und der zwischen derben Sp\u00e4\u00dfen und originellen Redewendungen z.T. unverbl\u00fcmt auflodernde Ha\u00df deuten eher auf notd\u00fcrftig kaschierte Hilflosigkeit hin. In dem von Marx und Engels ausgearbeiteten &#8218;historischen Materialismus&#8216; war kein Platz f\u00fcr die anarchistischen Provokationen Stirners: dessen beharrliches Eintreten f\u00fcr individuelle Autonomie und Selbstbefreiung, seine grunds\u00e4tzliche Staatsfeindlichkeit und Ideologiekritik lagen quer zu ihren Thesen vom Primat der \u00d6konomie und des Produktivkraftfortschritts f\u00fcr die gesellschaftliche Entwicklung, von der &#8218;historischen Mission des Proletariats&#8216; und der Notwendigkeit zur Eroberung der politischen Macht im Staate. Auf diesem Boden lie\u00df Stirner sich nicht einfach &#8218;widerlegen&#8216; oder \u00fcberbieten. Um ihr gerade mit gro\u00dfen geistigen Anstrengungen aufgerichtetes Ideengeb\u00e4ude nicht sofort wieder einst\u00fcrzen zu sehen, blieb Marx und Engels daher keine andere Wahl, als Stirner mit allen Mitteln auszuschalten. Gefangen im eigenen Alleing\u00fcltigkeitsanspruch mu\u00dften sie ihn mit ihrer &#8218;Kritik&#8216; f\u00f6rmlich vernichten. Die Begr\u00fcndung marxistischer Anarchismuskritik in der &#8218;Auseinandersetzung&#8216; mit Stirner entpuppt sich daher zu nicht geringem Teil als Abwehrreaktion gegen\u00fcber einer als existentiell erfahrenen Verunsicherung. Da\u00df sich dasselbe Reaktionsmuster sp\u00e4ter vom rein literarischen Gebiet auch in den praktischen Bereich verl\u00e4ngern und zu einer wesentlichen Antriebskraft marxistischer Machtpolitik werden sollte, ist bekannt. Die Intrigen gegen Bakunin und seine Freunde im Rahmen der I. Internationale waren ebenso wie der bolschewistisch-stalinistische Vernichtungskrieg gegen die anarchistischen Bewegungen in der russischen und der spanischen Revolution die konsequente Fortf\u00fchrung des an Stirner prototypisch vollzogenen Eliminierungsrituals: individuelle Autonomie als das bei Strafe des eigenen Untergangs auszuschaltende &#8218;Fremde&#8216; &#8211; Terror gegen Linksopposition als das zur materiellen Gewalt gewordene Ringen der autorit\u00e4ren Psyche um Integrit\u00e4t!&#8220;<\/p>\n<p>Marx ist nicht erst verbogen worden vom Arbeiterbewegungsmarxismus (GWR 239), er legte die Grundlagen selber. Und das erw\u00e4hnte Primat der \u00d6konomie ist der Dreh- und Angelpunkt des Marx&#8217;schen Weltbildes. Ebensowenig wie sich das Universum um die Erde dreht (wie es uns die Kirche einreden wollte), dreht sich das Leben um die \u00d6konomie (wie es uns die Kapita-Listigen und die Staatskapita-Listigen einreden wollen). Ein gewisser Dr. H. Oberd\u00f6rffer verfa\u00dfte die v\u00f6llig krasse Schrift mit dem Titel <cite>Diktatur der Arbeit, nicht des Proletariats<\/cite> (nur wer arbeitet, darf fressen), womit dieser Gedanke endg\u00fcltig auf die Spitze getrieben wurde und nicht mehr steigerungsf\u00e4hig ist. Hier m\u00f6chte ich nur G. Bataille&#8217;s <cite>Die Aufhebung der \u00d6konomie<\/cite>, 1985, empfehlen, zumindest als Ansatzpunkt ((1)). Auf der anderen Seite war Marx aber auch nicht konsequent: zwar behauptete er das Primat der \u00d6konomie, aber Frauenarbeit, Hausarbeit, Erziehungsarbeit wurden keineswegs als solche anerkannt, nur als Reproduktionsarbeit f\u00fcr den Mann, was die feministische Marx-Kritik etwa von Christel Neus\u00fc\u00df in <cite>Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung<\/cite> aufgezeigt hat.<\/p>\n<h3>Marx gegen den freiheitlichen Sozialismus<\/h3>\n<p>Beim anarchistischen Geschichtsforscher Max Nettlau finden wir folgende Beschreibung des Verh\u00e4ltnisses von Marx zum freiheitlichen Sozialismus und seiner VertreterInnen:<\/p>\n<p>&#8222;Nur <em>ein<\/em> Mann, in welchem die Autorit\u00e4t eine ihrer buntesten und giftigsten Bl\u00fcten produzierte, f\u00fchlte inmitten dieses philosophisch-politisch-\u00f6konomischen Zuges zur Freiheit hin den herostrategischen Trieb, die Freiheit mit all seinen reichen geistigen Mitteln zu bek\u00e4mpfen, <em>Karl Marx<\/em>, der vom Ehrgeiz besessen war, Proudhon zu vernichten, wie er Stirner zu vernichten unternahm und Feuerbachs Licht ausl\u00f6schen wollte, wie er jeden der kleineren Helfer der Freiheit, die Br\u00fcder Bauer und Karl Gr\u00fcn zu zertreten suchte, wie er sich He\u00df zum unwilligen Sklaven machte und F. Engels veranla\u00dfte, seine etwas freiere Z\u00fcge zeigende Vergangenheit mit dem dichtesten Schleier zu bedecken und seine anerkannte geistige Existenz erst vom Zusammentreffen mit Marx ab zu datieren, wie er endlich einen lebensl\u00e4nglichen Kampfmit Bakunin f\u00fchrte und auch Proudhon 1865 auf den Grabh\u00fcgel schm\u00e4hende Worte nachschleuderte. Ebenso ausdauernd verfolgte Marx die bisher, wie wir sahen, im Sozialismus sehr starken Freiwilligkeitsstr\u00f6mungen, das Heraustreten aus der heutigen Gesellschaft, wie es Fourier, Owen, Thompson, alle Assoziationisten Frankreichs, Englands und Amerikas beseelte und stempelte sie zur Utopie, seiner Wissenschaft gegen\u00fcber. Die k\u00e4mpfende autorit\u00e4re Revolution, f\u00fcr die Blanqui sein Leben im Kerker zubrachte, interessierte ihn aber praktisch ebensowenig, und er wu\u00dfte nur eine Abart der Demokratie zu bilden, woraus dann die Sozialdemokratie entstand und, da sie die geringsten Anforderungen an die sozialistische Energie und Intelligenz des einzelnen stellte, den gr\u00f6\u00dften Umfang gewann. Was hatte der Sozialismus getan, da\u00df er sich seiner freiheitlichen Entwicklung mit so t\u00f6dlicher Feindschaft in den Weg stellte? Ich habe nur diese psychologische, im Charakter von Marx begr\u00fcndete Hypothese, da\u00df es ihn \u00e4rgerte, als er sich 1842 dem Sozialismus zuwendete, Proudhon an erster Stelle zu sehen und da\u00df er so der intensivste Antagonist jeder freiheitlichen Richtung im Sozialismus wurde.&#8220; (aus: Max Nettlau, <cite>Geschichte der Anarchie, Bd. 1: Der Vorfr\u00fchling der Anarchie<\/cite>, Bibl. Th\u00e8leme, 1993, Neuauflage)<\/p>\n<p>Oscar Wilde schrieb einmal: &#8222;Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Mi\u00dferfolges.&#8220; Das l\u00e4\u00dft sich in diesem Falle besonders gut auf Marx beziehen. Was die psychologische Komponente bei Marx betrifft, empfiehlt es sich, mal das Buch von Volker Elis Pilgrim, <cite>Adieu Marx<\/cite>, zu lesen. Auch wenn man\/frau nicht jeder Schlu\u00dffolgerung Pilgrims folgen mag, so bietet es doch umfangreiches Material, um Marx analysieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Marxismus f\u00fchrt zur Errichtung gro\u00dfer Nationalstaaten<\/h3>\n<p>Max Nettlau strich folgende Stelle bei Bakunin mit folgenden Worten hervor: &#8222;Im \u00fcbrigen f\u00fchrt diese Stelle gl\u00e4nzend den Nachweis, da\u00df staatlicher Sozialismus und Internationalismus sich stets ausschlie\u00dfen und nur Anarchie und Internationalismus vereinbar und tats\u00e4chlich untrennbar sind.&#8220; In einem Brief <cite>An die spanischen Br\u00fcder der Allianz<\/cite>(Fr\u00fchjahr 1872, Locarno) berichtete Bakunin \u00fcber den Bruch zwischen autorit\u00e4rem Staatssozialismus des Herrn Marx und den AnarchistInnen:<\/p>\n<p>&#8222;Daher gibt es die beiden entgegengesetzten Systeme: das anarchische System von Proudhon, das wir erweitert, entwickelt und von all seinem metaphysischen, idealistischen, doktrin\u00e4ren Ansatz befreit haben, indem wir klipp und klar die Materie in der Wissenschaft und die soziale \u00d6konomie in der Geschichte als Grundlage aller weiteren Entwicklungen annahmen. Und das System des Chefs der deutschen Schule der autorit\u00e4ren Kommunisten. Folgendes sind die Grundlagen dieses Systems: Wie wir selbst wollen die autorit\u00e4ren Kommunisten die Abschaffung des Privateigentums. Sie unterscheiden sich von uns haupts\u00e4chlich dadurch, da\u00df sie Expropriation aller durch den Staat wollen, wir dagegen wollen dieselbe durch die Abschaffung des Staates und des nat\u00fcrlich vom Staate garantierten juridischen Rechts. Deshalb proklamierten wir auf dem Basler Kongre\u00df (1869) die Abschaffung des Erbrechts, w\u00e4hrend jene sich dort derselben widersetzten, indem sie sagten, diese Abschaffung werde unn\u00f6tig, sobald der Staat der einzige Besitzer werde. &#8211; Der Staat, sagen sie, mu\u00df der einzige Grundbesitzer und zugleich der einzige Bankier sein. Die Staatsbank, die heute bestehenden Privatbanken ersetzend, darf allein die nationale Arbeit mit Geld versehen, so da\u00df tats\u00e4chlich alle Arbeiter, Land- und Industriearbeiter, Lohnarbeiter des Staates werden. (&#8230;) Wir haben dieses System aus zwei Ursachen zur\u00fcckgewiesen: zuerst weil es, statt die Staatsmacht zu vermindern, sie durch Konzentration aller Macht in den H\u00e4nden des Staates vermehrt. Sie sagen zwar, ihr Staat werde der Volksstaat sein, regiert von Versammlungen und Beamten, die direkt vom Volk gew\u00e4hlt und der Volkskontrolle unterworfen sind. Das ist das parlamentarische, das Repr\u00e4sentativsystem, das des allgemeinen Stimmrechts, korrigiert durch das Referendum und die direkte Volksabstimmung \u00fcber alle Gesetze. Wir wissen aber, was von der Aufrichtigkeit dieser Vertretungen zu halten ist. Klar ist, da\u00df das System von Marx wie das von Mazzini (italien. Befreiungsnationalist, d.A.) zur Errichtung einer sehr starken sogenannten Volksmacht f\u00fchrt, das hei\u00dft zur Herrschaft einer intelligenten Minderheit, die allein f\u00e4hig ist, die bei einer Zentralisation unvermeidlich sich ergebenden verwickelten Fragen zu erfassen, und folglich zur Knechtschaft der Massen und ihrer Ausbeutung durch diese intelligente Minderheit. Das ist das System der &#8218;revolution\u00e4ren Autorit\u00e4ten&#8216;, der aufgezwungen und von oben geleiteten Freiheit &#8211; das hei\u00dft, es ist eine schreiende L\u00fcge. Unser zweiter Grund, dieses System zur\u00fcckzuweisen, ist, da\u00df es direkt zur Errichtung neuer gro\u00dfer Nationalstaaten f\u00fchrt, die getrennt und notwendigerweise rivalisierend und gegeneinander feindlich sind, zur Negation der Internationalit\u00e4t, der Menschlichkeit. Denn falls sie nicht die Pr\u00e4tention haben, einen einzigen universellen Staat zu gr\u00fcnden &#8211; ein absurdes und von der Geschichte verurteiltes Unterfangen -, m\u00fcssen sie notwendigerweise nationale Staaten gr\u00fcnden oder, was noch wahrscheinlicher ist, gro\u00dfe Staaten, in denen eine Rasse, die m\u00e4chtigste und intelligenteste, andere Rassen knechten, unterdr\u00fccken und ausbeuten w\u00fcrde, so da\u00df die Marxianer, ohne es sich zu gestehen, unvermeidlich zum Pangermanismus gelangen.&#8220;<\/p>\n<p>Die Weitsicht Bakunins erkl\u00e4rt sich nicht etwa aus irgendwelchen &#8222;g\u00f6ttlichen oder metaphysischen Quellen&#8220;, sondern aus seiner F\u00e4higkeit, der Logik zu folgen, auf der Basis des wissenschaftlichen Rationalismus. Zum einen zeigte schon das &#8222;freie&#8220; Amerika, da\u00df eine &#8222;Rasse&#8220;, die wei\u00dfe, alle anderen unterdr\u00fcckte und gezielt ausrottete. Zum anderen wies schon Marx in seinen Schriften ein menschenverachtendes Bild auf, wenn man\/frau liest, wie er \u00fcber andere Lebensformen urteilte. Es waren nicht erst die ArbeiterbewegungsmarxistInnen, die diese Tendenzen einbrachten. Wie wenig dieser Marxismus den Versuchungen des Nationalen gewachsen war, zeigte sich besonders deutlich in der Zeit zwischen 1918-33. Otto-Ernst Sch\u00fcddekopf hat dies in seinem Buch <cite>Nationalbolschewismus in Deutschland<\/cite>zusammengetragen und erl\u00e4utert, wie stark diese nationalistische Bewegung innerhalb der staatssozialistischen wirkte. Dann kam die nationalsozialistische Schreckensherrschaft.<\/p>\n<p>In dem Restteil des zerst\u00f6rten Reiches, wo das staatssozialistische Experiment in einem Gartenzwergsozialismus verendete, kam es nur noch kurze Zeit (&#8218;Wir sind <em>das<\/em> Volk&#8216;) zu reformerischen Ideen, den Staatssozialismus weiterzuentwickeln. Nachdem dann die nationalbolschewistischen Erben die nationalistische Parole: &#8222;Wir sind <em>ein<\/em>Volk&#8220; herausgab, war dies das Grablicht des deutschen, demokratischen und republikanischen Staatssozialismus. Die Nationale Volksarmee wurde geschluckt und war ein weiterer Schritt in den heutigen rotgr\u00fcnen Militarismus. Und als sich der Superstaat UdSSR, nach staatssozialistischer Entwicklungstheorie endlich und endg\u00fcltig aufl\u00f6ste, zerfiel es zu dem, was es in Wirklichkeit immer geblieben ist: Ru\u00dfland wurde wieder orthodox- nationalbolschewistisch und die abbrechenden Staaten sind dies ebenfalls oder fundamentalistisch-religi\u00f6s.<\/p>\n<p>Was hat Marx uns f\u00fcr die Zeit nach der Revolution zu bieten? C. Northcote Parkinson, der f\u00fcr seine \u00e4tzende Satire auf des selbstzweckhafte Wuchern von Verwaltung und B\u00fcrokratie ber\u00fcchtigt ist, schrieb in <cite>Goodbye Karl Marx<\/cite>, S.53f.:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn der Kapitalismus, wie Marx behauptet hat, aus Gr\u00fcnden seiner inneren Widerspr\u00fcche und Spannungen zum Scheitern verurteilt ist und das Proletariat ein kommunistisches Utopia errichten wird, so d\u00fcrfen wir wohl fragen, was dann geschehen soll. Wieso soll es nicht m\u00f6glich sein, da\u00df auch der Kommunismus scheitert und geradewegs in eine Diktatur m\u00fcndet? Was soll an einem kommunistischen Regime so dauerhaft sein, da\u00df es nicht einen Niedergang erlebt wie andere Herrschaftsformen auch? Die Entwicklung der Gesellschaft kommt doch nicht zum Stillstand. Und selbst wenn &#8211; wie k\u00f6nnen wir wissen, an welchem Punkt oder in welchem Stadium? Warum sollte der Staat verwelken? M\u00fcssen wir nicht vielmehr vermuten, da\u00df die Verstaatlichung der Industrie f\u00fcr jede Regierung nur eine immer gr\u00f6\u00dfere Verlockung bedeuten mu\u00df, ihre Macht und ihren Einflu\u00df noch weiter auszudehnen? Und selbst wenn wir unterstellen, da\u00df die von Marx propagierte Revolution die wirklich letzte gro\u00dfe Auseinandersetzung der menschlichen Gesellschaft sei &#8211; gerade dann d\u00fcrfen wir doch erwarten, etwas mehr \u00fcber jenes Utopia sozialer Gl\u00fcckseligkeit und Harmonie zu erfahren, in dem die von Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung befreiten Menschen dann nach Marxens Verhei\u00dfung leben sollen. In Wahrheit aber h\u00f6ren die politischen Vorstellungen, die Karl Marx entwickelte, genau an dem Laternenpfahl auf, an dem der letzte Kapitalist aufgekn\u00fcpft wird. Der kommunistische Erzvater verlor das Interesse an diesem speziellen Thema just an dem Punkt, wo wir von fieberhafter Spannung erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, um nun die Details zu erfahren. Wenn wir nach Marx eines sozialen Paradieses teilhaftig werden sollen, so ist leider festzustellen, da\u00df er uns die Herrlichkeiten dieses Zustandes nicht geschildert hat. Er erlaubt uns nicht den kleinsten Blick durchs Schl\u00fcsselloch. Als Wirtschafts- und Gesellschaftstheoretiker war Marx ein intellektueller Gigant &#8211; wie zeitbedingt seine Thesen auch immer gewesen sein m\u00f6gen. Als Sozialpolitiker, wenn dieser Ausdruck hier erlaubt ist, war er ein Einfaltspinsel.&#8220;<\/p>\n<p>Marx war, ist und wird immer ein Autorit\u00e4rer sein. Der Anarchismus braucht keine Ikonen oder andere G\u00f6tzen. Wir brauchen keine Denkm\u00e4ler, wir denken selber. Und wenn wir AnarchistInnen es diesmal nicht schaffen &#8211; nach dem Zusammenbruch des Staatskapitalismus und der nun erfolgten rotzgr\u00fcnen APOcalypse &#8211; die treibende Kraft der Opposition (Widerstand) zu werden, wann dann? Dann gnade uns der Gott, welcher uns nach seinem Eber-Bilde erschAffen haben soll. Die Fortsetzung der permanenten R&amp;Evolution ist dringender denn je. F\u00fcr die kommende anarchistische Revolution lautet der Ruf nach Freiheit: <cite>&#8222;Wir sind die Menschheit&#8220;<\/cite>, und nicht &#8222;Wir sind <em>eine<\/em> Menschheit&#8220;, dies ist die Parole der kapitalistischen Globalisierung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kapital ist die gr\u00f6\u00dfte Leistung von Marx, davor hatte auch Bakunin gro\u00dfen Res(t)pekt. Bakunin \u00fcbersetzte dieses Werk selber ins Russische. Johann Most gab eine volksverst\u00e4ndliche Zusammenfassung heraus, welche von Marx redigiert wurde. Es liegt mir also fern, AnarchistInnen gegen Marx ins Feld zu f\u00fchren. Interessanter ist es, Marx gegen den libert\u00e4r-verkl\u00e4rten Marx anzuf\u00fchren, denn &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/12\/was-ist-der-marx-noch-wert\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Was ist der Marx (noch) \"wert\"? - graswurzelrevolution","description":"Das Kapital ist die gr\u00f6\u00dfte Leistung von Marx, davor hatte auch Bakunin gro\u00dfen Res(t)pekt. Bakunin \u00fcbersetzte dieses Werk selber ins Russische. 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