{"id":30304,"date":"2023-10-03T13:08:45","date_gmt":"2023-10-03T11:08:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/10\/da-ist-kein-ende\/"},"modified":"2023-10-25T19:52:18","modified_gmt":"2023-10-25T17:52:18","slug":"da-ist-kein-ende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/10\/da-ist-kein-ende\/","title":{"rendered":"\u201eDa ist kein Ende\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 12. Juni 2023 ist die gro\u00dfe Gustav-Landauer-Briefausgabe der Jahre 1899 bis 1919 erschienen.Sie gliedert sich in drei B\u00e4nde mit Briefen, denen drei B\u00e4nde erl\u00e4uternder Stellenkommentar entsprechen. Ein weiterer Band ist mit Verzeichnissen angef\u00fcllt, wobei ein kommentiertes Personenverzeichnis und -register den meisten Platz einnimmt. Sieben dicke B\u00e4nde; aber man br\u00e4uchte dazu noch eine Bibliothek, um den Hinweisen nachzusteigen, mit denen der Kommentar aufwartet. Woran sich ermessen l\u00e4sst, wie tief die Herausgeberin Landauer mit dieser Ausgabe in die Kultur- und Geistesgeschichte der vorvergangenen Jahrhundertwende eingeschrieben hat.<br \/>\nBereits ediert waren seine Briefwechsel mit Fritz Mauthner und Erich M\u00fchsam; die Briefe an Ludwig Berndl digital immerhin zug\u00e4nglich als Typoskript. Was nicht in der \u201eLebensgang\u201c-Ausgabe von 1929 enthalten war, lag ansonsten zumeist nur handschriftlich und verstreut \u00fcber verschiedene Archive vor. Dass Mauthner, M\u00fchsam oder Martin Buber zu Landauers Briefpartnern z\u00e4hlten, war hinl\u00e4nglich bekannt. Sein Umgang mit Max Beckmann, Lou Andreas-\u2028Salom\u00e9 oder Wieland Herzfelde d\u00fcrfte es weniger gewesen sein. Wir erfahren von Reibereien mit Hugo Ball und Richard H\u00fclsenbeck, die um \u201eUnterst\u00fctzung bei einer kuriosen politischen Aktion\u201c (III, 79) ansuchten, von Spazierg\u00e4ngen mit Karl Tomys, Gruppenwart der Gruppe \u201eGrund und Boden\u201c des Sozialistischen Bundes, Silvio Gesell und Paulus Kl\u00fcpfel in Eden bei Oranienburg, von Zwistigkeiten mit Kurt Hiller oder Pierre Ramus.<br \/>\nKnapp 2.800 Dokumente werden pr\u00e4sentiert; nur in Auswahl geboten werden lediglich Briefe famili\u00e4ren Charakters an die Eltern und die erste Tochter Charlotte. Einige Briefe des Jahres 1899, die schon in der 2017 von Christoph Kn\u00fcppel besorgten Ausgabe der \u201eBriefe und Tageb\u00fccher 1884-1900\u201c enthalten sind (vgl. GWR 422), wurden aufgenommen, sofern sie zum Verst\u00e4ndnis von Landauers Situation zu dieser Zeit notwendig sind.<br \/>\nIn einer l\u00e4ngeren Einleitung reflektiert Hanna Delf von Wolzogen den Brief als Medium und literarische Gattung, die Art, wie Landauer ihn verwendet und die Bedeutung, die das Briefeschreiben f\u00fcr ihn hat. Verschiedene \u201eSchreibszenen\u201c (IV, 33) werden eingef\u00fchrt: Studentenbrief, Liebesbrief, Gef\u00e4ngnisbrief \u2013 offiziell oder als \u201eKassiber\u201c (IV, 42) herausgeschmuggelt \u2013 die gesch\u00e4ftliche und freundschaftliche Korrespondenz. Landauer nutzte das Medium \u2013 und seine Unterarten von Karte bis Telegramm \u2013 ausgiebig. Es diente der knappen Verabredung und prosaischen Kommunikation mit Verlegern ebenso wie der Bew\u00e4ltigung des Gef\u00e4ngnisalltags mittels seiner distanzierenden Beobachtung. Immer wieder wird Landauers \u201ebew\u00e4hrte Briefschreiberegel\u201c (VI, 61) zitiert, der zufolge die in einem Brief aufgeworfenen Fragen im Antwortbrief \u201ePunkt f\u00fcr Punkt\u201c (III, 438) zu erledigen sind. Das Schreiben von Briefen war ihm in jeder Hinsicht \u201eeine Sache der Praxis\u201c (IV, 37).<br \/>\nAuch die wichtigsten Briefpartner*innen stellt die Herausgeberin kurz vor: darunter Auguste Hauschner, die Schriftstellerin und Salonni\u00e8re, die seine \u201egr\u00f6\u00dfte F\u00f6rderin und M\u00e4zenin\u201c (IV, 83) werden sollte; Max Nettlau, der Landauer erstmals 1892 w\u00e4hrend eines Aufenthalts in Z\u00fcrich als Redner erlebte (IV, 175) und zu dem sp\u00e4ter ein freundschaftliches Verh\u00e4ltnis entstand; Constantin Brunner, der im Nachbarort lebende Philosoph, den Landauer zeitweilig unter seine wichtigsten Menschen z\u00e4hlte und dessen Hauptwerk er zu ver\u00f6ffentlichen half, mit dem er jedoch reuelos brach, als er darin ein System der \u201eMenschenregistratur\u201c (II, 190) erkannte; Ludwig Berndl, Philosophiestudent aus proletarischer Familie, Indologe und sp\u00e4ter \u00dcbersetzer Leo Tolstois, den Landauer als Gespr\u00e4chspartner sch\u00e4tzte, auch wenn er philosophisch nicht mit ihm einig wurde.<br \/>\nZwischen den m\u00fcndlichen Gespr\u00e4chen, den Briefen und \u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen Landauers besteht eine Kontinuit\u00e4t des Wollens und der Diskussion. Theoreme, die im Austausch mit Brunner eine Rolle spielen, durchdringen auch die fr\u00fche Korrespondenz mit Berndl, wenn es etwa darum geht, eine zeitliche von einer unzeitlichen Perspektive zu unterscheiden. Ein Brief an den Gesellianer Paulus Kl\u00fcpfel, worin Landauer ihm seinen Gedankengang in gedr\u00e4ngter Form anschaulich zu machen sucht, wird kurzerhand in einen Artikel f\u00fcr die Zeitschrift Ernst Jo\u00ebls umgearbeitet. Gelegentlich seiner Rezension von Tolstois Tagebuch in Berndls \u00dcbersetzung teilt er Mauthner brieflich mit, dass er sich darin ein wenig mit ihm unterhalte und bittet, das \u201ekleine Impromtu\u201c (III, 485) gegen den Skeptizismus nicht \u00fcbel aufzufassen. Landauers Briefe sind von seinen \u00fcbrigen \u00c4u\u00dferungen ganz selbstverst\u00e4ndlich nicht getrennt, und daher eine umso wichtigere Erg\u00e4nzung zu deren Verst\u00e4ndnis. Dokumente einer seltenen Briefkunst sind sie ohnehin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 12. Juni 2023 ist die gro\u00dfe Gustav-Landauer-Briefausgabe der Jahre 1899 bis 1919 erschienen.Sie gliedert sich in drei B\u00e4nde mit Briefen, denen drei B\u00e4nde erl\u00e4uternder Stellenkommentar entsprechen. Ein weiterer Band ist mit Verzeichnissen angef\u00fcllt, wobei ein kommentiertes Personenverzeichnis und -register den meisten Platz einnimmt. Sieben dicke B\u00e4nde; aber man br\u00e4uchte dazu noch eine Bibliothek, um &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/10\/da-ist-kein-ende\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eDa ist kein Ende\u201c - graswurzelrevolution","description":"Am 12. 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