{"id":3042,"date":"1999-12-01T00:00:54","date_gmt":"1999-11-30T22:00:54","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3042"},"modified":"2022-07-26T13:56:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:58","slug":"das-zeichen-auschwitz-last-sich-nicht-tilgen-p-levi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1999\/12\/das-zeichen-auschwitz-last-sich-nicht-tilgen-p-levi\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Zeichen Auschwitz l\u00e4\u00dft sich nicht tilgen&#8220; (P. Levi)"},"content":{"rendered":"<p>Mit der j\u00fcngst erschienenen Biographie der in Paris lebenden Schriftstellerin und Journalistin Myriam Anissimov liegt nun endlich in deutscher \u00dcbersetzung &#8211; die Originalausgabe erschien 1996 in Frankreich &#8211; eine umfassende Studie \u00fcber Leben und Werk des italienischen Schriftstellers, Chemikers und Auschwitz-\u00dcberlebenden Primo Levi vor. Bewegend beschreibt die Autorin darin die Trag\u00f6die eines Menschen, dem von den Nationalsozialisten einzig aufgrund seiner j\u00fcdischen Herkunft das Lebensrecht aberkannt wurde und dem schlie\u00dflich, trotz seiner optimistischen Grundhaltung, die &#8222;Krankheit der Heimgekehrten&#8220;, wie er es in bezug auf die \u00dcberlebenden der Shoa selbst nannte, einholte als er sich 1987 in seinem Geburtshauses in Turin zu Tode st\u00fcrzte.<\/p>\n<p>Primo Levi, 1919 geboren, wuchs in einer assimilierten j\u00fcdischen Familie auf. Nach dem Besuch des humanistischen Gymnasiums, studierte er Chemie und promovierte 1941. Aufgrund der 1938 von Mussolini erlassenen antij\u00fcdischen Rassengesetze fand er nur unter M\u00fchen eine berufliche Anstellung als Chemiker in einem Bergwerk, sp\u00e4ter in einem pharmazeutischen Unternehmen.<\/p>\n<p>1943 landeten die Alliierten in Italien, brach der italienische Faschismus zusammen und besetzte die deutsche Wehrmacht Oberitalien. Primo Levi schlo\u00df sich daraufhin dem antifaschistischen Widerstand um die vorwiegend aus Jugendlichen und Intellektuellen bestehende Piemonter Partisanenbewegung &#8222;Giustizia e Libert\u00e0&#8220; an. Mitte Dezember 1943 aufgrund einer Denunziation verhaftet, wurde er zun\u00e4chst in das KZ Carpi-Fossoli bei Modena verschleppt und im Februar 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. W\u00e4hrend die meiste Kinder, Frauen und M\u00e4nner unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz ins Gas geschickt wurden, k\u00e4mpfte Primo Levi, dem die Nazis auf den linken Arm die H\u00e4ftlingsnummer 174517 t\u00e4towierten, als Arbeitssklave in Auschwitz-Monowitz ums nackte \u00dcberleben.<\/p>\n<p>Die detaillierte Beschreibung dieses zehnmonatigen Martyriums 1944\/45 geh\u00f6rt zu den anr\u00fchrendsten Kapiteln in Anissimovs Buch. Geradezu atemlos liest man, wie es \u00fcberhaupt m\u00f6glich war, diese Barbarei zu \u00fcberleben. Primo Levi, von Scham- und Schuldgef\u00fchlen gequ\u00e4lt, stellte sich wie viele andere \u00dcberlebende der Shoa nach seiner Befreiung wiederholt die Frage, wieso ausgerechnet er \u00fcberlebte und Millionen Menschen in dieser H\u00f6lle umkamen: &#8222;Ist die [&#8230;] Scham gerechtfertigt oder nicht? Es ist mir [&#8230;] nicht gelungen, hierauf eine Antwort zu finden [&#8230;] aber die Scham war vorhanden und ist es noch, konkret, lastend, fortdauernd.&#8220;(S. 218) Die anhaltenden Schuldgef\u00fchle gegen\u00fcber den ermordeten Opfern der Shoa, vermeintlich auf ihre Kosten \u00fcberlebt zu haben, st\u00fcrzten ihn am Ende seines Lebens in tiefe Depressionen.<\/p>\n<p>Schwerkrank wurde Primo Levi Ende Januar 1945 von der Roten Armee in Auschwitz-Monowitz befreit. Er kehrte nach Turin zur\u00fcck und arbeitete wieder als Chemiker, sp\u00e4ter als Generaldirektor der synthetische Emaillelacke produzierenden SIVA-Werke. Zugleich begann Primo Levi zu schreiben. Die schrecklichen Erfahrungen in Auschwitz bestimmten seine Entscheidung, Schriftsteller zu werden, ma\u00dfgeblich. Bereits 1947 erschien Levis Bericht &#8222;Ist das ein Mensch?&#8220;, eines der zentralen literarischen Zeugnisse \u00fcber die Shoa. Mit beeindruckender N\u00fcchternheit dokumentierte er darin, was die Deutschen ihm und Millionen anderen in Auschwitz angetan hatten. \u00dcber sein Leiden und das ihn qu\u00e4lende Trauma schreibend sich zu vergewissern, lie\u00df ihn bis zu seinem Freitod nicht verstummen. Anl\u00e4\u00dflich des zehnten Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus gemahnte er: &#8222;Sollen wir, die \u00dcberlebenden [&#8230;] uns mit unserem Zeugnis, das die Geschichte trotz unserer Feinde hin\u00fcbergerettet zu haben scheint, zur\u00fcckhalten? Es gibt nur eine Antwort. Es darf kein Vergessen geben, kein Verschweigen. Wenn wir schweigen, wer wird dann reden? Bestimmt nicht die Schuldigen und ihre Komplizen. Unser Zeugnis wird fehlen, und in naher Zukunft wird die Geschichte der Bestialit\u00e4t der Nazis aufgrund ihrer eigenen Ungeheuerlichkeit der Legende angeh\u00f6ren. Wir m\u00fcssen also unbedingt sprechen, immer wieder sprechen.&#8220; (S.393f.)<\/p>\n<p>Zugleich wurde ihm gemeinsam mit anderen \u00dcberlebenden der Shoa &#8211; etwa dem \u00f6sterreichischen Schriftsteller Jean Am\u00e9ry, zur gleichen Zeit wie Levi in Auschwitz als Arbeitssklave inhaftiert und dort zeitweilig dessen Barackenkamerad &#8211; schmerzhaft bewu\u00dft, da\u00df ihre traumatischen Erfahrungen mit dem schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte selbst engsten Familienmitgliedern und langj\u00e4hrigen Freunden, die nicht dem Vernichtungsdruck der Nationalsozialisten ausgesetzt waren, nicht zu vermitteln waren. In seiner Erstver\u00f6ffentlichung &#8222;Ist das ein Mensch?&#8220; schildert er einen in Auschwitz wiederkehrenden Traum: &#8222;Meine Schwester, einige nicht genau erkennbare Freunde von mir und viele andere Menschen sind da. Sie h\u00f6ren mir alle zu, und eben das erz\u00e4hle ich: [&#8230;] von dem harten Bett, von meinem Nachbar, den ich wegschieben m\u00f6chte und den zu wecken ich Angst habe, weil er kr\u00e4ftiger ist als ich. Ich erz\u00e4hle auch ausf\u00fchrlich von unserem Hunger, von der L\u00e4usekontrolle und von dem Kapo, der mich auf die Nase geschlagen und dann zum Waschen geschickt hat, weil ich blutete. Ein intensives, k\u00f6rperliches unbeschreibliches Wonnegef\u00fchl ist es, in meinem Zuhause und mitten unter befreundeten Menschen zu sein und \u00fcber so vieles berichten zu k\u00f6nnen. Und doch, es ist nicht zu \u00fcbersehen, meine Zuh\u00f6rer folgen mir nicht, ja sie sind \u00fcberhaupt nicht bei der Sache: Sie unterhalten sich undeutlich \u00fcber andere Dinge, als sei ich gar nicht vorhanden. Meine Schwester schaut mich an, steht auf und geht, ohne ein Wort zu sagen.&#8220; (S. 359)<\/p>\n<p>Das Empfinden, das Jean Am\u00e9ry als Verlust des &#8222;Weltvertrauens&#8220; beschrieben hat, traf exakt das Lebensgef\u00fchl der den NS-Lagern Entronnenen. Auch wenn die Welt au\u00dferhalb der Lager kaum Interesse daran bekundete, erschien Primo Levi die erz\u00e4hlende Erinnerung als einzige M\u00f6glichkeit, sich von dem Leid zu befreien. Auschwitz war die grundlegende Erfahrung seines Lebens, von der er erz\u00e4hlen mu\u00dfte, lebenslang.<\/p>\n<p>Zunehmend vertieften sich seine Zweifel, ob die berichtende Zeugenschaft \u00fcber den Holocaust \u00fcberhaupt das Erinnern bewahren kann: &#8222;Aus dem Abstand von Jahren l\u00e4\u00dft sich heute durchaus sagen, da\u00df die Geschichte der Konzentrationslager fast ausschlie\u00dflich von denen geschrieben wurde, die, wie ich, nicht den tiefsten Punkt des Abgrunds ber\u00fchrt haben. Wer ihn ber\u00fchrt hat, ist nicht mehr wiedergekommen, oder seine Beobachtungsgabe war durch sein Leid und das Nichtbegreifen gel\u00e4hmt.&#8220;(S. 526)<\/p>\n<p>Detailliert zeichnet die Biographin Myriam Anissimov Levis anhaltenden Kraftakt nach, die Erinnerung an die Shoa wachzuhalten. Seine B\u00fccher: &#8222;Ist das ein Mensch?&#8220; (1947), &#8222;Atempause&#8220; (1963), &#8222;Das periodische System&#8220; (1975), &#8222;Wann, wenn nicht jetzt?&#8220; (1982), das den j\u00fcdischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus dokumentiert; &#8222;Die Untergegangenen und die Geretteten&#8220; \u00fcber die Mechanismen des Vernichtungslagers und ihre Auswirkungen auf die Psyche der H\u00e4ftlinge, der Roman &#8222;Der Ringschl\u00fcssel&#8220; (1997), die Erz\u00e4hlungen und Gedichte, zeugen von einem erz\u00e4hlerischen Potential, das Inferno der Shoa mit gro\u00dfer \u00dcberzeugungskraft f\u00fcr die Nachwelt zu dokumentieren.<\/p>\n<p>In der Frage, welche Lehren aus dem Massenmord am europ\u00e4ischen Judentum zu ziehen seien, wies er wiederholt daraufhin, zu welchen Greueltaten Menschen f\u00e4hig sind. Zugleich bewahrte er sich aber seinen Glauben an einen Humanismus, der auf einem Erinnern basiert, das weder auf Rache noch vorschnelles Verzeihen abzielt, sondern Gerechtigkeit einfordert, ohne dabei die Opfer zu instrumentalisieren, einfordert. Das schlo\u00df auch sein Engagment gegen Antisemitismus und die Leugnung der Shoa mit ein. 1978 verfa\u00dfte Primo Levi einen Text f\u00fcr den Gedenkstein im Block der italienischen H\u00e4ftlinge in Auschwitz, worin er sein Credo formulierte: &#8222;Besucher, betrachte die \u00dcberreste dieses Lagers und bedenke: Aus welchem Land du auch kommen magst, du bist kein Fremder. Sorge daf\u00fcr, da\u00df deine Reise nicht umsonst ist, da\u00df unser Tod nicht umsonst ist. Dir und deinen Kindern vermittelt die Asche von Auschwitz eine Warnung. M\u00f6ge die Frucht des Hasses, dessen Spuren du hier siehst, keine neue Saat tragen, weder heute noch jemals.&#8220;(S. 457)<\/p>\n<p>Mit dieser volumin\u00f6sen Biographie Primo Levis liegt eine empfehlenswerte Studie vor, die dokumentiert, wie ein \u00dcberlebender der Shoa seine Leidenserfahrungen und sein Denken nach Auschwitz schreibend in die \u00d6ffentlichkeit einzubringen versuchte, sich jedoch am Ende seines Lebens gescheitert sah und schlie\u00dflich wie Paul Celan, Bruno Bettelheim, Tadeusz Borowski und Jean Am\u00e9ry nur einen &#8218;Ausweg ins Freie&#8216; erkannte: den selbstgew\u00e4hlten Tod.<\/p>\n<p>P. S.: Eine treffliche Erg\u00e4nzung zu Anissimovs Lebensdarstellung ist der soeben erschienene Auswahlband mit den wichtigsten Gespr\u00e4chen und Interviews Primo Levis nach Themenkreisen geordnet: Leben, B\u00fccher, Literatur, Shoa, Judentum und Staat Israel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der j\u00fcngst erschienenen Biographie der in Paris lebenden Schriftstellerin und Journalistin Myriam Anissimov liegt nun endlich in deutscher \u00dcbersetzung &#8211; die Originalausgabe erschien 1996 in Frankreich &#8211; eine umfassende Studie \u00fcber Leben und Werk des italienischen Schriftstellers, Chemikers und Auschwitz-\u00dcberlebenden Primo Levi vor. 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