{"id":30465,"date":"2023-10-27T17:41:57","date_gmt":"2023-10-27T15:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/10\/friedhof-der-rettungswesten\/"},"modified":"2023-11-27T20:03:28","modified_gmt":"2023-11-27T18:03:28","slug":"friedhof-der-rettungswesten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/10\/friedhof-der-rettungswesten\/","title":{"rendered":"Friedhof der Rettungswesten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Drei Wochen war ich auf Lesbos sowie auf der R\u00fcckreise noch eine Woche in Athen und Pir\u00e4us. Ich bin bereits mehrmals auf Lesbos (diesmal mein vierter Besuch) und in Athen (diesmal zum X. Mal) auf den Spuren von Gefl\u00fcchteten gewesen, und habe dar\u00fcber berichtet ((1)). Diesmal habe ich wieder zahlreiche Gespr\u00e4che mit Einheimischen, Zugereisten, Mitarbeiter:innen und Volunteers von NGOs gef\u00fchrt, aber auch mit Gefl\u00fcchteten selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fl\u00fcchtlinge scheinen bei den Einheimischen auf Lesbos kein Thema mehr zu sein. Viel wichtiger ist ihnen der boomende Tourismus. Gerade touristische Hochburgen wie Molivos oder Petra an der Nordk\u00fcste quellen quasi \u00fcber vor Touristenmassen. In Mytilini, der Haupt- und Hafenstadt ist es anders. Auch hier gibt es viele Tourist:innen. Das sind \u00fcberwiegend Kurzg\u00e4ste aus der T\u00fcrkei, die die preiswerten und nach Corona wieder regelm\u00e4\u00dfig verkehrenden F\u00e4hren von Ayvalik bzw. Izmir nutzen. Gefl\u00fcchtete sieht man auf Lesbos nur in der Gegend von Mytilini. Unterwegs vom Camp Mavrovouni nach Mytilini, entweder zu Fu\u00df, mit dem Fahrrad oder mit dem Bus. In Mytilini selbst fallen sie kaum auf. Auff\u00e4llig sind die bettelnden Menschen, \u00fcberwiegend Kinder. Aber das sind keine Gefl\u00fcchteten, sondern Roma, die hier zur H\u00e4lfte in H\u00e4usern, zur anderen H\u00e4lfte im Camp Pagini leben.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Pushbacks<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder, mit dem ich auf Lesbos \u00fcber Pushbacks gesprochen habe, wei\u00df, dass es sie nach wie vor gibt, auch wenn der griechische Staat das leugnet. Seit dem Schiffsungl\u00fcck bei Pylos (Peloponnes) im Juni 2023 und der Androhung von Frontex, sich aus Griechenland zur\u00fcckzuziehen, haben sie aber abgenommen. Die Aussagen dazu variieren. Einerseits sollen Gefl\u00fcchtete, die Lesbos erreicht haben, nicht mehr so h\u00e4ufig auf Boote o.\u00e4. ausgesetzt und zur R\u00fcckkehr gezwungen werden. Andererseits w\u00fcrden nur Boote, die au\u00dferhalb griechischer Gew\u00e4sser aufgegriffen werden, zur Umkehr gezwungen. Alle anderen w\u00fcrden von der griechischen K\u00fcstenwache gerettet werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Rettungswestenfriedhof<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch dem sogenannten Friedhof der Rettungswesten habe ich wieder einen Besuch abgestattet: Die ehemalige M\u00fcllkippe von Molivos, abseits in den kargen Bergen gelegen. Ab 2015 und noch bei meinem letzten Besuch im Sommer 2021 lagerten hier Zigtausende von Rettungswesten im Freien. Mit meinem Mietwagen fahre ich also das letzte St\u00fcck Schotterpiste in die Berge hoch. Bevor es zur M\u00fcllkippe etwas hinunter geht, sitzt ein Typ mit blauem T-Shirt und weiter Hose unter einem Baum. Er kommt mir seltsam vor, ich schaue ihn mir aber nicht so genau an. Ich gehe zur M\u00fcllhalde hinunter. Es liegt nur noch vereinzelt M\u00fcll hier herum, aber zahlreicher Bauschutt, und auch nur noch eine Handvoll Rettungswesten sind zu sehen. Die Wiesen und B\u00fcsche drum herum sind zu einem gr\u00f6\u00dferen Teil verbrannt. Eine Bekannte aus Molivos erz\u00e4hlt mir sp\u00e4ter, dass es hier tagelang intensiv gebrannt h\u00e4tte.<br \/>\nAm Rande der M\u00fcllkippe finde ich auch das Olivenb\u00e4umchen wieder, das ich vor zwei Jahren hier in der kargen Gegend eingepflanzt und geschm\u00fcckt als bl\u00fchendes Zeichen der Hoffnung empfunden hatte. Mittlerweile ist es eingegangen. Davor steht nun eine gro\u00dfe Tafel, die auf ein EU-Projekt hinweist. Auf Griechisch steht darauf:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">\u201eGriechische Republik<br \/>\nEinwanderungs- und Asylamt<br \/>\nVerantwortlich f\u00fcr die Um\u2028setzung: Gemeinde West-Lesbos<br \/>\nProjektname: Service f\u00fcr die endg\u00fcltige Entsorgung von Schiffsausr\u00fcstungsabf\u00e4llen aus den Fl\u00fcchtlingsstr\u00f6men der Gemeinde West-Lesbos<br \/>\nF\u00f6rderf\u00e4higes Budget: 210.873,95 Euro<br \/>\nSolidarit\u00e4tsfonds\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wegen einer Erhebung kann mich der seltsame Typ unter dem Baum eigentlich nicht sehen. Ich mache hier ein paar Fotos, packe aber, bevor ich wieder hoch zum Auto gehe, vorsichtshalber meine Kamera ein. Oben angekommen meint er auch gleich zu mir: \u201eGive me your camera\u201c. Jetzt erkenne ich an seinem T-Shirt, dass er Polizist ist. Ich erwidere zu ihm: \u201eWhy?\u201c und \u201eThis is an open place\u201c. Daraufhin telefoniert er, wahrscheinlich mit seiner Dienststation. Danach winkt er mich mit einer wischenden Handbewegung weg und meint: \u201ePlease go\u201c. Die Bekannte erz\u00e4hlt mir sp\u00e4ter, dass das wohl kein echter Polizist gewesen sei. Es g\u00e4be hier viele \u201eselbsternannte\u201c Polizisten. Nur der Dienstausweis legitimiere einen echten Polizisten.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Camp Vastria<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Franziska Grillmeiers Buch \u201eDie Insel\u201c ((2)) hatte ich gelesen, dass das neu geplante und sich im Bau befindliche Fl\u00fcchtlingscamp Vastria sich in der N\u00e4he von Mandamados befinden soll. In Mandamados frage ich deshalb den Wirt eines Kafenions danach. Zehn bis zw\u00f6lf Kilometer soll ich die Landstra\u00dfe in Richtung Mytilini fahren, dann rechts ab. Am n\u00e4chsten Tag probiere ich es aus, finde aber keinen passenden Abzweig. Ich frage nochmal jemanden in einer Strandtaverne, und so f\u00fchrt mein Weg in die kleine Stadt Nees Kidonies. Dort im Kafenion am Platz an der Kirche kann mir einer der G\u00e4ste weiterhelfen. Von hier aus sind es noch zehn Kilometer \u00fcber Schotterstra\u00dfen, zun\u00e4chst durch eine karge Gegend, sp\u00e4ter durch dichten Wald im \u201eNature Preserve Island Municipality Lesvos\u201c. Das letzte St\u00fcck gehe ich zu Fu\u00df. Ich erreiche eine Stichstra\u00dfe, an der ein Wachh\u00e4uschen steht. Ein Mann und ein Transporter mit der Aufschrift \u201eSecurity\u201c stehen dort. Ich gehe daran vorbei, mache beim R\u00fcckweg vorsichtig ein paar Fotos. Das ist der Zugang zu dem neuen Camp Vastria. Abseits gelegen, auch ein Mobilfunk ist hier kaum m\u00f6glich. Also der ideale Ort, um Gefl\u00fcchtete m\u00f6glichst abzuschotten und wegzusperren. Denn auch in den anderen Richtungen sind es mindestens zehn Kilometer bis zur n\u00e4chsten Ortschaft. Viel zu sehen gibt es nicht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_30542\" aria-describedby=\"caption-attachment-30542\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-30542\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Camp.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Camp.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Camp-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Camp-600x336.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Camp-768x430.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/Camp-150x84.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-30542\" class=\"wp-caption-text\">Das Camp Mavrovouni von Parea Lesvos aus gesehen &#8211; Foto: Peter Oehler<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aussagen zu diesem Camp, das schon l\u00e4ngst in Betrieb sein sollte, gehen auseinander. Manche sagen, der Bau sei gestoppt, da es ein neues Gerichtsurteil aus Umweltschutzgr\u00fcnden dagegen gibt ((3)). Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, dass der griechische Staat dem Gerichtsurteil zum Trotz einfach weiterbauen l\u00e4sst. Mehrere Personen, die in der Fl\u00fcchtlingshilfe aktiv sind, haben mir gegen\u00fcber die Vermutung ge\u00e4u\u00dfert, dass das Camp Vastria trotzdem nie in Betrieb gehen wird.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Melinda, Amena und Medin aus Molivos<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem Samstag fahre ich nach Molivos und gehe hinunter zum Hafen. Hier betreibt Melinda McRostie seit vielen Jahren mit ihrer K\u00fcchenmannschaft zusammen das Restaurant Captain\u2019s Table. Ich hatte sie das letzte Mal vor f\u00fcnf Jahren gesprochen. Sie ist seit vielen Jahren engagiert in der Fl\u00fcchtlingshilfe. 2015 hat sie zusammen mit anderen Ortsans\u00e4ssigen die NGO Starfish gegr\u00fcndet, die sie seitdem koordiniert ((4)). Ihr Engagement zeigt sich auch darin, dass sie mittlerweile zwei Gefl\u00fcchtete eingestellt hat. Ich habe die Gelegenheit, mit Amena und Medin zu sprechen. Beide sind Anfang zwanzig und kommen aus dem arabischsprachigen Raum. Beide arbeiten in der Sommer-Saison bei Captain\u2019s Table als Bedienung bzw. in der K\u00fcche. Im Winterhalbjahr lebt Amena in Mytilini. Sie war f\u00fcr vier Monate im Camp Moria, danach f\u00fcr vier Jahre in Athen. Dort hat es ihr aber nicht gefallen, weswegen sie zur\u00fcck nach Lesbos gekommen ist. Medin ist seit sechs Jahren auf Lesbos. Auch er war anfangs im Camp Moria. Er war danach zum Arbeiten bereits in Eresos und Vatoussi. Hier bei Captain\u2019s Table ist sein erster Sommer. Im Winterhalbjahr lebt er in der N\u00e4he von Sigri und melkt Schafe. Beide kommen hier in Molivos gut zurecht. Sie sprechen gut Englisch und Griechisch. F\u00fcr Medin war es anfangs \u2013 ohne Griechischkenntnisse \u2013 schwierig gewesen, hier Fu\u00df zu fassen. Nun hat er zahlreiche Kontakte.<br \/>\nAndere Gastronomen in Molivos klagen \u00fcber Personalmangel. Melinda geht da andere Wege, wobei es viel Papierkram und B\u00fcrokratie bedarf, um einen Gefl\u00fcchteten einstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Par\u00e9a Lesvos<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vor zwei Jahren hatte ich das letzte Mal das Gemeinschaftszentrum f\u00fcr Gefl\u00fcchtete One Happy Family (OHF) der gleichnamigen Schweizer Nichtregierungsorganisation (NGO) besucht, und mich damals l\u00e4nger mit Apostolos (genannt Akis) unterhalten, einem der Koordinatoren des Zentrums. Akis erz\u00e4hlte mir, dass OHF plant, seine Aktivit\u00e4ten nach Athen zu verlagern. Als ich nun wieder dorthin gehe, also in Fu\u00dfn\u00e4he vom Camp Mavrovouni, erfahre ich, dass das passiert ist: OHF ist im April 2022 nach Athen gezogen, hat aber das Gemeinschaftszentrum im M\u00e4rz 2022 an die NGO Europe Cares ((5)) \u00fcbergeben. Sie betreibt nun federf\u00fchrend das Par\u00e9a Lesvos ((6)), bietet Einiges selber an (das Caf\u00e9, die Ausgabe von Mittagessen, einen gesch\u00fctzten Bereich f\u00fcr Frauen, den Par\u00e9a Club, eine B\u00fccherei und sportliche Aktivit\u00e4ten), bindet aber verschiedene NGOs mit ein. Diese bieten weitere Angebote f\u00fcr Gefl\u00fcchtete an: Foto- und Film\/Video-Workshops (Refokus), Reparatur von Fahrr\u00e4dern, Elektronik, Tischlerei, N\u00e4hen und Schneiderei (Makerspace), Deutsch- und Englischunterricht (Refugee Relief Doro Blancke), einen Garten (Sporos Ecohub Garden), einen Shop mit Kleiderausgabe und kostenlosen Hygieneartikeln sowie Duschen, eine W\u00e4scherei (Leave No One Behind) und Unterst\u00fctzung bei der psychischen Gesundheit (Intersos + Boat Refugee Foundation + Fenix Humanitarian Legal Aid).<br \/>\nAm Eingang bekomme ich, auch als offensichtlich Nicht-Gefl\u00fcchteter, einen Bon f\u00fcr einen kostenlosen Kaffee. Ich unterhalte mich mit Annalisa, einer jungen Frau, auf Englisch und mit Julian dann auf Deutsch. Er wohnt in Deutschland, ist bei Europe Cares in Frankfurt aktiv und hier zu Besuch. Von den beiden erfahre ich auch, dass das Konzept des Gemeinschaftszentrums beibehalten worden ist: Es ist offen und bunt, bietet auch Platz zum Relaxen. W\u00e4hrend vor zwei Jahren nur wenige Gefl\u00fcchtete gekommen sind (wegen Corona und den restriktiven Ausgangsbeschr\u00e4nkungen), kommen nun wieder 400 bis 450 Gefl\u00fcchtete pro Tag. Einige Gefl\u00fcchtete kommen jeden Morgen vom Camp Mavrovouni zum Par\u00e9a Lesvos, um hier zu helfen. Sie nehmen an der allgemeinen Lagebesprechung um 9:30 Uhr teil, bevor das Zentrum offiziell um 10 Uhr \u00f6ffnet. Ich sehe im Gemeinschaftszentrum auch Schwarze, die gelbe Warnwesten tragen und Ordner-Funktionen \u00fcbernehmen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">The Hope Project<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">An einem anderen Tag besuche ich das Hope Project ((7)). Es ist alles recht unver\u00e4ndert, wie ich es von 2018 und 2021 her kenne: Die Kleiderkammer, Lagerr\u00e4ume, ein Kunstraum, in dem Gefl\u00fcchtete malen und musizieren k\u00f6nnen, die K\u00fcche sowie im hinteren Teil der Aufenthaltsbereich f\u00fcr die Mitarbeitenden und Volunteers. Eine ganze Reihe von Gefl\u00fcchteten arbeitet hier als Volunteer. Mein Plan war, mit Philippa Kempson, die das Hope Project mit ihrem Mann leitet, ein Interview zu f\u00fchren. Als ich dort bin, f\u00fchrt sie gerade eine Gruppe junger Frauen durch die R\u00e4ume. Mit einer aus der Gruppe komme ich ins Gespr\u00e4ch. Sie kommt aus der N\u00e4he von Stuttgart. Sie will eigentlich bei A Drop in the Ocean ((8)) als Freiwillige mitarbeiten. Diese norwegische NGO arbeitet zur H\u00e4lfte im Camp Mavrovouni und bietet den Gefl\u00fcchteten dort W\u00e4scherei-Dienste an. Die junge Frau wartet noch auf ihr F\u00fchrungszeugnis, um dort mitarbeiten zu k\u00f6nnen. Deshalb arbeitet sie zwischenzeitlich als Volunteer im Hope Project. Mit ihr und einer anderen jungen Frau verabrede ich, dass sie f\u00fcr mich einen Interviewtermin mit Philippa ausmachen. Ich treffe aber Philippa kurz darauf und wechsele ein paar Worte mit ihr: Sie ist leider \u201etoo busy\u201c f\u00fcr ein Interview.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Camp Moria<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das St\u00e4dtchen Moria liegt sechs Kilometer entfernt von Mytilini. An einem Tag gehe ich dorthin und dann dar\u00fcber hinaus, zum nahegelegenen ehemaligen Camp Moria, das vor drei Jahren abgebrannt ist. In Google Maps ist es als \u201eHistorische Sehensw\u00fcrdigkeit\u201c mit der Bezeichnung \u201eRemains and ruins of the burnt Moria camp\u201c eingetragen. Das eigentliche, fr\u00fcher milit\u00e4risch genutzte Lager steht unver\u00e4ndert offen als Ruine in der Landschaft. An seiner Au\u00dfenmauer steht immer noch deutlich: \u201eWELCOME TO EUROPE ** HUMAN RIGHTS GRAVEYARD\u201c. An einem gemauerten Hintereingang zum Lager h\u00e4ngt ein Zettel, auf dem steht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify; padding-left: 40px;\">\u201eDo you remember us?<br \/>\nWherever you are &#8230;<br \/>\nResist as they raped your &#8218;home&#8216;.<br \/>\nDo not go easy into that good night.<br \/>\nIf you are here,<br \/>\nyou are one of us.<br \/>\n\u2013 The Saviors.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der daran anschlie\u00dfende \u201ewilde\u201c Bereich inmitten von Olivenb\u00e4umen ist jetzt weitgehend eingez\u00e4unt. Man kommt aber am unteren und am oberen Ende leicht hinein. Es wirkt nun ziemlich aufger\u00e4umt, eine neue Steinmauer wurde angelegt. Ich war angeregt, noch einmal hierherzukommen, durch Franziska Grillmeiers Buch \u201eDie Insel\u201c, in dem es zu den von den Gefl\u00fcchteten improvisiert errichteten Brotback\u00f6fen hei\u00dft: \u201eDie Brot\u00f6fen hatten tats\u00e4chlich [den Brand] \u00fcberlebt.\u201c Ich finde hier tats\u00e4chlich einen aus Stein und Eisen improvisierten Ofen. Ansonsten sind nur noch zahlreiche schwarze Feuerstellen am Boden zu erkennen. Auch stehen hier verkohlte Olivenb\u00e4ume, die aber an manchen Stellen munter weiterwachsen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Gefl\u00fcchtetenfriedhof bei Kato Tritos<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sowohl in Helge-Ulrike Hyams&#8216; Buch \u201eDenk ich an Moria. Ein Winter auf Lesbos\u201c, als auch in Franziska Grillmeiers Buch hatte ich von einem Gefl\u00fcchtetenfriedhof in der N\u00e4he des Dorfes Kato Tritos gelesen. Auch in der Dokumentation \u201eDas Massaker von Pylos. Eine weitere t\u00f6dliche Reise in die Festung Europa\u201c, im August 2023 herausgegeben von der Lesvos Open Assembly Against Border Violence, kann man \u00fcber ihn lesen ((9)). Deswegen kam in mir der Wunsch auf, ihn zu besuchen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Jeder, mit dem ich auf Lesbos \u00fcber Pushbacks gesprochen habe, wei\u00df, dass es sie nach wie vor gibt, auch wenn der griechische Staat das leugnet<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von Mytilini nach Kato Tritos sind es 15 Kilometer. Ich bin diese Strecke an einem Samstag Nachmittag zu Fu\u00df gegangen. Wobei es mangels Alternative die meiste Zeit entlang der Hauptstra\u00dfe 36 von Mytilini nach Kallon\u00ed geht, also keine sch\u00f6ne Wanderung. Die 36 geht n\u00f6rdlich um den Golf von G\u00e9ra herum. Sp\u00e4ter nehme ich den Abzweig Richtung Plomari. Das letzte St\u00fcck geht es dann etwas hinauf zu dem Dorf Kato Tritos. Dort spricht keiner Englisch, so dass ich mir die griechischen Begriffe f\u00fcr Fl\u00fcchtling und Friedhof heraussuche, um damit nach dem Weg zum Gefl\u00fcchtetenfriedhof zu fragen. In einer Metzgerei versteht mich ein Mann, geleitet mich sofort zu seinem um die Ecke stehenden Pickup, und f\u00e4hrt mich zum unteren Ortsausgang, dann rechts ab auf eine schmale Stra\u00dfe, rechter Hand liegt der regul\u00e4re Friedhof. Kurz darauf l\u00e4sst mich der Mann aussteigen, bei einem mit einen Vorh\u00e4ngeschloss abgeschlossenen Tor zu einem eingez\u00e4unten Feld, und f\u00e4hrt weiter. Das Tor ist nicht richtig verschlossen, also gelange ich hinein. Es sind etwa 200 meist unscheinbare Gr\u00e4ber zu erkennen. Die Grababmessungen sind kaum erkennbar, weil alles von zumeist vertrockneten Gr\u00e4sern zugewuchert ist. Viele Gr\u00e4ber haben schlichte Marmorplatten als Grabstein, die Inschrift ist oftmals bereits verblasst. Den lesbaren Inschriften entnehme ich, dass das Alter der Begrabenen von zehn Monaten bis 77 Jahre reicht. Es gibt auch einige Gr\u00e4ber, die nur durch einen Holzstock an der Stirnseite markiert sind. Vier, f\u00fcnf \u201eluxuri\u00f6se\u201c Gr\u00e4ber gibt es hier ebenfalls. In Wahrheit sind es jedoch wesentlich mehr Gr\u00e4ber, da die meisten gar nicht gekennzeichnet sind.<br \/>\nEinen Tag sp\u00e4ter treffe ich wieder die deutsche Frau, die in dem Projekt \u201eVolunteers for Lesvos\u201c des Berliner Vereins \u201eRespekt f\u00fcr Griechenland\u201c auf Lesbos seit 2016 den Einsatz von Volunteers koordiniert. Sie erz\u00e4hlt mir unter anderem, dass sie auch bei Missing Migrants Lesvos mitarbeitet. Sie sind zu f\u00fcnft, arbeiten mehr im Verborgenen. Sie organisieren hier bei Kato Tritos die Begr\u00e4bnisse, suchen dazu Kontakt zu den Angeh\u00f6rigen. Diese m\u00fcssen das jeweilige Grab selbst ausheben, werden aber mit Werkzeugen von Missing Migrants Lesvos dabei unterst\u00fctzt. Keine sch\u00f6ne T\u00e4tigkeit, aber auch das muss von irgend jemandem gemacht werden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Victoria Community Center Athens<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Athen besuche ich das Victoria Community Center ((10)), das in der N\u00e4he des Viktoria-Platzes liegt (daher der Name. Wir erinnern uns: in 2015\/16 war dieser Platz ein Treffpunkt der Gefl\u00fcchteten, die ihn damals geradezu belagerten). Das Gemeinschaftszentrum ist in einem schmalen f\u00fcnfst\u00f6ckigen Geb\u00e4ude untergebracht. Im Erdgeschoss befindet sich das Caf\u00e9, das auch einen kleinen Au\u00dfenbereich hat. In den oberen Stockwerden zahlreiche B\u00fcros. Ganz oben das \u201eRooftop\u201c, wo im Moment nur zahlreiche Pflanzen (Gem\u00fcse und Kr\u00e4uter) in T\u00f6pfen wachsen. Sp\u00e4ter soll auch diese Dachterrasse den Gefl\u00fcchteten verf\u00fcgbar gemacht werden. Ich frage mich durch nach Akis, den ich dann in einem der oberen B\u00fcros finde. Er ist mit OHF und seiner Familie zusammen im April 2022 von Lesbos nach Athen gezogen. Er erz\u00e4hlt mir, dass sie froh sind, dass das Gemeinschaftszentrum in Mytilini in ihrem Sinne erfolgreich weitergef\u00fchrt wird. Hier in Athen verfolgen sie das gleiche Konzept, n\u00e4mlich ein offenes Haus zu sein und andere NGOs einzubinden. Auch wenn die R\u00e4umlichkeiten hier wesentlich beengter sind als auf Lesbos. Eingebunden sind etliche NGOs\u00a0((11)). In Athen leben zigtausende Gefl\u00fcchtete, obwohl es nach der Schlie\u00dfung von Eleonas im Sommer 2022 kein Fl\u00fcchtlingslager mehr in Athen gibt. Die Lager liegen weit entfernt von Athen, z.B. das Camp von Malakasa rund 45 Kilometer n\u00f6rdlich oder das in Korinth.<br \/>\nDas Gemeinschaftszentrum hat werktags von 10:30 bis 17:30 ge\u00f6ffnet. Es kommen 120 bis 170 Gefl\u00fcchtete t\u00e4glich. Auch ich bekomme, nachdem ich mich kurz habe registrieren lassen, einen kostenlosen Kaffee sowie einen frisch gepressten Orangensaft unten im Caf\u00e9.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Fazit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Obwohl es in Griechenland viele Gefl\u00fcchtete gibt, sind sie in der \u00d6ffentlichkeit wenig pr\u00e4sent. Auf Lesbos werden 3.000 bis 4.000 Gefl\u00fcchtete im Camp Mavrovouni konzentriert.<br \/>\nIn Athen werden es wesentlich mehr sein, aber bei einem Ballungsraum mit vier bis f\u00fcnf Millionen Einwohner:innen fallen sie kaum ins Gewicht. Wenn man genauer nachschaut, kann man sie finden. Ob ihre Zukunft in dem bewusst abseits gelegenen Camp Vastria liegen wird, darf bezweifelt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drei Wochen war ich auf Lesbos sowie auf der R\u00fcckreise noch eine Woche in Athen und Pir\u00e4us. 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