{"id":30466,"date":"2023-10-27T17:41:57","date_gmt":"2023-10-27T15:41:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/10\/nicht-nur-ueber-israel-reden\/"},"modified":"2023-11-22T20:00:15","modified_gmt":"2023-11-22T18:00:15","slug":"nicht-nur-ueber-israel-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/10\/nicht-nur-ueber-israel-reden\/","title":{"rendered":"Nicht nur \u00fcber Israel reden"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Graswurzelrevolution: Dein Buch \u201e\u00dcber Israel reden\u201c, das du im M\u00e4rz 2023 ver\u00f6ffentlicht hast, landete im April auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste u.a. von Deutschlandfunk Kultur und ZDF. Es ist aus meiner Sicht eines der interessantesten B\u00fccher des Jahres, obwohl ich auch Kritik habe. In einem vierst\u00fcndigen Interview von \u201eJung &amp; naiv\u201c ((4)) hast du erz\u00e4hlt, dass du in einem Kibbuz in der Negev W\u00fcste egalit\u00e4r aufgewachsen bist, ohne dass dann darauf vom Interviewer weiter eingegangen wurde. Mich interessiert das brennend, weil ich Redakteur einer gewaltfrei-anarchistischen Zeitschrift bin und die Kibbuz-Bewegung vor 120 Jahren aus einer freiheitlich-sozialistischen Bewegung heraus entstanden ist. Bis Anfang der 1930er-Jahre waren die Kibbuzim anarchistisch gepr\u00e4gt. Erst als die zionistisch-etatistische Str\u00f6mung in der Kibbuzbewegung ab Ende der 1930er-Jahre die Oberhand gewann, wurde das anarchistische, freiheitlich-sozialistische Denken in den Kibbuzim zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. \u201eGanz erstarb es jedoch nie\u201c, schreibt James Horrox in seinem Buch \u201eGelebte Revolution. Anarchismus in der Kibbuzbewegung\u201c ((5)). Wie hast du deine Kindheit im Kibbuz erlebt? Wie bist du aufgewachsen? Wie viel vom anarchistischen, herrschaftsfrei-egalit\u00e4ren Geist steckte zu deiner Kibbuz-Zeit noch in den Kibbuzim? Und wie viel noch heute?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: Zuallererst muss man zwischen der Zeit, als ich im Kibbuz aufgewachsen bin, also Ende der 1970er bis Ende der 80er Jahre, und der heutigen Zeit, unterscheiden. Die Kibbuzbewegung hat gerade in diesen letzten 30 Jahren einen gro\u00dfen Wandlungs-Prozess durchgemacht, einen Wandel von einer stark sozialistisch gepr\u00e4gten hin zu einem kapitalistischen, einem ein bisschen abgemilderten kapitalistischen Format. So ging es auch meinem Kibbuz. Ich sage \u201emein Kibbuz\u201c, obwohl ich dort nicht mehr lebe, aber meine Eltern sind immer noch dort. Heutzutage sind viele von diesen Lebensformen, die wir damals erlebt haben, nicht mehr in der damaligen Form existent. Sie existieren aber immer noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch heutzutage werden im Kibbuz keine Geh\u00e4lter in der Form gezahlt, wie wir das in der kapitalistischen Marktwirtschaft kennen, sondern irgendwie verteilt. Es ist in dieser Hinsicht immer noch egalit\u00e4r. Also, der Fabrikleiter und der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin am Flie\u00dfband bekommen genau das gleiche Gehalt. Ob das auch noch in f\u00fcnf oder sechs Jahren Bestand haben wird, das w\u00fcrde ich mit einem gro\u00dfen Fragezeichen versehen. Soweit zur heutigen Situation.<br \/>\nZur damaligen Situation: In meiner Kibbuz-Zeit war es tats\u00e4chlich sehr stark egalit\u00e4r reglementiert. Ich tue mich ja ein bisschen schwer mit dem Anarchismus, weil es immer so die Frage ist, wie man Anarchismus definiert. Also, es war keine \u201eAnarchie im Kibbuz\u201c, wie man so in der Umgangssprache sagen w\u00fcrde. Es war aber insofern anarchistisch, dass die Menschen im Kibbuz alle gleichwertig waren. Da wurde sehr viel in der Kibbuz-Versammlung entschieden und an der Kibbuz-Versammlung nahmen alle Kibbuz-Mitglieder teil. Nicht wir als Kinder, sondern unsere Eltern, also alle ab 18 Jahren beziehungsweise eher ab 21 Jahren. Nach dem Milit\u00e4rdienst konnte man sich als Kibbuz-Mitglied bewerben und aufgenommen werden. Dann hat man eine gleiche, gleichwertige Stimmberechtigung wie jemand, der vielleicht das Kibbuz mitgegr\u00fcndet hat.<br \/>\nUnd so versammelten sich alle Kibbuz-Mitglieder am Samstagabend im Speisesaal. Da\u2006\u2006ging es um schwerwiegende Entscheidungen, zum Beispiel: \u201eWollen wir eine neue Fabrik aufbauen?\u201c oder \u201eSollen wir das Geld eher f\u00fcr Bildung oder f\u00fcr Konsum ausgegeben?\u201c. Das waren gro\u00dfe Entscheidungen. Dann wurden auch viele kleine Entscheidungen gemeinsam getroffen. Wenn ein Kibbuz-Mitglied studieren will, zum Beispiel Philosophie, dann wird abgestimmt, ob das sinnvoll ist oder ob er oder sie vielleicht lieber Landwirtschaft studieren soll, weil das eher dem Bedarf des Kibbuz entspricht. Genau \u00fcber solche Sachen wurde entschieden.<br \/>\n\u00dcber das hinaus war die Kibbuz-Erziehung das, was mich betroffen hat. Die klassische Familie wurde praktisch in gewisser Weise abgeschafft. Jeder wusste nat\u00fcrlich, wer Mama und Papa sind, wer die Geschwister sind, man hat sich auch jeden Tag getroffen. Das war aber f\u00fcr eine relativ kurze Zeit, also von 16 Uhr bis 19:30 Uhr. Die restliche Zeit hat man mit den Gleichaltrigen in der Peergroup verbracht. Das begann sehr fr\u00fch. Die Babys haben in den Kinder- oder den Babyh\u00e4usern geschlafen, die M\u00fctter sind zu bestimmten Zeiten gekommen, um zum Beispiel zu Stillen. Das war der Alltag. Die Peer-Gruppe, also die Gleichaltrigen, hatten sogar eine fast schon gr\u00f6\u00dfere Bedeutung als die Eltern oder die Geschwister.<br \/>\nVielleicht noch der letzte Aspekt: Die Arbeit war immer ein wichtiger Teil unseres Alltags. Da hatte die k\u00f6rperliche Arbeit einen sehr hohen Stellenwert. Man wurde weniger nach geistigen, intellektuellen F\u00e4higkeiten betrachtet. Wenn man jemanden loben wollte, dann sagte man: \u201eJa, er ist ein flei\u00dfiger Arbeiter\u201c. Wenn man jemanden schlecht machen wollte, sagte man, er sei ein Faulenzer. Das war das Schlimmste \u00fcberhaupt. Wir sind von klein auf in diese Arbeitswelt integriert worden. Heute w\u00fcrde man das als Kinderarbeit bezeichnen, aber es war damals \u00fcberhaupt nicht negativ konnotiert. Man begann ganz fr\u00fch, also schon in der ersten, zweiten Klasse in einer Art Kinderzoo. Sehr schnell wurde man dann integriert in den normalen Arbeitsbereich im Kibbuz. Am Anfang hat man nach der Schule nur zwei bis vier Stunden gearbeitet. Sp\u00e4ter hatten wir f\u00fcnf Tage Schule und einen Arbeitstag, an dem wir ganz normal mit den Erwachsenen auf dem Feld gearbeitet haben, auf der Plantage, mit den H\u00fchnern im H\u00fchnerstall oder mit den K\u00fchen, also, Arbeit war ein ganz wichtiger Aspekt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Die aktuelle Situation in Israel ist krass. Auf der einen Seite gibt es eine starke au\u00dferparlamentarische soziale Massenbewegung, die mit bis zu 150.000 Menschen gegen die autokratischen Pl\u00e4ne der extrem rechten Netanjahu-Regierung demonstriert. Auf der anderen Seite versucht die Regierung durch die Abschaffung der Gewaltenteilung die Demokratie in Israel de facto abzuschaffen und eine Autokratie zu etablieren. Wie siehst du die momentane Situation? Die israelische Zivilgesellschaft stemmt sich gegen die anti-demokratischen Pl\u00e4ne der Regierung. Wie siehst du die M\u00f6glichkeiten, die sozialen Bewegungen einerseits in Israel und auch hier zu unterst\u00fctzen? Welche Perspektiven siehst du?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: Das sind viele Fragen. Erstmal zu dieser Situation vor Ort. Das ist tats\u00e4chlich die unbestritten am weitesten rechts stehende Regierung, die es je in der Geschichte Israels gab. In Israel sind seit 1977 tendenziell eher rechte, wenn wir wohlwollend sind, konservative Regierungen an der Macht, die schon Prozesse angefangen haben, die uns jetzt in ihrer gesamten H\u00e4sslichkeit vorgef\u00fchrt werden. Das hat nicht Ende Dezember letzten Jahres angefangen. Es sind viele Prozesse, die schon lange andauern: Radikalisierung vor allem auch von Religi\u00f6sen, sowohl der ultraorthodoxen Juden als auch bei den sogenannten National-Religi\u00f6sen, was h\u00e4ufig als Siedler-Bewegung bezeichnet wird. Diese Bev\u00f6lkerungsgruppen, die tendenziell immer gr\u00f6\u00dfer werden, aus dem einfachen Grund, weil sie einfach sehr viele Kinder haben. Wir reden von knapp acht Kindern pro Familie, nicht erst seit gestern, sondern seit der Gr\u00fcndung des Staates 1948. Diese Bev\u00f6lkerungsgruppen sind immer mehr nach rechts abger\u00fcckt. Jetzt stehen sie ganz weit rechts im politischen Spektrum. Gerade auch die Siedlungsbewegungen, die seit den 1980er und 90er Jahren immer gr\u00f6\u00dfer wurden, dr\u00e4ngen auch in verschiedene Machtzentren in Israel vor, im Milit\u00e4r, in der Verwaltung, in der Politik. Die Fr\u00fcchte dieser Entwicklung sind jetzt deutlich zu sehen. Wenn man sich die erste Regierung Israels unter David Ben-Gurion anguckt, da gab es im gesamten Kabinett zwei Minister, die die Kippa getragen haben, also gem\u00e4\u00dfigte Religi\u00f6se waren. Das war eine ganz andere Art Religiosit\u00e4t als heute. Heutzutage sind dreiviertel der Mitglieder im Netanjahu-Kabinett Orthodoxe oder Ultraorthodoxe. Wenn man sich die einzelnen Kabinettsminister anschaut, muss man feststellen, dass f\u00fcr sie Demokratie nicht unbedingt zu ihrem Wertekanon z\u00e4hlt, milde ausgedr\u00fcckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Wie geht man damit um?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: Das ist immer so die Frage, wie man zu Israel steht. Also, ich meine, man kann auch gleichg\u00fcltig sein, das geh\u00f6rt zu unserer Realit\u00e4t. Ich bedauere sehr, was im S\u00fcdsudan passiert oder in Berg-Karabach oder in vielen Teilen des Globus. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich aber so gut wie nichts tue, um den Menschen dort zu helfen. Von daher gibt es keinen Imperativ, dass man Israel unterst\u00fctzen oder der Demokratie-Bewegung in Israel Vorschub leisten muss. Aber weil gerade in Deutschland diese Freundschaft zu Israel immer hoch gehalten wird, besonders seit 2008, seitdem Merkel vor der Knesset gesprochen und gesagt hat, dass Israels Sicherheit deutsche Staatsr\u00e4son sei, kann man diese Begriffe auch kritisch betrachten. Das tue ich auch sehr ausf\u00fchrlich im Buch. Aber wenn man das ernst nehmen will, dann muss man auch gestehen, dass Israel sich heutzutage in einer existenziellen Krise befindet, dass die Existenz auf der Kippe steht.<br \/>\nNat\u00fcrlich hat Israel immer noch eine sehr starke Armee und kann Feinde von au\u00dfen gut abwehren, aber das ganze System, zumindest das demokratische System in Israel war vermutlich nie eine reine liberale Demokratie. Die liberalen Teile in dieser Demokratie drohen aber jetzt komplett zu verschwinden. F\u00fcr diejenigen, die sich als Freunde Israels definieren, gilt es dann an allererster Stelle, auch f\u00fcr unsere Politikerinnen und Politiker, die Beziehung und Positionen neu zu denken: Wie kann man zu einer solchen Art Israel ein Verh\u00e4ltnis auf- oder ausbauen? Wie es ist, wenn es eine Art von \u201eweiter so\u201c gibt, haben wir im M\u00e4rz dieses Jahres gesehen. Einer der ersten Staatsm\u00e4nner, die Benjamin Netanjahu zu einem Staatsbesuch eingeladen haben, war unser Bundeskanzler Olaf Scholz. Das war eine Entscheidung, die nicht nur ich, sondern auch tausende israelische Intellektuelle, unter anderem der Schriftsteller David Grossmann, aufs Sch\u00e4rfste kritisiert haben. Insofern hat sich Scholz aus dem Fenster gelehnt pro Netanjahu, w\u00e4hrend beispielsweise der US-amerikanische Pr\u00e4sident Joe Biden ganz klar und deutlich gesagt hat, dass er Netanjahu nicht nach Washington einl\u00e4dt, solange seine Pl\u00e4ne zur Entmachtung der Justiz nicht zur\u00fcckgenommen werden. Meine Interpretation daraus ist, dass gerade diese Denkmuster, dass wir auf der Seite Israels stehen m\u00fcssen, dass die Sicherheit Israels deutsche Staatsr\u00e4son ist und so weiter und so fort, daf\u00fcr sorgen, dass unsere Politikerinnen und Politiker glauben, dass sie gezwungen werden, immer auf der Seite der israelischen Politik zu stehen. Aber wenn auf der Seite der israelischen Regierungspolitik zu stehen bedeutet, der demokratischen Gesellschaft in Israel in den R\u00fccken zu fallen, dann ist das eine verheerende Politik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Die Zeitschrift Graswurzelrevolution ist seit 50 Jahren assoziiertes Mitglied der War Resisters\u2019 International (WRI), also der Internationale der Kriegsgegner:innen, die aus 90 Organisationen in 40 L\u00e4ndern besteht ((6)). In Israel sind wir vernetzt mit der antimilitaristischen Bewegung New Profile, und wir haben Anarchist:innen wie den \u201eAnarchists Against the Wall\u201c unterst\u00fctzt. Wir gucken, wo gibt es antimilitaristische, emanzipatorische und anarchistische Gruppen, die wir unterst\u00fctzen k\u00f6nnen. In Israel gab es lange Zeit eine relativ gro\u00dfe Graswurzelbewegung. Wir haben gute Kontakte gehabt mit Kriegsdienst-verweigerer:innen in Israel. Sogar ein Neffe von Netanjahu hat den Kriegsdienst verweigert und ist daf\u00fcr ins Gef\u00e4ngnis gekommen. Wir haben damals f\u00fcr ihn mit anderen WRI-Gruppen eine Soli-Kampagne gemacht. Es gibt soziale Bewegungen und eine starke Zivilgesellschaft in Israel. Wenn dort 150.000 Menschen auf der Stra\u00dfe demonstrieren, dann ist das so, gemessen an der Einwohner:innenzahl, als wenn hier 1,5 Millionen auf die Stra\u00dfe gehen. Welche emanzipatorischen Gruppen w\u00fcrdest du unterst\u00fctzen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: An erster Stelle w\u00fcrde ich sagen, es ist sinnvoll, gerade die Gruppen zu unterst\u00fctzen, die die Verbindung herstellen nicht nur zur Demokratie und den liberalen Rechten innerhalb des israelischen Kernlands. Unterst\u00fctzenswert sind diejenigen, die zudem darauf aufmerksam machen, dass die mehr als 55 Jahre andauernde Besatzung der West Bank und das Verh\u00e4ltnis zu Gaza dazu beitragen, dass Israel so weit nach unten gekommen ist. Diese Linke ist auch in dieser gro\u00dfen und beeindruckenden Protestbewegung noch relativ klein. Ich glaube, dass da gerade einiges in Bewegung ist. In vielen Gespr\u00e4chen, die ich im Land f\u00fchre, merke ich, dass da ein gewisser Perspektivwechsel langsam ansetzt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Wenn auf der Seite der israelischen Regierungspolitik zu stehen bedeutet, der demokratischen Gesellschaft in Israel in den R\u00fccken zu fallen, dann ist das eine verheerende Politik.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man sieht auch in den Demonstrationen immer mehr Gruppen, die auf die Besatzung hinweisen. Wir haben von hier und zusammen mit Wissenschaftler:innen aus den USA ein Schreiben verfasst mit dem Titel \u201eThe Elefant in the room\u201c, in dem wir gesagt haben, der Elefant im Raum ist die Besatzung, also kann man nicht \u00fcber den Zerfall der israelischen Demokratie reden, ohne gleichzeitig darauf hinzuweisen, dass er Hand in Hand geht mit der Besatzung. Wenn man in den Protesten den Slogan \u201eDie Besatzung besetzt uns\u201c sieht, dann meinen diejenigen, die das sagen, die Tatsache, dass viele junge Israelis in die Rolle versetzt werden, andere Menschen zu besetzen. Das sind viele subtile oder nicht subtile Formen der Gewalt und Unterdr\u00fcckung. Auf der anderen Seite sehen wir auch, dass diese Siedlerbewegung immer hungriger wird. Man k\u00f6nnte denken, okay, sie sind auf der anderen Seite der gr\u00fcnen Linie, also in den pal\u00e4stinensischen Gebieten, die haben dort alle Privilegien, die kriegen viel Geld und die werden sozusagen das Kernland Israel in Ruhe lassen. Das ist mitnichten so, denn sie wollen alles vernichten, was sie daran hindert, eine Apartheid dort umzusetzen. An allererster Stelle ist das Oberste Gericht aus der Sicht der Siedler ein Hindernis, weiteres pal\u00e4stinensisches Land zu rauben, weitere Siedlungen noch weiter auszubauen. Der Hunger der Siedler kennt keine Grenzen. Deshalb sind sie die Speerspitze derjenigen, die die israelische Demokratie aush\u00f6hlen und die Justiz abbauen wollen. Ich denke, dass man genau schauen muss, welche Ziele sich gesellschaftliche Organisationen auf die Fahne geschrieben haben, gleicherma\u00dfen die Rettung der israelischen Demokratie und die Forderung nach einem Ende der Besatzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Kennst du in diesem Zusammenhang Gruppen, die du uns empfehlen kannst?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: Also gut, ich kenne eine Menge, aber wenn ich jetzt f\u00fcnf nenne, dann werde ich zehn nicht benennen. Das w\u00e4re gemein. Ich komme aus der P\u00e4dagogik. Dort schl\u00e4gt mein Herz und vielleicht sage ich, wo ich etwas unterst\u00fctze. Ich unterst\u00fctze mit Spenden eine Schule nicht weit von meinem Geburtsort, wo gleicherma\u00dfen pal\u00e4stinensische und j\u00fcdische Kinder lernen. In jeder Schulklasse gibt es immer eine Arabisch sprechende und eine Hebr\u00e4isch sprechende Lehrkraft. Ich kenne und begleite diese Schule seit einigen Jahren. Die Schulleiterin ist eine bewundernswerte Frau. Man kann sagen, das ist kein politisch brisantes Projekt, aber das f\u00e4ngt wirklich bei den Grundschulkindern an. Das ist vielleicht auch f\u00fcr die Geschichte, die ich mir erz\u00e4hle. Wenn ich durch die Schule laufe und ich sehe die Erstkl\u00e4ssler, die gerade sechs sind, dann denke ich, wie sie in zw\u00f6lf Jahren als 18-J\u00e4hrige sind. Der eine ist dann vielleicht Soldat und der andere steht auf der anderen Seite, dann werden sie vielleicht anders handeln. Deshalb ist mein Herz, wo dieses Projekt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Das h\u00f6rt sich gut an. Du lebst seit 2001 in Deutschland, hast in M\u00fcnchen und Frankfurt studiert, bist jetzt Professor und Leiter der Bildungsst\u00e4tte Anne Frank. Im Buch \u201e\u00dcber Israel reden\u201c analysierst du treffend die Politik der AfD, auch ihr Verst\u00e4ndnis von Antisemitismus. Kannst du das kurz skizzieren? Wie siehst du die Politik der AfD?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: Die AfD geriert sich als die treueste und beste Freundin Israels, als die Partei, die auf der Seite Israels steht. Die wenigsten wissen wahrscheinlich, dass beispielsweise der erste Entwurf zum Bundestagsbeschluss f\u00fcr die \u00c4chtung der BDS ((7)) von der AfD kam. Die AfD hat einen Entwurf gemacht und der wurde abgelehnt. Aber dann sahen sich die anderen Parteien in der Pflicht, etwas zu verfassen und so ist 2019 die Bundestagsresolution, mit der der Bundestag die BDS-Boykottaufrufe gegen Israel verurteilt und Aktivit\u00e4ten von BDS-Gruppen verhindern will, verabschiedet worden. Im Buch kann man nachlesen, warum ich diese Resolution sehr kritisch betrachte. Es ist interessant, dass die AfD sich einerseits angeblich total auf die Seite von Israel schl\u00e4gt und auch aus welchem Grund. Also, zum einen klar, das funktioniert, unter dem Motto mit Juden gegen Muslime. Die AfD bek\u00e4mpft Antisemitismus, nat\u00fcrlich nicht den rechtsextremistischen Antisemitismus, der am meisten verbreitet ist unter den W\u00e4hler:nnen der AfD, sondern der Antisemitismus ist immer nur bei den anderen zu finden, n\u00e4mlich bei den Muslimen, bei den Arabern. Das ist eine Schiene und das ist auch die Grundlage daf\u00fcr, dass immer mehr Kooperationen entstehen zwischen der AfD und den Rechten in Israel. Wenn man 2020 den Sohn von Netanjahu auf den Wahlplakaten der AfD gesehen hat, dann ist das kein Zufall. Er ist ein lauter AfD-Unterst\u00fctzer in Israel. Man sagt in Israel, wenn man wissen will, was der Vater Netanjahu denkt, muss man einfach lesen, was sein Sohn sagt. Das ist der Fall. Netanjahu k\u00f6nnte es nicht laut sagen, aber er l\u00e4sst seinen Sohn das tun. Vor einigen Monaten ist ein Buch von Eldad Beck erschienen, das ist der Korrespondent der Hauszeitung von Netanjahu in Berlin, ein Buch \u00fcber die AfD, wo er daf\u00fcr pl\u00e4diert, dass die israelische Politik, die israelische Rechte, sich Richtung AfD bewegen soll. Das ist sein Vorschlag und er sagt, das sind unsere wahren Freunde. Seine Hauptaussagen bestehen darin: \u201eWir schauen nicht genau hin, wie ihr die Geschichte seht und was ihr \u00fcber den Nationalsozialismus denkt \u2013 und ihr unterst\u00fctzt uns, wenn wir gegen die Araber sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Im Buch \u201e\u00dcber Israel reden\u201c stellst du die Frage: \u201eWird es jemals m\u00f6glich sein, hier in Deutschland eine sachliche Debatte \u00fcber Israel zu f\u00fchren?\u201c Wird es?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: Ich habe mir die M\u00fche gemacht, das Buch so zu schreiben und dar\u00fcber auch mit vielen Leuten zu sprechen, weil ich denke, es gibt auf jeden Fall eine M\u00f6glichkeit, vern\u00fcnftig \u00fcber Israel zu sprechen. Wo ich vor allem das Problem sehe, ist in der bundesdeutschen Politik. Seit Merkel die Eckpfeiler gesetzt hat, traut sich kaum jemand in der Bundespolitik, das zu hinterfragen. Was w\u00fcrde das bedeuten angesichts der \u00c4nderungen in Israel? Deswegen bin ich auch oft mit Politikerinnen und Politikern im Gespr\u00e4ch und versuche da, Leuten mehr Mut zuzusprechen. Es ist verheerend: Wenn die T\u00fcren zu sind und es keine Aufnahmeger\u00e4te gibt, h\u00f6rt man ganz andere Sachen, als wenn sie dann in der \u00d6ffentlichkeit reden. Man kann sagen, dass das vielleicht bei vielen Themen so ist, aber ich denke in Bezug auf Israel hat das verheerende Folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>GWR: Im Buch nimmst du auch zwei linke Str\u00f6mungen unter die Lupe, die Antideutschen und die Anti-Imps. Was aus meiner Sicht zu kurz kommt, sind die Anarchist:innen. Gewaltfreie \u2028Anarchist:innen haben ja ganz andere Positionen als die \u2028Anti-Imps oder die Antideutschen. Das hei\u00dft, wir bek\u00e4mpfen jeden Nationalismus, unterst\u00fctzen keine Staaten, sondern vor allem gewaltfrei-anarchistische und antimilitaristische Gruppen aus den sozialen Bewegungen weltweit. Wir sitzen sozusagen zwischen allen St\u00fchlen. Das fehlt mir in deinem Buch. Ansonsten finde ich deine Analyse auch gerade der antideutschen und antiimperialistischen Gruppen treffend. Du hast das gut und humorvoll zusammengefasst. Dein Buch habe ich mit gro\u00dfem Gewinn gelesen und m\u00f6chte die Lekt\u00fcre auch den GWR-Leser:innen ans Herz legen.<\/strong><br \/>\n<strong>Herzlichen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch und die Musik, die du f\u00fcr die Radio Graswurzelrevolution-Sendung ausgesucht hast.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meron Mendel: Ich habe zu danken. Vielen Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution: Dein Buch \u201e\u00dcber Israel reden\u201c, das du im M\u00e4rz 2023 ver\u00f6ffentlicht hast, landete im April auf Platz 1 der Sachbuch-Bestenliste u.a. von Deutschlandfunk Kultur und ZDF. Es ist aus meiner Sicht eines der interessantesten B\u00fccher des Jahres, obwohl ich auch Kritik habe. 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