{"id":30567,"date":"2023-11-27T13:46:24","date_gmt":"2023-11-27T11:46:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/lehrreich-spannend-kontrovers\/"},"modified":"2023-11-28T15:37:57","modified_gmt":"2023-11-28T13:37:57","slug":"lehrreich-spannend-kontrovers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/lehrreich-spannend-kontrovers\/","title":{"rendered":"Lehrreich, spannend, kontrovers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Mein dritter Artikel f\u00fcr die Graswurzelrevolution ist auch gleichzeitig mein dritter Erfahrungsbericht, den ich f\u00fcr die GWR schreibe. Nachdem ich bereits in der Sommer-GWR 480 \u00fcber die Leipziger Buchmesse und im September 2023 in der GWR 481 \u00fcber mein Praktikum bei der Zeitung berichtet habe, werde ich nun erz\u00e4hlen, wie ich die Linke Literaturmesse in N\u00fcrnberg wahrgenommen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestartet ist die Literaturmesse am 3. November mit einer Podiumsdiskussion zum Thema: \u201eWas sind heute eigentlich Linke?\u201c Diese Frage war \u00fcber die gesamte Dauer der Messe ein zentrales Thema. Die Diskussion war sehr spannend, da die unterschiedlichsten linken Spektren auf der B\u00fchne vertreten waren. Neben Fridays for Future und Feministinnen aus der Schweiz waren auch die anarchosyndikalistische Freie ArbeiterInnen Union (FAU) und die orthodox-marxistische Deutsche Kommunistische Partei (DKP) vertreten. Von allen Beteiligten hat die DKP wahrscheinlich den leisesten Applaus bekommen.<br \/>\nGenerell ist es Ziel der Linken Literaturmesse, so viele linke Gruppierungen unter einen Hut zu bekommen wie m\u00f6glich. Das hat auch tats\u00e4chlich sehr gut funktioniert, aber man hat trotzdem gemerkt, dass es immer wieder kleine Sticheleien gegen\u00fcber VertreterInnen anderer Meinungen gab.<br \/>\nInhaltlich wurden bei der abendlichen Er\u00f6ffnungsdiskussion zwar wenige besonders innovative Ideen vorangebracht, aber dem Hinweis, dass die realistischste L\u00f6sung f\u00fcr eine Revolution ein gewaltloser Generalstreik w\u00e4re, wurde viel Zustimmung geschenkt. Das fand ich sch\u00f6n.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Negativ<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was mich gest\u00f6rt hat \u2013 und was generell ein gr\u00f6\u00dferes Problem innerhalb der Linken (nicht die Partei \u2013 na ja, obwohl bei denen eigentlich auch\u2026) ist \u2013 ist, dass keine gute Basis f\u00fcr eine Diskussion geschaffen wurde. Die zentralsten Aspekte wurden zu Beginn nicht definiert und so kam es dann doch dazu, dass die verschiedenen Gruppierungen sich wieder in die Haare bekommen haben, weil der eine ein anderes Verst\u00e4ndnis von (z.B.) Kommunismus hat als eine andere. Es ist wichtig f\u00fcr uns, dass wir ein klareres Verst\u00e4ndnis von Begriffen schaffen, damit wir gemeinsam effizienter an einer dringend notwendigen Reparatur der Zukunft arbeiten k\u00f6nnen, anstatt uns \u00fcber Definitionen zu streiten und somit wieder in zigtausend kleinen Untergruppen enden, die nichts voneinander h\u00f6ren wollen.<br \/>\nJetzt k\u00f6nnten sich kritische LeserInnen denken, dass es \u201eselbstverst\u00e4ndlich\u201c ist, was unter Kommunismus (um bei diesem Beispiel zu bleiben) gemeint ist. Doch das ist es nicht. Manche der Menschen, mit denen ich w\u00e4hrend der Messe reden konnte, meinten mit Kommunismus wirklich den Stalinismus (und haben diesen als Utopie beschrieben, wozu mir nebenbei bemerkt jegliche Worte fehlen, wie man solch ein System als Utopie beschreiben kann), andere Menschen meinten mit Kommunismus den Sozialismus, andere sagten Kommunismus, aber beschrieben das Projekt A von Stowasser, und so weiter.<br \/>\nWenn jede und jeder von uns ein anderes Verst\u00e4ndnis von zentralen Begriffen hat, wird eine Diskussion nun mal leider unm\u00f6glich. Deshalb h\u00e4tte ich mir gew\u00fcnscht, dass vor der Podiumsdiskussion der Linken Literaturmesse ein Grundkonsens f\u00fcr bestimmte Begriffe formuliert worden w\u00e4re. Wobei wahrscheinlich mindestens die H\u00e4lfte der Teilnehmenden der Wahl der Definition nicht zugestimmt h\u00e4tte.<br \/>\nWas ich erschreckend fand, ist, dass die Aussage \u201eleider befinden wir uns noch nicht selbst in einem bewaffneten Kampf\u201c nicht lauthals zur\u00fcckgewiesen wurde. Wie man sagen kann, dass wir uns \u201eleider\u201c \u201enoch nicht\u201c in einem bewaffneten Kampf befinden, w\u00e4hrend man in Anwesenheit des Publikums an einer Podiumsdiskussion teilnimmt und w\u00e4hrenddessen schelmisch l\u00e4chelt, ist f\u00fcr mich unter aller Sau. Generell fand ich es erschreckend, wie positiv und selbstverst\u00e4ndlich Gewalt als Mittel zum Zweck dargestellt wurde. Das hat mir nochmal gezeigt, dass wir als gewaltfreie GWR unsere Position intensiver vertreten m\u00fcssen, da das Thema Gewaltfreiheit vor allem heute von gro\u00dfer Bedeutung ist. Positiv \u00fcberrascht hat mich, dass viele j\u00fcngere Menschen sehr interessiert am Thema des gewaltfreien Widerstandes waren. Das hat mir dann wiederum ein zufriedeneres Gef\u00fchl gegeben. So, das waren jetzt die negativen Aspekte, die ich loswerden wollte.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Positiv<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Messe war im Gro\u00dfen und Ganzen sehr angenehm. Die Stadt N\u00fcrnberg hat es den organisierenden Personen der Messe zwar schwer gemacht, eine gut funktionierende Messe zu organisieren, weil die Stadt drei Wochen vor Beginn der Messe gemerkt hat: \u201eOh, die R\u00e4ume, die wir f\u00fcr euch bereitgestellt haben, sind ja noch gar nicht renoviert.\u201c Trotzdem schaffte es die Organisation der Messe, in kurzer Zeit einen Ausweichplan aufzustellen. Anstatt an einem Ort, gab es dieses Jahr Messest\u00e4nde in drei verschiedenen Geb\u00e4uden. Alle Orte waren zu Fu\u00df zu erreichen, und angesichts der erst kurz vor dem Messetermin aufgetauchten Schwierigkeiten war der Ablauf der Messe trotzdem gut organisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch dieses Jahr gab es Buchvorstellungen der GWR. Walther L. Bernecker hat am 4.\u00a0November zusammen mit Lou Marin, mit dem ich die Messe besucht und den gro\u00dfen GWR-Zeitungs- und B\u00fcchertisch betreut habe, ein neues Buch des Verlags Graswurzelrevolution vorgestellt. Das Buch hei\u00dft \u201eGeschichte und Erinnerungskultur \u2013 Spaniens anhaltender Deutungskampf um Vergangenheit und Gegenwart\u201c. Bernecker hat extrem gut dargestellt, wie die Erinnerung an den B\u00fcrgerkrieg 1936 bis 1939 in Spanien bis heute ein gro\u00dfes Thema innerhalb des Landes ist und wie die verschiedenen politischen Str\u00f6mungen und Ideologien mit der Geschichte umgehen. Die Buchvorstellung war sehr lehrreich, und es war eine Freude, Bernecker zu sehen und zuzuh\u00f6ren. Die Inhalte des Buches sind meiner Ansicht nach auch relevant f\u00fcr uns in Deutschland, da bei rechten Parteien gewisse Parallelen mit dem Umgang der Geschichte zu erkennen sind. Ein sehr empfehlenswertes Buch meiner Meinung nach.<br \/>\nDen restlichen Samstag und Sonntag habe ich an unserem Stand verbracht, wobei die Zeit dank der zahllosen und interessanten Gespr\u00e4che \u2013 sowohl mit VerlegerInnen als auch BesucherInnen \u2013 sehr schnell vor\u00fcberzugehen schien.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Fazit<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Insgesamt habe ich mich auf der Linken Literaturmesse in N\u00fcrnberg wohl gef\u00fchlt, auch wenn die inhaltlichen Sticheleien ein wenig genervt haben. Ich m\u00f6chte mich bei allen bedanken, die mir ein sch\u00f6nes Wochenende beschert haben!<br \/>\nWas ich jetzt in meinem Fluss kreativer Gedanken noch zum Schluss als Anekdote mitgeben m\u00f6chte, ist Folgendes: Es ist auch mal okay, keine festgenagelte Meinung zu haben. Wenn jemandem ein Thema zu komplex ist, und man eigentlich nicht allzu viel dar\u00fcber wei\u00df, sollte man auch nicht herumlaufen und seine Meinung als Nonplusultra postulieren. Bevor man irgendeinen halbrichtigen Satz von sich gibt, der auf unseri\u00f6sen Quellen von vor vier Wochen basiert, k\u00f6nnte man auch einfach zugeben, dass man vielleicht nicht inhaltlich auf der H\u00f6he ist und sich deswegen lieber nochmal informieren m\u00f6chte, oder einfach nichts dazu sagen. Wenn das mehr Menschen tun w\u00fcrden, h\u00e4tte sich die Messe einige unangenehme Situationen sparen k\u00f6nnen \u2013 aber das hat ja nichts mit der Messe an sich zu tun, sondern mit den einzelnen Menschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein dritter Artikel f\u00fcr die Graswurzelrevolution ist auch gleichzeitig mein dritter Erfahrungsbericht, den ich f\u00fcr die GWR schreibe. 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