{"id":30569,"date":"2023-11-27T13:46:26","date_gmt":"2023-11-27T11:46:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/postanarchismus-wasn-das\/"},"modified":"2023-11-28T15:33:34","modified_gmt":"2023-11-28T13:33:34","slug":"postanarchismus-wasn-das","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/postanarchismus-wasn-das\/","title":{"rendered":"Postanarchismus? Was\u2019n das?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wie bitte? Ich soll ein Vorwort f\u00fcr ein \u201epostanarchistisches Buch\u201c schreiben? Gerne. Obwohl, ein \u201eNach-Wort\u201c w\u00e4re f\u00fcr ein \u201ePost-Anarchismus\u201c-Buch sicher passender.<br \/>\nAls mich mein alter Freund und Genosse Oskar Lubin bat, in meiner Funktion als Redakteur der Graswurzelrevolution (GWR) ein Vorwort zu seinem Buch \u201eStichworte zum Postanarchismus\u201c zu schreiben, habe ich sofort zugesagt. Oskar Lubins Glossen leben als knackige Kommentare zu aktuellen Ereignissen, Proble-men und Theorien nicht zuletzt von feinem Spott, von Selbstironie, Polemik und Witz. Sie alle sind bereits in loser Folge zwischen 2018 und 2023 in der Graswurzelrevolution erschienen. Als GWR-Redakteur hatte ich sie also schon gelesen und in R\u00fccksprache mit Oskar und den GWR-Herausgeber:innen redigiert und lektoriert. Ich k\u00f6nnte hier also einiges zu den Inhalten der durch die Bank lesenswerten Einzelbeitr\u00e4ge sagen.<br \/>\nStattdessen m\u00f6chte ich dieses Geleitwort nutzen, um meine eigenen Vorurteile in Bezug auf den oft als \u201everkopft\u201c und \u201ezu akademisch\u201c geschm\u00e4hten Postanarchismus ein bisschen zu reflektieren. Vielleicht erkl\u00e4re ich auch, warum ich mich nicht als Postanarchist verstehe, sondern immer noch als Anarchist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wie bin ich \u00fcberhaupt mit dem Anarchismus und sp\u00e4ter mit dem Postanarchismus in Ber\u00fchrung gekommen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als langhaariger Sch\u00fcler, \u00d6ko- und Friedensaktivist bin ich in den fr\u00fchen 1980ern auf das B\u00fcchlein \u201eWas ist eigentlich Anarchie?\u201c gesto\u00dfen. Es l\u00f6ste in meinem Kopf eine Art Initialz\u00fcndung aus. Vorher wurde ich schon durch B\u00fccher wie beispielsweise Ernst Friedrichs \u201eKrieg dem Kriege\u201c und anarchistische Rockbands wie Cochise und Ton Steine Scherben anarchistisch-subkulturell gepr\u00e4gt, aber die Selbsterkenntnis \u2013 \u201eIch bin Anarchist\u201c \u2013 kam mit der Lekt\u00fcre des vor allem von Horst Stowasser verantworteten schwarzen Einf\u00fchrungswerks aus dem legend\u00e4ren West-Berliner Karin Kramer Verlag. Seitdem versuche ich als Agitator, Lebenspartner, Vater und neuerdings Opa, Leseratte und Aktivist in den Neuen Sozialen Bewegungen mein Leben soweit wie m\u00f6glich in den Dienst der Gegenseitigen Hilfe und freien Assoziation, f\u00fcr die Utopie einer gewaltfreien, herrschaftslosen, freiheitlich-sozialistischen, egalit\u00e4ren Gesellschaft zu stellen. Soweit das eben m\u00f6glich ist unter den miesen Bedingungen des real existierenden, noch immer dringend zu \u00fcberwindenden Kapitalismus. \u201eEs gibt kein richtiges Leben im falschen\u201c, wie Adorno richtig feststellte, aber es gibt ein Leben, ein Leben f\u00fcr die Anarchie. Es lohnt sich zu streiten f\u00fcr die anarchistische Utopie, also f\u00fcr ein selbstbestimmtes, solidarisches Leben ohne Chef und Staat in einer grenzenlosen Welt.<br \/>\nAls Anarchist:innen wollen wir mit Hilfe direkter gewaltfreier Aktionen alle Kriege, das Artensterben und die Klimakatastrophe stoppen und jegliche Form von Nationalismus, Faschismus, Rassismus und Sexismus zur\u00fcckdr\u00e4ngen: \u201eSystem change, not climate change!\u201c Ziel aller Anarchist:innen ist ein menschenw\u00fcrdiges und gl\u00fcckliches Leben f\u00fcr alle. Oder, so formulierte es Genosse David Graeber im Jahr 2013: \u201eIm Grunde geht es im Anarchismus schlichtweg darum, wahrhaft demokratische Prinzipien im Alltag zu verwirklichen \u2013 jedoch mit dem bezeichnenden Unterschied, dass Anarchist:innen an eine Gesellschaft glauben, in der sich alles nach diesen Grunds\u00e4tzen organisieren l\u00e4sst und in der alle Gruppen auf dem freiwilligen Einverst\u00e4ndnis ihrer Mitglieder gr\u00fcnden.\u201c<br \/>\nAls jugendlicher Aktivist in der Sch\u00fclervertretung am Geschwister-Scholl-Gymnasium im westf\u00e4lischen Unna gr\u00fcndete ich 1984 mit Freundinnen und Freunden die ziemlich platt verbalradikale Sch\u00fclerzeitung \u201eSplash\u201c, die immerhin so viel Aufsehen erregte, dass emp\u00f6rte, konservative Eltern ihren Kindern die Lekt\u00fcre dieses \u201elinksextremen Schmierblattes\u201c mit Nachdruck untersagten.<br \/>\nDie Gr\u00fcndung und Produktion kleiner anarchistischer Publikationen war dann w\u00e4hrend meines Studiums ab 1986 in M\u00fcnster eine Leidenschaft, der ich unaufh\u00f6rlich folgte. Bis heute habe ich ungef\u00e4hr 300 anarchistische Zeitschriften (mit-)herausgegeben und es ist immer wieder ein tolles Gef\u00fchl, wenn mit jeder neuen Ausgabe auch ein St\u00fcck Gegen\u00f6ffentlichkeit das Licht der Welt erblicken kann. Dem \u201ePrintmediensterben\u201c zum Trotz!<br \/>\nMeine Dissertation besch\u00e4ftigte sich mit \u201eAnarchismus und libert\u00e4re(r) Presse in Ost- und Westdeutschland\u201c und wurde im Oktober 1998 in den Libert\u00e4ren Buchseiten der Graswurzelrevolution Nr. 232 als \u201eMeilenstein der Anarchismusforschung\u201c rezensiert. So war es wenig \u00fcberraschend und f\u00fcr mich bis heute ein unglaubliches Gl\u00fcck, dass ich nach dem Ende meines Soziologie-, P\u00e4dagogik- und Politikstudiums im November 1998 von den GWR-Mitheraus-geber:innen zum GWR-Koordinationsredakteur gew\u00e4hlt wurde. Die Geschichte dieser seit 1972 erscheinenden Monatszeitschrift f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft hatte ich zuvor f\u00fcr meine Dissertation erforscht und alle Ausgaben gelesen. Nun verwandelte ich mich vom langj\u00e4hrigen Abonnenten und Fan zum Redakteur, seit Februar 1999 im kleinen GWR-Redaktionsb\u00fcro in M\u00fcnster. \u201eWir m\u00fcssen uns Sisyphos als gl\u00fccklichen Menschen vorstellen\u201c, sagt Albert Camus. Allerdings!<br \/>\nAls GWR-Koordinationsredakteur flatterte mir im Jahr 2000 auch der erste Artikel zum Thema \u201ePostanarchismus\u201c in den Briefkasten. Ein Manuskript von J\u00fcrgen M\u00fcmken, dessen Abdruck ich, nach R\u00fccksprache mit dem GWR-Heraus-geber:innenkreis, ablehnte, weil ich den vom Englischen \u201epost-anarchism\u201c abgeleiteten Begriff \u201ePostanarchismus\u201c als problematisch empfunden hatte.<br \/>\nDie Vorsilbe \u201ePost\u201c im \u201ePostanarchismus\u201c interpretierte ich als Distanzierung vom Anarchismus, als geh\u00f6re der Anarchismus der Vergangenheit an. Beim Begriff \u201ePost-Anarchismus\u201c hatte ich sofort die Assoziation \u201eNach-Anarchismus\u201c. Und das empfand ich geradezu als emp\u00f6rend, als gebe es heute keine anarchistische Bewegung mehr, als geh\u00f6re der Anarchismus auf den Misthaufen der Geschichte. Leute, die sich als \u201ePostanarchist:innen\u201c bezeichneten, erweckten bei mir den Eindruck, als wollten sie sich vom Anarchismus, dieser lebendigen, vielf\u00e4ltig bunten und sozialrevolution\u00e4ren globalen Bewegung, distanzieren. Und vielleicht auch von ihrer eigenen Vergangenheit als Anarchist:innen. \u201ePostanarchismus\u201c als Abgrenzung zum Anarchismus? So war das doch gar nicht gemeint, oder? Aber f\u00fcr mich f\u00fchlte es sich so an.<br \/>\nNat\u00fcrlich konnte mein r\u00fcckblickend ziemlich peinlicher \u201eZensurversuch\u201c die Diskussion um den \u201ePostanarchismus\u201c und die Einf\u00fchrung des Begriffs im deutschsprachigen Raum nicht aufhalten. Im Gegenteil. Besonders in der GWR wurde die Diskussion kontrovers und intensiv gef\u00fchrt. So verteidigte der Postanarchist Oskar Lubin den \u201ePostanarchismus\u201c in der Graswurzelrevolution Nr. 258 vom April 2001: \u201eDer klassische Anarchismus ist nicht pass\u00e9, bedarf aber angesichts theoretischer Entwicklungen und ver\u00e4nderter Verh\u00e4ltnisse einiger Revisionen.\u201c Okay, damit l\u00e4sst sich auch als Anarchist gut leben.<br \/>\nIch finde ebenfalls, dass es die eigene anarchistische Theoriebildung bereichern kann, sich mit den Texten beispielsweise der \u201ePostfeministin\u201c Judith Butler und den Theorien von \u201ePoststrukturalisten\u201c wie Michel Foucault und Gilles Deleuze zu besch\u00e4ftigen, auch wenn sie sich allesamt nicht als Anarchist:innen verstanden beziehungsweise verstehen. Trotzdem sorgte ich bei einigen Postanarchist:innen f\u00fcr Ver\u00e4rgerung, als ich mich in einem 2007 in der Wochenzeitung Jungle World ver\u00f6ffentlichten Interview ironisch zum \u201eTelekom-Anarchismus\u201c \u00e4u\u00dferte: \u201eDer moderne Anarchismus von heute ist nat\u00fcrlich nicht mehr der von Michail Bakunin. Ich halte den Begriff \u201aPostanarchismus\u2018 f\u00fcr problematisch. Das erste, woran man bei diesem Begriff denkt, sind vielleicht Anarchisten, die sich bei der Telekom organisiert haben. Gemeint ist aber der Anarchismus in der Postmoderne.\u201c<br \/>\nTats\u00e4chlich finde ich es w\u00fcnschenswert, wenn sich mehr Anarchist:innen auch bei Post und Telekom anarchosyndikalistisch organisieren und dann als \u201eTelekom- und Post-Anarchist:innen\u201c mit Streiks und Arbeitsk\u00e4mpfen daf\u00fcr sorgen, dass dort die Post abgeht. Schluss mit lustig. (&#8230;)<br \/>\nPostanarchismus? \u2013 Dar\u00fcber l\u00e4sst sich reden. \u2013 Auf jeden Fall aber: Anarchie und Gl\u00fcck!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie bitte? Ich soll ein Vorwort f\u00fcr ein \u201epostanarchistisches Buch\u201c schreiben? Gerne. Obwohl, ein \u201eNach-Wort\u201c w\u00e4re f\u00fcr ein \u201ePost-Anarchismus\u201c-Buch sicher passender. Als mich mein alter Freund und Genosse Oskar Lubin bat, in meiner Funktion als Redakteur der Graswurzelrevolution (GWR) ein Vorwort zu seinem Buch \u201eStichworte zum Postanarchismus\u201c zu schreiben, habe ich sofort zugesagt. Oskar Lubins &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/postanarchismus-wasn-das\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Postanarchismus? 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