{"id":3057,"date":"2000-01-01T00:00:09","date_gmt":"1999-12-31T22:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3057"},"modified":"2022-07-26T14:26:26","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:26","slug":"ein-wahres-fest-des-widerstands","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/01\/ein-wahres-fest-des-widerstands\/","title":{"rendered":"Ein wahres Fest des Widerstands"},"content":{"rendered":"<p>GegnerInnen der Welthandelsorganisation (WTO) kamen im November\/Dezember in Seattle zusammen. Es gelang uns, das Ministeriumsgeb\u00e4ude einen Tag lang zu blockieren, die gesamte Woche \u00fcber den normalen Tagungsablauf empfindlich zu st\u00f6ren, und den Millionen Menschen auf der Erde eine Stimme zu geben, die unter der wirtschaftlichen Globalisierung leiden.<\/p>\n<p>In den f\u00fcnf Jahren ihrer Existenz hat die WTO eine Gegenbewegung hervorgebracht, die viele Gruppen \u00fcber viele Grenzen hinweg vereint. Die Ereignisse in Seattle k\u00f6nnten der Beginn einer noch nie da gewesenen Zusammenarbeit zwischen Umweltgruppen, Gewerkschaften, StudentInnen, religi\u00f6sen Gruppen, Bauern, AnarchistInnen, PazifistInnen und Menschenrechtsgruppen auf allen Kontinenten sein, vereint in der Opposition gegen die beispiellose Macht der WTO, Gesetze und Gebr\u00e4uche au\u00dfer Kraft zu setzen, die sie als Hindernisse f\u00fcr den freien Handel, den Profit der internationalen Konzerne einstuft, und die die Beschr\u00e4nkung von Selbstbestimmung und den Schutz der Umwelt, Gewerkschaften und Menschenrechte eind\u00e4mmen sollen.<\/p>\n<p>Obwohl sich die Berichterstattung der Medien meist auf Sachbesch\u00e4digungen einiger weniger konzentrierte, war die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der DemonstrantInnen friedlich, entschlossen und gut organisiert. Von 50.000 Leuten, die am Dienstag, den 30. November auf der Stra\u00dfe waren, warfen vielleicht 50 Scheiben ein oder z\u00fcndeten M\u00fcllbeh\u00e4lter an, was von der Polizei vollkommen ignoriert wurde. Die Polizei k\u00fcmmerte sich nur um die Tausende von Leuten, die gewaltfrei zivilen Ungehorsam leisteten und das gesamte Tagungsgeb\u00e4ude, viele Stra\u00dfenkreuzungen in der Innenstadt und die Hotels der Delegierten blockierten. Wegen der gro\u00dfen \u00dcberzahl der DemonstrantInnen hatte die Polizei wohl den Befehl, an diesem Tag niemanden zu verhaften. Statt dessen versuchte sie vergeblich, die Stra\u00dfe mit Hilfe chemischer Waffen (Tr\u00e4nengas und Pfefferspray), Gummigeschossen und Schlagst\u00f6cken zu r\u00e4umen. Die Leute hielten den Attacken stand oder kamen zur\u00fcck, sobald sich das Gas verzogen hatte. Die Blockaden hielten den ganzen Tag \u00fcber an, so dass die meisten Delegierten die Geb\u00e4ude nicht betreten konnten, und die Er\u00f6ffnungsveranstaltungen, Pressekonferenzen und ersten Sitzungen ausfielen. Es war ein Erfolg von direkter Aktion, der in ihrer Effektivit\u00e4t selbst die OrganisatorInnen \u00fcberraschte.<\/p>\n<p>Die Blockaden wurden vom Direct Action Network (DAN) organisiert. Es hatte monatelang offen geplant, die WTO am 30.11. zu blockieren, wurde aber von den Beh\u00f6rden nicht ernst genommen, die wohl von der gro\u00dfen Zahl an aktionsbereiten Leuten \u00fcberrascht waren. Das DAN schuf die Grundlage f\u00fcr die Aktion, kn\u00fcpfte Kontakte, erarbeitete eine basisdemokratische, alle einbeziehende Entscheidungsstruktur, sorgte eine Woche vor der Aktion f\u00fcr einen Versammlungsraum, legte Wert auf Kunst und kulturelle Komponenten, organisierte Training in Gewaltfreiheit und Gesetzeskenntnis, arbeitete mit den Medien, stellte medizinische und juristische Unterst\u00fctzungsgruppen zusammen, und schuf Richtlinien f\u00fcr Gewaltfreiheit (keine physische oder verbale Gewalt, kein Alkohol oder andere Drogen, keine Sachbesch\u00e4digung, keine Waffen). Eine Woche vor Beginn der Aktion (genannt N30) organisierte das DAN die Zusammenkunft in einem Lagerhaus, fr\u00fcher als Nachtclub genutzt. Jeden Morgen wurden \u00dcbungen in Gewaltfreiheit, juristischen Fragen, erster Hilfe und Blockadetechniken abgehalten. Am Nachmittag gab es Arbeitsgruppen zum Basteln von riesigen Puppen, Transparenten usw., f\u00fcr Stra\u00dfentheater, Tanz und Gedichte. Am Abend formierten sich Affinit\u00e4tsgruppen von Gleichgesinnten, um die Aktion durchzuf\u00fchren und sich gegenseitig zu unterst\u00fctzen. Jede Gruppe w\u00e4hlte eine(n) SprecherIn in einen SprecherInnenrat, der die Aktion koordinierte.<\/p>\n<p>Am ersten Tag der Zusammenkunft waren vielleicht 150 Leute da. Im Laufe der Zeit wurden es immer mehr; am Wochenende vor der Aktion trainierten wir schon 800 Leute pro Tag in direkter Aktion und Gewaltfreiheit, und es war eine chaotische Mischung von Tausenden Leuten, die sich anmeldeten, an \u00dcbungen teilnahmen, kreativ waren, etwas ansagten, sich gegenseitig suchten. Es wurde klar, dass die Aktion riesig werden w\u00fcrde!<\/p>\n<p>Gewerkschaften und andere Gruppen hatten sich auch schon monatelang vorbereitet und eine ansehnliche Zahl an Foren, teach- ins und anderen Veranstaltungen organisiert, die die ganze Woche \u00fcber sehr gut besucht waren. Sie meldeten auch eine legale Gro\u00dfdemonstration an, an der 40.000 Leute teilnahmen, von denen sich viele der Blockade in der Innenstadt anschlossen, obwohl die Demo &#8211; VeranstalterInnen und die Polizei sie daran hindern wollten, da sie, um die Genehmigung zu bekommen, eine Vereinbarung mit der Polizei hatten, die Demo vor dem Tagungsgeb\u00e4ude zu stoppen.<\/p>\n<p>Um 17 h verh\u00e4ngte der B\u00fcrgermeister von Seattle den Ausnahmezustand, rief die Nationalgarde, verk\u00fcndete eine Ausgangssperre ab 19 Uhr bis Sonnenaufgang in der Innenstadt und in einer &#8222;Protestverbotszone&#8220; um das Tagungsgeb\u00e4ude und das Westin Hotel, wo Pr\u00e4sident Clinton in dieser Nacht wohnte. Seattle stand unter Kriegsrecht. Obwohl die meisten DemonstrantInnen sich um 17 h zu SiegerInnen erkl\u00e4rten und die Blockade beendeten, da die WTO f\u00fcr diesen Tag vorbei war, attackierte die Polizei w\u00e4hrend der ganzen Nacht den Rest der DemonstrantInnen mit Tr\u00e4nengas und trieb sie ins Viertel von Capitol Hill, wo noch eine kleine Gruppe Scheiben einwarf und pl\u00fcnderte. Ein Teil der Ausnahmezustandserkl\u00e4rung verbot es sogar, Gasmasken zu verkaufen oder zu besitzen &#8211; und das in einer Stadt, in der es legal ist, Waffen zu verkaufen oder zu besitzen! Die Einschr\u00e4nkung der Freiz\u00fcgigkeit, Redefreiheit und anderer Grundrechte war mehrere Tage in Kraft, und viele stellten ihre Verfassungsm\u00e4\u00dfigkeit in Frage.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen, den 1.12., hatte die Polizei ihre Taktik ge\u00e4ndert. Eine riesige Menge kam zusammen, um den Protest gegen die WTO fortzusetzen. Es wurden 400 Leute verhaftet, darunter viele JournalistInnen und Unbeteiligte. Ein Journalist war mitten in einer Live-Radiosendung, als er verhaftet wurde. Pr\u00e4sident Clinton war in seinem Hotel eingeschlossen und verpasste f\u00fcr einige Stunden seine Termine, w\u00e4hrend die DemonstrantInnen verhaftet wurden.<\/p>\n<p>Am Nachmittag ging die Polizei unerwartet wiederum anders vor. Die streikende Stahlarbeitergewerkschaft hielt eine Kundgebung ab, an der viele Tausende teilnahmen. Einige marschierten danach in die Innenstadt, um weiter gegen die WTO und die Einschr\u00e4nkung der Grundrechte zu protestieren. Es war eine v\u00f6llig gewaltfreie Demonstration. Sie hatte noch nicht einmal die &#8222;Protestverbotszone&#8220; erreicht, als Bereitschaftspolizei einen Angriff mit Tr\u00e4nengas, Pfefferspray, Gummigeschossen und Ersch\u00fctterungsgranaten startete. Sie forderten nicht auf, die Demo zu verlassen, sondern jagten die Leute durch die Stra\u00dfen und attackierten jede(n). Viele Unbeteiligte waren betroffen, die nur auf den Bus warteten oder einkauften. Ich sah, wie Kinder, auf dem Boden Liegende, RollstuhlfahrerInnen mit Tr\u00e4nengas und Pfefferspray attackiert wurden, und viele Leute wurden beim Versuch des R\u00fcckzugs von Gummigeschossen getroffen. Die gro\u00dfe Zahl an Ersch\u00fctterungsgranaten trug zur Verwirrung und Panik bei. Die DemonstrantInnen waren meist sehr diszipliniert, ermutigten die Leute, nicht zu rennen, und halfen den Opfern, die Augen auszusp\u00fclen. Ein afro-amerikanischer Stadtrat wurde aus seinem Auto gezerrt, auf den Boden geworfen, mit Handschellen gefesselt, obwohl er seinen Ausweis vorzeigte &#8211; wie er sagte, war er &#8222;nur ein gew\u00f6hnlicher Nigger f\u00fcr sie.&#8220; Etwa 200 Leute wurden am Ende verhaftet. Die Gewalt der Polizei hielt wieder die ganze Nacht an, diesmal bis 2 Uhr in Capitol Hill, wo sehr viele BewohnerInnen, JournalistInnen und NichtdemonstrantInnen mit Gas attackiert und geschlagen wurden.<\/p>\n<p>Die Reaktion auf die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Polizeigewalt und die Abreise Pr\u00e4sident Clintons f\u00fchrten zu mehr Zur\u00fcckhaltung und einer im allgemeinen eher kooperativen Haltung der Polizei in den folgenden Tagen, als die friedlichen Proteste weitergingen. Sie richteten sich gegen die WTO, gegen Polizeibrutalit\u00e4t und gegen die Misshandlung der 600 Verhafteten, die im Gef\u00e4ngnis auf vielfache Weise schikaniert wurden: Verweigerung von Nahrung, Wasser, medizinischer Behandlung, Medikamenten, und Anw\u00e4ltInnen; Gewalt von Gef\u00e4ngnisw\u00e4rtern als Antwort auf Nichtkooperation usw. Eine Frau wurde von drei W\u00e4rtern niedergehalten, die ihr Gesicht auf den Betonboden schlugen und ihr die Nase brachen. Einem Mitglied meiner Gruppe wurde der Unterarm gebrochen. Einige mussten sich ausziehen und nackt bleiben, als sie sich weigerten, Anstaltskleidung anzuziehen. Viele wurden an den Haaren gezogen und geschlagen. Einem Mann mit AIDS wurden 50 Stunden lang seine Medikamente verweigert, obwohl sie alle 12 Stunden eingenommen werden m\u00fcssen. Auch anderen mit Diabetes und Asthma wurden Medikamente vorenthalten.<\/p>\n<p>Am Donnerstag und Freitag wurde wieder bis sp\u00e4t in die Nacht demonstriert und Mahnwachen abgehalten, und mensch freute sich zu h\u00f6ren, dass die Delegierten sich nicht auf einen Konsens \u00fcber eine abschlie\u00dfende Erkl\u00e4rung oder ein Programm f\u00fcr die n\u00e4chste Runde einigen konnten. Ein guter Erfolg.<\/p>\n<p>Am Samstag und Sonntag hielten die Demonstrationen vor dem Gef\u00e4ngnis in Solidarit\u00e4t mit den WTO &#8211; Gefangenen rund um die Uhr an. Alle wurden schlie\u00dflich bis zum fr\u00fchen Montag morgen entlassen, au\u00dfer einigen mit schwereren Anklagen wegen mutma\u00dflicher Sachbesch\u00e4digung.<\/p>\n<p>Die Aktion in Seattle hat nachhaltige Auswirkungen. Am Montag k\u00fcndigte der Polizeipr\u00e4sident seinen R\u00fccktritt an, und auch der B\u00fcrgermeister steht unter Beschuss. Die ersten Klagen gegen die Polizei wurden schon eingereicht; es werden sicherlich noch viele folgen. Der Stadtrat hat eine erste, sehr gut besuchte Anh\u00f6rung abgehalten, und es wird verschiedene Untersuchungen der WTO &#8211; Sicherheitsma\u00dfnahmen geben. Die Gesch\u00e4fte in der Innenstadt und in Capitol Hill melden Verluste von 21 Millionen Dollar (die meist nicht durch Sachbesch\u00e4digung, sondern durch Gesch\u00e4ftsausfall wegen der Demonstrationen und Absperrungsma\u00dfnahmen zur besten Feiertags &#8211; Einkaufszeit entstanden). Alle haben eine Meinung zu den Protesten, zur Reaktion der Polizei und zur WTO. Die ersten Treffen zur Analyse der Aktion und zur St\u00e4rkung der neu formierten B\u00fcndnisse wurden schon angesetzt. Unter den AktivistInnen der direkten Aktion findet eine lebhafte Diskussion \u00fcber den Gebrauch von Sachbesch\u00e4digung als Taktik statt.<\/p>\n<p>Nun, da die Aktion vorbei ist, m\u00f6chte ich einige \u00dcberlegungen anstellen.<\/p>\n<p>Ohne die direkte Aktion w\u00e4ren die Proteste nicht ann\u00e4hernd so effektiv gewesen. Wenn es nur Informationsveranstaltungen und eine Demo mit 40.000 Leuten gegeben h\u00e4tte, die am Tagungsgeb\u00e4ude geendet h\u00e4tte, h\u00e4tten wir in den Nachrichten 30 Sekunden gehabt, und danach w\u00e4re von der WTO berichtet worden. Nur wegen der Blockade der WTO und eines Gro\u00dfteils der Innenstadt wurde die \u00d6ffentlichkeit aufmerksam. Obwohl die Sachbesch\u00e4digungen vom Thema ablenkten, viele Leute abstie\u00dfen und der Polizei einen Vorwand f\u00fcr brutale Angriffe lieferten, war die Aktion insgesamt wunderbar inspirierend und ermutigend. Ich traf Leute aus allen Lebensbereichen, die mit viel Mut, Kreativit\u00e4t, Disziplin und Integrit\u00e4t handelten, sich umeinander k\u00fcmmerten und den wachsenden Widerstand gegen die WTO und die Globalisierung deutlich machten.<\/p>\n<p>Die Organisation des DAN wurde mit sehr wenig Geld finanziert, ohne Angestellte oder B\u00fcros. Nur durch die Macht des dezentralen, leidenschaftlichen Graswurzel &#8211; Netzwerks war es m\u00f6glich, dass es uns trotz Mangels an Leuten, Geld und Zeit gelang, eine so erfolgreiche, gut organisierte, riesige Aktion zu starten und gleichzeitig Tausende weithergereiste Leute mit Unterbringung, Essen und Medikamenten zu versorgen. Die etablierteren Gruppen mit bezahlten Vollzeitkr\u00e4ften und mehr finanziellen Mitteln habe ich z.B. nicht f\u00fcr Essen sorgen sehen. Es tat so gut, nach Stunden auf der Stra\u00dfe, frierend und nass, jemanden von Seeds of Peace, die das Essen organisierten, pl\u00f6tzlich mit einem Eimer voller dampfenden, leckeren und nahrhaften Eintopfs auftauchen zu sehen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Vorteil einer mit Affinit\u00e4tsgruppen organisierten Aktion ist die Flexibilit\u00e4t: wir wussten nicht, was wir von der Polizei und anderen Sicherheitskr\u00e4ften zu erwarten hatten und konnten nur spekulieren, was am 30.11. und danach passieren w\u00fcrde. Aber da Affinit\u00e4tsgruppen schon entscheidungsf\u00e4hige Einheiten sind, die darauf vorbereitet waren, schnelle Entscheidungen im Konsens zu treffen, war es uns m\u00f6glich, die ganze Woche lang auf die sich immer wieder \u00e4ndernden Bedingungen zu reagieren, und stark und einig zu bleiben. Selbst nach den Verhaftungen am 1.12., als viele der HauptorganisatorInnen im Gef\u00e4ngnis landeten, lief die direkte Aktion genauso weiter.<\/p>\n<p>Einer der bemerkenswertesten Aspekte dieser Aktion war die Pr\u00e4senz von Kunst, Theater, Tanz und Lyrik: ein wahres Fest des Widerstands. Die Demos wurden aufgelockert mit riesigen Puppen, Kost\u00fcmen (u.a. 240 Meeresschildkr\u00f6ten), sch\u00f6nen Transparenten, Stelzenl\u00e4uferInnen, S\u00e4ngerInnen, T\u00e4nzerInnen, RapperInnen, und das Stra\u00dfentheater (koordiniert vom Bread and Puppet Theater) war das professionellste und effektivste, das ich je gesehen habe. Mensch konnte sogar Kunst aus der Luft betrachten: nach mehreren kleineren Demos vor dem 30.11. half eine K\u00fcnstlerin den Leuten, mit ihren K\u00f6rpern Buchstaben zu formen, sodass von oben die Worte &#8222;Rise Up&#8220; (steht auf) zu lesen waren.<\/p>\n<p>Ich war \u00fcberrascht, wie leicht wir das Tagungsgeb\u00e4ude blockieren konnten. Als Nebeneffekt blockierten wir auch einen Gro\u00dfteil der Innenstadt. Wenige tausend Leute, die dazu bereit sind, ihre Verhaftung zu riskieren, k\u00f6nnen in einem gro\u00dfst\u00e4dtischen Umfeld eine enorme Wirkung entfalten. Und wenn wir versucht h\u00e4tten, den Rest von Seattle zu blockieren, h\u00e4tten wir mit Leichtigkeit auch die Autobahnen und andere Schl\u00fcsselstellen besetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Reaktion vieler Leute in Seattle auf die Demonstrationen war so, dass sie sich vor allem \u00fcber die verlorenen Einkaufs- und Verkaufsm\u00f6glichkeiten aufgeregt haben. Es ist schon erstaunlich, was f\u00fcr eine starke Droge der Kommerz ist. Auch habe ich das Gef\u00fchl, dass die Medien, und auch viele Leute sofort und fast unterbewusst f\u00fcr Gesch\u00e4ftsinhaber und Polizeibeamte Verst\u00e4ndnis hatten (die ziemlich mitgenommen sind). Es ist schon viel M\u00fche und ein(e) kritische(r) Journalist(in) n\u00f6tig, um die Sicht der DemonstrantInnen positiv darzustellen. Eine Abweichung von dieser Norm ergab sich bei der langen Live- \u00dcbertragung der Aktionen am 30.11. und 1.12. in den Lokalsendern. Da hier auch JournalistInnen Tr\u00e4nengas abbekamen und von der Polizei weggejagt wurden, erfuhren sie einige der Polizeiexzesse am eigenen Leib und sahen, dass die gro\u00dfe Mehrheit der DemonstrantInnen sich v\u00f6llig gewaltfrei verhielten, als sie angegriffen wurden. Und bei der Live-\u00dcbertragung sagten viele JournalistInnen direkt die Wahrheit, die ohne Live &#8211; Schaltung sonst wohl herausgeschnitten worden w\u00e4re. Z.B. h\u00f6rte ich, als Leute von der Polizei weggezerrt und verhaftet wurden, eine Journalistin sagen: &#8222;Sie leisten keinen Widerstand, ihre K\u00f6rper sind v\u00f6llig schlaff.&#8220; Die Polizei nennt diese Schlaffheit oft &#8222;Widerstand gegen die Verhaftung&#8220;, was dann die Medien unkommentiert \u00fcbernehmen; Worte, die Bilder von sich aktiv k\u00f6rperlich der Polizei widersetzenden DemonstrantInnen hervorrufen.<\/p>\n<p>Es hat auch sehr viel Spa\u00df gemacht, auf der Stra\u00dfe laufen zu k\u00f6nnen, ohne die Gefahr, von einem Auto \u00fcberfahren zu werden, oder auf Ampeln achten zu m\u00fcssen, und sich wirklich lebendig und mit anderen verbunden zu f\u00fchlen, und das in der Innenstadt, die sonst ein Gesch\u00e4ftsviertel mit Konformit\u00e4t, Dumpfheit und sinnlosem Konsum ist, und in der Arme, Obdachlose, Arbeitslose, Verwahrloste oder alle anderen als b\u00fcrgerliche Wei\u00dfe unerw\u00fcnscht sind. F\u00fcr ein oder zwei Tage war die Innenstadt eine befreite Zone. Diese Freude werde ich nicht vergessen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GegnerInnen der Welthandelsorganisation (WTO) kamen im November\/Dezember in Seattle zusammen. Es gelang uns, das Ministeriumsgeb\u00e4ude einen Tag lang zu blockieren, die gesamte Woche \u00fcber den normalen Tagungsablauf empfindlich zu st\u00f6ren, und den Millionen Menschen auf der Erde eine Stimme zu geben, die unter der wirtschaftlichen Globalisierung leiden. 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