{"id":30572,"date":"2023-11-27T13:46:29","date_gmt":"2023-11-27T11:46:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/ein-passender-film-zum-militaristischen-zeitgeist\/"},"modified":"2023-11-28T15:22:30","modified_gmt":"2023-11-28T13:22:30","slug":"ein-passender-film-zum-militaristischen-zeitgeist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/ein-passender-film-zum-militaristischen-zeitgeist\/","title":{"rendered":"Ein passender Film zum militaristischen Zeitgeist"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Im Mittelpunkt steht die Biografie J. Robert Oppenheimers (1904\u20131967) und das Wettrennen der USA mit den Nazis um den Bau der Atombombe. Angelehnt an die Biografie Martin J. Sherwins, der daf\u00fcr 2005 den Pulitzer-Preis erhielt, wurde die Geschichte an Originalschaupl\u00e4tzen in Los Alamos, New Mexico und der Princeton University gedreht. Cillian Murphy spielt Oppenheimer, den Leiter des geheimen Manhattan-Projects. An diesem milit\u00e4rischen Atomforschungsprojekt waren \u00fcber drei Jahre hinweg 150.000 Mitarbeiter*innen beteiligt und es endete so fatal mit der Atombombe 1945 und deren Einsatz in Hiroshima und Nagasaki. Der Physiker Oppenheimer und General Leslie R. Groves (gespielt von Matt Damon) suchten sich 1942 einen Ort, der \u201eabgelegen und unbewohnt\u201c war, um das von US-Pr\u00e4sident Theodor D. Roosevelt protegierte und vom Kriegsministerium finanziell herausragend ausgestattete Manhattan Project durchzuf\u00fchren. Los Alamos in New Mexico erf\u00fcllte f\u00fcr die Beiden diese Bedingungen f\u00fcr die Geb\u00e4ude der Wissenschaftler. Auch f\u00fcr die etwas weiter entfernte, von Ihnen so benannte Trinity Test Site, in der die Bombe gez\u00fcndet werden sollte, fanden sie in New Mexico einen \u201egeeigneten\u201c Ort. Der Film gibt diese vorgebliche Abgelegenheit auch heute so wieder.<br \/>\nUnd damit werden die damals offiziellen, aber grundverkehrten, Verlautbarungen bruchlos fortgef\u00fchrt, denn als einziges bewohntes Hindernis f\u00fcr die Anlage, die entstand, taucht nur eine Ranch auf. Vielleicht muss der Regisseur an diesem Punkt sogar bis zu einem gewissen Punkt verstanden werden, denn die offizielle Sichtweise in den USA, die auch von Wikipedia kolportiert wird, erw\u00e4hnt bis heute nur diese Ranch. Die Wirklichkeit sah anders aus. Die Menschen in New Mexico verloren ihr Land an die Atomforschungsbauten und viele unter den 150.000 Mitarbeiter*innen waren Ortsans\u00e4ssige, die f\u00fcr die Anlage arbeiteten und sp\u00e4ter Opfer des radioaktiven Fallouts des ersten Atomtests wurden.<br \/>\nTina Cordova, eine Mitbegr\u00fcnderin des Tularosa Basin Downwinders Consortiums ((1)), sah den Film als \u201e\u00dcberglorifizierung der Wissenschaft und der beteiligten Wissenschaftler\u201c. Sie selbst war zum Zeitpunkt der Bombenexplosion vier Jahre alt und erkrankte mit 39 Jahren an Schilddr\u00fcsenkrebs. Ihr Vater Anastacio erkrankte an Prostata- und Zungenkrebs und starb mit 71 Jahren; ihre Mutter Rosalie bekam Tumore im Mund. Weitere Verwandte entwickelten Krebskrankheiten. Im Gegensatz zur Test Site in Nevada wurde in New Mexico \u00fcber den ersten Test unter dem von Oppenheimer gew\u00e4hlten Codenamen \u201eTrinity\u201c nie gesprochen. Erst die Gr\u00fcndung des Downwinders Consortiums durchbrach das Schweigen und benannte die Folgen.<br \/>\nAls Testgel\u00e4nde war das Tal Jornada del Muerto ausgew\u00e4hlt worden, ca. 35 Meilen (56 Kilometer) von der Stadt Socorro entfernt, n\u00f6rdlich der Stadt Thoreau. Die US-Regierung eignete sich 1942 das Land an, gepachtetes Land wurde aufgek\u00fcndigt, Beweidungsrechte wurden au\u00dfer Kraft gesetzt. Die Gegend lag im Socorro County und wurde nach dem Test in White Sands Proving Ground umbenannt. Obwohl bereits Richtlinien vorhanden waren, dass innerhalb von 50 Meilen niemand anwesend sein sollte, wurden die Bewohner*innen von Socorro und anderen St\u00e4dten im weiteren Umkreis nicht evakuiert und nicht informiert.<br \/>\nAuf der Website melden sich Betroffene und berichten von Erkrankungen ihrer Eltern. Ein Post zeigt ein Foto vom 13. April 1946, auf dem ein gro\u00dfes Fest \u2013 \u201ePlay Day at White Sands\u201c \u2013 zu sehen ist, auf dem Testgel\u00e4nde neun Monate nach dem Trinity Test. Die Downwinders protestieren seit Jahren und erreichten, dass 2024 ein Zusatz zum National Defense Authorization Act (RECA) verabschiedet werden soll, mit dem den Opfern des Trinity Tests und Uranminenarbeiter*innen finanziell geholfen werden soll. Der Senat unterst\u00fctzte das Vorhaben, aber bevor es auf Joe Bidens Agenda kommt, m\u00fcsste es auch vom republikanisch kontrollierten Repr\u00e4sentantenhaus gebilligt werden.<br \/>\nTina Cordova kritisiert, dass im Film nicht dar\u00fcber gesprochen wird, dass die New Mexicans und Navajos die dreckigsten Jobs erledigten: sie bauten die Stra\u00dfen, Br\u00fccken und Geb\u00e4ude und \u00fcbernahmen w\u00e4hrend der Entwicklungsphase die gesundheitssch\u00e4dlichsten Jobs in den Geb\u00e4uden. Zumindest im Abspann h\u00e4tte erwartet werden k\u00f6nnen, dass auf die Situation der Betroffenen hingewiesen worden w\u00e4re. Cordova wurden Berichte bekannt, dass Menschen bei dem Trinity Test auf die Knie gefallen waren, weil sie dachten, das Ende der Welt sei gekommen oder dass z.B. eine Mutter ihre Kinder im Schlafzimmer um sich scharte und meinte, \u201ewenn wir jetzt alle sterben m\u00fcssen, dann sterben wir zusammen\u201c.<br \/>\nSolche Posts der letzten Jahre zeigen, dass sich f\u00fcr einen aktuellen Film Fragen aufgedr\u00e4ngt h\u00e4tten: \u201eWas passierte nach dem Test mit der Umgebung, der Umwelt? Was waren die Folgen f\u00fcr die Menschen in New Mexico?\u201c<br \/>\nWeder im Film noch im Nachspann wurde etwas davon thematisiert. Die Konzentration auf die Person Oppenheimer erlaubt dem Regisseur all die unangenehmen Seiten allein \u00fcber dessen Gewissensbisse und seinem Ringen um die Zukunft seiner Entwicklung auf eine pers\u00f6nliche Ebene zu reduzieren und damit alle realen Fakten und Folgen auszublenden. Das beginnt im Film mit der \u201eerfolgreichen\u201c Explosion am 16. Juli 1945 und der Reaktion Oppenheimers und der beteiligten Wissenschaftler. Kein Wort, kein Bild zu den tausenden Ortsans\u00e4ssigen, die innerhalb der 50 Meilen wohnten. Keine Erw\u00e4hnung, dass der Fallout 46 US-Staaten erreichte und sogar von Kanada bis Mexiko registriert wurde.<br \/>\nIn einem wichtigen Detail vergr\u00f6\u00dferte sich Oppenheimers pers\u00f6nliche Schuld f\u00fcr die Fallout-Folgen in New Mexico entscheidend. Das Gewinnen des Plutoniums war sehr kostenintensiv, so dass General Groves Angst bekam, dass eine fehlgeschlagene Explosion viel investiertes Geld vernichten w\u00fcrde und er sich kritischen Fragen stellen m\u00fcsste. Ein Forscher des Laboratoriums, Norman Ramsey, untersuchte, wie die entstehenden Kettenreaktionen teilweise reduziert werden konnten und legte 1944 eine L\u00f6sung vor, die die Freisetzung von Plutonium bei der Explosion reduzieren und damit das Plutonium einsparen w\u00fcrde. U.a. die ins Exil vertriebenen Wissenschaftler Hans Bethe ((2)) und Victor Weisskopf\u00a0((3)) kalkulierten wie die Freisetzung des Plutoniums durch einen Stahlenmantel, \u201eJumbo\u201c genannt, begrenzt werden kann. Oppenheimer bestand jedoch darauf, dass die Bombe \u201ein einer Form getestet werden muss, die dem letzten Einsatzzweck\u201c vergleichbar sein wird, um herauszufinden, wieviel Zerst\u00f6rungskraft sich entwickeln w\u00fcrde.<br \/>\nDie Plutonium-Bombe \u201eGadget\u201c aus New Mexico lieferte das Design f\u00fcr \u201eFat Man\u201c, die \u00fcber Nagasaki detonierte und f\u00fcr \u201eLittle Boy\u201c \u00fcber Hiroshima. Die Beobachter versammelten sich im Abstand von 20 Meilen (32 km) in Schutzr\u00e4umen. Die Explosionswelle wurde \u00fcber 100 Meilen gef\u00fchlt und die Explosion \u00fcber 50 Meilen geh\u00f6rt, die H\u00f6he des Atompilzes erreichte 12,1 Kilometer. Die Wissenschaftler f\u00fchrten anschlie\u00dfend gl\u00fcckselig T\u00e4nze auf. Von Oppenheimer wird berichtet, dass er sich bewegte wie der Westernheld aus dem Film \u201eHigh Noon\u201c (12 Uhr mittags).<br \/>\nDie Zivilbev\u00f6lkerung der weiteren Umgebung wurde mit Falschmeldungen in die Irre gef\u00fchrt. Gut vorbereitet durch General Groves ver\u00f6ffentlichten die Zeitungen, dass auf der Alamogordo Army Base ein Munitionslager mit Pyrotechnik explodiert sei. Dass aber niemand verletzt wurde. Die Explosion war sichtbar u.a. in El Paso, Gallup und Albuquerque, aus pers\u00f6nlichen Briefen wurde deutlich, dass sie bis zu 250 Meilen (400 Kilometer) weit sichtbar war. Bei der Explosion wurden drei Pfund Plutonium zerst\u00f6rt, zehn Pfund verblieben in der Atmosph\u00e4re und damit im Fallout. Die st\u00e4rkste Verseuchung wurde an Rindern im Abstand von 30 Meilen (48 Kilometern) gemessen. Die f\u00fcnf Counties (Landkreise) Guadalupe, Lincoln, San Miguel, Socorro und Torannce wurden am heftigsten kontaminiert. In dem 1990 verabschiedeten Radiation Exposure Compensation Act f\u00fcr die Nevada Test Site wurden diese Counties, deren Bewohner*innen nicht vorab informiert und evakuiert worden waren, nicht mitaufgenommen.<br \/>\nDie Daten aus dem Trinity Test lie\u00dfen die Analyse zu, in welcher H\u00f6he die Z\u00fcndung erfolgen sollte, um den gr\u00f6\u00dften Wirkungsgrad zu erreichen. F\u00fcr Hiroshima wurden 575 Meter, f\u00fcr Nagasaki 500 Meter festgelegt. Pr\u00e4sident Truman erfuhr von dem \u201eerfolgreichen\u201c Trinity Test auf der Konferenz in Potsdam. Die Nazidiktatur, die das Rennen um die Entwicklung der US-Atombombe gegen die Entwicklung der deutschen Atombombe unter der Leitung von Werner Heisenberg, ganz wesentlich mitgepr\u00e4gt hatte, war schon Geschichte. Oppenheimer glaubte jedoch, dass der Krieg in Asien durch den Einsatz der Atombombe verk\u00fcrzt werden und amerikanische Menschenleben gerettet werden k\u00f6nnten. Pr\u00e4sident Truman gab den Einsatzbefehl.<br \/>\nDer Film besch\u00e4ftigt sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Massenmord an der japanischen Zivilbev\u00f6lkerung mit Oppenheimers Kehrtwendung, nun eine weitere Entwicklung von Atomwaffen zu stoppen. Jetzt pr\u00e4gte ihn seine \u00dcberzeugung, dass er eine Kettenreaktion ausgel\u00f6ste habe, die dereinst die Welt zerst\u00f6ren w\u00fcrde. Da dies im sich entwickelnden \u201eKalten Krieg\u201c keine Resonanz fand, war es leicht f\u00fcr seine wissenschaftlichen Konkurrenten ihn auszugrenzen. Der Film konzentriert sich auf die Kontroversen \u00fcber die Entwicklung der Wasserstoffbombe. Hinzu kamen in dieser Zeit die \u00dcberpr\u00fcfungsprozesse zur politischen Zuverl\u00e4ssigkeit. Damit geriet Oppenheimer in den 1950er Jahren in die Defensive und Einflusslosigkeit. Filmreif geeignet und eigentlich klischeeverd\u00e4chtig, aber historisch belegt, wurde dabei die ehemalige Mitgliedschaft seiner Frau Katherine Oppenheimer (geborene Puening), gespielt von Emily Blunt, in der kommunistischen Partei aufgegriffen. Hinzu kam seine intime Beziehung zu der aktiven Kommunistin Jean Tatlock, gespielt von Florence Pugh. US-Pr\u00e4sident Lyndon B. Johnson rehabilitierte ihn 1963. Auch an diesem Punkt h\u00e4tte der Film noch ein letztes Mal die Chance gehabt von den Downwinders und deren Kampf um Wiedergutmachung zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mittelpunkt steht die Biografie J. Robert Oppenheimers (1904\u20131967) und das Wettrennen der USA mit den Nazis um den Bau der Atombombe. Angelehnt an die Biografie Martin J. Sherwins, der daf\u00fcr 2005 den Pulitzer-Preis erhielt, wurde die Geschichte an Originalschaupl\u00e4tzen in Los Alamos, New Mexico und der Princeton University gedreht. 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