{"id":30579,"date":"2023-11-27T13:46:34","date_gmt":"2023-11-27T11:46:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/putins-kanonenfutter\/"},"modified":"2024-01-09T13:08:50","modified_gmt":"2024-01-09T11:08:50","slug":"putins-kanonenfutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/putins-kanonenfutter\/","title":{"rendered":"Putins Kanonenfutter"},"content":{"rendered":"<p>Am Ausgang der Moschee Kotelniki fand am 20. Oktober 2023 eine Razzia statt. Die Moschee liegt in einer Schlaf-Vorstadt Moskaus, ungef\u00e4hr eine Stunde entfernt vom Zentrum der Stadt. Dort wohnen rund 70.000 Menschen, darunter viele Migrant*innen. Immer wieder muss die dortige kaukasischst\u00e4mmige oder aus Asien kommende Bev\u00f6lkerungsgruppe rassistische Polizeidurchsuchungen und Personenkontrollen sowie diskriminierende Kommentare der Anwohner*innen \u00fcber sich ergehen lassen. Doch am 20. Oktober diente die Razzia dem einzigen Zweck, neue Rekruten f\u00fcr die russische Armee und deren Krieg gegen die Ukraine zu gewinnen. ((1))<br \/>\nIm Anschluss an die heftigen K\u00e4mpfe um das ostukrainische Awdijiwka Anfang November 2023 \u00fcbernahm die \u201eFrankfurter Rundschau\u201c die Angaben des ukrainischen Kriegsministeriums, das seit Beginn des russischen Angriffskrieges am 24. Februar 2022 von insgesamt bereits 302.000 gefallenen russischen Soldaten spricht. Auch wenn sich diese Zahl nicht \u00fcberpr\u00fcfen l\u00e4sst, so sind die Verluste an Soldaten auf russischer Seite mit Sicherheit enorm. Allein im heftig umk\u00e4mpften Adwijikwa starben laut Frankfurter Rundschau allein am 1. November 2023 ca. 930 russische Soldaten im Rahmen der angeblichen milit\u00e4rischen Offensive. ((2)) Nach Angaben des nationalen Sicherheitsberaters der USA, John Kirby, besteht die Angriffstaktik der russischen Armee im direkten Verschlei\u00df ganzer Reihen von Soldaten, die schutzlos nach vorne geworfen werden. Es sei eine Taktik der \u201emenschlichen Wellen\u201c. Soldaten, die Befehlen an der Frontlinie nicht gehorchten oder der Versuchung nachgeben, R\u00fcckzugsgefechte zu f\u00fchren, w\u00fcrden direkt von der russischen Armee \u201eexekutiert\u201c. ((3))<\/p>\n<p><strong>Dem Trotzki treu ergeben<\/strong><\/p>\n<p>Auch wenn sich die Zahlen der Ukraine und der USA nicht verifizieren lassen, so erinnert diese Kriegstaktik diejenigen, die sich aus antimilitaristisch-anarchistischer Sicht mit der russischen Revolution von 1917 und vor allem dem Matrosenaufstand in Kronstadt 1921 befasst haben, an die alte Taktik Trotzkis. Trotzki gr\u00fcndete als sowjetischer Kriegskommissar unter Lenin nach der Russischen Revolution 1917 die Rote Armee.<br \/>\n1921 kam es zu einem Aufstand der Kronst\u00e4dter Matrosen gegen die bolschewistische Diktatur. Der Kronst\u00e4dter Matrosenaufstand wurde von der Roten Armee unter Trotzkis Leitung blutig niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Beim Vorr\u00fccken der Roten Armee lie\u00df Trotzki bolschewistische Politkommissare in zweiter Reihe platzieren und auf widerwillige oder im R\u00fcckzug befindliche Soldaten schie\u00dfen, um sie weiter zum Angriff zu zwingen.<br \/>\nPutins heutige Kriegsf\u00fchrung gegen die Ukraine erinnert nicht nur an diese Art der bolschewistischen Kriegsf\u00fchrung, sondern auch an die Bestrafung Lenins und Trotzkis f\u00fcr die Insubordination der Kronstadter Garnison der damaligen Roten Armee:<br \/>\n\u201eDas Politb\u00fcro beschloss, mit Kronstadt zu verhandeln, dann ein Ultimatum zu stellen und als letztes die Festung und die eingefrorenen Panzerschiffe der Flotte anzugreifen. In Wirklichkeit kam es nicht zu Verhandlungen. Ein in aufreizenden Wendungen abgefasstes Ultimatum, von Lenin und Trotzki unterzeichnet, wurde angeschlagen: \u201aErgebt Euch oder Ihr werdet zusammengeknallt wie Kaninchen.\u2018 Trotzki kam nicht nach Petrograd und sprach nur im Politb\u00fcro.\u201c ((4))<br \/>\nF\u00fcr die aggressiv vorgehende Putin-Diktatur, die sich hier in treuer Nachfolge von Lenins und Trotzkis m\u00f6rderischem Zynismus befindet, sind die eigenen Soldaten nur solche \u201eKaninchen\u201c, die willk\u00fcrlich geopfert werden und somit in gro\u00dfer Zahl weiter rekrutiert werden m\u00fcssen.<br \/>\nWegen der ungeheuer hohen Opferzahlen seit Beginn des Angriffskriegs am 24. Februar 2022 hat die russische Armee Nachholbedarf an soldatischem \u201eMenschenmaterial\u201c, das nun auf rassistische Weise unter den Migrant*innen Moskaus und anderer St\u00e4dte rekrutiert wird. Denn Putin will auf alle F\u00e4lle eine erneute, wom\u00f6glich unpopul\u00e4re Zwangsmobilmachung, wie schon Ende Juli 2022, vermeiden \u2013 auf diese Potentialit\u00e4t der Infragestellung seiner Macht und Kriegsf\u00fchrung nimmt er dann doch R\u00fccksicht. So macht er Jagd auf nicht ethnisch-russische Migrant*innen.<br \/>\n\u201eDie \u201aAufstandsbek\u00e4mpfungstruppen\u2018 am Ausgang der Moschee in Kotelniki hatten einen Korridor gebildet und vier Busse mit all jenen gef\u00fcllt, die eine nicht-slawische Gesichtsphysiognomie hatten\u201c, erz\u00e4hlt Timour, aus Kirgisistan stammend, an diesem Tag einem franz\u00f6sischen Journalisten von \u201eLe Monde\u201c. ((5)) \u201eWir wurden eineinhalb Stunden lang zur n\u00e4chsten Milit\u00e4rkaserne gefahren. Dort hat man uns erkl\u00e4rt, dass wir einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium unterzeichnen sollten. Weil ich der einzige Erziehungsberechtigte einer vielk\u00f6pfigen Familie bin, hat man mich ausnahmsweise wieder gehen lassen, mit der Auflage, in einigen Tagen beim Rekrutierungsb\u00fcro wieder vorstellig zu werden.\u201c Und Valentina Tchoupik, russische Anw\u00e4ltin f\u00fcr die Rechte von Migrant*innen, die heute im Exil lebt, meint, dass allein an diesem Tag zwei weitere Razzien auf M\u00e4rkten von Kotelniki stattfanden: \u201eSeit Sommer sind es Dutzende in ganz Russland gewesen.\u201c<br \/>\nSeit Dezember 2022 gibt es ein Gesetz, das alle Nicht-Russ*in-nen unter 30 Jahren, die erst vor kurzem die russische Staatsb\u00fcrgerschaft erlangt haben, zur Ableistung des Kriegsdienstes verpflichtet. Nach mehreren Zeugenaussagen werden die Kriegsdienstleistenden nach Ableistung des Kriegsdienstes von den Offizieren zur Dienstverpflichtung f\u00fcr ein weiteres Jahr gezwungen, was den Beitritt zur regul\u00e4ren Armee und die Entsendung in die Ukraine umfasst. \u201eSolche Praktiken sind inzwischen \u00fcblich\u201c, so Tchoupik weiter. Sie meint, dass dadurch gerade diejenigen Leute verwirrt werden, die ihre Rechte nicht kennen. Formal gehe es um den Kriegsdienst, \u201efaktisch m\u00fcssen sie den Vertrag unterzeichnen und werden bei Ablehnung mit Gef\u00e4ngnisstrafen bedroht\u201c. Und Timour erz\u00e4hlt, dass zwar alle nach Russland Immigrierten lange Jahre von der russischen Staatsb\u00fcrgerschaft tr\u00e4umten, weil damit das Leben leichter und weniger gef\u00e4hrlich sei. \u201eAber jetzt ist gerade das synonym mit Gefahr geworden.\u201c<\/p>\n<p><strong>Die rassistische Rekrutierung der Migrant*innen<\/strong><\/p>\n<p>In Russland leben heute ca. 11 Millionen Immigrant*innen aus zentralasiatischen oder kaukasischen L\u00e4ndern. Bereits im September 2022 hatten die Beh\u00f6rden eine beschleunigte Einb\u00fcrgerung f\u00fcr Migrant*innen angeboten, wenn sie einen Vertrag mit dem Verteidigungsministerium unterschreiben. Doch diese Migrant*innen wehrten sich \u2013 mehr oder weniger entschlossen \u2013 gegen ihre Versendung in die Ukraine.<br \/>\nDie russische Regierung behauptet weiterhin, dass sie keine Probleme habe, eine ausreichende Anzahl Freiwilliger f\u00fcr die Armee rekrutieren zu k\u00f6nnen, vor allem aufgrund des erh\u00f6hten Soldes der Armee. Als Zahl werden von offizieller Seite 385.000 neu rekrutierte Soldaten f\u00fcr das Jahr 2023 genannt. ((6))<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>F\u00fcr die aggressiv vorgehende Putin-Diktatur, die sich hier in treuer Nachfolge von Lenins und Trotzkis m\u00f6rderischem Zynismus befindet, sind die eigenen Soldaten nur \u201eKaninchen\u201c, die willk\u00fcrlich geopfert werden und somit in gro\u00dfer Zahl weiter rekrutiert werden m\u00fcssen.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Doch neben dieser legalen Verlockung durch erh\u00f6hten Sold gibt es viele Aussagen aus dem Netzwerk von Valentina Tchoupik, dass Migrant*innen get\u00e4uscht und zum Beispiel mit falschen Anklagen f\u00fcr Bagatellvergehen vierzehn Tage lang interniert werden, in denen sie mit Gef\u00e4ngnis oder Abschiebung bedroht werden. Oft komme es sogar zu regelrechten Entf\u00fchrungen oder systematischer Gewalt. So sah sich etwa der Tadschike C. Tillozoda der Anklage einer \u201epassiven Spionage\u201c mit der Drohung von 20 Jahren Gef\u00e4ngnis konfrontiert, als er sich der Verschickung an die Front entziehen wollte. Solche Praktiken seien laut Tchoupik vor allem im September\/Oktober 2022 und im April\/Mai 2023 angewandt worden. Nach ihren Angaben enden die Razzien derzeit wieder ein wenig \u00f6fter bei rassistischen Abschiebungen als bei der Rekrutierung f\u00fcr die Armee. Diese Taktik der Razzien werde besonders in Vorwahlzeiten intensiv angewandt \u2013 im M\u00e4rz 2024 gibt es Pr\u00e4sidentschaftswahlen in Russland und Putin will sich da mit seinen \u00fcblichen Wahlmanipulationsmethoden zur weiteren Amtsf\u00fchrung bis mindestens 2030 w\u00e4hlen lassen. ((7)) Das ist bei Autokratien heute so \u00fcblich, dass sie sich mit einem parlamentarischen-wahltaktischen M\u00e4ntelchen bekleiden, siehe Orb\u00e1n, siehe Erdo\u011fan, denen die weitgehend gleichgeschalteten, auf Linie gebrachten Medien jeweils zu fast 100% bei ihren Meinungsmanipulationen zur Seite stehen.<br \/>\nDabei kommt es zu vielf\u00e4ltigen Formen der Diskriminierung, denen die Migrant*innen ausgesetzt werden: So gab Sarvar, ein usbekischer Migrant aus der Moskauer Vorstadt gegen\u00fcber einem Journalisten der \u201eLe Monde\u201c an, er lebe als Bauarbeiter seit 20 Jahren in Moskau und habe Anfang Oktober 2023 seine Arbeitserlaubnis verl\u00e4ngern wollen. Normalerweise werde man auf dem Amt brutal angeschrien, aber jetzt sei man geradezu freundlich gewesen und habe ihn sogar gesiezt. Doch: \u201e\u00dcberall waren Werbeplakate f\u00fcr die Armee\u201c. Eine Sekret\u00e4rin lie\u00df ihn einen Stapel an Dokumenten f\u00fcr seine Arbeitserlaubnis unterzeichnen. Gleich darauf sei die Polizei gekommen und habe ihm gesagt: \u201eJetzt geh\u00f6rst du zu uns, ob du willst oder nicht.\u201c Erst da habe er gemerkt, dass eines der unterzeichneten Papiere sein Verpflichtungsvertrag mit dem Verteidigungsministerium gewesen war. Mit Hilfe der Botschaft Usbekistans sei es ihm dann aber gelungen, nachzuweisen, dass der Vertrag nicht formell bindend war, sondern nur eine Absichtserkl\u00e4rung: \u201eIch kann mich wehren, denn ich spreche und lese Russisch. Aber jemand ohne diese F\u00e4higkeiten \u2013 was kann er schon antworten, wenn sie ihm sagen, wie sie es bei mir gemacht haben, dass er nun einmal unterzeichnet habe und nicht mehr davon zur\u00fccktreten kann.\u201c Als Sarvar zwei Wochen sp\u00e4ter wieder erschien, um seine Arbeitserlaubnis abzuholen, musste er sich eine weitere halbe Stunde von einem Armeeoffizier anh\u00f6ren, dass er bei einer Rekrutierung doch die Wahl habe, ob er an die Front gehen oder in der Reserve bleiben wolle. Sarvar dazu: \u201eSeit 20 Jahren zahle ich in Russland meine Steuern. Ich habe schon viel erlebt: von Unternehmern konfiszierte P\u00e4sse, nicht \u00fcberwiesene L\u00f6hne, Drohungen und Gewalt durch die Polizei. Aber ich habe mir nie vorstellen k\u00f6nnen, dass sie auf einem solch bodenlosen Niveau des Zynismus enden k\u00f6nnten.\u201c ((7))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Ausgang der Moschee Kotelniki fand am 20. Oktober 2023 eine Razzia statt. Die Moschee liegt in einer Schlaf-Vorstadt Moskaus, ungef\u00e4hr eine Stunde entfernt vom Zentrum der Stadt. Dort wohnen rund 70.000 Menschen, darunter viele Migrant*innen. 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