{"id":30580,"date":"2023-11-27T13:46:35","date_gmt":"2023-11-27T11:46:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/bevor-ich-kaputtgehe\/"},"modified":"2023-11-28T14:35:35","modified_gmt":"2023-11-28T12:35:35","slug":"bevor-ich-kaputtgehe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2023\/11\/bevor-ich-kaputtgehe\/","title":{"rendered":"Bevor ich kaputtgehe*\u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich schreibe diesen Artikel, weil ich kurz davor bin zum zweiten Mal \u201ekaputtzugehen\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das erste Mal war in den 1990er Jahren. Ich hatte damals das Gef\u00fchl, dass fast t\u00e4glich irgendwo in Deutschland ein Haus brennt und Menschen aus rassistischen Gr\u00fcnden ermordet werden. Ich \u201erannte\u201c von Antifa-Demo zu Antifa-Demo und zwischendurch machte ich beim Saalschutz f\u00fcr die lokale Antifa mit. Die Politiker:innen taten das, was Politiker:innen eben so tun. Jenseits jedes echten Mitgef\u00fchls oder gar wirksamer Aktivit\u00e4t gegen die Ursachen all dieser durch Nazis begangenen Morde, war ihre Hauptsorge \u201edas Ansehen Deutschlands in der Welt\u201c.<br \/>\nIch rettete mich damals mit einer kleinen Flucht auf eine Insel. Wochenlang blickte ich auf das Meer und genoss, was die lokale K\u00fcche zu bieten hatte. Danach kam ich zur\u00fcck und konnte \u201eweiter machen\u201c. Nicht so wie bisher, aber immerhin.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Das zweite Mal<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt bef\u00fcrchte ich ein zweites Mal \u201ekaputtzugehen\u201c. Ich verbinde das mit dem 07.10.2023 \u2013 obwohl es schon vorher anfing. Am Anfang stand eine Demo \u201eGegen die NATO\u201c. Diese Demo aus dem stalinistischen Anti-Imp-Spektrum diverser roter Sekten (YS, MLPD, ROSA,\u2026.) wurde von der Plattform Ruhr nicht nur unterst\u00fctzt, sondern im Rahmen eines offiziellen B\u00fcndnisses sogar mitgetragen. Die Plattform Ruhr ist Teil der anarchokommunistischen F\u00f6deration Die Plattform und nutzte f\u00fcr die Werbung in den \u201esozialen\u201c Medien (Instagram, X,&#8230;) das Logo der F\u00f6deration.<br \/>\nEs scheint g\u00e4ngige Praxis zu sein, dass die Ortsgruppen der Plattform bei Veranstaltungen, B\u00fcndnissen usw. uneingeschr\u00e4nkt das F\u00f6derationslogo benutzen. So wird jedes Mal vermittelt, dass die F\u00f6deration als solche ein bestimmtes B\u00fcndnis mittr\u00e4gt, und nicht nur die jeweilige Ortsgruppe. Das scheint im Sinne einer \u201eanarchistischen Einheitsorganisation\u201c gewollt zu sein.<br \/>\nIch war erstaunt dar\u00fcber, wie ignorant gegen\u00fcber der aktuellen Situation und der historischen Erfahrungen (das meint auch die Erfahrungen der letzten 25 Jahre) die Plattform Ruhr hier gehandelt hat. Ausgerechnet ein B\u00fcndnis mit Gruppen und Parteien, die nichts sehnlicher w\u00fcnschen als die Macht im Staate zu erlangen, die Arbeiter:innen mit ihren Weisheiten und einer zentralistischen Staatsmacht zu begl\u00fccken. Gruppen und Parteien, die sich dar\u00fcber hinaus immer wieder positiv auf nationale Befreiungsk\u00e4mpfe bezogen haben und beziehen. Gerade so als ob die Nation auch nur ansatzweise ein positiver Bezugspunkt sein k\u00f6nnte. Gruppen und Parteien, die dar\u00fcber hinaus immer wieder durch ihren Antisemitismus aufgefallen sind. Ich erspare mir an dieser Stelle eine Auflistung von Beispielen. Ihr k\u00f6nnt f\u00fcr alles selbst, mit nur wenigen Klicks und den richtigen Stichw\u00f6rtern, in der Suchmaschine Belege finden.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Und dann der 07.10.2023<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Massaker der Hamas an \u201eden Juden\u201c. Anstatt dass es die sich selbst als \u201eradikal\u201c definierende \u201eLinke\u201c schafft, an diesem Tag klare Worte zu dem Angriff der islamistischen Hamas-Klerikalfaschisten, ihrem eliminatorischen Antisemitismus und ihrem Frauenhass zu finden, phantasieren sich zahlreiche dieser sogenannten \u201eLinken\u201c in diesen brutalen Akt der Barbarei irgendeinen \u201egerechtfertigten Widerstand\u201c hinein. Leider ist auch die globale anarchistische Bewegung hier auf einem Tiefpunkt angelangt. Zu viele schaffen es nicht, den Angriff der Hamas einfach als das zu bezeichnen, was er ist. Stattdessen h\u00f6rt man oft auch aus der \u201eanarchistischen Familie\u201c viel zu oft das rhetorische Muster des \u201eWhat about &#8230;\u201c \u2013 Hier konkret \u201eWas ist mit Israel?\u201c Im Sinne eines \u201eIsrael ist (selbst) Schuld\u201c.<br \/>\nEs ist ja nicht so, dass ich von einer Position des \u201eIch habe es schon immer richtig gemacht\u201c argumentiere. So sicher ich mir sein kann, noch niemals Antisemit gewesen zu sein, so sicher wei\u00df ich, dass ich in der Vergangenheit \u00f6fter als mir im Nachhinein lieb ist, antisemitische Figuren bedient habe. Auch jetzt bin ich sicher nicht frei davon. Trotzdem k\u00e4me es mir nie in den Sinn, einen solchen Massenmord als irgendwie gerechtfertigten Akt irgendeines als positiv zu bewertenden Widerstandes zu sehen.<\/p>\n<h5 style=\"text-align: justify;\">Was tun?<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun, ich habe keine Antwort darauf. Dies ist ein Grund f\u00fcr meine Verzweiflung. Ich habe das Gef\u00fchl, vor einem Scherbenhaufen zu stehen. Seit Jahrzehnten beobachte ich, wie sich die Gesellschaft nach rechts entwickelt, wie Nazis Themen besetzten, ohne dabei auf nennenswerten Widerstand zu treffen. Ich beobachte, wie die anarchistische Bewegung B\u00fcndnisse mit autorit\u00e4re und antisemitische Positionen vertretenden Staatsfetischist:innen eingeht. Seit einem viertel Jahrhundert beobachte ich, wie alter Wein in recycelten Schl\u00e4uchen als der neueste Schei\u00df verkauft wird. Dabei habe ich noch nicht von Themen wie Frauenemanzipation, Klimakatastrophe und den vielen anderen Baustellen gesprochen. \u00dcberall sehe ich mehr R\u00fcck- als Fortschritte.<br \/>\nIm Moment reagiere ich auf zwei Arten. Zum einen ziehe ich mich immer st\u00e4rker zur\u00fcck, zum anderen versuche ich, Kontakt zu denjenigen zu halten, mit denen man zumindest noch ehrlich streiten kann. Bei einem \u201eehrlichen Streit\u201c geht es nicht darum \u201eRecht zu haben\u201c, sondern gemeinsam um \u201eWahrheit\u201c zu ringen. Dabei ist das \u201eRingen\u201c selbst das Ziel. Es ist nicht notwendig, dass sich am Ende auch \u201edie eine Wahrheit\u201c einstellt. Das geht allerdings nur mit Menschen, mit denen man am Ende einige Prinzipien gemeinsam hat. Dabei sind nicht irgendwelche Verlautbarungen gemeint, sondern gelebte Prinzipien.<br \/>\nIch denke, dass es heute noch viel notwendiger ist als vor 25 Jahren, ganz unten anzufangen. Es braucht ein paar Schritte \u201ezur\u00fcck\u201c, bevor wir auch nur in Erw\u00e4gung ziehen k\u00f6nnen, den Sprung zu wagen. Dieses \u201eZur\u00fcck\u201c ist nicht einfach und sicher gibt es mehr als einen Weg. Es braucht wieder einen Begriff von \u201eAnarchie\u201c. Konkrete Vorstellungen davon wie wir gesellschaftliche Zust\u00e4nde der \u201eAnarchie\u201c erreichen k\u00f6nnen und welche \u201eAnarchien\u201c denkbar sind. Es braucht Prinzipien. Nicht im Sinne toter Dogmen, sondern als notwendige Schlussfolgerungen aus den historischen Erfahrungen. Es braucht eine neue \u201eanarchistische Bewegungskultur\u201c. Nicht im Sinne einer Kleidervorschrift, einer Musikrichtung, eines Ern\u00e4hrungsstils und dergleichen oberfl\u00e4chlichen Sachen. Nein, es braucht eine neue Kultur im Sinne eines sozialen Miteinanders. Eine Kultur, die in der Lage ist, die Einzigartigkeit der Person ebenso anzuerkennen wie die Tatsache, dass wir kollektive Lebewesen sind. Eine Kultur, die es schafft, dass wir uns gemeinsam entwickeln, anstatt von den voneinander isolierten Menschen Anpassung an strikte Regeln zu verlangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe diesen Artikel, weil ich kurz davor bin zum zweiten Mal \u201ekaputtzugehen\u201c. Das erste Mal war in den 1990er Jahren. 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