{"id":3061,"date":"2000-01-01T00:00:52","date_gmt":"1999-12-31T22:00:52","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3061"},"modified":"2022-07-26T12:59:11","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:11","slug":"interkulturelle-frauenlesbenuni","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/01\/interkulturelle-frauenlesbenuni\/","title":{"rendered":"Interkulturelle FrauenLesbenUni"},"content":{"rendered":"<p>Es k\u00f6nnen jetzt hier nicht alle Aspekte des fortschreitenden Neoliberalismus und der Entdemokratisierung beschrieben werden (gerade der BdWi und die Heftreihe Forum Wissenschaft\u201c leisten zu diesem Themenkomplex gute Aufkl\u00e4rungsarbeit), aber betrachten wir doch einmal die Fassaden (vielmehr die Ruinen) der \u201eBildungsanstalten\u201c n\u00e4her.<\/p>\n<h3>Zulassungsbeschr\u00e4nkungen ohne Ende<\/h3>\n<p>W\u00e4hrend meines Studiums, und auch w\u00e4hrend ich in der studentischen Selbstverwaltung etwas hinter die Kulissen der Uni Hannover gucken konnte, dr\u00e4ngte sich immer mehr die Frage auf, welchen Nutzen es hat, wenn durch eine genormte und als ultimativ angesehene Wissenschaftlichkeit ab- bzw. ausgegrenzt wird. Was soll vermittelt werden in unseren Eliteschmieden &#8211; und f\u00fcr wen wird das getan? Es ist ziemlich sicher, da\u00df die Lerninhalte und -formen durch einen wei\u00dfen Eurozentrismus, der einer elit\u00e4ren Norm vorbehalten ist, gepr\u00e4gt sind. Sowohl FrauenLesben, Nicht-Deutsche, \u201ebehinderte\u201c Menschen und andere nicht einer Normbiographie entsprechende Menschen sind ausgeschlossen. Dies soll zum Beispiel auch in dem diskutierten HRG-Entwurf festgeschrieben werden, in dem Studierende nach einer bestimmten Regelstudienzeit zwangsberaten und -exmatrikuliert werden sollen. Gr\u00fcnde f\u00fcr eine l\u00e4ngere Studiendauer, wie zum Beispiel Kinderbetreuungszeiten, Jobben, Krankheiten, etc., werden dabei nicht ber\u00fccksichtigt.<\/p>\n<p>Somit soll neben dem Hochschulreifezeugnis noch eine zweite Zulassungsbeschr\u00e4nkung aufgebaut werden, n\u00e4mlich ausreichend Geld, um sich ein Studium im Eiltempo leisten zu k\u00f6nnen. Die Einf\u00fchrung von Studiengeb\u00fchren in noch so getarnter Form, wie schon in verschiedenen Bundesl\u00e4ndern geschehen, f\u00f6rdert diese Entwicklung im rasanten Tempo!.<\/p>\n<h3>Universit\u00e4tsbetrieb nach m\u00e4nnlicher Norm<\/h3>\n<p>Wenn wir uns einmal diese Wissenschaftsinhalte und -formen betrachten, wird ziemlich schnell klar, da\u00df sie m\u00e4nnlich gepr\u00e4gt sind; M\u00e4nner sollen uns scheinbar geschlechtsneutrale Lerninhalte vermitteln, in denen weder die Wechselwirkungen der Geschlechtskonstrukte, noch die spezifischen Probleme und Barrieren, die f\u00fcr Frauen aufgebaut sind, untersucht werden. Noch immer steht das gelesene Wissen \u00fcber dem gelebten Wissen. Somit haben FrauenLesben kaum eine Chance, ihre zumeist von der m\u00e4nnlichen Norm abweichenden Erfahrungen in den Universit\u00e4tsbetrieb mit einzubringen.<\/p>\n<h3>Neoliberale Utopien der ifu (internationale frauen-universit\u00e4t)<\/h3>\n<p>Um dies zu durchbrechen hat sich neben der interkulturellen Sommeruni noch eine weitere Gruppe aufgemacht, um im Jahre 2000 eine Frauenuniversit\u00e4t durchzuf\u00fchren: die ifu (internationale frauenuniversit\u00e4t). Allerdings birgt dieses Modell mehrere Kritikpunkte in sich. Zum einen werden in diesem Projekt neoliberale Utopien festgeschrieben, in denen direkte Studiengeb\u00fchren umgesetzt werden (pro Teilnehmerin werden DM 600,-verlangt). Au\u00dferdem ist eine Teilnahme fast nur durch besondere Leistungen und F\u00fcrsprecherinnen m\u00f6glich. Zum anderen wird die Kritik an die Anbindung an das Pleitegesch\u00e4ft EXPO 2000 immer lauter. Obwohl die EXPO GmbH nur einen geringen Teil der Finanzierung stellt, schreibt sie sich dieses Projekt als Aush\u00e4ngeschild auf die Fahnen. Die teilweise der EXPO sehr kritisch eingestellten Frauen t\u00e4ten sehr gut daran, sich mit diesem Umstand einmal auseinander zu setzen. Ein dritter Kritikpunkt ist der Aufbau einer Vereinsstruktur, deren Mitbestimmungsrechte der Mitglieder (der Wissenschaftlerinnen, die nicht im Vereinsvorstand sind) mehr als beschnitten sind. Studentinnen wurden bei der Entwicklung des Konzeptes und von der Mitgestaltung kategorisch ausgeschlossen.<\/p>\n<p>Damit steht die Frauenuniversit\u00e4t &#8211; was ihre Struktur anbelangt &#8211; im krassen Gegensatz zu den Forderungen der Sommeruniversit\u00e4ten (Berlin 1976 undfolgende &#8211; B. G.). Dort sollte es ja gerade darum gehen, die Hierarchien zwischen Wissenschaftlerinnen und Nichtwissenschaftlerinnen, zwischen Professorinnen und Anderen abzubauen. Alle Frauen sollten mitdiskutieren und mitbestimmen k\u00f6nnen. Damals diskutierten in Berlin eine Woche lang Frauen und Lesben mit den unterschiedlichsten Beweggr\u00fcnden \u00fcber Themen wie zum Beispiel Sozialisation, Frauen im Strafvollzug, die Situation der Haus(frauen)-arbeit, ect. Allen gemeinsa m war es, da\u00df sie der m\u00e4nnlich gepr\u00e4gten Welt, sowohl im Beruf als auch in der Universit\u00e4t, etwas entgegensetzen wollten. Feministische und interdisziplin\u00e4re Ans\u00e4tze wurden praktiziert und auf ihre Vorteile \u00fcberpr\u00fcft. Nach dem noch Sommeruniversit\u00e4ten bis Anfang der 80er Jahre folgten, verschwanden sie von der Bildfl\u00e4che&#8230;<\/p>\n<p>Bis jetzt! Bis jetzt ? &#8230;<\/p>\n<h3>In der Tradition der FrauenSommerUnis<\/h3>\n<p>Aufbauend auf den Erfahrungen und den Grundideen der Sommerunis in Berlin wollen wir im n\u00e4chsten Sommer (01. &#8211; 30. Juli 2000) in Hannover einen neuen Versuch starten und eine interkulturelle Sommeruniversit\u00e4t f\u00fcr Frauen und Lesben durchf\u00fchren. Auch wenn wir damit etwas anachronistisch sind (die Zeiten haben sich geringf\u00fcgig ge\u00e4ndert; die neue Frauen-Lesbenbewegung ist von der jetzigen Bewegung abgel\u00f6st worden, die andere Probleme zu bew\u00e4ltigen hat, aber auf den Erfahrungen und dem Erk\u00e4mpften der FrauenLesbenbewegung der 70-er aufbauen kann, &#8230;). Wir denken aber trotzdem, da\u00df ein solcher Versuch dringend erforderlich ist und auch erfolgsversprechend f\u00fcr neue Impulse sein kann. Die Sommeruni ist unabh\u00e4ngig und praxisorientiert.An diesem Projekt sollen und k\u00f6nnen alle FrauenLesben teilhaben, unabh\u00e4ngig von Status, Geldbeutel und Kulturzugeh\u00f6rigkeit &#8230; Unser Ziel ist es, Frauen und Lesben in und um Hannover zusammen zu bringen und einen Frei-Raum zu schaffen, um einander kennenzulernen, Kontakte zu kn\u00fcpfen und gemeinsam Spa\u00df zu haben. So k\u00f6nnen wir alternative Lebensformen zusammen entwickeln und erlebbar machen! Wichtig ist uns neben Seminaren, Textarbeit und Diskussionen ein Angebot im sportlichen, musischen, handwerklichen und kulturellen Bereich. Nat\u00fcrlich soll auch das Nachdenken \u00fcber einen m\u00f6glichen Widerstand nicht zu kurz kommen, da wir uns ausdr\u00fccklich gegen das Gro\u00dfprojekt der EXPO 2000 als Festschreibung von kapitalistischen (m\u00e4nnlichen) Interessen und Gentechnologie als L\u00f6sung der Probleme des kommenden Jahrtausends, wenden.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Sommeruni haben wir ein (jederzeit offenes) Konzept entworfen:<\/p>\n<ul>\n<li>mit dem wir den jetzigen Zustand betrachten wollen:<br \/>\n<strong>FrauenLesben und Alltag<br \/>\n03. &#8211; 07. Juli 2000<\/strong><\/li>\n<li>diskriminierende Erfahrungen und Bedingungen, die Frauen und Lesben erleben genauer untersuchen:<br \/>\n<strong>FrauenLesben und Unrechtserfahrungen\/ -bewu\u00dftsein<br \/>\n10. &#8211; 14. Juli 2000<\/strong><\/li>\n<li>die verschiedenen Befreiungsstrategien ganz verschiedener FrauenLesben und -gruppen kennenlernen:<br \/>\n<strong>FrauenLesbenbewegungen und -befreiungen im interkulturellen Vergleich<br \/>\n17. &#8211; 21. Juli 2000<\/strong><\/li>\n<li>und Strategien f\u00fcr die Zukunft entwickeln:<br \/>\n<strong>Utopia<br \/>\n24. &#8211; 28. Juli 2000<\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<p>Viele der Themen, die wir unter den einzelnen Schwerpunkten gesammelt haben, wiederholen sich in den einzelnen Wochen und sollen aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Um \u00dcberleitungen, Gemeinsamkeiten oder Zusammenh\u00e4nge schaffen zu k\u00f6nnen, wird es jeweils am Freitag nachmittag ein Plenum geben, das wir selbst gestalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie schon beschrieben ist das Konzept in seiner Ausgestaltung offen und vor allem nat\u00fcrlich abh\u00e4ngig von den Referentinnen und Euren Ideen. Wir suchen nicht nur Koryph\u00e4en und Expertinnen, sondern auch Gruppen und Einzelpersonen, die sich schon l\u00e4nger in eine Thematik eingearbeitet haben. (Nebenbei suchen wir noch \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeiten in Hannover, FrauenLesben, die Lust haben, eine Kinderbetreuung durchzuf\u00fchren und FrauenLesben, die Interesse haben, Kulturangebote aller Art durchzuf\u00fchren!). Da die Teilnahme an der Sommeruni f\u00fcr alle FrauenLesben kostenlos sein soll, k\u00f6nnen (und wollen) wir f\u00fcr Referentinnen keine Honorare zahlen. Dies entspricht unserer Idee des Mit- und Voneinanderlernens als Uni von unten. (Materialgeld und Fahrtkosten k\u00f6nnen selbstverst\u00e4ndlich ersetzt werden!) Des weiteren ist es uns wichtig, da\u00df die Referentinnen sich untereinander kennenlernen und koordinieren. Nur so kann sich letztendlich ein rundes Bild ergeben, indem m\u00f6glichst viele Teilaspekte zur Sprache, aufs Papier, in den Tanzsaal oder wohin auch immer, kommen k\u00f6nnen. Da wir auch planen die Sommeruni zu dokumentieren, ist die Bereitschaft, den eigenen Arbeitskreis, das Seminar oder \u00e4hnliches auszuwerten und zu beschreiben, immens wichtig. Wir finden, da\u00df es aufgrund der Sprachlosigkeit, die auf Seiten vieler Frauen herrscht, gut ist, neue Impulse in die Diskussion um eine lebbare und gleichberechtigte Zukunft einzubringen. Weitere Informationen und ein ausf\u00fchrlicherer Kriterienkatalog ist unter der nachstehenden Adresse erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich waren die Reaktionen auf unser Vorhaben sehr unterschiedlich. Die Uni Hannover und viele andere \u00f6ffentliche Einrichtungen sind in die Lobeshymnen \u00fcber die ifu miteingeschwenkt. Nun sind sie etwas erschrocken dar\u00fcber, da\u00df sich Studentinnen und andere Frauen, die dem Elitestandart nicht standhalten wollen, selbstorganisieren (und so den zugewiesenen Platz als billige \u00dcbernachtungsm\u00f6glichkeit verlassen). So werden uns z. B. von Seiten der Uni einige Steine in den Weg gelegt; R\u00e4ume werden nicht bewilligt und andere kleine Schikanen ausgeheckt.<\/p>\n<p>Die Studischaft der Universit\u00e4t Hannover hat trotz des Widerstands einiger (vieler ?) M\u00e4nner die Sommeruni als Projekt festgeschrieben, eine Sachbearbeiterin zur Koordination eingesetzt und Gelder und Unterst\u00fctzung zugesagt. Bei den Frauen in Hannover ist die Idee des Vorhabens inzwischen schon weit verbreitet, aber wie so oft: Hannover pennt. W\u00e4hrend das Interesse aus anderen St\u00e4dten immens ist, gibt es hier eher wenig R\u00fccklauf. Das macht sich vor allem an der kleinen Vorbereitungsgruppe bemerkbar und an dem Zuspruch von FrauenLesben aus anderen Kulturkreisen. Auff\u00e4llig ist dabei, da\u00df viele \u00e4ltere Frauen und Lesben, die schon die fr\u00fcheren Sommerunis miterlebt und -gestaltet haben, Interesse zeigen. (Vielleicht sind wir eben doch anachronistisch!) Wir wissen, da\u00df die kleine Zahl der unverzagten Frauen und Lesben schon in viele Gruppen und Projekte eingebunden sind. Au\u00dferdem dient der \u00f6konomische Druck durch immer mehr Sozialabbau auch zur modernen Aufstandsbek\u00e4mpfung, denn wenn viel gearbeitet werden mu\u00df, ist wenig Zeit und Power \u00fcbrig, um zu k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Trotzdem brauchen wir Euch!! Begreifen wir die Sommeruni als eine Chance!<\/p>\n<p>Wir laden Euch ein zu unseren regelm\u00e4\u00dfigen, offenen Treffen: jeden 2. und 4. Montag im Monat ab 17.00 Uhr im Frauen-LesbenRaum der Uni Hannover<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es k\u00f6nnen jetzt hier nicht alle Aspekte des fortschreitenden Neoliberalismus und der Entdemokratisierung beschrieben werden (gerade der BdWi und die Heftreihe Forum Wissenschaft\u201c leisten zu diesem Themenkomplex gute Aufkl\u00e4rungsarbeit), aber betrachten wir doch einmal die Fassaden (vielmehr die Ruinen) der \u201eBildungsanstalten\u201c n\u00e4her. 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