{"id":3064,"date":"2000-01-01T00:00:17","date_gmt":"1999-12-31T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3064"},"modified":"2022-07-26T12:59:11","modified_gmt":"2022-07-26T10:59:11","slug":"ahmm-von-der-wortlosigkeit-fur-beziehungsgefuge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/01\/ahmm-von-der-wortlosigkeit-fur-beziehungsgefuge\/","title":{"rendered":"\u00c4hmm&#8230;: Von der Wortlosigkeit f\u00fcr Beziehungsgef\u00fcge"},"content":{"rendered":"<p>Die in unserer Gesellschaft normative Beziehungsform zwischen Erwachsenen ist die Zweierbeziehung, das Paar. Sie meint in der Regel eine Liebesbeziehung mit verbindlichem Charakter. Die Partnerinnen bezeichnen sich gegenseitig als &#8222;meine Liebste&#8220;, meine Freundin&#8220;, &#8222;meine feste Partnerin&#8220;, &#8222;meine Frau&#8220; etc. Die Beziehung ist a priori als verbindlich, f\u00fcr immer und monogam definiert, sprachlich meist ausgedr\u00fcckt als &#8222;wir sind zusammen (und werden es auch bleiben)&#8220;.<\/p>\n<p>Paarbeziehungen, die dieser Norm nicht entsprechen, m\u00fcssen wortreich und umst\u00e4ndlich umschrieben werden. Zum Beispiel bei:<\/p>\n<ul>\n<li>Abweichungen in der Verbindlichkeit: &#8222;wir haben beide getrennte Haushalte, Freundinnenkreise, Interessensgebiete usw.&#8220;, &#8222;wir wohnen aber nicht zusammen&#8220;<\/li>\n<li>Abweichungen vom &#8222;Ewigkeitsprinzip&#8220;: &#8222;Lebensabschnittsgef\u00e4hrtin&#8220;, &#8222;aktuelle Lebensliebste auf Zeit&#8220;, &#8222;serielle Monogamie\u201d, &#8222;One-Night-Stand&#8220;, &#8230;<\/li>\n<li>Abweichungen hinsichtlich der monogamen Ausrichtung: &#8222;Haupt- und Nebenbeziehung&#8220;, &#8222;Aff\u00e4re nebenher&#8220;, &#8222;Seitensprung&#8220;, &#8222;heimliches Verh\u00e4ltnis&#8220; etc.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Tolerierte Grauzonen<\/h3>\n<p>Beziehungen, die nicht der Norm, d.h. der auf &#8222;bis da\u00df der Tod euch scheidet\u201d angelegten monogamen Betonbeziehung oder Zweierkiste entsprechen, sich aber dennoch in der Grauzone der Doppelmoral ansiedeln, sind zwar umst\u00e4ndlich, aber immer noch beschreibbar. Mit Grauzone der Doppelmoral meine ich alles, was unter den Begriff &#8222;heimliche Aff\u00e4re\u201d zu fassen w\u00e4re. Diese Beziehungskonstellation aus (Ehe)Frau und einer Geliebten wird, sofern sie von M\u00e4nnern gelebt wird, mehr oder weniger augenzwinkernd akzeptiert. Diese Art der &#8222;Mehrfachbeziehung\u201d ist nicht gesellschaftsver\u00e4ndernd und somit auch nicht bedrohlich, da sie die grundlegenden Prinzipien, nach denen im Patriarchat Beziehungen organisiert werden (m\u00fcssen), nicht in Frage stellt. Diese Prinzipien sind Hierarchisierung, und damit die Schaffung und Erhaltung von Abh\u00e4ngigkeiten; die Polarisierung, bzw. die Fixierung von Rollen und Beziehungsmustern sowie die Funktionalisierung von Beziehungen.<\/p>\n<p>Am Beispiel von (Ehe)Frau und heimlicher Geliebter hei\u00dft dies:<br \/>\n<em>Hierarchie<\/em> durch die Einteilung in Haupt- und Nebenbeziehung<br \/>\n<em>Polarit\u00e4t<\/em> in &#8222;Heilige und Hure\u201d<br \/>\n<em>Funktionalisierung<\/em>als gesellschaftlicher Status und sexuelles Ventil<\/p>\n<p>Ein Ausbrechen an jedem der drei Punkte f\u00fchrt zur Aufl\u00f6sung der Beziehung.<\/p>\n<h3>Homoehekisten<\/h3>\n<p>Nun w\u00e4re es nett zu sagen, lesbische Beziehungen funktionieren anders, aber tun sie das wirklich? Auch als Lesben werden wir in \/von dieser Gesellschaft sozialisiert, und die Sprache, mit der wir aufwachsen, bestimmt unser Denken, unsere Moralvorstellungen und Lebensentw\u00fcrfe. Wir haben somit an verschiedenen Fronten zu k\u00e4mpfen, denn Sprache macht einerseits sichtbar, denkbar, lebbar, aber ebenso auch in der Umkehrung unsichtbar bis \u00fcberhaupt gar nicht mehr vorstellbar.<\/p>\n<p>Frauenbeziehungen haben per se in unserer Gesellschaft keinen oder keinen hohen Wert, d.h. auch keine f\u00fcr sie expliziten Bezeichnungen. Alle Begriffe, mit denen wir als Lesben unsere Beziehungen beschreiben, sind &#8222;Lehnworte\u201d aus der Heterowelt. Diese Lehnworte treffen solange wenigstens noch ungef\u00e4hr zu, wie sich die Beziehungsmuster der lesbischen (Paar)Beziehung nicht wesentlich von einer Heterobeziehung unterscheiden. G\u00e4nzlich sprachlos wird es da, wo ich versuche, Beziehungen zu beschreiben, die z.B. nicht hierarchisch, nicht funktionalisiert oder nicht nach Sexualit\u00e4t sortiert sein sollen:<\/p>\n<ul>\n<li>Beziehungen, die nicht der systemstabilisierend und als patriarchal erlebten Zwangsmonogamie entsprechen sollen, deren wichtigstes Kriterium aber gerade nicht ist, mit wievielen ich im Augenblick das Bett teile oder teilen m\u00f6chte.<\/li>\n<li>Beziehungen, die nicht statisch angelegt sind, deren Wertigkeit und der Raum, den sie brauchen, sich \u00e4ndern kann; ja, bei denen Entwicklung tats\u00e4chlich ein essentielles Kriterium ist.<\/li>\n<li>Beziehungen, in denen jede mit allem, was gerade ist, da sein kann, Polarit\u00e4t aufgehoben und die Funktionalisierung vermieden werden soll.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Deutlich ist zu merken, da\u00df mir Sprache, Worte, Begriffe fehlen, sobald die Beziehungen, die ich leben m\u00f6chte, den eng gesteckten Rahmen der Zweierkiste oder der ausschlie\u00dflich sexuell motivierten Aff\u00e4re verlassen. Sogar wohlmeinenden Freundinnen gegen\u00fcber f\u00e4llt es mir schwer, mein Beziehungsgeflecht zu beschreiben, die von mir angestrebte, als f\u00fcr richtig erkannte Lebensweise treffend zu benennen.<\/p>\n<h3>Sprachlosigkeit und Wortunget\u00fcme in Mehrfachbeziehungen<\/h3>\n<p>Denn selbstredend kommen solche Wortunget\u00fcme wie &#8222;Mehrfachbeziehungsliebende&#8220; oder &#8222;in nicht hierarchisch- monogamen Beziehungsnetzen L(i)ebende&#8220; schon mal gar nicht in Frage.<\/p>\n<p>Um diese Sprachlosigkeit zu \u00fcberwinden und die L\u00fccken zu f\u00fcllen, hat frau eigentlich nur zwei M\u00f6glichkeiten. Zum einen die, ganz neue Worte zu kreieren und einzuf\u00fchren wie eine Fremdsprache, zum anderen, sich eines bereits vorhandenen Begriffes zu bedienen. Dieser wird dann mit neuer Semantik und Konnotation versehen, sprich einem Bedeutungswandel unterzogen. Wie am Beispiel &#8222;Lesbe&#8220; oder &#8222;Hexe&#8220; zu sehen, hat diese Vorgehensweise etwas Provokantes, politisch- gesellschaftlich Relevantes (d.h. unter Umst\u00e4nden Meinungsbildendes) und auch Identit\u00e4tsstiftendes.<\/p>\n<p>Dies waren auch einige der Gr\u00fcnde, warum ich mir als Selbstbezeichnung den Begriff der &#8222;Schlampe\u201d gew\u00e4hlt habe. Schlampe zu sein bedeutet schon immer, sich den Vorstellungen und allgemeinen Vorschriften von Ordnung und &#8222;Anst\u00e4ndigkeit&#8220; zu entziehen. Die Bedeutung, die diese Bezeichnung f\u00fcr mich hat, und von der ich mir w\u00fcnsche, da\u00df sie transportiert und verbreitet werden m\u00f6ge, ist:<\/p>\n<p>Eine Schlampe ist eine widerst\u00e4ndig l(i)ebende Frau, die ihre Beziehung(en) keiner &#8222;herr&#8220;-schenden Norm anpassen und\/oder unterwerfen will!<\/p>\n<p>Eine Bezeichnung f\u00fcr mich und meine Lebensweise zu finden ist ein kleiner Anfang, es hei\u00dft, Beziehungen jenseits geforderter und akzeptierter Vorbilder sichtbar, denkbar und lebbar zu machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die in unserer Gesellschaft normative Beziehungsform zwischen Erwachsenen ist die Zweierbeziehung, das Paar. Sie meint in der Regel eine Liebesbeziehung mit verbindlichem Charakter. 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