{"id":3066,"date":"2000-01-01T00:00:05","date_gmt":"1999-12-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3066"},"modified":"2022-07-26T14:16:59","modified_gmt":"2022-07-26T12:16:59","slug":"heim-und-herd-sind-goldes-wert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/01\/heim-und-herd-sind-goldes-wert\/","title":{"rendered":"Heim und Herd sind Goldes wert"},"content":{"rendered":"<p>Als ich noch verheiratet war und mich in Normalit\u00e4t versuchte, kam ich nat\u00fcrlich auch in den zweifelhaften Genu\u00df der obligatorischen Gro\u00dfversammlungen meiner Schwiegerfamilie. Zum Beispiel zu Omas 80. Geburtstag. Da sa\u00dfen sie alle traulicht beisammen: die sieben Kinder nebst GattInnen, die f\u00fcnfzehn Enkelkinder nebst Gesponsen und auch schon das ein oder andere Urenkelchen. Sa\u00dfen und unterhielten sich. Vornehmlich \u00fcber Omas Besitztum, und wie selbiges wohl im unvermeidlichen Todesfalle der r\u00fcstigen alten Dame &#8211; der wir alle ein langes Leben w\u00fcnschen! &#8211; aufzuteilen w\u00e4re. Rund um die Festtafel und unter Omas noch gut h\u00f6renden Ohren wird da fr\u00f6hlich geschachert. Vor allem um den gr\u00f6\u00dften Brocken: um die bescheidene Eigentumswohnung.<\/p>\n<p>In den meisten Familien l\u00e4uft das verdeckter. Meine angeheiratete Familie &#8211; alles rechtschaffene ArbeiterInnen &#8211; waren da wenigstens offener und ehrlicher als allgemein \u00fcblich. Meist beginnt dieses Gerangel erst nach Eintreten des Todesfalles. Daf\u00fcr wird dann mit umso h\u00e4rteren Bandagen gek\u00e4mpft. Am meisten um H\u00e4user und Grundbesitz. Hand auf&#8217;s Herz: in welcher Familie g\u00e4rt nicht ein alter Streit ums Erbe, um Neid und \u00fcbers Ohr gehauene Anverwandte? Ist es ein sonderbarer Zufall, da\u00df dabei anscheinend immer die Frauen den K\u00fcrzeren ziehen? Wohl kaum. Eher patriarchale Stringenz, folgerichtig.<\/p>\n<p>Mein Vater prellte seine Tante um ein Erbe von mehreren H\u00e4usern und lie\u00df sie, die schlaganfallgesch\u00e4digte Rentnerin, almosenhalber weiter in ihrer selbst angezahlten, noch hypothekenbelasteten Eigentumswohnung bleiben. Wie gn\u00e4dig! Eine Freundin von mir mu\u00dfte zusehen, wie ihr einziger Bruder den v\u00e4terlichen Betrieb nebst zugeh\u00f6rigen Wohngeb\u00e4uden erbte. Sie selbst und ihre Schwestern gingen nicht nur leer aus, sondern durften k\u00fcnftig ihrem Bruder sogar horrende Mieten f\u00fcr den Verbleib in ihren dortigen Wohnungen zahlen. Eine andere, in der Stadt wohnende Freundin bekam immerhin noch ein St\u00fcck Acker irgendwo im hintersten Bayrischen Wald, w\u00e4hrend der Bruder Haus und Hof \u00fcbernahm. Auch bei meinen Nachbarn sind die T\u00f6chter gut unter die Haube gebracht worden, sprich: au\u00dfer Haus verheiratet, w\u00e4hrend der Sohn den Bauernhof bekommen hat. Zufall?<\/p>\n<p>Das Mittelalter ist noch lange nicht so weit weg, wie wir uns das w\u00fcnschen w\u00fcrden&#8230;<\/p>\n<h3>Utopien<\/h3>\n<p>Ich sitze mit einer Gruppe feministischer Freundinnen zusammen und diskutiere Utopien, Zukunftsperspektiven, Gesellschaftsentw\u00fcrfe und politische Forderungen. Wir hatten angefangen bei Forderung nach Abschaffung von Eheprivilegien und materiellen Abh\u00e4ngigkeiten, die in den derzeitigen Ehegesetzen angelegt sind. Von da aus gingen wir nahtlos \u00fcber zur Forderung nach einer eigenst\u00e4ndigen Existenzsicherung f\u00fcr jede Person, unabh\u00e4ngig von einem angeheirateten Versorger, bzw. im Fall der geplante Homoehe: einer Versorgerin. Privilegien, darin waren wir uns einig, sollte es selbstverst\u00e4ndlich nur f\u00fcr jene geben, die Kinder erziehen oder Alte und Kranke pflegen.<\/p>\n<p>Und wie das Ganze realistischerweise finanzieren? Manche behaupten ja, eine Abschaffung des Ehegattensplitting w\u00e4re ausreichend, um aus den Steuermehreinnahmen eine menschenw\u00fcrdige Existenzsicherung f\u00fcr alle &#8211; ohne Zwangsarbeit und gesellschaftliche Stigmatisierung &#8211; bezahlen zu k\u00f6nnen. Dann gibt es noch das weiterreichende Modell, einen Fond zu schaffen, aus dem diese Grundsicherung finanziert werden soll. Dieser Fond wird durch eine Abschaffung des herk\u00f6mmlichen Erbrechts gef\u00fcllt, indem s\u00e4mtliche Besitzt\u00fcmer von Verstorbenen in den Fond flie\u00dfen. Sozusagen eine Weitergabe von Erbe \u00fcber Umwege und mit einer gerechteren Verteilung als bisher.<\/p>\n<p>Dieser Ansatz s\u00e4gt nat\u00fcrlich gewaltig an den Grundpfeilern des Kapitalismus und des Patriarchats. Denn wof\u00fcr rackert sich der traditionelle Familienern\u00e4hrer ab? Doch daf\u00fcr, da\u00df es seine Kinder einmal besser haben; f\u00fcr&#8217;s traute Eigenheim, das er an die Kinder (bzw. vornehmlich an seinen Sohn, der die Schwestern dann &#8211; siehe oben &#8211; um ihren Anteil prellt) vererben will. Wo k\u00e4men wir denn da hin, wenn das Heer der ausgebeuteten Arbeitnehmer es pl\u00f6tzlich nicht mehr eins\u00e4he, sich unter den immer unmenschlicher werdenden Bedingungen der globalisierten Marktwirtschaft kaputtzuschuften, weil f\u00fcr die Kinder schon gesorgt ist, n\u00e4mlich mittels Grundsicherung f\u00fcr alle!? Wenn es keinen Sinn mehr machte, uferlos Besitz anzuh\u00e4ufen, der weder mit ins Grab genommen noch an bestimmte Privilegierte weitergegeben werden kann?<\/p>\n<p>Und sind die Dinosaurier Ehe und Zwangsmonogamie f\u00fcr Frauen, die mit ihren Ungerechtigkeiten und ihrer verlogenen Doppelmoral auch heutzutage noch zentnerschwer auf dieser Gesellschaft lasten, nicht urspr\u00fcnglich aus eben diesen Motiven entstanden? N\u00e4mlich: dem Sohn &#8211; und zwar nachweislich dem leiblichen, eigenen Sohn &#8211; \u00fcber das Vererben von Besitz auch den eigenen Status weiterzugeben. Bedenken wir, welch weitreichende Folgen das hatte und hat: angefangen beim mittelalterlichen Keuschheitsg\u00fcrtel \u00fcber Hexenverfolgung und Erfindung der Prostitution bis hin zu den reaktion\u00e4ren Homoehebestrebungen dieser Tage, um schlie\u00dflich auch noch die letzten freien V\u00f6gel in diesen nur m\u00e4\u00dfig vergoldeten K\u00e4fig zu sperren.<\/p>\n<p>Auch h\u00e4tte die Abschaffung des herk\u00f6mmlichen Erbrechts eine v\u00f6llig andere Strukturierung der Wohnformen zur Folge. Keine Eigenheime mehr! Das bedeutet nicht nur eine drohendes Aussterben der Gartenzwerge, sondern &#8211; gerade hier bei mir auf dem Land oder in den Besserverdienenden-Schlafghettos der Vororte &#8211; ein Wegfallen des Hauptgrundes f\u00fcr Nachbarschaftsstreitigkeiten und Generationen w\u00e4hrende Familienfehden (von wegen: &#8222;Der Ast Ihres Baums h\u00e4ngt auf mein Grundst\u00fcck!&#8220; oder: &#8222;Der Stadl-Bauer ha\u00dft seinen taubenz\u00fcchtenden Nachbarn, weil sein Vater einmal mit dessen Gro\u00dfvater&#8230; irgendwas war da, aber ich wei\u00df nicht mehr so genau, was eigentlich.&#8220;).<\/p>\n<p>Erschwingliche Genossenschaftswohnungen f\u00fcr alle, keine unversch\u00e4mten Vermieter mehr, keine Wucherpreise und Kaputtmach-Spekulationen, durchaus noch Wohnrechte auf Lebenszeit, aber ohne Besitzanspr\u00fcche&#8230; &#8211; die Welt k\u00f6nnte so sch\u00f6n sein!<\/p>\n<p>Und was die eingangs erw\u00e4hnten Erbstreitigkeiten angeht: Ich steh ja nun \u00fcberhaupt nicht auf (leibliche) Familie, und zum Gl\u00fcck bleiben mir diese obligatorischen Jubil\u00e4umsversammlungen inzwischen erspart. (Partys mit meinen Schlampenschwestern und unseren Kindern machen um L\u00e4ngen mehr Spa\u00df!) Aber wenn ich mir vorstelle, was eine Abschaffung des Erbrechts da f\u00fcr positive Wirkungen zeitigen k\u00f6nnte! Kein Geschacher mehr, kein Neid, kein generationenlanger Groll um Besitzstreitigkeiten&#8230;. Da k\u00f6nnte ja glatt sowas wie Harmonie und Wohltat ausbrechen &#8211; sogar in den traditionellen Familien!<\/p>\n<h3>Realit\u00e4ten<\/h3>\n<p>Gerade als unser Gr\u00fcppchen sich solcherma\u00dfen wunderbar einig ist und wir in rosigen Zukunftsvisionen schwelgen, kommt aus einer Ecke ein R\u00e4uspern. Ute, die \u00fcberall als furchtbar linksradikal und schrecklich politisch Verschrieene, meldet sich zu Wort. Ganz leise und versch\u00e4mt sagt sie: &#8222;Aber, \u00e4hem, also, meine Eltern haben auch ein Haus, und, ehrlich gesagt, also ich h\u00e4tte nix dagegen, das zu erben. Ist euch eigentlich klar, was wir da gerade fordern? Meint ihr das wirklich ernst?&#8220;<\/p>\n<p>Oh du meine G\u00fcte! Das wird wohl noch ein langer Weg&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich noch verheiratet war und mich in Normalit\u00e4t versuchte, kam ich nat\u00fcrlich auch in den zweifelhaften Genu\u00df der obligatorischen Gro\u00dfversammlungen meiner Schwiegerfamilie. Zum Beispiel zu Omas 80. Geburtstag. Da sa\u00dfen sie alle traulicht beisammen: die sieben Kinder nebst GattInnen, die f\u00fcnfzehn Enkelkinder nebst Gesponsen und auch schon das ein oder andere Urenkelchen. 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