{"id":30732,"date":"2024-01-02T14:27:38","date_gmt":"2024-01-02T12:27:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/01\/utopia-2-0-wir-werden-weiter-traeumen-2\/"},"modified":"2024-02-03T12:43:39","modified_gmt":"2024-02-03T10:43:39","slug":"utopia-2-0-wir-werden-weiter-traeumen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/01\/utopia-2-0-wir-werden-weiter-traeumen-2\/","title":{"rendered":"Utopia 2.0 \u2013 Wir werden weiter tr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sevgi Kosan-Dr\u00fccke: Der Anarchopazifismus ist Dir total wichtig, aber auch andere Bereiche, zum Beispiel das Klima, die Naturverbundenheit. Da hast Du beim gestrigen Konzert mehrere, auch \u00e4ltere Lieder von Dir gesungen, auch \u201eDer Baum\u201c.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konstantin Wecker: Ja, schon in den 1980er Jahren haben wir uns mit diesem Thema besch\u00e4ftigt. Ich habe die Lieder auch jetzt erst wieder so richtig ausgepackt, weil ich mir gedacht habe:\u201eMensch ich wei\u00df ja noch Wackersdorf\u201c, Bernd, du kennst das noch und warst dabei?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bernd Dr\u00fccke: Ja, ich habe 1989 als junger Anti-Atom-Aktivist zusammen mit Zigtausenden gegen den geplanten Bau der Wiederaufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf demonstriert.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konstantin: Da war das ja schon ein Thema in der Jugendbewegung. Dann ist es wieder entthematisiert worden. Und jetzt werden die Klimasch\u00fctzer:innen und die Jugendlichen kriminalisiert. Ich habe mich deutlich f\u00fcr die Klimagerechtigkeitsbewegung ausgesprochen und gegen diese Kriminalisierung.<br \/>\nWieviel konntet ihr als Nicht-Bayern von dem \u201eBaum\u201c verstehen? Weil das ist schon ein ziemlich bayrisches Lied.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sevgi: Das konnten wir trotzdem gut verstehen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konstantin: Okay, dann bin ich beruhigt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bernd: Du hast dich mit der massiv von Kriminalisierung betroffenen Letzten Generation in einer Videobotschaft solidarisiert und die Kriminalisierung von Klimaaktivist:innen auch beim gestrigen Konzert angesprochen. Das finde ich gut. Die Solidarit\u00e4t ist wichtig. Als gewaltfreier Anarchist habe ich aber auch Kritik an der Letzten Generation. Deren Aktionsformen sind in den sozialen Bewegungen umstritten. Wenn du eine Stra\u00dfe blockierst, werden Menschen, die zur Arbeit fahren wollen, aufgehalten und ver\u00e4rgert. Dabei brauchen wir deren Solidarit\u00e4t. Politisch sinnvoller ist es aus anarchistischer Sicht, wenn gewaltfreie Aktionen zur Aufkl\u00e4rung \u00fcber Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse beitragen. Ich denke, Direkte Gewaltfreie Aktionen sollten zur Politisierung beitragen und sich deshalb direkt gegen RWE, BP, Autokonzerne und andere gro\u00dfe Klimakiller richten, anstatt gegen die Hebamme und den Handwerker von nebenan, die mit dem Auto zur Arbeit fahren. 100 Gro\u00dfkonzerne sind f\u00fcr mehr als 70 Prozent aller CO2-Emissionen verantwortlich. Diese Konzerne gilt es in den Fokus zu nehmen. Die von Massenmedien und Politikern befeuerte Hetze gegen \u201eKlimakleber\u201c hat zu unfassbarer Gewalt von Autofahrern gegen die gewaltfreien Aktivist:innen und zu einer Repression des Staates gegen Aktive der Letzten Generation mit hohen Haftstra\u00dfen gef\u00fchrt. Es ist super, dass Du dich als Prominenter \u00f6ffentlich solidarisierst.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konstantin: Wir m\u00fcssen uns mal \u00fcberlegen, dass diese Generation, diese jungen Leute, wahrscheinlich mit 50 oder 60 nicht mehr atmen k\u00f6nnen. Wenn das so weitergeht, wird ihnen die Luft ausgehen.<br \/>\nEs gibt eine schreckliche schwarzbraune Kontinuit\u00e4t seit der blutigen Niederschlagung der M\u00fcnchner R\u00e4terevolution im Mai 1919. Wieder werden Linke gejagt, Organisationen verboten und Medien von Klimaaktivist:innen gesperrt. Heute sperren sie Webseiten, fr\u00fcher haben sie Publikationen beschlagnahmt. Warum? Weil die Proteste der Letzten Generation die staatlichen Organe st\u00f6ren. Wieder einmal st\u00f6ren Aktivist:innen, die sich in diesem Fall gegen die Zerst\u00f6rung von Natur und Klima einsetzen, mehr als die t\u00f6dlichen Profite fossiler Energie- und Autokonzerne oder die menschenverachtende Hetze und die oft t\u00f6dlichen Angriffe von Nazis und Rassisten. Alles muss sich \u00e4ndern, und zwar sofort. Denn Zeit haben wir keine mehr. Zu lange haben zu viele Menschen einfach nur zugeschaut und mitgemacht bei der Zerst\u00f6rung unseres Planeten. Sie haben die Spielregeln der Politiker, Wirtschaftsbosse und Milit\u00e4rs unkritisch anerkannt und sich nicht engagiert f\u00fcr eine gerechtere Gesellschaft weltweit.<br \/>\nAus eigener Erfahrung wei\u00df ich sehr gut, wie wichtig Solidarit\u00e4t f\u00fcr Menschen ist, die eingesperrt in Kn\u00e4sten sitzen m\u00fcssen. Deshalb lasst uns den von Repression bedrohten Klimaaktivist:innen viel Kraft, Energie und unsere Solidarit\u00e4t schicken. Die Paragraphen 129 und 129a, mit denen jetzt die Letzte Generation kriminalisiert werden soll, sind Ausdruck eines antidemokratischen, pr\u00e4ventiven Gesinnungsstrafrechts. Sie geh\u00f6ren endlich abgeschafft. Ich werde auch in Zukunft nicht aufh\u00f6ren zu tr\u00e4umen von einer herrschaftsfreien Welt ohne Krieg und Faschismus, von einer grenzenlosen Welt ohne Patriarchat, Rassismus, Unterdr\u00fcckung, Ausbeutung und die weitere Zerst\u00f6rung von Natur und Klima.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Sevgi: Dein Lied \u201eSch\u00e4m dich, Europa\u201c, das du gestern gespielt hast, macht in diesem Sinne Mut und kritisiert die gegen Gefl\u00fcchtete gerichtete menschenfeindliche Abschottungspolitik der EU.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konstantin: Wie viele Gefl\u00fcchtete werden wir in den n\u00e4chsten Jahrzehnten haben aus L\u00e4ndern, wo die Menschen einfach nicht mehr wohnen k\u00f6nnen? Was haben wir den Tieren alles angetan?<br \/>\nIch habe mich so gefreut, dass ich dieses \u00d6calan-Zitat gefunden habe, wo er ja auch so viel \u00fcber Utopie spricht. Das ist auch interessant, gell? Du musst dir mal vorstellen, seit fast 25 Jahren sitzt Abdullah \u00d6calan auf der t\u00fcrkischen Gef\u00e4ngnisinsel Imrali in Isolationshaft. Das ist so unfassbar. Ich habe mich zusammen mit der \u00f6sterreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek eingesetzt f\u00fcr die kurdische Bewegung, weil die Kurd:innen eine wirkliche Gleichberechtigung anstreben. Das wird von den Herrschenden weltweit nicht geliebt. Deshalb werden die Kurd:innen vom Herrn Erdo\u011fan mit NATO-Unterst\u00fctzung bombardiert. Liest du zur Zeit irgendwas davon in den Medien, irgendwas \u00fcber diese Gr\u00e4uel, die da passieren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bernd: Du hast recht, in den Massenmedien sind die Verbrechen des NATO-Staates T\u00fcrkei kein Thema. In der Graswurzelrevolution aber schon ((8)).<\/strong><br \/>\n<strong>Ich habe das Buch \u201eJenseits von Staat, Macht und Gewalt\u201c von \u00d6calan, das du gestern w\u00e4hrend des Konzerts erw\u00e4hnt hast, gelesen. Ich sehe den inhaftierten Vorsitzenden der PKK trotzdem kritisch. Also, ich denke, er hat sich entwickelt vom Stalinisten in den 1970ern, dann zum kurdischen Nationalisten, zum \u201eApoisten\u201c, schlie\u00dflich zum Anh\u00e4nger des Libert\u00e4ren Kommunalismus und Demokratischen Konf\u00f6deralismus. Was ich bei meiner Reise mit einer Menschenrechtsdelegation 1993 in den kurdischen Kriegsgebieten als problematisch empfunden habe, ist der Personenkult um \u201eSerok Apo\u201c. Auch die Aktionen, die die PKK lange Zeit gemacht hat, von Schutzgelderpressung bis Mord, das fand ich immer schlimm. Sie haben den t\u00fcrkischen Nationalismus damals zum Teil kopiert und waren in den kurdischen Gebieten der T\u00fcrkei eine Art Staat im Staate. An die Stelle des t\u00fcrkisch-kemalistischen Kults um Atat\u00fcrk haben sie den Personenkult um \u00d6calan als \u201eSonne Kurdistans\u201c gesetzt. Und heute? Der (gescheiterte) Terroranschlag, ver\u00fcbt von PKK-Leuten am 1. Oktober 2023 in Ankara, bei dem zwei Menschen get\u00f6tet und weitere verletzt wurden, das ist eine Katastrophe, v\u00f6llig kontraproduktiv. Das dient dem t\u00fcrkischen Regime jetzt als Vorwand f\u00fcr die aktuellen Bombardierungen in Rojava.<\/strong><br \/>\n<strong>Gut finde ich, dass sich \u00d6calan im Knast offensichtlich intensiv besch\u00e4ftigt hat mit den libert\u00e4r-kommunalistischen Theorien des US-amerikanischen \u00d6ko-Anarchisten Murray Bookchin. Also, er hat anarchistische Literatur gelesen. Das ist interessant, wenn jemand, der im Knast sitzt, sich intensiv mit dem \u00d6ko-Anarchismus und Libert\u00e4ren Kommunalismus besch\u00e4ftigt, und das dann auch verinnerlicht.<\/strong><br \/>\n<strong>Der libert\u00e4re Kommunalismus m\u00f6chte als anarchistischer Ansatz die Gesellschaft dezentralisieren und \u00fcber miteinander vernetzte, m\u00f6glichst kleine St\u00e4dte f\u00f6deral organisieren. Bookchin hatte f\u00fcr seine direktdemokratischen Vorstellungen die Town Meetings aus der US-Revolutionszeit mit ihren B\u00fcrgerversammlungen zum Vorbild. Die Prinzipien des \u201elibert\u00e4ren Kommunalismus\u201c sind Nicht-Hierarchie, Gegenseitige Hilfe, Kooperation, \u00d6kologie, direkte Demokratie und soziale Gerechtigkeit.<\/strong><br \/>\n<strong>Dass \u00f6ko-anarchistische, feministische und zapatistische Ideen \u00d6calan zur Entwicklung des \u201edemokratischen Konf\u00f6deralismus\u201c inspiriert haben, ist erfreulich. In Rojava, dem de facto autonomen kurdischen Gebiet in Syrien, wird versucht, diese Ideen umzusetzen. \u00d6calan hat in \u201eJenseits von Staat, Macht und Gewalt\u201c eine \u201eAbkehr vom Dogmatismus\u201c verk\u00fcndet. Das fand ich an dem Buch beeindruckend, dass er sich im Grunde von sich selbst distanziert hat, vom Nationalismus und von der autorit\u00e4r-dogmatischen Politik, die er Jahrzehnte lang als PKK-Chef vertreten hat. Es ist aus anarchistischer Sicht ein Fortschritt, dass \u00d6calan keinen kurdischen Staat mehr anstrebt, sondern eine basisdemokratische, f\u00f6deral-kommunalistische, pro-feministische und \u00f6kologische Gesellschaft jenseits von Staat, Macht und Gewalt.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Konstantin: Das finde ich am tollsten an ihm. Und ich bin nat\u00fcrlich auch nicht<strong> mit<\/strong> allen Aktionen von Kurden einverstanden. Da geht es auch sehr viel um Milit\u00e4r und um Gewalt, gar keine Frage, aber ich bin f\u00fcr die Idee der Kurdinnen zu haben.<br \/>\nDas, was du \u00fcber \u00d6calan sagst, diese Entwicklung kann ich ein bisschen nachvollziehen. Im Gegensatz zu dir bin ich ja ein Knasti und ich wei\u00df, was im Knast mit einem passieren kann. Ich habe das auch in meiner Biografie beschrieben. Mit 19 war ich das erste Mal eingesperrt. Ich w\u00fcnsche niemanden den Knast und bin auch nicht der Meinung, dass man sich freiwillig einsperren lassen muss, um so etwas zu erleben, aber ich habe zum ersten Mal im Leben im Knast eine wirkliche innere Freiheit gesp\u00fcrt. Also, ich habe viel gelernt im Knast, weil ich da vielleicht zum ersten Mal als sehr junger Mann ganz auf mich selbst zur\u00fcckgeschlagen war. Da konnte ich mich nicht mehr ablenken mit irgendwas. Also, der Knast kann auch sehr heilsam sein. Nochmal, ich fordere nicht den Knast f\u00fcr Menschen, sondern, wenn du drin steckst, dann kann es dir auch helfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sevgi Kosan-Dr\u00fccke: Der Anarchopazifismus ist Dir total wichtig, aber auch andere Bereiche, zum Beispiel das Klima, die Naturverbundenheit. Da hast Du beim gestrigen Konzert mehrere, auch \u00e4ltere Lieder von Dir gesungen, auch \u201eDer Baum\u201c. Konstantin Wecker: Ja, schon in den 1980er Jahren haben wir uns mit diesem Thema besch\u00e4ftigt. 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