{"id":30733,"date":"2024-01-02T14:27:39","date_gmt":"2024-01-02T12:27:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/01\/unsere-welt-braucht-kriegsdienstverweigerer\/"},"modified":"2024-02-19T01:52:23","modified_gmt":"2024-02-18T23:52:23","slug":"unsere-welt-braucht-kriegsdienstverweigerer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/01\/unsere-welt-braucht-kriegsdienstverweigerer\/","title":{"rendered":"\u201eUnsere Welt braucht Kriegsdienstverweigerer\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Im Rahmen ihres 20. Jubil\u00e4ums hat die s\u00fcdkoreanische Organisation World Without War (WWW) Mitte November 2023 eine dreit\u00e4gige, internationale Konferenz organisiert, deren Thema gegenw\u00e4rtig nicht wichtiger sein k\u00f6nnte: Kriegsdienstverweigerung und Antimilitarismus. Sie hatte gemeinsam mit der War Resisters\u2018 International (WRI) und Connection e.V. zu dieser Konferenz eingeladen. Aktivist:innen aus unterschiedlichen L\u00e4ndern, darunter Japan, S\u00fcdkorea, Thailand, Nepal, Israel, Russland, Finnland, Gro\u00dfbritannien, Schweiz und Deutschland, trafen sich in der s\u00fcdkoreanischen Hauptstadt Seoul, um sich gemeinsam dem aktuellen Stand der Kriegsdienstverweigerung, Herausforderungen und R\u00fcckschl\u00e4gen zu widmen. Neben der schwierigen Situation in S\u00fcdkorea selbst, waren die Kriege in der Ukraine und in Gaza wichtige Themen. F\u00fcr die anwesenden Aktivist:innen er\u00f6ffnete sich ein Raum f\u00fcr Austausch und die Erkenntnis, dass zwischenmenschliche Beziehungen, Solidarit\u00e4t und Kooperation das Fundament unserer Arbeit bilden.<\/p>\n<p><strong>Alternativdienst in S\u00fcdkorea: Von den \u201ebesseren Gefangenen\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der erste Tag der Konferenz widmete sich der Situation in S\u00fcdkorea selbst. Nach jahrelangen zivilgesellschaftlichen K\u00e4mpfen, unter anderem von World Without War, f\u00fchrte das s\u00fcdkoreanische Parlament im Jahr 2020 die M\u00f6glichkeit des alternativen \u201eErsatzdiensts\u201c zum Milit\u00e4rdienst ein. Doch das Leben der Kriegsdienstverweiger:innen, die erst nach einer \u00dcberpr\u00fcfung durch die Zivildienstkommission, die dem Verteidigungsministerium unterstellt ist, zu \u201eErsatzdienstleistenden\u201c werden, gleiche dem eines \u201ebesseren Gefangenen\u201c, wie einer der beiden anwesenden \u201eErsatzdienstleistenden\u201c berichtet: Der Ersatzdienst ist mit drei Jahren doppelt so lang wie der Milit\u00e4rdienst, muss in einer Justizvollzugsanstalt abgeleistet werden und wirkt sanktionierend. Auch wenn die \u201eErsatzdienstleistenden\u201c keine Gefangenen sind, m\u00fcssen sie sich an strenge Vorgaben halten, was das Verlassen des Gel\u00e4ndes oder die Kontakte nach \u201edrau\u00dfen\u201c betrifft. Zudem leben sie w\u00e4hrend der gesamten Zeit auf dem Gel\u00e4nde des Gef\u00e4ngnis\u2018 und leisten \u00e4hnliche Arbeiten wie die Gefangenen selbst. Das sind einige der Gr\u00fcnde, warum sich der Anteil der \u201epolitischen\u201c Kriegs-dienstverweiger:innen von etwa 1.000 Personen pro Jahr (1\u00a0% aller Verweiger:innen) nicht sehr ver\u00e4ndert hat. Jang Gil-Wan, Aktivist und Kriegsdienstverweigerer im \u201ezivilen\u201c Ersatzdienst, berichtete zu Beginn der Konferenz, dass es in der militarisierten Gesellschaft S\u00fcdkoreas, in der die nationale Sicherheit immer noch eine m\u00e4chtige Ideologie sei, f\u00fcr den Einzelnen nicht leicht sei, einen \u201eanderen Weg\u201c zu w\u00e4hlen. Sich f\u00fcr den Alternativdienst zu entscheiden ist mit einem nervenaufreibenden Prozess verbunden, der Mut und Ausdauer verlangt. Die Kommission zwingt zur Beantwortung sehr pers\u00f6nlicher Fragen und durchleuchtet die eigene Vergangenheit auf politisch-moralische Aktivit\u00e4ten, die eine Milit\u00e4rdienstverweigerung begr\u00fcnden. Der Dienst selbst sei zwar nicht mit einem Gef\u00e4ngnisaufenthalt zu vergleichen, aber es handelt sich noch immer um eine Form des Milit\u00e4rdienstes, an dem die Milit\u00e4rverwaltung und das Verteidigungsministerium beteiligt sind und der lange Aufenthalte in militarisierten R\u00e4umen erfordert. Diejenigen, die aus religi\u00f6sen Gr\u00fcnden verweigern \u2013 wie die etwa 26.000 Zeug:innen Jehovas, die seit Beginn der Milit\u00e4rdienstpflicht in S\u00fcdkorea verweigert haben \u2013 haben es im Anh\u00f6rungsprozess leichter als Verweiger:innen mit politischen oder pazifistischen Motivationen. Letztere m\u00fcssen durch mehrere Anh\u00f6rungen und Pr\u00fcfverfahren, bevor sie zum Alternativdienst zugelassen oder abgelehnt werden. Antimilitarismus oder Pazifismus wird in den intransparenten Pr\u00fcfverfahren \u00e4u\u00dferst eng definiert, Einspruch gegen die Entscheidung der Kommission kann nicht erhoben werden. Somit befinden sich Ersatzdienstleistende in einer zweideutigen Position zwischen Gefangenen und Soldat:innen. Jang Gil-Wan hofft, dass \u201ejetzt, wo die ersten Milit\u00e4rdienstpflichtigen nach drei langen Jahren Dienst seit Oktober 2020 endlich entlassen werden, die gesammelten Erfahrungen und Gedanken genutzt werden k\u00f6nnen, um die strafende und diskriminierende Praxis des Zivildienstes aus menschenrechtlicher und demokratischer Sicht in ein besseres System umzuwandeln (\u2026). Wenn der Ersatzdienst denjenigen, die das Milit\u00e4r und den Krieg abgelehnt haben, die M\u00f6glichkeit bieten soll, auf eine \u201aandere Art\u2018 zur Gesellschaft beizutragen, gibt es keinen Grund, sie zu bestrafen und zu diskriminieren. Damit das System in eine alternative Form umgewandelt werden kann, die die allgemeinen Rechte garantiert, muss gepr\u00fcft werden, ob es im Einklang mit den Werten der Menschenrechte und den demokratischen Grunds\u00e4tzen funktioniert. Mit dem Abschluss eines Zyklus hoffe ich, dass das System bald ge\u00e4ndert werden kann und dass die Stimmen der Zivilgesellschaft und der Ersatzdienstleistenden, die sich in der Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung engagiert haben, in diesem Prozess geh\u00f6rt werden.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_30819\" aria-describedby=\"caption-attachment-30819\" style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-30819\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-1024x684.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"684\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-1024x684.jpg 1024w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-600x401.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-768x513.jpg 768w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-2048x1367.jpg 2048w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-1320x881.jpg 1320w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/kdv2-150x100.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-30819\" class=\"wp-caption-text\">Foto: Seungho Park<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die beiden darauffolgenden Konferenztage legten den Fokus auf die Situation der Kriegsdienstverweigerung in anderen asiatischen Staaten. Neben den Redebeitr\u00e4gen des ersten thail\u00e4ndischen Kriegsdienstverweigerers Netiwit Chotiphatphaisal und der t\u00fcrkischen Aktivistin Merve Arkun der Initiative Conscientious Objection Watch (COW) lauschten die Konferenzteilnehmenden den Aktivist:innen und Kriegsdienstverweiger:in-\u2028nen aus Israel und Russ-\u2028land mit besonderer Aufmerksamkeit. Vertreter:innen der russischen Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung (MCO) und eine Aktivist:in der israelischen Organisation New Profile berichteten von den aktuellen Herausforderungen ihrer Arbeit und der Notwendigkeit, sich gegen den Krieg und die Unterdr\u00fcckung der Bev\u00f6lkerung einzusetzen.<\/p>\n<p><strong>T\u00fcrkischen Verweiger:innen droht der \u201eZivile Tod\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Bereits in den 1990er Jahren erkl\u00e4rten die ersten t\u00fcrkischen Verweigerer:innen ihren Widerstand gegen den Krieg, das Milit\u00e4r und den verpflichtenden Milit\u00e4rdienst f\u00fcr alle M\u00e4nner zwischen 20 und 41 Jahren. \u201eIn einer Gesellschaft, in der jeder Mann von Geburt an sowohl als T\u00fcrke als auch als Soldat identifiziert wird, begannen die ersten (\u00f6ffentlichen) Verweigerer eine neue, andere Geschichte zu schreiben\u201c, erkl\u00e4rte Merve. Nach den offiziellen Daten der t\u00fcrkischen Organisation Vicdani Ret \u0130zleme, erkl\u00e4rten zwischen 1989 und 2022 fast 600 Milit\u00e4rdienstpflichtige ihre Verweigerung. Die tats\u00e4chliche Zahl ist schwer abzusch\u00e4tzen, aber mit Sicherheit um ein Vielfaches h\u00f6her. Nach wie vor ist die T\u00fcrkei der einzige Mitgliedsstaat des Europarates, der das Recht auf Kriegsdienstverweigerung nicht anerkannt hat, es gibt weder einen alternativen Zivildienst noch ein Verfahren, das Verweiger:innen in Anspruch nehmen k\u00f6nnen. Sie sind dazu gezwungen, ein Leben zu f\u00fchren, in dem ihnen ihre sozialen, politischen und wirtschaftlichen Rechte vorenthalten werden. Sie sind mit zahlreichen Rechtsverletzungen konfrontiert, u.a. Verwaltungsstrafen und wiederholte Gerichtsverfahren wegen derselben Anklage, Verletzungen des Rechts auf Bildung, des Wahlrechts und des Rechts auf formelle Besch\u00e4ftigung (mit Sozialversicherung), der Konfiszierung von Bankkonten sowie Einschr\u00e4nkungen der Freiz\u00fcgigkeit. Diese willk\u00fcrliche Kriminalisierung wurde vom Europ\u00e4ischen Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte als \u201eziviler Tod\u201c klassifiziert, weil eine regul\u00e4re Teilnahme am gesellschaftlichen Leben nicht mehr m\u00f6glich sei.<\/p>\n<p><strong>Thailand \u2013 Der M\u00f6nch und das Milit\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>\u201eDer M\u00f6nch und das Milit\u00e4r\u201c, sp\u00e4testens mit diesem Zeitungsartikel erlangte der erste thail\u00e4ndische Kriegsdienstverweigerer, Aktivist und Verleger Netiwit Chotiphatphaisal internationale Aufmerksamkeit. ((1)) Mit 18 Jahren erkl\u00e4rte er \u00f6ffentlich seine Kriegsdienstverweigerung, bevor er ein Jahr lang als M\u00f6nch lebte. Seitdem lehnte er die Einberufung zum Milit\u00e4rdienst immer wieder ab. Auf der Konferenz in Seoul berichtete Netiwit von den Initiativen, die sich f\u00fcr ein Recht auf Kriegsdienstverweigerung einsetzen und die eng mit seiner eigenen Geschichte verbunden sind. Thailand sei zwar derzeit nicht in Kriege verwickelt, doch Gewalt durchdringe den Alltag, erkl\u00e4rte Netiwit. Das Land sei in der Vergangenheit Zeuge von 13 Staatsstreichen gewesen, in denen das Milit\u00e4r stets den Diskurs beherrschte. Noch immer sei das System des Milit\u00e4rzwangsdiensts von Gewalt bestimmt. Die L\u00f6hne seien niedrig und Korruption weit verbreitet. Ein Bericht von Amnesty International ((2)) beleuchtet die zahlreichen Todesf\u00e4lle von Milit\u00e4rdienstpflichtigen, die an den Folgen von Misshandlungen in Milit\u00e4rlagern gestorben sind.<br \/>\n\u201eDieses System beraubt den Einzelnen seiner M\u00f6glichkeiten, der Gesellschaft und der Menschheit zu dienen, und formt ihn entsprechend einer Kultur der Gewalt\u201c, kommentierte Netiwit die aktuelle Situation. Ihm droht 2024, wenn seine letzte Einberufung erfolgt, eine Inhaftierung. Er zeigt sich entschlossen, an diesem Tag zum Milit\u00e4r zu gehen, \u201enicht als Rekrut, sondern um mein Engagement f\u00fcr die Sache zu demonstrieren und andere zu inspirieren, aufzustehen und sich zu weigern. Unsere Welt braucht Kriegsdienstverweigerer heute mehr denn je; wir verk\u00f6rpern den Geist der Gewaltlosigkeit und der Entmilitarisierung und bieten neue Wege des Zusammenlebens in einer st\u00e4rker vernetzten Welt\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u00dcber den Widerstand gegen eine Regierung, die Krieg f\u00fchrt: Beitr\u00e4ge aus Russland und Israel<\/strong><\/p>\n<p>Wie schwierig die zivilgesellschaftliche Arbeit gegen Militarismus, Krieg und Kriegsbeteiligung in hochgradig militarisierten Gesellschaften ist, verdeutlichten die Beitr\u00e4ge von Aktivist:innen aus Russland und Israel. Ihre Erfahrungsberichte, pers\u00f6nlichen Geschichten der Trauer und des Verlusts und ihre Forderungen nach einem Ende des russischen Kriegs in der Ukraine und den Bombardierungen des Gazastreifens durch das israelische Milit\u00e4r, entwickelten sich \u2013 auch angesichts der Dringlichkeit \u2013 zu einem wichtigen Bestandteil der Konferenz. Einmal mehr wurde deutlich, dass der informelle, pers\u00f6nliche Austausch ein wichtiger, emotionaler St\u00fctzpfeiler ist, wenn politische Arbeit mit pers\u00f6nlichen Verlusten und realen Gefahren verbunden ist. Diese umfassen \u2013 in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung \u2013 sowohl in Russland als auch in Israel derzeit staatliche Unterdr\u00fcckung sowie Verfolgung durch politische Gegner:innen und manifestieren sich in verbaler, psychologischer und physischer Gewalt, in Hackerangriffen auf private Ger\u00e4te und Social Media Accounts, in Festnahmen und Haftstrafen. Um die Aktivist:innen zu sch\u00fctzen, wurde der nachfolgende Bericht anonymisiert.<\/p>\n<p><strong>\u201eDie Erfahrung des Milit\u00e4rs macht Gewalt zug\u00e4nglicher\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Im Konferenzsaal ist es ruhig, als ein:e israelische:r Aktivist:in \u00fcber die Arbeit der Organisation New Profile berichtet: Von unz\u00e4hligen Beratungsgespr\u00e4chen mit Milit\u00e4rdienstpflichtigen, Soldat:innen und Kriegsdienstverweiger:innen, \u00fcber die aus Schutz der Betroffenen immer seltener \u00f6ffentlich berichtet wird; \u00fcber die Einberufung ukrainischer und russischer Gefl\u00fcchteter, die auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine einen permanenten Aufenthalt in Israel erhalten haben und nun f\u00fcr den Krieg gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung rekrutiert werden; von den politischen K\u00e4mpfen und Bildungsangeboten der Organisation gegen den Militarismus in der israelischen Gesellschaft. Gleichzeitig macht die:der Ak-tivist:in auf die strukturelle Diskriminierung von Misrachi (orientalische) J\u00fcd:innen gegen\u00fcber Aschkenasi J\u00fcd:innen (europ\u00e4ischer Abstammung) so-\u2028wie J\u00fcd:innen gegen\u00fcber arabischen Israelis und Pal\u00e4sti-nenser:innen aufmerksam und positioniert sich gegen die Besetzung Pal\u00e4stinas, den Krieg in Gaza und den Militarismus der israelischen Gesellschaft: \u201eGaza ist das gr\u00f6\u00dfte Gef\u00e4ngnis der Welt. Selbst wenn wir einen Waffenstillstand fordern, ist das nicht das Ende der Gewaltspirale. Der Krieg wird nur durch einen Friedensprozess enden, indem Menschen verstehen, dass Gewalt keine L\u00f6sung ist, sondern nur Gegengewalt erzeugt. Die Bev\u00f6lkerung muss endlich verstehen, welcher strukturellen Gewalt Pal\u00e4stinenser:innen ausgesetzt sind. Ich glaube, dass dieser Friedensprozess lange dauern wird und er jetzt beginnen muss, damit wir, Israelis und Pal\u00e4stinenser:innen, irgendwann gemeinsam in Frieden leben k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen die Militarisierung der Gesellschaft beenden, weil wir wissen, dass Soldat:innen zu gewaltt\u00e4tigeren Menschen werden. Wer lernt, auf Menschen zu schie\u00dfen, dem:der f\u00e4llt es auch leichter, jemanden auf einem Parkplatz zu erstechen; weil Gewalt durch die Erfahrung des Milit\u00e4rs zug\u00e4nglicher und zu einem akzeptierten Mittel der \u201aKonfliktbearbeitung\u2018 wird\u201c.<\/p>\n<p><strong>\u201eF\u00fcr ein Ende dieses m\u00f6rderischen Krieges\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Parallel zur Konferenz f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung in Seoul, fand in Tel Aviv am 18. November die erste, durch den Obersten Gerichtshof genehmigte und daher vergleichsweise sichere Protestveranstaltung gegen den Krieg in Gaza und die Bombardierungen der pal\u00e4stinensischen Bev\u00f6lkerung statt \u2013 in einem Park, \u201enicht \u00f6ffentlich und abgeschottet vom Rest der Welt\u201c, erkl\u00e4rte die israelische Kriegsdienstverweigerin Sahar M. Vardi in einem Interview mit dem Europ\u00e4ischen B\u00fcro f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung (EBCO) ((3)). Sie berichtete weiter, dass Rechtsextremist:innen eine Gegenveranstaltung in unmittelbarer N\u00e4he organisierten und man sie bei jedem Raketenabschuss klatschen h\u00f6rte. Vorherige Veranstaltungen, wie beispielsweise der friedliche Protest gegen die politische Verhaftung von arabischen Israelis vor der Shalem-Polizeistation in Sheikh Jarrah in Ostjerusalem, an dem sich auch Vardi beteiligte, seien mit Polizeigewalt niedergeschlagen worden, es kam zu dutzenden Verhaftungen. Seit dem brutalen, menschenverachtenden Angriff der Hamas stehe ein gro\u00dfer Teil der \u00d6ffentlichkeit hinter der Fortsetzung des Krieges. \u201eAlles, was nach Sympathie f\u00fcr Pal\u00e4stinenser:innen klingt, wird als Verrat angesehen. Die \u00f6ffentliche Atmosph\u00e4re ist f\u00fcr viele Menschen be\u00e4ngstigend. In der israelischen Gesellschaft herrscht im Moment die Meinung vor, es g\u00e4be keine andere Wahl als den Gazastreifen zu bombardieren, ihn auszul\u00f6schen. Die Gesellschaft versteht nicht, was das bedeutet. Sie versteht nicht, dass in den letzten anderthalb Monaten bereits \u00fcber 11.000 Menschen durch das israelische Milit\u00e4r get\u00f6tet worden sind und die Stadt Gaza selbst zerst\u00f6rt wurde, dass Siedler:innen im Westjordanland quasi machen k\u00f6nnten, was sie wollen.\u201c Vardi betont: \u201eIsrael hat milit\u00e4rische L\u00f6sungen immer wieder erprobt und angenommen, durch ein starkes Milit\u00e4r und fortschrittliche Technologie in der Lage zu sein, den Konflikt zu unterdr\u00fccken. Das hat nicht funktioniert. Am 7. Oktober ist der Konflikt explodiert und hunderte Israelis haben mit ihrem Leben daf\u00fcr bezahlt. Die Menschen im Gaza-streifen bezahlen noch immer mit ihrem Leben daf\u00fcr.\u201c Daher sei die Hauptforderung des breiten Protestb\u00fcndnisses eine friedliche, politische L\u00f6sung, ein Abkommen. \u201eWir protestieren f\u00fcr ein Ende dieses m\u00f6rderischen Krieges gegen die Zivilbev\u00f6lkerung des Gazastreifens. Wir wollen eine langfristige L\u00f6sung, die der Zivilbev\u00f6lkerung in Gaza und im Westjordanland Sicherheit bringt\u201c, erg\u00e4nzt der Kriegsdienstverweigerer und Aktivist beim antimilitaristischen Netzwerk Mesarvot, Tal Mitnick, gegen\u00fcber EBCO ((4)).<\/p>\n<p><strong>Die \u201eentscheidendsten Monate\u201c der russischen Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung<\/strong><\/p>\n<p>In den vergangenen Monaten war auch die russische Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung (MCO) mit einer beispiellosen Herausforderung konfrontiert: Mit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine ver\u00e4nderte sich die politische Landschaft Russlands grundlegend. Initiativen und Einzelpersonen, die sich gegen den Krieg aussprachen, wurden kriminalisiert, Soldat:innen mit invasiven Ma\u00dfnahmen zwangsrekrutiert\u00a0((5)). Viele Menschen verloren Angeh\u00f6rige \u201ean der Front\u201c und der Raum f\u00fcr gesellschaftliche Aktivit\u00e4ten schrumpft kontinuierlich. Gleichzeitig, so berichteten die Aktivist:innen, wurden bedeutsame Fortschritte bei der Bewusstseinsbildung \u00fcber Kriegsdienstverweigerung und die Rechte derer erzielt, die den Milit\u00e4rdienst verweigern \u2013 auf nationaler wie internationaler Ebene. Diese unterstreichen die Bedeutung der Kriegsdienstverweigerung als Menschenrecht. Der Aktivist Taras zeigte sich entschlossen, dass die Geschichten von Einzelpersonen und ihren Angeh\u00f6rigen die Kraft der Entschlossenheit und der Unterst\u00fctzung bei der Verfolgung der Kriegsdienstverweigerung gro\u00dfe Bedeutung haben: \u201eWenn wir die vergangenen Monate betrachten, so wird deutlich, dass es bei einer Kriegsdienstverweigerung nicht nur um die Menschen geht, die sich unmittelbar daf\u00fcr entscheiden, sondern auch um die Gemeinschaft, die Bewegungen und die Organisationen, die sich um sie herum versammeln. Das Engagement f\u00fcr Transparenz, Aufkl\u00e4rung und Unterst\u00fctzung macht die russische Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung zu einer wichtigen F\u00fcrsprecherin der Kriegsdienstverweigerung\u201c.<\/p>\n<p><strong>Politische Arbeit = Extremismus?<\/strong><\/p>\n<p>Wenige Tage sp\u00e4ter erreichen auch die Repressionen in Russland einen neuen H\u00f6hepunkt, als \u201edie internationale \u00f6ffentliche LGBTQ+-Bewegung als extremistische Organisation\u201c eingestuft und \u201eihre Aktivit\u00e4ten in Russland\u201c verboten wurden ((6)). Damit wurden die Rechte queerer Menschen weiter massiv eingeschr\u00e4nkt. Die Richter:innen des Obersten Gerichtshofs stimmten einem entsprechenden Antrag des russischen Justizministeriums zu. Da das neue Gesetz im Geheimen verhandelt wurde, sind die Auswirkungen noch unklar. Zudem richtete sich das Verbot nicht gegen eine spezifische Organisation, sondern eine (imaginierte) Gruppe, deren Zusammenhang bestenfalls lose ist. Es richtet sich gegen die russische Gesellschaft selbst. Nicht nur eine Gefahr f\u00fcr alle Betroffenen, sondern f\u00fcr alle Aktivist:innen. Denn, wie der Verweigerer Bogdan uns berichtet, k\u00f6nnten nun alle oppositionellen Bewegungen als LGBTQ und damit als extremistisch eingestuft und kriminalisiert werden. Die russische \u00d6ffentlichkeit solle mundtot gemacht, der Hass gegen\u00fcber Minderheiten weiter gesch\u00fcrt werden.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Die Konferenz zur Kriegsdienstverweigerung in Asien unterstreicht den unsch\u00e4tzbaren Wert pers\u00f6nlicher, informeller Beziehungen zwischen Aktivist:innen verschiedener Regionen, Kontexte und Erfahrungen, die sich in Graswurzelbewegungen organisieren.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>F\u00fcr die Aktivist:innen aus Russland, die gr\u00f6\u00dftenteils im Exil leben, war die Reise nach Seoul auch deshalb mit pers\u00f6nlichen Gefahren verbunden. Es ist umso wichtiger, ihnen zuzuh\u00f6ren und die vielen Geschichten \u00f6ffentlich zu machen. Sie sind Zeugnisse einer Politik, die sich gegen die Zivilbev\u00f6lkerung selbst richtet und zur Zerst\u00f6rung des Lebens und der Infrastruktur in der Ukraine f\u00fchrt.<\/p>\n<p><strong>(skill) sharing is caring<\/strong><\/p>\n<p>Am Ende der Konferenz stellten wir uns die Frage, was wir einander geben k\u00f6nnen und was wir voneinander brauchen. Das Netzwerk ist bunt, die Erfahrungen sind vielf\u00e4ltig und so neigte sich das Treffen mit einem Pool wertvoller Ressourcen dem Ende zu: W\u00e4hrend wir von der russischen Bewegung f\u00fcr Kriegsdienstverweigerung \u00fcber \u201acyber security\u2018 lernen k\u00f6nnen, inspiriert uns New Profile zu kreativen Protestveranstaltungen und Direkter Aktion. Das Asian Peace Network sieht Gemeinschaft im Zentrum von \u201aemotional well-being\u2018. Die t\u00fcrkische Initiative Conscientious Objection Watch ist darin ge\u00fcbt, internationale Prozesse f\u00fcr die eigene Arbeit fruchtbar zu machen und mit den japanischen Vertreter:innen verf\u00fcgt das Netzwerk \u00fcber langj\u00e4hrige Expertise im akademischen Bereich und internationalen Symposien. Daniel M\u00f8gster von der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen und Rachel Brett f\u00fcr das Quaker UN Office brachten ihre Erfahrungen internationaler Lobbyarbeit der UN ein. Netiwit aus Thailand erinnerte uns an die Bedeutung von \u00dcbersetzungen und Ver\u00f6ffentlichungen und die s\u00fcdkoreanische Organisation World Without War zeigte, wie sich die Zusammenh\u00e4nge der Arbeitsbereiche \u2013 von Feminismus \u00fcber \u00d6kologie, die R\u00fcstungsindustrie bis zu Demokratiebewegungen \u2013 organisch in die allt\u00e4gliche Arbeit einf\u00fcgen. Nicht weniger wichtig war die Zusicherung unserer finnischen Vertretung \u201asolidarity accomodation\u2018 f\u00fcr alle zu erm\u00f6glichen, die pl\u00f6tzlich aus dem Exil arbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Empathie, Solidarit\u00e4t und Widerstand<\/strong><\/p>\n<p>Es ist bemerkenswert, mit welcher W\u00e4rme und Offenheit die Teilnehmenden einander begegnet sind. Die Konferenz zur Kriegsdienstverweigerung in Asien unterstreicht den unsch\u00e4tzbaren Wert pers\u00f6nlicher, informeller Beziehungen zwischen Aktivist:innen verschiedener Regionen, Kontexte und Erfahrungen, die sich in Graswurzelbewegungen organisieren. W\u00e4hrend die schnelle, unb\u00fcrokratische Weitergabe von Informationen und der Schutz von Individuen innerhalb des Netzwerks auf Solidarit\u00e4t, Erfahrungsaustausch und einer Zusammenarbeit auf Augenh\u00f6he beruhen, er\u00f6ffnet strukturelle Vielfalt Kommunikationskan\u00e4le in verschiedenen Sprachen und Regionen, einen umfassenderen Zugriff auf Finanzierungsm\u00f6glichkeiten und die partielle Einbindung internationaler Organisationen.<br \/>\nF\u00fcr die Organisationen aus Deutschland bedeutet das, Stimmen gegen Krieg, organisierte Gewalt und Besetzung zu multiplizieren und die Geschichten derjenigen weiterzuerz\u00e4hlen, die sich gegen Militarisierung, jahrzehntelange Konflikte und Kriegsbeteiligung aussprechen. Als Antimilitarist:innen lehnen wir eine bin\u00e4re Sichtweise auf Konflikte ab, die uns dazu bringt, andere als Feind:innen zu betrachten, die unterdr\u00fcckt oder get\u00f6tet werden m\u00fcssen. Wir schlie\u00dfen uns denjenigen an, die sich gegen Armeen und milit\u00e4rische Konfliktbearbeitungen entscheiden und sich weigern, zu t\u00f6ten, selbst wenn sie unter enormem Druck stehen. Wir unterst\u00fctzen den Widerstand gegen kriegf\u00fchrende Regime und den gewaltfreien Aufbau von Vertrauen und Zusammenarbeit als Grundlage einer gerechteren Gemeinschaft ((7))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Rahmen ihres 20. Jubil\u00e4ums hat die s\u00fcdkoreanische Organisation World Without War (WWW) Mitte November 2023 eine dreit\u00e4gige, internationale Konferenz organisiert, deren Thema gegenw\u00e4rtig nicht wichtiger sein k\u00f6nnte: Kriegsdienstverweigerung und Antimilitarismus. Sie hatte gemeinsam mit der War Resisters\u2018 International (WRI) und Connection e.V. zu dieser Konferenz eingeladen. Aktivist:innen aus unterschiedlichen L\u00e4ndern, darunter Japan, S\u00fcdkorea, Thailand, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/01\/unsere-welt-braucht-kriegsdienstverweigerer\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":502,"featured_media":30821,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\u201eUnsere Welt braucht Kriegsdienstverweigerer\u201c - graswurzelrevolution","description":"Im Rahmen ihres 20. Jubil\u00e4ums hat die s\u00fcdkoreanische Organisation World Without War (WWW) Mitte November 2023 eine dreit\u00e4gige, internationale Konferenz organisi"},"footnotes":""},"categories":[2024],"tags":[],"class_list":["post-30733","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-485-januar-2024"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30733","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/502"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30733"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30733\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media\/30821"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30733"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30733"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30733"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}