{"id":30837,"date":"2024-02-02T20:16:16","date_gmt":"2024-02-02T18:16:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/fraeulein-smillas-gespuer-fuer-daenemark\/"},"modified":"2024-02-25T23:30:03","modified_gmt":"2024-02-25T21:30:03","slug":"fraeulein-smillas-gespuer-fuer-daenemark","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/fraeulein-smillas-gespuer-fuer-daenemark\/","title":{"rendered":"Fr\u00e4ulein Smillas Gesp\u00fcr f\u00fcr D\u00e4nemark"},"content":{"rendered":"<p>Was macht man mit seinen Kolonien, wenn das Wort und der Tatbestand unzeitgem\u00e4\u00df sind, man die L\u00e4nder aber gern behalten will \u2013 obwohl die dort lebenden Menschen einem fremd und eher gleichg\u00fcltig sind? Nun, man versucht, das Fremde durch \u201eModernisierung\u201c dem eigenen Wesen anzugleichen. Oder auszul\u00f6schen.<\/p>\n<p>1940, als D\u00e4nemark von den Nazis besetzt wurde, hatte das Land noch zwei Kolonien: die F\u00e4r\u00f6er und Gr\u00f6nland. W\u00e4hrend die F\u00e4ringer*innen ethnisch betrachtet ein skandinavisches Volk mit skandinavischer Sprache sind, fallen die Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen schon optisch und sprachlich als anders auf. Und so nimmt es nicht Wunder, dass im formalen Dekolonialisierungsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg den F\u00e4ringer*innen neue Rechte gern ein paar Jahre fr\u00fcher als den Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen zugestanden wurden.<\/p>\n<p>1950 gab D\u00e4nemark sein Handelsmonopol auf, und am 5. Juni 1953 wurde Gr\u00f6nland offiziell dekolonialisiert und schlie\u00dflich nach au\u00dfen hin in mehreren Schritten \u00fcber Jahrzehnte hinweg ein gleichwertiger Teil in der sogenannten \u201eReichsgemeinschaft\u201c mit zwei Sitzen im Kopenhagener Parlament und der d\u00e4nischen Verfassung als Grundgesetz. Alle Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen haben die d\u00e4nische Staatsb\u00fcrgerschaft.<\/p>\n<p>Nur wenige Wochen vor dem 5. Juni wurden die Inuit, die nahe der Thule-US-Air Base lebten, noch schnell zwangsumgesiedelt. Sie erhielten daf\u00fcr erst 1999 eine Entsch\u00e4digung ((2)).<br \/>\nDanach griff dann die G50- bzw. G60-Politik D\u00e4nemarks. Ihr Ziel war es, gr\u00f6nl\u00e4ndische Menschen in m\u00f6glichst wenigen, m\u00f6glichst gro\u00dfen Ortschaften zu konzentrieren, der d\u00e4nischen Lebensweise anzupassen und die grassierende Tuberkulose einzud\u00e4mmen, mit anderen Worten: Die Leute binnen weniger Jahre aus einem angeblichen Mittelalter in die westlich-urbanisierte zweite H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts zu katapultieren.<\/p>\n<p>Durch die Ausrottung der Tuberkulose verdoppelte sich die Bev\u00f6lkerungszahl binnen weniger Jahre. Und durch die forcierte Urbanisierung war es den Menschen nicht mehr m\u00f6glich, ihrer traditionellen Besch\u00e4ftigung, der Jagd, nachzugehen, da die Robben sich boshafterweise nicht mit zentralisieren lie\u00dfen. Die neokolonialistische Politik der 1950er- und 60er-Jahre, die die Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen zugleich d\u00e4nisieren sollte, f\u00fchrte zu Kulturverlust und riesigen sozialen Problemen: Arbeitslosigkeit (denn ein fantastischer J\u00e4ger ist noch lange kein guter Architekt), Hoffnungslosigkeit (die gr\u00f6nl\u00e4ndische Selbstt\u00f6tungsrate ist die h\u00f6chste der Welt), Alkoholismus und Gewaltt\u00e4tigkeit (h\u00e4usliche Gewalt, Vergewaltigung, Vernachl\u00e4ssigung der Kinder).<\/p>\n<p><strong>Verschwundene Kinder und Spiralen<\/strong><\/p>\n<p>Um des Bev\u00f6lkerungswachstums Herr zu werden (1.800 Babys pro Jahr kosteten D\u00e4nemark einfach mehr als die rund je 1.000 Babys in den Jahren 1900-1950), wandten die d\u00e4nischen Beh\u00f6rden und \u00c4rzte vor Ort zwei perfide Strategien an: Sie legten den ledigen M\u00fcttern (damals rund 25% aller Schwangeren) ans Herz, ihre Babys gleich vom Krankenhausbett heraus nach D\u00e4nemark adoptieren zu lassen ((3)). Und sie setzten vermutlich der H\u00e4lfte aller Frauen im geb\u00e4rf\u00e4higen Alter die Spirale ein, unter Druck und oft ohne ihre Zustimmung, gern auch jungen M\u00e4dchen von 14 oder 15 Jahren. \u00dcberwiegend in den 60ern und 70ern, aber vereinzelt auch noch bis in die 90er Jahre hinein. Auch gr\u00f6nl\u00e4ndische M\u00e4dchen, die in D\u00e4nemark zur Schule gingen, waren betroffen. Damit senkte sich die Zahl der lebendgeborenen Kinder schlagartig auf 800 pro Jahr.<\/p>\n<p>Nicht alle vertrugen das Einsetzen der Spirale und leiden seitdem unter gesundheitlichen Problemen. Im Mai 2022 verlangte die gr\u00f6nl\u00e4ndische Gesundheitsministerin den Einsatz einer Untersuchungskommission. Doch D\u00e4nemark str\u00e4ubte sich. Da waren ja z.B. die Reichstagswahlen im November 2022. Und auch bis heute ist noch nicht viel passiert. Es sei so schwer, fachlich qualifizierte Forscher*innen zu<br \/>\nfinden, meint die d\u00e4nische Gesundheitsministerin Sophie L\u00f8hde. Inzwischen hat die Kommission zwar mit ihrer Arbeit begonnen, will aber erst im Mai 2025 ein Untersuchungsergebnis vorlegen.<\/p>\n<p>Darauf wollen 77 Frauen nicht l\u00e4nger warten und haben den d\u00e4nischen Staat verklagt, um wenigstens eine Gratistherapie zu erhalten ((4)). Weitere 67 Frauen verlangen jeweils einen Schadenersatz von 300.000 Kronen (gut 40.000\u20ac) ((5)) wegen Missachtung ihrer Menschenrechte.<br \/>\nDie gr\u00f6nl\u00e4ndische Abgeordnete Aaja Chemnitz h\u00e4tte gerne eine Entschuldigung vom d\u00e4nischen Staat. Bisher Fehlanzeige. \u201eIch habe gef\u00fchlt, dass mein K\u00f6rper kolonisiert worden ist\u201c, sagt eine der betroffenen Frauen, die Psychologin und Aktivistin Naja Lyberth ((6)). Viele von ihren Mitschwestern, f\u00e4hrt sie fort, haben \u201edie F\u00e4higkeit verloren, \u00fcberhaupt noch Kinder zu geb\u00e4ren\u201c.<\/p>\n<p><strong>Uneheliche Kinder<\/strong><\/p>\n<p>Das ist nicht das einzige Problem, mit dem sich Staatsministerin Mette Frederiksen von den Sozialdemokraten herumschlagen muss. Auch die vaterlosen Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen mit lediger gr\u00f6nl\u00e4ndischer Mutter und d\u00e4nischem Erzeuger begehren auf. Sie finden, dass sich Frederiksen um ihre Anspr\u00fcche nicht ausreichend k\u00fcmmert. Bis 1974 hatten uneheliche gr\u00f6nl\u00e4ndische Kinder nicht das Recht, ihren Erzeuger zu kennen. Dabei haben d\u00e4nische uneheliche Kinder dieses Recht bereits seit den 1930er Jahren.<br \/>\nHierbei geht es nicht nur um den Namen des Vaters und darum, ihn kennenzulernen, sondern auch um das Recht, ihn zu beerben. 2023 klagen nun 26 Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen gegen den d\u00e4nischen Staat. Reaktion unseres Staatsoberhauptes: Fehlanzeige ((7)).<br \/>\nDass Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen wegen Diskriminierung oder Verletzung der Menschenrechte klagen, ist relativ neu. Noch in einer Untersuchung aus dem Jahre 2015 mit dem Titel \u201eGleichbehandlung von Gr\u00f6nl\u00e4ndern in D\u00e4nemark\u201c des Instituts f\u00fcr Menschenrechte ((8)), meint zwar die H\u00e4lfte der Befragten, dass die Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen von den D\u00e4n*innen stigmatisiert werden, aber nur ein geringer Prozentsatz hat je deswegen geklagt.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Was macht man mit seinen Kolonien, wenn das Wort und der Tatbestand unzeitgem\u00e4\u00df sind, man die L\u00e4nder aber gern behalten will \u2013 obwohl die dort lebenden Menschen einem fremd und eher gleichg\u00fcltig sind?<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Gr\u00fcnde daf\u00fcr gibt es viele: von mangelnder Kenntnis der d\u00e4nischen Sprache und des d\u00e4nischen Rechtssystems, der geringen Organisation in gr\u00f6nl\u00e4ndischen Vereinen, bis hin zu einem geringen Selbstwertgef\u00fchl. \u201eIch bin ja doch nur ein dummer Gr\u00f6nl\u00e4nder\u201c, hei\u00dft es dann.<\/p>\n<p>Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen in D\u00e4nemark haben es schwer: Ihr Besch\u00e4ftigungsgrad liegt trotz d\u00e4nischer Staatsb\u00fcrger*innenschaft bei nur 33% ((9)) und ist damit etwa so hoch wie der von Somalier*innen und Syrer*innen. Wobei sie in der Hackordnung auf der Stra\u00dfe noch unter diesen stehen. Gleichzeitig ist die Obdachlosigkeit unter Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen 40mal h\u00f6her als unter ethnischen D\u00e4n*innen. Neben mangelnden Sprachkenntnissen und gr\u00f6nl\u00e4ndischem Aussehen liegt das u.a. daran, dass D\u00e4nemark es in den ganzen Jahrzehnten nicht geschafft hat, gr\u00f6nl\u00e4ndische Ausbildungsabschl\u00fcsse anzuerkennen.<\/p>\n<p>Gr\u00f6nl\u00e4ndischsprachige Hilfe vor Ort gibt es in D\u00e4nemark kaum. Das Land hat \u2013 trotz aller Ermahnungen seitens EU und UN \u2013 bisher nur die deutsche Minderheit als solche anerkannt. Damit haben wir Deutschst\u00e4mmigen hier unter anderem deutsche Schulen, Kinderg\u00e4rten, Bibliotheken, Zeitungen und das Recht, auf den \u00c4mtern Deutsch zu sprechen.<\/p>\n<p>Bei Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen hingegen entscheidet der jeweilige Sachbearbeiter, ob er es f\u00fcr notwendig h\u00e4lt, eine\/n Dolmetscher*in hinzuzuziehen. Und qualifizierte Dolmetscher*innen (auch vor Gericht) sind immer wieder Mangelware.<\/p>\n<p>Am 21. September 2023 kam es im d\u00e4nischen Parlament zum Eklat, als die gr\u00f6nl\u00e4ndische Abgeordnete Aki-Matilda H\u00f8egh-Dams es wagte, am Rednerpult gr\u00f6nl\u00e4ndisch zu sprechen, und sich weigerte, dies zu \u00fcbersetzen. Es dauerte anderthalb Monate, bis den Gr\u00f6nl\u00e4nder- und F\u00e4ringer*innen im Parlament nun doch ein\/e bezahlte\/r Dolmetscher*in zugestanden wurde: 67.000 Kronen (knapp 9.000 \u20ac) werden jeder\/m der vier Abgeordneten nun monatlich daf\u00fcr bewilligt ((10)).<\/p>\n<p>Im August 2023 hat die linke d\u00e4nische Zeitung \u201eInformation\u201c die Debatte erneut gestartet, Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen in D\u00e4nemark als nationale Minderheit anzuerkennen ((11)), nachdem der gr\u00f6nl\u00e4ndische Abgeordnete Kuno Fenckers verlangt hatte, dass in D\u00e4nemark lebende Gr\u00f6nl\u00e4nder*innen dazu befragt werden sollten. D\u00e4n*innen reden sich bei diesem Thema gern damit heraus, dass man ja nicht wisse, wer Gr\u00f6nl\u00e4nder*in sei, da dies statistisch nicht erfasst w\u00fcrde (Danmarks Statistik gibt bisher keine Auskunft dar\u00fcber). Verbl\u00fcffend nur, dass dies bei der deutschen Minderheit so gut gegl\u00fcckt ist.<\/p>\n<p>Wie es schon in Shakespeares \u201eHamlet\u201c hei\u00dft: \u201eDa ist was faul im Staate D\u00e4nemark\u201c. Aber es tut sich was, wenn auch nur im Schneckentempo.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was macht man mit seinen Kolonien, wenn das Wort und der Tatbestand unzeitgem\u00e4\u00df sind, man die L\u00e4nder aber gern behalten will \u2013 obwohl die dort lebenden Menschen einem fremd und eher gleichg\u00fcltig sind? Nun, man versucht, das Fremde durch \u201eModernisierung\u201c dem eigenen Wesen anzugleichen. 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