{"id":30840,"date":"2024-02-02T20:16:19","date_gmt":"2024-02-02T18:16:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/utopia-2-0-wir-werden-weiter-traeumen-3\/"},"modified":"2024-02-03T12:43:58","modified_gmt":"2024-02-03T10:43:58","slug":"utopia-2-0-wir-werden-weiter-traeumen-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/utopia-2-0-wir-werden-weiter-traeumen-3\/","title":{"rendered":"Utopia 2.0 \u2013 Wir werden weiter tr\u00e4umen"},"content":{"rendered":"<p>Bernd: Ich wei\u00df nicht, ob ich dir die Geschichte schon einmal erz\u00e4hlt habe. Die habe ich im Sommer 2023 auch in der ZDF-Sendung \u201eSag\u2019s mir\u201c zum Thema Bundeswehr erz\u00e4hlt, die dir so gut gefallen hat. ((9)) Leider wurde mein mehrst\u00fcndiges Streitgespr\u00e4ch mit einem Bundeswehr-Hauptmann f\u00fcr die Sendung auf 22 Minuten gek\u00fcrzt und auch dieser wichtige \u201eOssi\u201c-Teil herausgeschnitten. Es geht um die Geschichte von Osman Murat \u00dclke, genannt Ossi, und um Mehmet Bal. Ossi ist ein gewaltfreier Anarchist, der den Kriegsdienst verweigert hat, was in der T\u00fcrkei verboten war und ist. Ossi hat seinen Wehrpass \u00f6ffentlich verbrannt und ist daf\u00fcr in den Knast gekommen. In der T\u00fcrkei war es so, dass Kriegsdienstverweigerer drei Monate in den Knast kamen, dann wurden sie wieder herausgelassen, mit der Aufforderung, den Kriegsdienst zu leisten. Wenn du das dann nicht machst, kommst du wieder drei Monate, theoretisch lebensl\u00e4nglich, ins Gef\u00e4ngnis. Immer wieder.<br \/>\nAls der Graswurzelrevolution\u00e4r 1996 das erste Mal f\u00fcr drei Monate in den Knast ging, wurde den anderen Gefangenen gesagt: \u201eDa kommt jetzt ein ganz gef\u00e4hrlicher Terrorist, ein Anarchist, passt blo\u00df auf!\u201c<br \/>\nOssi wurde in eine Zelle gesperrt, zusammen mit Mehmet Bal, einem Faschisten und Mitglied der \u201eGrauen W\u00f6lfe\u201c, der bei einem Bank\u00fcberfall eine Frau erschossen hatte. Die anderen Gefangenen betrachteten Ossi zun\u00e4chst total ablehnend, weil er ihnen ja als schlimmer \u201eAnarchist und Terrorist\u201c vorgestellt wurde, als ein \u201eganz gef\u00e4hrlicher Mensch\u201c. Die haben sich einen \u201eAnarchisten\u201c nat\u00fcrlich als Bombenleger und Massenm\u00f6rder vorgestellt. Dabei entspricht Ossi so gar nicht diesem \u00fcblen Klischee. Er ist ein sanfter, warmherziger Typ. Nach drei Monaten wurde er wieder freigelassen und hat dann erneut gesagt: \u201eIch verweigere den Kriegsdienst.\u201c Daraufhin kam er wieder in die gleiche Zelle und dann haben er und die anderen Gefangenen lange gestritten und diskutiert. Insgesamt sa\u00df Ossi bis 1999 \u00fcber 700 Tage mit Mehmet Bal in einer Zelle. Mehmet Bal ist dann einige Jahre sp\u00e4ter entlassen worden. Als M\u00f6rder wurde er amnestiert und sollte seinen Kriegsdienst leisten. Daraufhin hat er gesagt: \u201eIch fasse nie wieder ein Gewehr an! Ich habe schon einen Menschen get\u00f6tet, ich will nie wieder auf jemanden schie\u00dfen, schon gar nicht auf Befehl!\u201c<br \/>\nAlso, diese zwei Jahre, die er sich die Zelle geteilt und in der er sich angefreundet hat mit dem gewaltfreien Anarchisten, haben aus dem faschistischen M\u00f6rder einen Pazifisten und Menschenfreund gemacht. Eine Wahnsinnsgeschichte.<\/p>\n<p>Sevgi und Konstantin: Toll! Tolle Geschichte!<\/p>\n<p>Bernd: Die Beamten, die die beiden in die gleiche Zelle gesperrt hatten, haben sicherlich genau das Gegenteil erwartet. Die haben gehofft, dass die beiden sich als Todfeinde gegenseitig zerfleischen. Aber Ossi ist eine sehr freundliche und empathische Person. Als Menschenfreund hat er es geschafft, die menschliche Seite von Mehmet Bal herauszukitzeln.<\/p>\n<p>Konstantin: Da siehst du wieder, dass es in uns allen wohnt. Es funktioniert, es ist in allen da, ach, das ist toll! Da bekomme ich eine G\u00e4nsehaut bei der Geschichte.<\/p>\n<p>Bernd: Die Geschichte ist stark, ja, aber leider gab es kein richtiges Happyend. Mehmet Bal ist dann als Kriegsdienstverweigerer in der Haft so gefoltert worden, dass er danach f\u00fcr untauglich erkl\u00e4rt werden musste. Also, er musste seinen Kriegsdienst nicht leisten, weil die Folter bei ihm erhebliche bleibende Sch\u00e4den hinterlassen hat.<\/p>\n<p>Konstantin: Was ist das f\u00fcr ein unglaublicher Mut, so zu etwas zu stehen?! Wenn mir manchmal Leute sagen, ich sei mutig, dann muss ich ja in Demut versinken vor so jemanden. So zu seiner Einstellung, zu seiner Idee, zu seinem Herzen zu stehen! Unglaublich. Ich kriege eine G\u00e4nsehaut.<\/p>\n<p>Bernd: Ja, eine bewegende Geschichte. Im \u201eJa! Anarchismus\u201c-Buch ((10)) findest Du ein Interview mit Ossi, da kannst Du mehr dazu nachlesen.<\/p>\n<p>Konstantin: Das ist sch\u00f6n. Unglaublich. So wie Du es jetzt wieder erz\u00e4hlst, das sollte man immer wieder erz\u00e4hlen.<br \/>\nIch merke, dass mich auch ein Teil meines Publikums verlassen hat. Das merke ich auch an Briefen, ich bekomme die unglaublichsten Hassmails: \u201eStell dich mit deiner Gitarre vor einen russischen Panzer\u2026\u201c, \u201eGitarre\u201c wohlgemerkt, die haben sehr viel Ahnung von mir, \u201e\u2026 und lass deine verkommenen S\u00f6hne von den Russen vergewaltigen!\u201c<br \/>\nDas ist eines der vielen Beispiele, aber das kommt nicht von meinem Publikum, das kommt von ganz woanders her. Aber ich merke, dass viele auch im Publikum sagen: \u201eJa, Frieden ist ja ganz gut, aber in der Ukraine geht es halt nicht mehr.\u201c<br \/>\nWie auch immer, ich muss dir sagen, es ist mir ehrlich gesagt gar nicht wichtig. Ich finde es schade, gar keine Frage, aber ich erinnere mich dann an eine Geschichte. Anfang der 1980er, ich war bekannt als S\u00e4nger des \u201eWilly\u201c ((11)), als linker, politischer S\u00e4nger. Dann kam ich 1981 mit meiner Platte \u201eLiebesflug\u201c heraus. Ich folgte damals einfach meiner Poesie. Auch heute finde ich, dass da wundersch\u00f6ne Titel drauf sind. Da ist \u00fcbrigens auch \u201eSchafft Huren, Diebe, Ketzer her\u201c ((12)) drauf. Dann wurde ich \u00fcberall verrissen: \u201eDer linke S\u00e4nger des Willy kn\u00f6delt jetzt von Liebe.\u201c<br \/>\nDamals gab es ja noch kein Internet, mein Publikum hat mir damals Briefe geschrieben: \u201eIch zerstampfe deine Schallplatten und zerrei\u00dfe deine B\u00fccher!\u201c Sie sind zum Teil aufgestanden, im Konzert gegangen. Es war mir eigentlich egal, weil ich wusste, ich muss mir folgen. Wenn ich am Schluss nur noch zehn Leute gehabt h\u00e4tte, dann h\u00e4tte ich ja zehn Leute im Publikum gehabt. Aber ich musste mir folgen. Das ist nicht ann\u00e4hernd so mutig wie das Beispiel, das du erz\u00e4hlt hast. Aber es war ein gewisser Mut im felsenfest Stehen zu meiner Poesie und zu dem, was aus meinem Innersten heraus will und heraus muss. Das habe ich mir bis heute bewahrt. Auch wenn mich mein ganzes Publikum verlassen w\u00fcrde, wegen meines Pazifismus, dann w\u00e4re ich halt K\u00fcnstler ohne Publikum. So ist es nun einmal. Vor allem in der Kunst d\u00fcrfen wir die Idee nicht aufgeben, sie muss weiter getragen werden, diese Idee eines wirklich friedlichen Miteinanders, eines gewaltfreien Widerstandes.<br \/>\nIch habe \u00fcbrigens bei den letzten Malen, wo ich \u201eWenn unsere Br\u00fcder kommen\u201c ((13)) gesungen habe, den Text des St\u00fcckes etwas ge\u00e4ndert: \u201e&#8230;dann wollen wir sie umarmen\u201c. Urspr\u00fcnglich hie\u00df es: \u201e&#8230;dann wollen wir uns nicht wehren\u201c. Und jetzt singe ich: \u201e&#8230;dann wollen wir sie umarmen, gewaltfrei uns erwehren\u201c, weil ich f\u00fcr Widerstand bin, ja, aber f\u00fcr gewaltfreien Widerstand. Und da gibt es ja ganze B\u00fccher dr\u00fcber und wunderbare Geschichten \u00fcber den gewaltfreien Widerstand, auch in der Nazizeit \u00fcbrigens.<\/p>\n<p>Bernd: Du meinst den gewaltfreien Widerstand der Frauen in der Rosenstra\u00dfe, die gr\u00f6\u00dfte spontane Protestdemonstration in der Nazizeit. Im Februar und M\u00e4rz 1943 verlangten \u201earische\u201c Ehefrauen aus \u201eMischehen\u201c und andere Angeh\u00f6rige von verhafteten Juden in Berlin, diese freizulassen.<\/p>\n<p>Konstantin: Ja. Diese Idee des gewaltfreien Widerstands darf nicht sterben und als K\u00fcnstler m\u00f6chte ich sie weiter in die Welt hinaustragen.<\/p>\n<p>Sevgi Kosan-Dr\u00fccke: Du hast gestern auch \u201eSch\u00e4m dich, Europa\u201c gespielt. Das ist auch ein sehr klares, aktuelles Statement zur versch\u00e4rften Fl\u00fcchtlingspolitik der EU. Die Medien sind voll mit Meinungsmache in Richtung \u201eDas Boot ist voll! Wir schaffen es nicht mehr!\u201c Es wird gegen die Gefl\u00fcchteten gehetzt. Wie engagierst du dich? Was machst du da?<\/p>\n<p>Konstantin: Ich habe mich immer schon engagiert. Meine Frau war auch oft in Griechenland und ich bin den Organisationen, die sich f\u00fcr Gefl\u00fcchtete einsetzen, sehr verbunden. Ich pers\u00f6nlich bin ja dauernd auf Tournee. Aber ich bin nicht nur mit dem Herzen, auch tatkr\u00e4ftig bei vielen Organisationen dabei, die sich f\u00fcr Gefl\u00fcchtete einsetzen. \u00dcbrigens unterst\u00fctze ich auch Connection e.V., den antimilitaristischen Verein aus Offenbach, der sich f\u00fcr Deserteure und Kriegsdienstverweigerer einsetzt und oft auch in der Graswurzelrevolution schreibt. Das finde ich ganz wichtig, sich f\u00fcr Desertierende weltweit einzusetzen. Ich habe beim Konzert gestern auch deutlich gesagt: \u201eIch habe einen Traum. Wir \u00f6ffnen die Grenzen und lassen alle herein, jeden herein.\u201c Also, ich bin da sehr viel radikaler, weil ich der Meinung bin, wir brauchen und, wenn du an den Klimawandel denkst, wir d\u00fcrfen keine Grenzen mehr haben. Es geht nicht mehr. Und eines m\u00fcssen wir als alte Anarchos schon auch immer wieder betonen, wir m\u00fcssen immer wieder dar\u00fcber reden, mit welcher Gewalt die Think Tanks gegen unsere Ideen arbeiten. Die neoliberalen Think Tanks, die uns immer einreden, das sei Demokratie und, ach, wir leben ja in einem demokratischen Land, wie sch\u00f6n. Und insgeheim uns eigentlich dadurch verschweigen, dass wir beherrscht werden von ein paar Milliard\u00e4ren. Das muss schon immer wieder auch thematisiert werden.<\/p>\n<p>Bernd: Stimmt. Die weltweit 2.153 Milliard\u00e4re besitzen laut einer Oxfam-Studie so viel wie 60 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung. 100 Konzerne, darunter RWE, sind f\u00fcr 70% der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Das wird selten thematisiert. Diese Hauptverursacher der Klimakatastrophe werden nicht angegangen.<\/p>\n<p>Konstantin: Wie beim Krieg. Karl Kraus ist doch wunderbar: \u201eAls zum erstenmal das Wort \u201aFriede\u2018 ausgesprochen wurde, entstand auf der B\u00f6rse eine Panik. Sie schrieen auf im Schmerz: Wir haben verdient! Lasst uns den Krieg! Wir haben am Krieg verdient! Wir haben den Krieg verdient!\u201c<br \/>\nEs ist doch unglaublich.<\/p>\n<p>Bernd: Ja, bei Rheinmetall knallen seit dem 24. Februar 2022 bestimmt jeden Tag die Sektkorken.<\/p>\n<p>Konstantin: Die beste Umsatzzahl aller Zeiten.<\/p>\n<p>Sevgi und Bernd: Herzlichen Dank f\u00fcr das sch\u00f6ne Gespr\u00e4ch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd: Ich wei\u00df nicht, ob ich dir die Geschichte schon einmal erz\u00e4hlt habe. Die habe ich im Sommer 2023 auch in der ZDF-Sendung \u201eSag\u2019s mir\u201c zum Thema Bundeswehr erz\u00e4hlt, die dir so gut gefallen hat. 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