{"id":30845,"date":"2024-02-02T20:16:22","date_gmt":"2024-02-02T18:16:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/die-freiheit-der-freien-radios\/"},"modified":"2024-03-14T01:48:45","modified_gmt":"2024-03-13T23:48:45","slug":"die-freiheit-der-freien-radios","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/die-freiheit-der-freien-radios\/","title":{"rendered":"Die Freiheit der Freien Radios"},"content":{"rendered":"<p>Auf der vom Freundeskreis Freier Radios erstellten Webseite anderesradio.de erf\u00e4hrt man, dass es nicht nur Frequenzbesitzer:innen gibt, sondern auch Frequenzbesetzer:innen, und dass das Radio auch genutzt werden kann, um emanzipatorischen Dissens gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse zum Ausdruck zu bringen. In der Weimarer Republik wurden bereits anfangs der 1920er Jahre Arbeiterradios als Gegenprogramm entwickelt. Kleine Sender wurden selbst gebastelt, ein Arbeiter-Radio-Bund gegr\u00fcndet, aber die Reichspost und das Reichsinnenministerium unterbanden jedes Radio jenseits der staatlich kontrollierten Sender, um Versuche des Staatsumsturzes zu verhindern. ((2))<\/p>\n<p><strong>\u201e100 Jahre anderes Radio\u201c \u2013 das Dokumentationsprojekt<\/strong><\/p>\n<p>Das in Kooperation mit dem Bundesverband Freier Radios (BFR) entwickelte und durchgef\u00fchrte Projekt \u201e100 Jahre anderes Radio\u201c dokumentiert die alternative Rundfunkgeschichtsschreibung. Anl\u00e4sslich des Jubil\u00e4umsjahres wurden zahlreiche Podiumsdiskussionen in verschiedenen St\u00e4dten veranstaltet und ein von fast 30 Freien Radiosendern gemeinsam produziertes Jubil\u00e4umsprogramm gesendet.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter, Ende der 1970er Jahre, entwickelten sich in Westdeutschland Freie Radios, nicht ganz dasselbe wie die ungleich ber\u00fchmteren Piratenradios auf der Nordsee, aber h\u00e4ufig in einem Atemzug genannt. Die Musikpirat:innen auf hoher See sendeten in den 1960er Jahren kommerzielle Musikprogramme. Die Politpirat:innen der Freien-Radio-Bewegung hingegen beabsichtigten \u201emarginalisierten gesellschaftlichen Gruppen einen gr\u00f6\u00dferen Zugang zu \u00f6ffentlichen Debatten zu erm\u00f6glichen, sie nicht nur zuh\u00f6ren, sondern selbst sprechen zu lassen.\u201c ((3))<br \/>\nDie dritte Periode eines anderen Rundfunks wurde durch die Abwicklung der DDR 1990 in Ostdeutschland erm\u00f6glicht. Als der Beitritt zur BRD noch nicht v\u00f6llig festgezurrt war, waren viele Freiheiten m\u00f6glich, die sp\u00e4ter durch die Verrechtlichung wieder r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht wurden. Die \u201eFreien Radios Ostdeutschland\u201c (FROST) sendeten zum Teil illegal, zum Teil waren sie motiviert, den zu DDR-Zeiten beliebten Jugendsender DT64, der in dieser Zeit abgewickelt wurde, zu ersetzen. Diese kurze freie Phase befl\u00fcgelte auch im vereinigten Deutschland die Freie-Radio-Szene, die sich 1993 im Bundesverband Freier Radios zusammenschloss. Was ihnen bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam ist, \u201eist der Grundgedanke, sich kollektiv zu organisieren, ohne Gewinnstreben als Alternative zum \u00f6ffentlich-rechtlichen sowie zum privat-kommerziellen H\u00f6rfunk zu agieren und sich kritisch mit den bestehenden gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen auseinanderzusetzen.\u201c (anderesradio.de\/rueckblick).<\/p>\n<p>Die umfangreiche Dokumentation \u201e100 Jahre anderes Radio\u201c beleuchtet die vielen Merkmale von Freien Radios, die f\u00fcr Alternativmedien allgemein charakteristisch sind, und die viele Fragen aufwirft, die auch ein anarchistisches Medienverst\u00e4ndnis betreffen. Einige Aspekte wollen wir hier diskutieren.<\/p>\n<p><strong>Das Vergessene, Verbotene, Ungesagt sagbar machen und es verbreiten<\/strong><\/p>\n<p>Was f\u00fcr alle Alternativmedien gilt, ist auch das Motiv, freies Radio zu machen. Wenn in den herk\u00f6mmlichen Medien (Zeitung, \u00f6ffentlich-rechtlicher Rundfunk) \u00fcber politische Aktionen von sozialen Bewegungen berichtet wird, kommen die Aktivist:innen selbst kaum zu Wort, um ihre Sicht zu schildern. Typisch f\u00fcr Freie Radios war, dass sie in sozialen Bewegungen verankert waren. Die freien Radiomacher:innen wollten nicht \u00fcber politische Aktivist:innen berichten, sozusagen aus professioneller Sicht auf politische Aktionen, und schon gar nicht objektiv oder ausgewogen. Vielmehr waren Freie Radios Bestandteil von sozialen Bewegungen, aktionsbezogen, oft live bei Demos, radikal subjektiv, Sprachrohr und Diskussionsorgan. Die Macher:innen waren selbst aktiv in der Bewegung \u2013 Freies Radio war Aktionsradio.<br \/>\nDie Sender waren lokal verortet, kamen also nicht von au\u00dfen, sondern waren selbst Teil des \u00f6rtlichen Geschehens. Die Sendungen entstanden h\u00e4ufig anlassbezogen und waren zumindest vom Konzept her nicht unbedingt als dauerhaft periodisches Medienorgan angelegt. Praktisch sah das meist so aus: loslegen, ausprobieren, experimentieren, ohne Masterplan, aber um kontinuierliche Verbesserung der Produktion bem\u00fcht, technisch wie inhaltlich.<br \/>\nDas ist zumindest die urspr\u00fcngliche Idee und Praxis, Freies Radio zu produzieren. Aber die Bedingungen und die Ziele k\u00f6nnen sich \u00e4ndern: Freie Radios, die sich dauerhaft etablieren, organisieren ihre Sendestruktur, nehmen in ihr Programm vielf\u00e4ltige Themen auf, kurzum: Sie werden zu einem publizistischen Projekt. Damit verlieren sie ihren politischen Charakter nicht automatisch, aber sie ver\u00e4ndern ihn. Denn sie sind nicht mehr das Sprachrohr einer Bewegung. Sie professionalisieren sich, ben\u00f6tigen dauerhaft finanzielle Ressourcen, wenngleich sie nach allen bisherigen praktischen Erfahrungen auch dann noch unter \u00f6konomisch prek\u00e4ren Verh\u00e4ltnissen arbeiten.<\/p>\n<p><strong>Radio Dreyeckland \u2013 das langlebigste Freie Radio<\/strong><\/p>\n<p>Das bekannteste Beispiel ist Radio Dreyeckland (RDL), das aus dem Dreil\u00e4ndereck Deutschland, Frankreich, Schweiz sendet. RDL entstand 1977 aus der Anti-AKW-Bewegung, damals noch unter dem Namen Radio Verte Fessenheim, aus Anlass von Aktionen gegen das els\u00e4ssische Atomkraftwerk Fessenheim. Das Programm ging bald \u00fcber AKW-Themen hinaus. Der Sender berichtete auch aus der Freiburger Hausbesetzer:innenszene. RDL profitierte dabei von der Grenzn\u00e4he, entzog sich einige Jahre erfolgreich den deutschen Repressionsorganen und sendete ein vergleichsweise umfangreiches und regelm\u00e4\u00dfiges Programm von der franz\u00f6sischen Seite des Rheins. Als Mitte der 1980er Jahre in Baden-W\u00fcrttemberg Frequenzen f\u00fcr privat-kommerzielle Sender zur Verf\u00fcgung gestellt wurden, beteiligte sich auch RDL am Frequenzpoker. Die Beharrlichkeit des Senders trotz weiterer polizeilicher Verfolgung f\u00fchrte 1988 zum Erfolg, eine legale Frequenz zu bekommen. Jetzt war der Sender endg\u00fcltig etabliert, aber auch in der rauen Medienwelt angekommen, weil er sich dauerhaft finanzieren musste. Damit einher ging eine gewisse \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c von sozialen Bewegungen, aber auch eine zunehmende Abh\u00e4ngigkeit von den Aufsichtsbeh\u00f6rden (Landesmedienanstalten), wenn die Verl\u00e4ngerung der Frequenz ansteht oder (staatliche) F\u00f6rdergelder beantragt werden. Dennoch blieb der Sender auch in der Folgezeit politisch unbequem. Erst j\u00fcngst wurden die Redaktionsr\u00e4ume von der Polizei durchsucht.<\/p>\n<p><strong>Legal \u2013 illegal \u2013 \u00fcberhaupt nicht egal<\/strong><\/p>\n<p>Historisch haben die Freien Radios ihren Sendebetrieb in der Illegalit\u00e4t aufgenommen. Grund daf\u00fcr waren die (technisch) begrenzten Frequenzen und die staatliche Furcht vor Radikalisierung sozialer Bewegungen, die auch auf deren mediale Sprachrohre (nicht nur auf Freie Radios) zielten. Besonders f\u00fcrchteten die Verfolgungsbeh\u00f6rden das Potenzial Freier Radios als Aktionssender, bei denen sie Aktivist:innen in Massenaktionen live Informationen zur Verf\u00fcgung stellten \u2013 quasi wie ein Aktionssticker, blo\u00df ohne Smartphone und multinationalen Internetkonzern im R\u00fccken.<br \/>\nInterne Diskussionen innerhalb der Freien Radioszene \u00fcber die juristische Frage lassen sich in zwei entgegengesetzte Auffassungen aufteilen: F\u00fcr die Illegalit\u00e4t sprach der Wille, unabh\u00e4ngig von fremdbestimmten Strukturen und spontan zu agieren, unberechenbar f\u00fcr staatliche Beh\u00f6rden zu bleiben und sich keine Gedanken \u00fcber die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit der Inhalte machen zu m\u00fcssen. Sicherlich war auch Abenteuerlust dabei, das Piratenhafte des illegalen Sendens. Dagegen sprach die permanente Gefahr, erwischt und bestraft zu werden. Deshalb konnten nur kleine Teams Radio produzieren, und beim Senden musste zumeist der Ort des Senders gewechselt werden, weil die Sendeger\u00e4te gepeilt und bei Entdeckung konfisziert wurden. Jenseits besonderer Bewegungsmomente wie etwa bei Radio Hafenstra\u00dfe im Jahr 1987 ger\u00e4t das Senden durch die Bedingungen der Illegalit\u00e4t unter immensen Druck, kostet enorme Energie und kann kaum dauerhaft durchgehalten werden.<br \/>\nDie Legalit\u00e4t erm\u00f6glicht den Aufbau von Sendestrukturen und einer nicht nur sporadisch arbeitenden Redaktion. Wer nicht polizeilich verfolgt wird und eine feste Sendefrequenz hat, kann ein gr\u00f6\u00dferes Publikum erreichen. Aber das legale Senden schafft auch neue Abh\u00e4ngigkeiten und Herausforderungen: einen Verein gr\u00fcnden, Geld beschaffen, Redakteur:innen rekrutieren und ausbilden, vielleicht auch ab und zu Selbstzensur.<\/p>\n<p><strong>Katz- und Maus-Spiel mit der Post und der Polizei<\/strong><\/p>\n<p>Das Fernmeldeanlagengesetz, das bereits in der Weimarer Republik galt und heute Telekommunikationsgesetz hei\u00dft, begr\u00fcndet die staatliche Fernmeldehoheit. Damit regelte der Staat die Vergabe von Frequenzen an Rundfunksender und stellte das Betreiben nicht genehmigter Sendeanlagen unter Strafe. Wer illegal sendete, wurde von der Post, die bis in die 1980er f\u00fcr die \u00dcberwachung der staatlichen Rundfunkhoheit zust\u00e4ndig war, gepeilt und der Sender in Amtshilfe von der Polizei konfisziert. Wurde auch noch der\/die Redakteur:in beim Senden erwischt, drohten im Fall der Verurteilung bis zu f\u00fcnf Jahre Haft. Die Freien Radios der 1970er und 1980er Jahre organisierten sich deshalb arbeitsteilig. Eine klandestine Technikgruppe \u00fcbernahm das illegale Senden, ein offener Freundeskreis \u00fcbernahm die Redaktions- und \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Er nahm die Sendung auf einer Tonkassette auf. Diese wurde konspirativ in einem \u201etoten Briefkasten\u201c deponiert, dort von den Techniker:innen \u00fcbernommen und sp\u00e4ter gesendet. Bei Livesendungen von Veranstaltungen, Demos oder anderen Massenaktionen bildeten oft die Menge und das Auftreten der Beteiligten einen gewissen Schutz.<\/p>\n<p>Zwar ist heute eine UKW-Frequenz \u2013 ob legal oder illegal \u2013 nicht mehr notwendige Bedingung, um engagiertes Radio zu machen. Als Erg\u00e4nzung oder gar Alternative bieten Webradio und Podcasts mittlerweile ganz eigene M\u00f6glichkeiten (mit anderen Herausforderungen). Dass aber die Strafverfolgung seitens staatlicher Beh\u00f6rden deshalb nicht aufh\u00f6rt, zeigen zwei Beispiele: zum einen das Hamburger \u201eFreies Sender Kombinat\u201c (FSK) vor 20 Jahren, zum anderen das Freiburger \u201eRadio Dreyeckland\u201c (RDL) vor einem Jahr. In beiden F\u00e4llen hat die Polizei die Redaktionsr\u00e4ume der legalen und lizenzierten Sender wegen der Berichterstattung durchsucht, um Beweismaterial zu sichern. ((4))<br \/>\nMittlerweile wurde auch bekannt, dass die Beh\u00f6rden beim FSK zus\u00e4tzlich in besonderer Weise aktiv waren: Beim Freien Radio in Hamburg moderierte und recherchierte zwischen 2003 und 2006 eine Angestellte des Verfassungsschutzes. Sie sp\u00e4hte unter falscher Identit\u00e4t Lebensverh\u00e4ltnisse und Arbeitsweisen der am Sender Beteiligten aus.<\/p>\n<p><strong>Radio als soziales Medium \u2013 bevor es Social Media gab<\/strong><\/p>\n<p>Radio ist ein faszinierendes Medium: Die Reduktion auf das H\u00f6rbare scheint zwar r\u00fcckst\u00e4ndig gegen\u00fcber einem audiovisuellen Medium wie dem Fernsehen oder der Multimedialit\u00e4t des Internets. Aber die Konzentration auf die Stimme, die M\u00f6glichkeit des m\u00fcndlichen Erz\u00e4hlens ohne die H\u00fcrden des Schriftlichen, die technische Einfachheit, das alles sind Vorteile f\u00fcr die Sendenden und f\u00fcr die H\u00f6renden.<br \/>\nSchon Bertolt Brecht hatte in den 1920er Jahren gefordert, dass das damals neue Medium nicht nur Inhalte (ein Programm) verbreiten, sondern ein Kommunikationsinstrument sein solle. Diese Interaktivit\u00e4t, die wir heute mit Social Media verbinden, war im Radio schon immer angelegt, wurde aber im Lauf der Entwicklung nie richtig entfaltet. Es sind die Freien Radios, die seit den 1970er Jahren unter sich wandelnden Bedingungen mit diesem Ideal experimentieren. Das Senden eines Programms war und ist eben nicht Selbstzweck, um den eigenen Sender dauerhaft am Laufen zu halten. Nur wenn die H\u00f6renden selbst auch senden k\u00f6nnen, wenn die Rollen des Sendens und H\u00f6rens prinzipiell vermischt sind, also wenn kommuniziert und nicht \u201eempfangen\u201c wird, verwirklichen sich die St\u00e4rken des Mediums Radio. Damit einher geht auch eine andere Form des H\u00f6rens: nicht passiv Informationen konsumieren, sondern Radiosendungen \u00fcber globales wie lokales gesellschaftspolitisches Geschehen dazu nutzen, sich zu politisieren, sich zu motivieren, politisch aktiv zu werden. Typisch f\u00fcr die H\u00f6rgewohnheiten von Sendungen Freier Radios ist auch die kollektive Nutzung \u2013 ganz im Gegensatz zum individualistischen Streaming, zu Podcasts, die das Publikum h\u00e4ufig noch mehr isolieren als das herk\u00f6mmliche Radioh\u00f6ren.<\/p>\n<p><strong>Freies Radio \u2013 B\u00fcrgerradio \u2013 offener Kanal: die gar nicht so kleinen Unterschiede<\/strong><\/p>\n<p>An die Seite der Freien Radios sind heutzutage weitere nicht-kommerzielle Formen des Radiomachens getreten. Auf Offenen Kan\u00e4len und im B\u00fcrgerrundfunk ist es journalistischen Laien vielerorts m\u00f6glich, Sendungen zu produzieren und ausstrahlen zu lassen. ((5)) Auch die Graswurzelrevolution macht davon Gebrauch \u00fcber das medienforum m\u00fcnster. ((6)) \u201eRadio Graswurzelrevolution\u201c ((7)) hat keine eigene Frequenz und kann nicht kontinuierlich senden, weil ganz unterschiedliche Gruppen im Offenen Kanal Programm machen d\u00fcrfen. Die Sendungen sind also vom Rahmen des B\u00fcrgerfunks abh\u00e4ngig und damit auch von den rundfunkpolitischen Bedingungen des Bundeslandes (hier: NRW).<\/p>\n<p><strong>Rundfunkpolitische Grundlagen<\/strong><\/p>\n<p>In den 1980er Jahren wurden Bundesland f\u00fcr Bundesland neben dem \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk privat-kommerzielle Sender zugelassen. Dies war im Interesse der 1982 gebildeten CDU-FDP-Regierung. Sie wollte damit ein politisches Gegengewicht zum vermeintlich linken \u00f6ffentlich-rechtlichen Rundfunk (\u201eRotfunk\u201c!) etablieren. Es gab aber auch gro\u00dfe politische Skepsis gegen\u00fcber den Privat-Kommerziellen. SPD und Gewerkschaften fanden sich schlie\u00dflich damit ab. Die damals neu entstandenen Gr\u00fcnen und die au\u00dferparlamentarische Linke lehnten sie rundweg ab. In der Legalisierung Freier Radios sahen sie eine Alternative zur Kommerzialisierung. Da Rundfunkpolitik in Deutschland L\u00e4ndersache ist, haben viele Bundesl\u00e4nder kleine nicht-kommerzielle Gegengewichte, manche Beobachter:innen dieser Entwicklung sagen \u201edemokratische Feigenbl\u00e4tter\u201c, eingerichtet \u2013 die \u201eB\u00fcrgerradios\u201c. In sogenannten Offenen Kan\u00e4len k\u00f6nnen Laien Sendungen f\u00fcr Radio und Fernsehen produzieren, die allerdings in manchen L\u00e4ndern nicht auf eigenen Frequenzen, sondern stundenweise auf den Frequenzen privat-kommerzieller Sender ausgestrahlt werden. Die Offenen Kan\u00e4le unterliegen der Aufsicht der Landesmedienanstalten, die sogar oft deren Tr\u00e4ger sind und damit auch inhaltlich mitmischen k\u00f6nnen. Wie weit die offenen Kan\u00e4le inhaltlich freie Hand bei der Programmgestaltung haben, unterscheidet sich von Fall zu Fall und vom Anspruch der Medienwerkst\u00e4tten, die den offenen Kanal organisieren. Sie haben zus\u00e4tzlich den gesetzlichen Auftrag, zur b\u00fcrgerlichen Medienbildung beizutragen.<\/p>\n<p>Freie Radios senden mittlerweile nicht mehr nur terrestrisch auf UKW-Frequenzen oder DAB+, sondern auch digital als Internetradios. Das Dortmunder Radio Nordpol ((8)) hat sich etwa entschieden, nicht mehr um freie Frequenzen zu k\u00e4mpfen, weil ihnen der rechtliche Rahmen auf UKW zu eng ist. Es streamt sein Programm ins Internet. UKW-Empfangsger\u00e4te bleiben bewusst au\u00dfen vor. Seine Macher:innen betonen jedoch die Vorteile gegen\u00fcber den existierenden Bedingungen des B\u00fcrgerfunks: Das eigene Programm kann einigerma\u00dfen unabh\u00e4ngig von einer \u00fcbergeordneten und die Inhalte auf Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit \u00fcberpr\u00fcfenden Instanz gestaltet und gesendet werden \u2013 und das kontinuierlich. Rein rechtlich sind aber auch Webradios genehmigungspflichtig. Es sei denn, sie werden als irrelevant f\u00fcr die \u00f6ffentliche Meinungsbildung eingestuft. Aber auch diese Einstufung muss beantragt werden. Kein Witz. Freie Webradios werden also meist unter dem juristischen Radar segeln, weil sie von den Aufsichtsbeh\u00f6rden als politisch unbedeutend angesehen werden. Dennoch kann sich diese scheinbar bequeme Situation schnell \u00e4ndern, sobald ein Internetsender von staatlicher Seite als politisch missliebig oder gar gef\u00e4hrlich eingestuft wird. Die Verbreitung \u00fcber das Internet erm\u00f6glicht relativ einfach die Live-Berichterstattung bei aktuellen Ereignissen, zum Beispiel von Demos. Dies ist also Aktionsradio ganz im Geist des Arbeiterradios oder der Freien Radios der 1980er Jahre. Die Sendungen sind zudem jederzeit nachh\u00f6rbar und \u201eversenden\u201c sich nicht wie fr\u00fcher. Der Preis daf\u00fcr ist jedoch, dass man sich von einer Gro\u00dftechnologie (Internet, Streamingdienste) abh\u00e4ngig macht, w\u00e4hrend die klassischen Freien Radios mit ihren selbst gebauten Sendern wirklich autonom waren.<br \/>\nDie heutigen Rahmenbedingungen in der Legalit\u00e4t haben die Praxis Freier Radios ver\u00e4ndert: Sie sind politisch nicht mehr so radikal wie in der Hochzeit in den 1980er Jahren im Westen und Anfang der 1990er Jahre im Osten. Mit der Legalisierung geht auch eine gewisse Professionalisierung einher: Die Redakteur:innen sind nicht mehr ausschlie\u00dflich Teil linker politischer Bewegungen, sondern eigenst\u00e4ndige lokale Medienprojekte. Sie m\u00fcssen sich in einer digitalisierten Medienlandschaft mit gewandelten H\u00f6rgewohnheiten zurechtfinden und diese Rahmenbedingungen mit ihren Ambitionen, Motiven und politischen Vorstellungen in Einklang bringen.<br \/>\nDie Herstellung von Gegen\u00f6ffentlichkeit durch das Medium Radio hat sich durch die zunehmenden technischen M\u00f6glichkeiten diversifiziert. Sie erg\u00e4nzen einander eher, als dass sie miteinander konkurrieren. Sinnvoll ist aber auch, sie fortw\u00e4hrend genauer unter die Lupe zu nehmen und immer wieder neu zu bewerten, wo sie (medien)politisch nutzen oder schaden, wo sie Energie freisetzen oder Energie fesseln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf der vom Freundeskreis Freier Radios erstellten Webseite anderesradio.de erf\u00e4hrt man, dass es nicht nur Frequenzbesitzer:innen gibt, sondern auch Frequenzbesetzer:innen, und dass das Radio auch genutzt werden kann, um emanzipatorischen Dissens gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse zum Ausdruck zu bringen. In der Weimarer Republik wurden bereits anfangs der 1920er Jahre Arbeiterradios als Gegenprogramm entwickelt. 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