{"id":30847,"date":"2024-02-02T20:16:23","date_gmt":"2024-02-02T18:16:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/tod-eines-kameramanns\/"},"modified":"2024-03-14T01:46:23","modified_gmt":"2024-03-13T23:46:23","slug":"tod-eines-kameramanns","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/02\/tod-eines-kameramanns\/","title":{"rendered":"Tod eines Kameramanns"},"content":{"rendered":"<p>Einen Tag vor Weihnachten 2023 wurde der Kameramann Mensour Karimian bei einem t\u00fcrkischen Luftangriff auf Rojava, das Gebiet der demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, get\u00f6tet. Ich hatte Piro \u2013 so lautete der Spitzname von Mensour Karim \u2013 bei mehreren Videokonferenzen zur Vorbereitung unseres Films kennengelernt. Ich kannte ihn also kaum, als wir uns Anfang Oktober in einer Hotellobby in Qami\u015flo zum ersten Mal die H\u00e4nde sch\u00fcttelten. In der vierw\u00f6chigen Zusammenarbeit ist mir dann der Kollege zu einem guten Freund geworden.<\/p>\n<p>Von Anfang an waren die Dreharbeiten von schweren Bombardements und Drohnenangriffen \u00fcberschattet. Die t\u00fcrkischen Luftangriffe gelten gezielt der Zerst\u00f6rung der zivilen Infrastruktur Rojavas, um den Aufbau einer demokratischen Gesellschaft zu sabotieren und die Menschen zur Flucht zu zwingen ((1)). In allen Kriegen sind unabh\u00e4ngige Berichterstatter:innen unerw\u00fcnscht und k\u00f6nnen selbst sehr schnell zum Angriffsziel werden. Seit Beginn des j\u00fcngsten Gaza-Kriegs sind dort nach Angaben des International Press Institute (IPI) mit Sitz in Wien mindestens 65 Vertreterinnen und Vertreter der Medien ums Leben gekommen. ((2)) Der Krieg, den die T\u00fcrkei gegen die Zivilbev\u00f6lkerung und ihre autonome Selbstverwaltung f\u00fchrt, l\u00e4uft weitgehend unter dem Radar der Welt\u00f6ffentlichkeit, die von den Kriegen in der Ukraine und dem Gaza-Streifen eingenommen ist. Das kommt der Politik der Nato-Staaten entgegen, die ihren Partner T\u00fcrkei nicht an den Pranger stellen wollen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Piro war ein Seelen\u00f6ffner. Er verschaffte uns durch seine grunds\u00e4tzliche Empathie den Zugang zu unseren Protagonistinnen, deren Leben mehr als einen Grund bereit hielt, um ihren Mitmenschen gegen\u00fcber misstrauisch zu bleiben.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Die Luftangriffe wirbelten unseren Drehplan durcheinander. In den ersten Tagen wurden uns praktisch alle Aufnahmen abgesagt, und unsere monatelangen Vorbereitungen schienen in k\u00fcrzester Zeit zunichte gemacht. Ein wichtiger Drehort sollte eine landwirtschaftliche Frauenkooperative bei Tirbespiy\u00ea werden, die in unmittelbarer N\u00e4he einer Erd\u00f6lf\u00f6rderungsanlage liegt. Die Erd\u00f6lf\u00f6rderung sichert der autonomen Selbstverwaltung ca. 70 Prozent ihrer Einnahmen. Auf dem Gel\u00e4nde der F\u00f6rderanlage lebte auch Piro, wie ich \u00fcberrascht feststellte. Er war mit einem ihrer Ingenieure befreundet.<br \/>\nZwei Tage nach meiner Ankunft wurde die F\u00f6rderanlage bombardiert. Es kam beim ersten Mal zu keinen menschlichen Verlusten, aber die Frauen der benachbarten Kooperative kehrten vorerst nicht mehr an ihren Arbeitsplatz zur\u00fcck. Alle fortschrittlichen Projekte, die sich die Emanzipation der Frauen auf die Fahnen geschrieben haben, sind den autokratischen und diktatorischen Regimes des Nahen Ostens ein Dorn im Auge. Engagierte Frauen bef\u00fcrchten zu Recht, dass ihre Projekte ebenfalls Anschlagsziele sind, wie die gezielten Ermordungen von Repr\u00e4sentantinnen der Frauenbewegung durch t\u00fcrkische Drohnen und islamistische Terroristen im Auftrag der T\u00fcrkei gezeigt haben. Die zweite Bombardierung \u2013 dieses Mal nicht durch eine Drohne, sondern durch einen massiven Flugzeugangriff \u2013 setzte dem Leben meines Kameramannes und Freundes Piro ein Ende und vernichtete die F\u00f6rderanlage vollst\u00e4ndig. Piro war ein \u201eVogelfreier\u201c im besten wie ihm gef\u00e4hrlichsten Sinn.<br \/>\nAus unseren Gespr\u00e4chen entnahm ich, dass seine Gedanken frei von Macht- und Gewinnstreben waren. Er misstraute aller Politik, die sich mehr oder weniger verdeckt danach richtete. Er war ein unbarmherziger Kritiker der kurdischen Politik in den von Kurd:innen besiedelten L\u00e4ndern, die sich eher gegenseitig das Leben schwer machen, als zu einem gemeinsamen politischen Ansatz zu finden. Er hatte die Schriften des US-amerikanischen \u00f6ko-anarchistischen Vordenkers Murray Bookchin gelesen, die den ehemals orthodoxen Kommunisten \u00d6calan im Gef\u00e4ngnis zu einem Anarchisten gel\u00e4utert zu haben scheinen ((3)). Piro teilte die Vision von der konf\u00f6deralen Gemeinschaft der Kurd:innen und der in ihrem Siedlungsgebiet lebenden ethnischen und kulturellen Minderheiten \u00fcber bestehende nationalstaatliche Grenzen hinweg.<\/p>\n<p>Diese \u00dcberzeugung hat er praktisch vorgelebt: Als geb\u00fcrtiger iranischer Kurde lebte er seit zwei Jahren ohne syrische Aufenthaltsgenehmigung auf offiziell syrischem Staatsgebiet und arbeitete f\u00fcr das Projekt Rojava. Er war vor der Repression des iranischen Regimes nach Rojava gefl\u00fcchtet. Zu Recht f\u00fcrchtete er sich vor Repressalien in seiner Heimat, sollte er seine Familie im Iran besuchen. Zudem h\u00e4tte er gro\u00dfe Probleme bei der Ausreise bekommen, da seine Genehmigung f\u00fcr den Grenz\u00fcbertritt zwischen Rojava und dem Irak abgelaufen war. Er hatte nur eine Arbeitsgenehmigung seitens der Autonomie-Verwaltung, die international nicht anerkannt ist und daher keine international anerkannte Papiere oder Zeugnisse ausstellen kann, egal in welchem Bereich. Bei einer der h\u00e4ufigen Personenkontrollen auf den \u00dcberlandstra\u00dfen, die in erster Linie untergetauchten militanten Islamisten gelten, wurden wir f\u00fcr l\u00e4ngere Zeit festgehalten. Ein iranischer Kurde mit abgelaufenen bzw. nicht vorhandenen Dokumenten und ein \u00e4lterer deutscher Filmemacher im gleichen Fahrzeug, \u2013 das war zumindest ungew\u00f6hnlich. Ein schnell per Smartphone herbeigerufener kurdischer Filmemacher und Freund von Piro konnte das Missverst\u00e4ndnis beseitigen und uns ausl\u00f6sen. \u00dcberhaupt war trotz schwierigster Umst\u00e4nde die gegenseitige Hilfsbereitschaft enorm.<\/p>\n<figure id=\"attachment_30883\" aria-describedby=\"caption-attachment-30883\" style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-30883\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Krieg3.jpg\" alt=\"\" width=\"560\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Krieg3.jpg 560w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Krieg3-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Krieg3-100x100.jpg 100w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/02\/Krieg3-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 560px) 100vw, 560px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-30883\" class=\"wp-caption-text\">Mansour Karimian mit der Bloggerin Keca Kurda &#8211; Foto: Robert Krieg<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ohne das umsichtige Verhalten meines Teams h\u00e4tten wir unseren Film \u00fcber die Selbsterm\u00e4chtigung von Frauen in einem demokratischen Gesellschaftsentwurf, der die Frauen den M\u00e4nnern gleichstellt, nicht drehen k\u00f6nnen. In den ersten Tagen unserer Zusammenarbeit war ich etwas irritiert \u00fcber die scheinbare Gleichg\u00fcltigkeit meiner Mitfahrer:innen, wenn am Horizont dicke schwarze Wolken aufstiegen und sich allm\u00e4hlich \u00fcber der ebenen Landschaft verteilten. Sie schauten kaum von den Displays ihrer Smartphones auf, wenn ich darauf hinwies und nach den Zielobjekten der Bombardierung fragte. Nach ein paar Wochen hatte ich diese scheinbare Gleichg\u00fcltigkeit bereits teilweise selbst \u00fcbernommen. Sie ist ein \u00dcberlebensinstinkt angesichts drohender Gefahren, der die gleichzeitig erh\u00f6hte Wachsamkeit nicht in Frage stellt oder gar aussetzt. Ich f\u00fchlte mich sehr sicher in dieser Gemeinschaft. Unser Fahrer Hussain beobachtete und kontrollierte aus den Augenwinkeln st\u00e4ndig die Umgebung, w\u00e4hrend auf seinem gro\u00dfen Display im Armaturenbrett kurdische Hochzeitst\u00e4nze in Schleife liefen. Meine \u00dcbersetzerin Rojda hielt per WhatsApp permanent Kontakt zur Au\u00dfenwelt. Piro hatte zum Musikh\u00f6ren einen Kopfh\u00f6rer aufgesetzt und strahlte souver\u00e4ne Zuversicht aus. Bei unserem mehrt\u00e4gigen Aufenthalt in Jinwar konnte ich ihn nicht daran hindern, mir das Fr\u00fchst\u00fcck zu bereiten und mich vom anschlie\u00dfenden Abwasch fernzuhalten. Mein Widerspruch war umsonst. Ich begriff, dass es ein Akt der Wertsch\u00e4tzung war. So wie freie Menschen freiwillig Arbeiten \u00fcbernehmen, um ihren Mitmenschen das Leben zu erleichtern.<\/p>\n<p>Piro war ein Seelen\u00f6ffner. Er verschaffte uns durch seine grunds\u00e4tzliche Empathie den Zugang zu unseren Protagonistinnen, deren Leben mehr als einen Grund bereit hielt, um ihren Mitmenschen gegen\u00fcber misstrauisch zu bleiben. Die Frauen hatten teilweise schwere Misshandlungen durch nahe Verwandte erlebt und eine Zuflucht in dem Frauendorf Jinwar gefunden. Wie sollten sie da gegen\u00fcber fremden und au\u00dfenstehenden M\u00e4nnern nicht reserviert sein. Piro gelang es durch vorsichtiges Herantasten auf Augenh\u00f6he, in wenigen Tagen Vertrauen herzustellen. Die Frauen waren bereit, auch pers\u00f6nliche Fragen zu beantworten.<\/p>\n<p>Piro war Realist. Ich wei\u00df nicht, ob er das Zitat von Antonio Gramsci kannte. Aber es h\u00e4tte auch von ihm stammen k\u00f6nnen: \u201eWas wir brauchen ist N\u00fcchternheit: einen Pessimismus des Verstandes, einen Optimismus des Willens\u201c (Antonio Gramsci, Gef\u00e4ngnishefte 1935). Er verschloss nicht die Augen vor den Gefahren, die das Demokratie-Projekt Rojava nicht nur von au\u00dfen, sondern auch von innen bedrohen. Durch Korruption in einer Gesellschaft, deren Instanzen noch schwach ausgebildet sind. Das Hotel, in dem ich gewohnt habe, ist einige Stockwerke h\u00f6her gebaut worden, als es die Bauvorschriften in Qami\u015flo genehmigen. F\u00fcr unsere Filmarbeiten von Vorteil, denn die oberste Terrasse erlaubt einen perfekten Blick \u00fcber die Stadt. Eines Tages wurde der allgemeine Stra\u00dfenl\u00e4rm von einem dumpfen H\u00e4mmern \u00fcbert\u00f6nt. Die vielbefahrene Stra\u00dfe vor dem Geb\u00e4ude war abgesperrt worden, und mitten im Stadtzentrum lie\u00df der Hotelbesitzer nach Wasser bohren. Er gilt als einer der reichsten M\u00e4nner in Rojava und kann sich einiges erlauben. Seine Karriere begann er als Koffertr\u00e4ger an der syrisch-irakischen Grenze.<\/p>\n<p>In Rakka lernte ich einen engen Freund von Piro kennen. Er ist der oberste Korruptionsermittler in Rojava. Die Selbstverwaltung hat ihm freie Hand gegeben, auch gegen ihre eigenen, h\u00f6chsten Repr\u00e4sentant:innen vorzugehen. Piro war aus erster Hand \u00fcber die Widerspr\u00fcche informiert, die der Aufbau einer Demokratie aushalten muss in einer Region wie dem Nahen Osten, in der die Korruption endemisch auftritt. Ich fragte ihn danach, wie er die Zukunft Rojavas sieht. Seine Antwort fiel skeptisch aus. Er bef\u00fcrchtete, dass die \u00dcberlebenschancen angesichts der geballten Feindschaft der benachbarten Autokraten und Diktatoren und ihrer Helfershelfer im Gestr\u00fcpp geopolitischer Interessen immer geringer w\u00fcrden. Piro ist gleich mehrfach ihr Opfer geworden. Der t\u00fcrkische Staat hat ihn get\u00f6tet. Seine Freund:innen organisierten die \u00dcberf\u00fchrung seines Leichnams f\u00fcr die Beerdigung in seiner Heimatstadt Sine (Sanandadsch). Die iranische Staatsmacht verweigerte den Grenz\u00fcbertritt mit der Begr\u00fcndung, dass Mensour Karimian in Rojava auf syrischem Staatsgebiet get\u00f6tet wurde, \u201eweil er in einen terroristischen Akt verwickelt war\u201c. Nun wurde er 240 Kilometer westlich von Sine in Sil\u00eaman\u00ee in der autonomen kurdischen Region im Irak beerdigt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen Tag vor Weihnachten 2023 wurde der Kameramann Mensour Karimian bei einem t\u00fcrkischen Luftangriff auf Rojava, das Gebiet der demokratischen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, get\u00f6tet. Ich hatte Piro \u2013 so lautete der Spitzname von Mensour Karim \u2013 bei mehreren Videokonferenzen zur Vorbereitung unseres Films kennengelernt. 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