{"id":31016,"date":"2024-03-11T20:02:48","date_gmt":"2024-03-11T18:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/platz-nehmen\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:48","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:48","slug":"platz-nehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/platz-nehmen\/","title":{"rendered":"Platz nehmen!"},"content":{"rendered":"<p>Der neueste Film von Wim Wenders, \u201ePerfect Days\u201c, stellt einen Toilettenputzer vor. Wir sehen modern gestaltete, teils futuristisch anmutende Toilettenh\u00e4user, die frei im doppelten Sinn (barrierefrei und kostenlos) zug\u00e4nglich sind.<br \/>\nBlicken wir nach Mitteleuropa, so erleben wir eine Architektur der sozialen K\u00e4lte und Ausgrenzung. Obgleich aufgrund der privatkapitalistischen Wohnungspolitik immer mehr Menschen auf der Stra\u00dfe leben \u2013 oder gerade deshalb \u2013, werden \u00f6ffentliche Toiletten geschlossen oder nur noch gegen Geb\u00fchren zug\u00e4nglich gemacht und Parkb\u00e4nke so unbequem wie m\u00f6glich gestaltet. Stadtpolitik, das manifestiert sich in der Architektur, ist eine Politik nicht f\u00fcr und mit, sondern gegen die Armen. Die Armen und Prek\u00e4ren, dass sind jene, denen seit einiger Zeit versch\u00e4rft s\u00e4mtliche Vorurteile entgegenschlagen, die die Mittelklasse den Unterschichten gegen\u00fcber artikuliert. Fr\u00fcher sprach man vom \u201eLumpenproletariat\u201c. Noch heute taugen die \u201eLumpen\u201c zum gesteigerten verbalen Ausdruck von Abscheu, siehe \u201eLumpenpazifismus\u201c. Diesen Schichten misstraut man, verd\u00e4chtigt sie der N\u00e4he zu Kriminalit\u00e4t, wie sich an der zunehmenden Stadtm\u00f6blierung mit \u00dcberwachungskameras, Z\u00e4unen, elektronischen Zugangssystemen zeigt.<br \/>\nMicka\u00ebl Labb\u00e9 argumentiert aus einer radikaldemokratischen Position heraus. Denn wie die Stadt entwickelt wird, das ist immer auch eine Frage von sozialer Teilhabe. Labb\u00e9 geht es um eine \u201eStadt f\u00fcr alle\u201c, um die emanzipatorischen Bewegungen eines \u201eRechtes auf Stadt\u201c \u2013, schon in der Einleitung zitiert er Henri Lefebvre, einen fr\u00fchen Kritiker der fragmentarisierten Stadt.<br \/>\nNeu sind die Versuche, die Stadt von unerw\u00fcnschten Menschen zu s\u00e4ubern und ein vorzeigbares Image zu kreieren, nicht. Die Innenst\u00e4dte zumindest der gro\u00dfen und f\u00fcr den Tourismus attraktiven St\u00e4dte sind seit Jahrzehnten schon prim\u00e4r nicht auf die Bed\u00fcrfnisse von Einheimischen, sondern auf jene der Tourist*innen zugeschnitten. Entsprechend sollen sie gl\u00e4nzen. Was das Postkartenbild tr\u00fcben k\u00f6nnte, wird ordnungspolitisch bek\u00e4mpft. Die Gruppe \u201eInnenStadtAktion\u201c thematisierte schon in den 1990er Jahren in Hannover kritisch die Verdr\u00e4ngung von Obdachlosen, Drogennutzer*innen, bettelnden Menschen, Punks und Unangepassten aus dem Stadtbild. Doch das Recht auf Stadt wurde nach Labb\u00e9 in der Geschichte der St\u00e4dte \u201enoch nie so systematisch und tagt\u00e4glich missachtet wie heute\u201c (S.22).<br \/>\nAusgrenzung und \u00dcberwachung werden nicht unwidersprochen hingenommen. Die Bewegungen der Besetzungen, Occupy und die Asambleas \u2013 \u00f6ffentlichen Versammlungen \u2013 in Spanien waren Initiativen f\u00fcr die Wiederaneignung des \u00f6ffentlichen Raumes, doch in den letzten Jahren wurden diese sozialen K\u00e4mpfe ruhiger, was nicht nur mit der Corona-Pandemie zusammenh\u00e4ngt (Labb\u00e9s Buch erschien in Frankreich erstmals 2019, noch vor der Pandemie). Labb\u00e9 nennt auch Protestcamps, namentlich das franz\u00f6sische ZAD, merkt jedoch an, dass hier ein \u201eWir von Au\u00dfenseitern\u201c hervorgebracht wird (S.24).<br \/>\nEs geht Labb\u00e9 zufolge nicht um tempor\u00e4re, meist mehr symbolische Besetzungen, sondern in der Zielsetzung um eine Umgestaltung der St\u00e4dte zu St\u00e4dten, in denen man buchst\u00e4blich wieder \u201ePlatz nehmen\u201c kann. Daf\u00fcr muss man zuerst einmal begreifen, was am Platznehmen hindert. Labb\u00e9 spricht von \u201eurbanen Pathologien des Sozialen\u201c, und so ist auch der erste Abschnitt seines Buches benannt. Deutlich wird hier, welches Ausma\u00df an Verachtung den Unerw\u00fcnschten entgegenschl\u00e4gt, und wie sie unsichtbar gemacht werden sollen. Allerdings h\u00e4tte Labb\u00e9 hier mehr auf das problematische Sicherheitsversprechen eingehen k\u00f6nnen, mit dem Vertreibung und \u00dcberwachung stets begr\u00fcndet werden.<br \/>\nIm zweiten Abschnitt des Buches geht es darum, die Kritik an der privatisierten, ges\u00e4uberten, tourismuswirtschaftlich orientieren Stadt praktisch werden zu lassen. Es geht um das Soziale, das \u201eWir\u201c, das in unseren (!) Stra\u00dfen und Vierteln der Enteignung (nichts anderes bedeutet die Kommerzialisierung der St\u00e4dte) entgegengesetzt wird: eine emanzipatorische Transformation, basierend auf Vertrauen und gegenseitiger Hilfe anstelle von Kontrolle und Entm\u00fcndigung. Offen bleibt dabei jedoch, wie ein vertrauensvoller Umgang gerade in Zeiten zunehmender sozialer Polarisierung erlangt werden kann.<br \/>\nDer letzte Abschnitt begibt sich auf die Suche nach den stadtr\u00e4umlichen Konsequenzen, den Architekturen dieser wieder angeeigneten, f\u00fcr alle Menschen \u00f6ffentlichen Stadt. Illustriert wird dies u.a. an einem genossenschaftlichen Stadtquartier in Sao Paulo und an Spielpl\u00e4tzen. Gerade dieser durchaus anregende Abschnitt h\u00e4tte mit vielen weiteren Beispielen ausgebaut werden k\u00f6nnen, doch vielleicht ist dies dann einmal ein separates Buch.<br \/>\nDer Buchreihe \u201eFlugschrift\u201c, in der dieser Text erschien, wird das Buch allemal gerecht, werden hier doch kurz und b\u00fcndig viele Impulse f\u00fcr die Entwicklung einer emanzipatorischen Praxis in der Stadtentwicklung aus Perspektive der direkt Betroffenen, der Bewohner*innen und Nutzer*innen, gegeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neueste Film von Wim Wenders, \u201ePerfect Days\u201c, stellt einen Toilettenputzer vor. Wir sehen modern gestaltete, teils futuristisch anmutende Toilettenh\u00e4user, die frei im doppelten Sinn (barrierefrei und kostenlos) zug\u00e4nglich sind. Blicken wir nach Mitteleuropa, so erleben wir eine Architektur der sozialen K\u00e4lte und Ausgrenzung. 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