{"id":31018,"date":"2024-03-11T20:02:48","date_gmt":"2024-03-11T18:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/anarchistisches-lesebuch\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:48","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:48","slug":"anarchistisches-lesebuch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/anarchistisches-lesebuch\/","title":{"rendered":"Anarchistisches Lesebuch"},"content":{"rendered":"<p>\u201eEin anarchistisches Lesebuch? Eine Quellensammlung anarchistischer Texte der Jahre vor 1848? Es ist endlich an der Zeit\u201c, schreibt Olaf Briese im Vorwort zum ersten Band des \u201eAnarchiste[n] Lesebuch[es]\u201c. Die Idee ist an sich gut. Bereits Max Nettlau, der \u201eHerodot des Anarchismus\u201c, forderte auf, nach weiteren anarchistischen Spuren in der Geschichte zu suchen und die von ihm erstellte \u201eGeschichte der Anarchie\u201c zu erweitern und zu erg\u00e4nzen. Briese tut dies ein St\u00fcck weit, indem er Textpassagen aus der Zeit des deutschen Vorm\u00e4rzes und der Revolution von 1848\/49 zusammengetragen und thematisch sortiert hat, die er als \u201eanarchistisch\u201c klassifiziert. Leider definiert er nicht klar, was er unter \u201eanarchistisch\u201c versteht. Bei einzelnen Passagen ist der Bezug \u00fcber Namensnennungen wie den von Godwin oder Stirner bzw. den Gebrauch des Wortes \u201eAnarchie\u201c gegeben. Wobei auch hier schon das Problem auftaucht, dass der prejorative Gebrauch des Begriffs \u201eAnarchie\u201c, wie er bis zur Adaption des Begriffs durch Pierre-Joseph Proudhon vorherrschte, nicht weiter problematisiert wird. Es kann daher sicherlich bei der einen oder anderen Passage hinterfragt werden, ob es wirklich etwas mit \u201eunserem\u201c Verst\u00e4ndnis von Anarchie zu tun hat. Und die Tatsache, dass sich in fr\u00fchsozialistischen Texten anarchophile Passagen finden, ist keine neue Erkenntnis. Schlie\u00dflich ist der Anarchismus, wie auch sein \u201efeindlicher Bruder\u201c, der (marxistische) Kommunismus, aus dieser Str\u00f6mung entstanden. Mit Proudhon haben wir zudem eine Figur, die eine Scharnierfunktion zwischen beiden Str\u00f6mungen darstellt. Auch die Bedeutung Proudhons in der sozialistischen Bewegung in den 1840er Jahren in Deutschland ist weitgehend bekannt.<br \/>\nDer erste Band umfasst (vorrangig) Texte bis 1848 \u2013 unterteilt in zehn Kapitel plus ein knappes Vorwort; der zweite \u2013 unterteilt in achtzehn Kapitel und ebenfalls ein knappes Vorwort. Die ausgew\u00e4hlten Texte entstammen dem Umfeld des Junghegelianismus (Engels, Ruge), dem Jungen Deutschland (B\u00f6rne), dem Fr\u00fchsozialismus (Weitling, He\u00df) und dem Fr\u00fchananarchismus (Stirner, Proudhon, Edgar Bauer). Hier taucht bereits die n\u00e4chste Verwirrung auf \u2013 warum sind hier zu den deutschsprachigen Texten auch der franz\u00f6sische Anarchist Proudhon sowie der russische Nihilist Alexander Herzen in einer Zusammenstellung zum deutschen Vorm\u00e4rz zu finden? Nur weil sie \u00fcbersetzt vorlagen? Das w\u00e4re etwas d\u00fcrftig als Begr\u00fcndung.<\/p>\n<p>Vieles ist der sprichw\u00f6rtliche kalte Kaffee \u2013 seien es die Passagen aus Stirner, Bauer, Weitling, He\u00df oder aus Engels\u2019 \u201eTriumph des Glaubens\u201c (bereits in den blauen B\u00e4nden der MEW erschienen) \u00fcber Stirner. Gro\u00dfe Teile des Lesebuches k\u00f6nnten jedem x-beliebigen Sammelband zu Fr\u00fchsozialismus oder Junghegelianismus entstammen. Dabei gibt es aber auch ein paar interessante, weniger bekannte Texte \u2013 z.\u2006B. von Louise Aston oder Louise Otto oder aus der Berliner Abend-Post.  <\/p>\n<p>In den thematisch sortierten Kapiteln gibt es dann h\u00e4ppchenweise Textpassagen, wobei nicht direkt dabei steht, aus welchem Jahr oder von wem diese stammen. Man f\u00fchlt sich direkt an Nietzsches Aussage erinnert: \u201eDie schlechtesten Leser sind die, welche wie pl\u00fcndernde Soldaten verfahren: Sie nehmen sich Einiges, was sie brauchen k\u00f6nnen, heraus, beschmutzen und verwirren das \u00dcbrige und l\u00e4stern auf das Ganze.\u201c<br \/>\nEine n\u00e4here Einordnung in den Entstehungskontext w\u00fcrde hier gut tun. In der jetzigen Form k\u00f6nnte man es vielleicht nicht als ein \u201eLesebuch\u201c, sondern eher als eine \u201eCollage\u201c titulieren, was Briese hier vorlegt.<br \/>\nInsgesamt wei\u00df mich dieses Lesebuch nicht zu \u00fcberzeugen. Gerade von einem Autor und Forscher wie Olaf Briese h\u00e4tte ich mehr erwartet, da er einer der besten Kenner der Materie aktuell im deutschsprachigen Raum sein d\u00fcrfte. Es ist eine Flei\u00dfarbeit, die Textpassagen zusammenzustellen. Eine klare Definition von dem, was \u201eAnarchismus\u201c als Grundlage hat, w\u00e4re gut gewesen, eine klare Kennzeichnung der Autor_innenschaft der einzelnen Passagen inkl. des Erscheinungsjahres (alleine schon vor\/nach Proudhons \u201eEhrenrettung\u201c des Begriffs) direkt unter der zitierten Passage h\u00e4tte der Sammlung gut getan. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEin anarchistisches Lesebuch? Eine Quellensammlung anarchistischer Texte der Jahre vor 1848? Es ist endlich an der Zeit\u201c, schreibt Olaf Briese im Vorwort zum ersten Band des \u201eAnarchiste[n] Lesebuch[es]\u201c. Die Idee ist an sich gut. 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