{"id":31020,"date":"2024-03-11T20:02:48","date_gmt":"2024-03-11T18:02:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/topographie-der-shoa-in-breslau-wroclaw\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:48","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:48","slug":"topographie-der-shoa-in-breslau-wroclaw","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/topographie-der-shoa-in-breslau-wroclaw\/","title":{"rendered":"Topographie der Shoa in Breslau\/Wroc\u0142aw"},"content":{"rendered":"<p>Als ich 2007 Breslau besuchte, suchte ich den in einem Au\u00dfenbezirk liegenden Neuen J\u00fcdischen Friedhof zun\u00e4chst vergeblich. Weil mir sogar die Einheimischen nicht weiterhelfen konnten, wurde mir bewusst, dass auch Teilen der polnischen Bev\u00f6lkerung im heutigen Wroc\u0142aw die Geschichte dieses Ortes nicht bekannt ist.<br \/>\nDas Buch \u201eBreslau\/Wroc\u0142aw 1933 \u2013 1949. Studien zur Topographie der Shoa\u201c macht in 27 Beitr\u00e4gen die von den Nazis zerst\u00f6rten und damit im Stadtbild nicht mehr existierenden Orte j\u00fcdischen Lebens wieder sichtbar und dokumentiert die dramatische Geschichte der drittgr\u00f6\u00dften j\u00fcdischen Gemeinde Deutschlands.<br \/>\nBreslau liegt in Schlesien und war nach der NS-Ideologie eine \u201eGrenzregion\u201c, von der aus nach 1933 raumpolitische Forderungen gegen\u00fcber Polen artikuliert wurden. Eine besondere Rolle nahm hierbei der in Breslau stationierte Radiosender mit der grenznahen Zweigstelle in Gleiwitz ein. W\u00e4hrend die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung ihre Radios abgeben musste und somit aus dem Kommunikationsraum der \u201eVolksgemeinschaft\u201c ausgeschlossen wurde, errichtete Breslau als erste Stadt in Deutschland fl\u00e4chendeckend einhundert je f\u00fcnf Meter hohe Reichslautsprechers\u00e4ulen, mit denen die Menschen mit Propaganda beschallt wurden. Wenige sind heute noch erhalten, allerdings ohne erkl\u00e4rende Hinweistafeln.<br \/>\nIn Breslau existierten zahlreiche unterschiedliche j\u00fcdische Vereine und gemeinn\u00fctzige Einrichtungen. Dem hier besonders starken deutschpatriotischen \u201eCentralverein deutscher Staatsb\u00fcrger j\u00fcdischen Glaubens\u201c widmet dieses Buch einen eigenen Beitrag. Er weist darauf hin, dass dieser Centralverein sogar noch zwei Monate nach der NS-Machtergreifung \u201efeierlich Verwahrung\u201c gegen \u201eangebliche Sensationsberichte\u201c im Ausland \u00fcber Ausschreitungen gegen Juden und J\u00fcdinnen einlegte. Und sich nach Ansicht des Autors damit \u201ezum Handlanger des nationalsozialistischen Regimes\u201c machte. Dieser Centralverein musste in einem schmerzhaften Prozess die folgenden Jahre erfahren, dass selbst nationalistische Anbiederung nicht vor Verfolgung und Vernichtung sch\u00fctzte.<\/p>\n<p>Kampf um W\u00fcrde bis zuletzt<\/p>\n<p>Seit 1933 wurde aufgrund der weitergehenden Verbote im \u00f6ffentlichen Raum die j\u00fcdische Lebenswelt immer kleiner und beengter. Ausf\u00fchrlich wird im Buch dargestellt, dass J\u00fcdinnen und Juden trotzdem versuchten, ihre W\u00fcrde zu bewahren, indem sie ihr Leben, so gut es ging, weiterf\u00fchrten. Ausgrenzungser-fahrungen bewirkten ein verst\u00e4rktes Geschichtsbewusstsein. Sogar noch am 19. November 1933 war es m\u00f6glich, das J\u00fcdische Museum mit einer umfangreichen Dauerausstellung \u00fcber j\u00fcdisches Leben in Schlesien zu er\u00f6ffnen. Museen, Bibliotheken, Synagogen und j\u00fcdische Friedh\u00f6fe wurden zu R\u00fcckzugsr\u00e4umen, in denen sie sich zun\u00e4chst noch relativ gesch\u00fctzt aufhalten konnten. In der eigenen Wohnung fand aufgrund zunehmender Gewaltt\u00e4tigkeiten durch die deutsche Mehrheitsbev\u00f6lkerung der gr\u00f6\u00dfte Teil des Lebens statt, bis nur noch der \u201eTagebuchraum als pers\u00f6nliche Insel\u201c \u00fcbrigblieb.<br \/>\nDa im 19. Jahrhundert die Stadt Breslau der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung die Integration in \u00f6ffentliche F\u00fcrsorge- und Wohlfahrtssysteme verweigerte, entstanden, \u2028aus dem religi\u00f6sen Gebot Zedaka (Verpflichtung zur Wohlt\u00e4tigkeit) gespeist, zahlreiche j\u00fcdische Einrichtungen. Das Buch zeichnet nach, wie durch das Zusammenwirken von gezielter wirtschaftlicher Verdr\u00e4ngung und Restriktion sowie direkter Verfolgung die Situation prek\u00e4rer wurde. Zum einen, weil es immer mehr Hilfsbed\u00fcrftige gab, zum anderen, weil ihnen die R\u00e4umlichkeiten weggenommen wurden. Die von j\u00fcdischen Stiftungen unterhaltenen Wohnh\u00e4user f\u00fcr Arme standen zur H\u00e4lfte nichtj\u00fcdischen Menschen offen. Das bekannte j\u00fcdische Krankenhaus war ebenfalls f\u00fcr alle zug\u00e4nglich und vor 1933 ein wichtiger Kontaktraum zwischen j\u00fcdischer und nichtj\u00fcdischer Bev\u00f6lkerung, der nun wegfiel. In dem Buch werden die einzelnen Stationen dargestellt, wie das NS-Regime durch Separation und Zusammenpferchen der J\u00fcdinnen und Juden in immer kleinere R\u00e4umlichkeiten ihre Erfassung und zuk\u00fcnftige Deportation vorbereitete. Einige der Verfolgten hofften noch auf eine Ausreisem\u00f6glichkeit und opferten f\u00fcr ihre nicht reisef\u00e4higen und kranken Verwandten Hab und Gut f\u00fcr Unterbringung und Verpflegung. Sie wurden alle ermordet.<\/p>\n<p>Der Bahnhof als \u201eNicht-Ort\u201c<\/p>\n<p>In einem Beitrag schreibt Maria Luft beeindruckend, wie der Hauptbahnhof von Breslau und der G\u00fcterbahnhof bis heute ein viel zu wenig beachteter \u201eNicht-Ort\u201c zur Vorbereitung und Durchf\u00fchrung der Shoa blieb. Ob Urlaubsreise oder als Transitstation bei dem Weg in den Tod, der gr\u00f6\u00dfte Eisenbahnknotenpunkt im Deutschen Reich wurde vielseitig genutzt. F\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung war der Bahnhof, der unter der Kontrolle der Gestapo stand, ein Ort von Angst, Erniedrigung und Tod. Ohne Schienennetz und Bahnh\u00f6fe h\u00e4tten die Massenmorde in diesem Umfang nicht so schnell durchgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen. Es waren \u201eBahnh\u00f6fe mit angeschlossenen Gaskammern\u201c.<br \/>\nDie j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung Breslaus hat an vielen Stellen durch ihre Einrichtungen das Stadtbild gepr\u00e4gt. Nach 1933 wurde in den neu erschienen Karten alles getilgt, was auf ihre Existenz hindeutete: Stra\u00dfennamen, Krankenh\u00e4user, Synagogen, Geb\u00e4ude. Das neu pr\u00e4sentierte suggestive und manipulierte NS-Kartenmaterial sollte der nationalistischen Identit\u00e4tsstiftung dienen. Intern nutzte der NS-Apparat allerdings Kartenmaterial von Osteuropa, in dem j\u00fcdische Siedlungsgebiete eingezeichnet waren, um die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung zu ermorden.<br \/>\nDen neuen j\u00fcdischen Friedhof, der auf der Landkarte unsichtbar war, hatte ich bei meinem Besuch vor 17 Jahren erst nach l\u00e4ngerer Suche gefunden. 1938 fl\u00fcchteten w\u00e4hrend einer Verhaftungswelle Hunderte f\u00fcr Tage hierher, erfahre ich in dem Buch. Bis 1944 \u00fcberlebten in der benachbarten Krankenstation noch einige J\u00fcdinnen und Juden, vorl\u00e4ufig gesch\u00fctzt durch den Status der \u201eMischehe\u201c, bis auch sie 1945 fast alle ermordet wurden. Die Einschussl\u00f6cher, die ich auf den Grabsteinen fand, zeugten von den heftigen K\u00e4mpfen, die noch in den letzten Wochen des Krieges um die \u201eFestung Breslau\u201c gef\u00fchrt wurden.<\/p>\n<p>Kibbuzim in Schlesien<\/p>\n<p>Nur 160 von urspr\u00fcnglich 20.000 J\u00fcdinnen und Juden haben in Breslau \u00fcberlebt. Von 1945 bis 1948 fand ein Bev\u00f6lkerungsaustausch statt. Neben neu angesiedelten PolInnen kam aus der Sowjetunion die dorthin gefl\u00fcchtete j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung nach Breslau, da sie im alten Polen auch nach 1945 oft durch antisemitische Pogrome verfolgt wurde. In Schlesien siedelten sich 220.000 J\u00fcdinnen und Juden neu an. In Breslau entstand f\u00fcr wenige Jahre ein bl\u00fchendes j\u00fcdisches Leben mit eigenen Zeitungen in jiddischer Sprache, Schulen, Gebetsh\u00e4usern, Theatern. Die Gefl\u00fcchteten aus den verschiedensten Regionen organisierten ihre Selbsthilfe in 120 j\u00fcdischen \u201eLandsmannschaften\u201c. Auf wirtschaftlicher Ebene entstanden in Schlesien viele Kibbuzim, allein dreizehn in Breslau. Diese kurze Bl\u00fctezeit wurde ab 1949 von der Kommunistischen Partei Polens beendet und sie l\u00f6ste den angeblichen \u201einstitutionellen Separatismus der j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung\u201c auf. Fast alle J\u00fcdinnen und Juden Schlesiens verlie\u00dfen daraufhin Polen.<br \/>\nDieses gut recherchierte, verdienstvolle Buch berichtet aus Sicht der Opfer facettenreich \u00fcber die bisher in der Geschichtsschreibung viel zu kurz gekommene und heute nur noch rudiment\u00e4r sichtbare j\u00fcdische \u201eErinnerungslandschaft\u201c im heutigen Wroc\u0142aw.<br \/>\nEin j\u00fcdischer \u00dcberlebender schildert im Interview-Kapitel des Buches seine best\u00fcrzende Erfahrung, wie schnell sich in der urspr\u00fcnglich auch sozialdemokratisch und kommunistisch gepr\u00e4gten Stadt nach der Wahl 1933 ein Gro\u00dfteil der nichtj\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung der NS-Ideologie angepasst hat und zu offenen Feindseligkeiten \u00fcbergegangen ist. Das ist auch als Warnung f\u00fcr heute zu verstehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich 2007 Breslau besuchte, suchte ich den in einem Au\u00dfenbezirk liegenden Neuen J\u00fcdischen Friedhof zun\u00e4chst vergeblich. Weil mir sogar die Einheimischen nicht weiterhelfen konnten, wurde mir bewusst, dass auch Teilen der polnischen Bev\u00f6lkerung im heutigen Wroc\u0142aw die Geschichte dieses Ortes nicht bekannt ist. Das Buch \u201eBreslau\/Wroc\u0142aw 1933 \u2013 1949. 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