{"id":31025,"date":"2024-03-11T20:02:49","date_gmt":"2024-03-11T18:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/lesen-mit-schmerzen-2\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:49","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:49","slug":"lesen-mit-schmerzen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/lesen-mit-schmerzen-2\/","title":{"rendered":"Lesen mit Schmerzen"},"content":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ein Autor einem als Mensch durchaus sympathisch ist, kann es vorkommen, dass einem die Texte, die er schreibt, nicht gefallen, oder man selbst mit Vorurteilen an Texte rangeht. Ich mag keine Verrisse schreiben, eher Menschen zum Lesen anregen. Beim vorliegenden Buch \u201eNur Lumpen werden \u00fcberleben\u201c h\u00e4tte ich vermutlich sp\u00e4testens beim sechsten Kapitel (von 19) das Buch beiseite gelegt, aber ich habe mich \u201edurchgek\u00e4mpft\u201c \u2013 manchmal eben mit Schmerzen (angelehnt an die Musik der \u201eEinst\u00fcrzenden Neubauten\u201c \u2013 \u201eH\u00f6r mit Schmerzen\u201c).<\/p>\n<p>Es gibt also einiges zu kritisieren: <\/p>\n<p>Es geht in diesem Buch fast ausschlie\u00dflich um die Ukraine als einen nationalistischen, neoliberalen Staat, der mit Hilfe von Nato, EU und den USA einen Stellvertreterkrieg f\u00fchrt, der durch Russland \u2013 ebenfalls ein nationalistischer, neoliberaler, jedoch bereits autokratischer Staat mit Gro\u00dfmachtphantasien, aufoktroyiert wurde. Und alles in der Spiegelung deutscher Politik, insbesondere der Regierung und ihrer Parteien, und den Medien hier, die die Kriegsverherrlichung fast unwidersprochen mittragen. Bereits in der Einleitung verschreckt mich der Autor mit der Aussage, dass die einzigen Medien, die die Militarisierungskampagne des deutschen Verteidigungsministerium kritisieren, die \u201eNachdenkseiten\u201c und \u201eTelepolis\u201c seien, die, so Gr\u00fcneklee \u201edem \u201aQuerfront\u2018-Milieu zugerechnet werden\u201c. Letzteres wird aber auch wieder relativiert, ebenso wie die Proteste gegen die Corona-Ma\u00dfnahmen, die gerne von Verschw\u00f6rungstheoriker:innen und Rechtsradikalen gekapert wurden. Beim \u00dcberfliegen der 287 Anmerkungen ist allerdings zu beobachten, dass Gr\u00fcneklee sich hier im F\u00fcr und Wider haupts\u00e4chlich auf die Mainstream-Medien st\u00fctzt, von der tagesschau, \u00fcber den Spiegel bis hin zu Regionalzeitungen, w\u00e4hrend antimilitaristische Alternativ-Medien, wie etwa die Graswurzelrevolution, und die friedenspolitischen Aktivist:innen nur eine untergeordnete Rolle spielen.<br \/>\nMit quellenreichen Argumenten f\u00fchrt Gr\u00fcneklee die Ukraine als ein neoliberales Projekt vor, und die Unterst\u00fctzung durch den Westen, der hier meint, seine \u201eDemokratie\u201c etc. verteidigen zu m\u00fcssen. Selbst die Hinweise des Autors zwischendurch, dass der Aggressor Putin keinesfalls besser sei, machen die Einseitgkeit leider nicht besser. Ich h\u00e4tte mir gew\u00fcnscht, dass es mindestens auch ein Kapitel \u00fcber die derzeitige politische Lage in Russland gegeben h\u00e4tte. Auch problematisch finde ich die Darstellung des kriegsverherrlichenden Westens \u2013 allen voran der Gr\u00fcnen und ihrer Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock. Die Kriegspropaganda ist zweifelsohne vorhanden, aber hier habe ich das Gef\u00fchl, dass der Autor in eine Mentalit\u00e4t des \u201edas darf man doch wohl noch sagen\u201c reinrutscht, wie die Querverweise zu den staatlichen Ma\u00dfnahmen w\u00e4hrend der Corona-Pandemie, die Gr\u00fcneklee als Test f\u00fcr eine Massenmanipulation zum (kriegerischen) Ausnahmezustand begreift. Die AfD, nicht die Gr\u00fcnen sind die \u201egef\u00e4hrlichste Partei im Bundestag\u201c, auch wenn Wagenknecht letzteres behauptet. Der Abstieg der Gr\u00fcnen von der Friedenspartei zur Kriegstreiberin ist seit dem NATO-Angriffskrieg gegen die damalige Bundesrepublik Jugoslawien 1999 bekannt.<br \/>\nMich st\u00f6rt die Herangehensweise von Gr\u00fcneklee, etwa in der Auseinandersetzung mit dem Sarah Wagenknecht \/ Alice Schwarzer-Aufruf, der mal wieder nicht zur Massen-Gegen-Bewegung wurde, wie vielleicht von den Initiatorinnen erhofft. Gr\u00fcneklee setzt sich aber nicht mit dem Aufruf der beiden Frauen auseinander, sondern spricht beiden erstmal \u2013 durchaus zurecht \u2013 eine pazifistische Grundhaltung ab. Dann aber geht es mehr um die Reaktionen von politischer Seite her, die eher auf Diffamierung setzte statt auf Auseinandersetzung. Aber generell die derzeitige Streitkultur in unserer Gesellschaft und deren Verrohung w\u00e4re ein extra Thema. Weiterhin k\u00f6nnte ich in diverse Details eingehen \u2013 meine Notizen sind reichlich \u2013 aber dazu fehlt hier jetzt der Platz. Dass anarchistisch-antimiltaristische Argumente nicht zwingend in den Mainstream-Medien vertreten werden, kenne ich aus meiner rund 50j\u00e4hrigen Zugeh\u00f6rigkeit zur anarchistischen Bewegung zur Gen\u00fcge. Da hilft auch kein Jammern.<br \/>\nUnd jetzt das gro\u00dfe Aber: Gr\u00fcneklee ist kein Putin-Sympathisant, kein Verschw\u00f6rer. Das Kapitel gegen Ende des Buches \u201eWiderstand gegen den Krieg\u201c entspricht durchaus unseren Ansichten von einem sozialen, anarchistisch-antimiltaristischen Widerstand, doch deren Argumente werden ohne einen Aufstand in der Ukraine gegen die Kriegsrethorik und den Neoliberalismus den Krieg nicht beenden.<br \/>\nAuch das Kapitel \u201eNur Lumpen werden \u00fcberleben\u201c am Anfang des Buches, ist leider nichts Neues, macht aber deutlich, dass Pazifisti:nnen, die sich gegen Krieg aussprechen, immer wieder diffamiert werden, etwa als \u201eLumpenpazifisten\u201c. Pazifisti:nnen wird vorgeworfen, von der Couch aus zu agieren, wenngleich die Kriegstreiberei hier nat\u00fcrlich auch von der Couch aus agiert und \u2013 zynisch gesagt \u2013 auch noch beim Sterben zugesehen wird.  W\u00e4hrenddessen kann sich der Aktienmarkt \u00fcber die Gewinne von Rheinmetall und Co. die H\u00e4nde reiben.<br \/>\nNicht ganz klar ist mir, wen der Autor als Zielgruppe seines Buches sieht. Friedensaktivist:innen bekommen hier kaum neue Infos, wenngleich hier zahlreiche Fakten zusammengetragen wurden. Die Kriegstreiber:innen werden vermutlich Schaum vor dem Mund bekommen.<br \/>\nEs war ein Lesen mit Schmerzen, aber wer sich explizit mit der Ukraine besch\u00e4ftigen will, sollte dieses Buch durchaus mal zur Hand nehmen.<br \/>\nUns w\u00fcnsche ich, dass wir mehr unsere Friedensvorschl\u00e4ge publizieren, statt nur negativ \u00fcber die Situation zu lamentieren. Der Ukraine-Krieg kann noch lange dauern. Je nach Unterst\u00fctzungswillen des Westens kann er auch schnell zu Ende gehen. Der Ausgang ist im Moment noch offen. Sorgen wir f\u00fcr zunehmende Kriegsm\u00fcdigkeit und Solidarit\u00e4t mit allen Deserteuren und Kriegsdientverweigerern.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W\u00e4hrend ein Autor einem als Mensch durchaus sympathisch ist, kann es vorkommen, dass einem die Texte, die er schreibt, nicht gefallen, oder man selbst mit Vorurteilen an Texte rangeht. Ich mag keine Verrisse schreiben, eher Menschen zum Lesen anregen. 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