{"id":31026,"date":"2024-03-11T20:02:49","date_gmt":"2024-03-11T18:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/kampfmittel-der-sozialen-revolution\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:49","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:49","slug":"kampfmittel-der-sozialen-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/kampfmittel-der-sozialen-revolution\/","title":{"rendered":"Kampfmittel der sozialen Revolution"},"content":{"rendered":"<p>In ihrer 1918 erschienenen Schrift \u201eDie Kampfmittel der sozialen Revolution\u201c entwickelte die niederl\u00e4ndische Sozialistin Henriette Roland Holst (1869-1952) mitten im Ersten Weltkrieg im Hinblick auf den revolution\u00e4ren Kampf gegen den Krieg und f\u00fcr die Weltrevolution ein leidenschaftliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Vorrang der geistigen vor der physischen Gewalt. Dieses Pl\u00e4doyer beruht auf der Analyse einer realistischen Aufl\u00f6sung des Dilemmas der sozialen Revolution in der Gewaltfrage. Dieses Dilemma besteht darin, dass einerseits der Kampf um eine neue Rechtsordnung, um neue politische Formen, um neue Produktions- und Eigentumsverh\u00e4ltnisse immer zugleich als Machtkampf gef\u00fchrt wird. Niemals in der Geschichte, so zeigt Henriette Roland Holst, hat eine herrschende Klasse, die in einem zum Teil generationenlangen Prozess der Enteignung und Ausbeutung von Arbeitern und Bauern zu Eigent\u00fcmern der Produktionsmittel geworden war, freiwillig auf ihre Macht verzichtet, immer hat sie sich mit Gewalt an sie geklammert. Die Gewalt als Mittel der sozialrevolution\u00e4ren Umw\u00e4lzung der Eigentumsverh\u00e4ltnisse, so notwendig sie also letztlich ist, bedeutet jedoch dabei zugleich, dass sich die soziale Revolution im Kampf um die Befreiung von Unterdr\u00fcckung und Lohnarbeit in der Konkurrenz um die \u00fcberlegene Gewalt derselben Gewaltlogik unterwerfen muss, die sie bek\u00e4mpft.<br \/>\n\u201eMit der Kriegsvorbereitung\u201c, schreibt Henriette Roland Holst, \u201everh\u00e4lt es sich nicht anders als mit dem Krieg selbst\u201c. Weder die Art der Kriegf\u00fchrung noch die Ausdehnung des Kriegsgebietes k\u00f6nnen von den Krieg f\u00fchrenden Parteien bestimmt werden, beides wird ihnen von der milit\u00e4rischen Notwendigkeit aufgezwungen. In ihrer Gegen\u00fcberstellung der imperialistischen Gewalt (Kapitel 5) und der Gewalt in der proletarischen Revolution (Kapitel 6) zeigt Henriette Roland Holst in diesem Sinne eindrucksvoll, warum Gewalt, so sehr sie auch der sozialrevolution\u00e4ren Umw\u00e4lzung aufgezwungen wird, kein vorrangiges Mittel der sozialen Revolution sein kann.<br \/>\nDie Aufl\u00f6sung des Dilemmas in der Gewaltfrage sieht Henriette Roland Holst in der geistigen Gewalt, die in der Massenbewegung von der Massendemonstration zum Massenstreik als zentrales Mittel der sozialen Revolution entwickelt werden muss.<br \/>\nDie R\u00e4teorganisation als die entscheidende Organisationsform der selbst\u00e4ndigen Klassenbewegung, die dem Proletariat letztlich den bewussten Einsatz seiner Klassenkr\u00e4fte erm\u00f6glicht, erw\u00e4hnt sie in ihrer Schrift nur am Rande. In ihrer Analyse gipfelt die notwendige Entwicklung der geistigen Gewalt im Massenstreik. Dieser Mangel ihrer Analyse schm\u00e4lert jedoch nicht die Bedeutung des historischen Werkes von Henriette Roland Holst im Sinne ihrer dialektischen Aufl\u00f6sung des Widerspruchs in der Gewaltfrage.<br \/>\nIm Juli 1918 war Henriette Roland Holst wie die meisten Marxist*innen in Europa eine gl\u00fchende Anh\u00e4ngerin der bolschewistischen Revolution, die gerade vorgef\u00fchrt hatte, dass der Massenkampf nicht im Gegensatz zum bewaffneten Aufstand steht, sondern in einem von Arbeiter- und Soldatenr\u00e4ten organisierten Aufstand gipfelt. Dass sich das Wirtschaftsprogramm der bolschewistischen Partei unter Lenin mehr an Rudolf Hilferding als an Marx und Engels orientierte, war Henriette Roland Holst sicher nicht bewusst. F\u00fcr sie wie f\u00fcr die meisten ihrer marxistischen Genossen war es Aufgabe des Staates, die Wirtschaft zu organisieren, eine Vorstellung, der Anton Pannekoek schon 1911 eine Absage erteilte, als er schrieb: \u201eMit dem Umschlag des Charakters der Arbeit schl\u00e4gt auch die Organisation der Verwaltung um. An die Stelle der Zentralisation tritt Dezentralisation, an die Stelle des Fabrikdespotismus tritt die Selbstverwaltung.\u201c ((1))<br \/>\nDemgegen\u00fcber waren f\u00fcr Henriette Roland Holst noch 1918 die \u201erevolution\u00e4re Entschlossenheit der Vorhut und die Disziplin des gesamten Proletariats\u201c im Sinne der f\u00fchrenden Rolle der Partei vorbehaltlos Garanten der sozialen Revolution. Der Einwand, den Rosa Luxemburg im selben Jahr in ihren Gef\u00e4ngnisaufzeichnungen festhielt, dass mit dem Erdr\u00fccken des politischen Lebens im ganzen Lande auch das Leben in den Sowjets immer mehr erlahmen muss, war f\u00fcr Henriette Roland Holst 1918 nicht pr\u00e4sent. Allein im Kult der Gewalt sah sie bereits die Gefahr der Entartung der russischen Revolution.<br \/>\nW\u00e4hrend Pannekoek, dem Henriette Roland Holst ihre Schrift gewidmet hatte, Mitte der zwanziger Jahre zusammen mit der Gruppe Internationaler Kommunisten die Kritik der politischen \u00d6konomie des Bolschewismus und die damit verbundene Kritik der f\u00fchrenden Rolle der Partei entwickelte, fiel Roland Holst aus Entt\u00e4uschung \u00fcber die Gewalt unter dem Bolschewismus hinter ihre dialektische Analyse der Gewaltfrage zur\u00fcck auf die moralisch religi\u00f6se Verurteilung der Gewalt. 1927 trat sie aus der Kommunistischen Partei aus und kehrte schlie\u00dflich nicht nur dem Bolschewismus, sondern auch dem Marxismus den R\u00fccken. Dessen ungeachtet verbleibt ihre Schrift \u201eDie Kampfmittel der sozialen Revolution\u201c ein auch heute noch lesenswertes sozialrevolution\u00e4res Werk, ein leidenschaftliches und argumentativ \u00fcberzeugendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Vorrang der geistigen vor der physischen Gewalt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In ihrer 1918 erschienenen Schrift \u201eDie Kampfmittel der sozialen Revolution\u201c entwickelte die niederl\u00e4ndische Sozialistin Henriette Roland Holst (1869-1952) mitten im Ersten Weltkrieg im Hinblick auf den revolution\u00e4ren Kampf gegen den Krieg und f\u00fcr die Weltrevolution ein leidenschaftliches Pl\u00e4doyer f\u00fcr den Vorrang der geistigen vor der physischen Gewalt. 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