{"id":31027,"date":"2024-03-11T20:02:49","date_gmt":"2024-03-11T18:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/zuendeln-an-den-strukturen\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:49","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:49","slug":"zuendeln-an-den-strukturen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/zuendeln-an-den-strukturen\/","title":{"rendered":"Z\u00fcndeln an den Strukturen"},"content":{"rendered":"<p>Der Roman \u201eZ\u00fcndeln an den Strukturen\u201c beginnt mit einer Brandstiftung an der Lidenwerkstatt, einer Werkstatt f\u00fcr behinderte Menschen (WfbM). Was folgt ist eine Abrechnung mit dem System der WfbM und dem gesellschaftlichen Ableismus, also der Diskriminierung aufgrund einer k\u00f6rperlichen oder psychischen Beeintr\u00e4chtigung oder aufgrund von Lernschwierigkeiten<\/p>\n<p>Der*die Leser*in fiebert mit und hofft, dass die Brandstifter*innen, die alle drei in der Werkstatt arbeiten, nicht erwischt werden. Denn schnell wird klar: die wahren Kriminellen sind die Wohlfahrtsverb\u00e4nde, die Geld durch Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung auf dem R\u00fccken der Behinderten mit dem Werkstattmodell machen. Die Brandstiftung ist ein Verzweiflungsakt Betroffener und zugleich ein m\u00e4chtiges politisches Mittel, um Aufmerksamkeit auf die Zust\u00e4nde zu ziehen. Wenn es keine Werkst\u00e4tte mehr gibt, muss man sich endlich mit der Inklusion von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt auseinandersetzen. So die Hoffnung der Brandstifter*innen.<\/p>\n<p>Die Zust\u00e4nde in den Werkst\u00e4tten kommen mit Hilfe der fiktiven Roman- und Erz\u00e4hlfigur und Mitautorin Katrin Grund zu Tage. Die junge Journalistin berichtet \u00fcber den Brand und taucht immer tiefer in das System, wird zur investigativen Journalistin und st\u00f6\u00dft auf viele Widerst\u00e4nde. Unterst\u00fctzt wird sie bei ihrer Recherche durch eine \u201eEnthinderungsgruppe\u201c, einer Gruppe Aktivist*innen, die sich f\u00fcr Selbststimmung einsetzt und gegen Ableismus k\u00e4mpft. Gegen die Behinderung durch die Gesellschaft. Die Gruppe setzt  sich f\u00fcr Alternativen ein. F\u00fcr das Modell des pers\u00f6nlichen Budgets und der pers\u00f6nlichen Assistenz oder der Arbeitsassistenz. Das Modell erm\u00f6glicht das Leben in den eigenen vier W\u00e4nden, weg vom Heim. Die Arbeitsassistenz unterst\u00fctzt behinderte Arbeitnehmer*innen f\u00fcr ihren regul\u00e4ren Arbeitsplatz.<br \/>\nAnders als oft in der \u00d6ffentlichkeit behauptet wird, erm\u00f6glicht die Werkstatt den Sprung in den Arbeitsmarkt nicht. Das ist vielmehr ein Ort der Absonderung. Nicht einmal ein Prozent der Besch\u00e4ftigten wird auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt. Das Durchschnittseinkommen der behinderten Besch\u00e4ftigten betr\u00e4gt gut 200 Euro im Monat f\u00fcr eine Vollzeitbesch\u00e4ftigung \u2013 ohne Arbeitnehmer*innenrechte.<\/p>\n<p>Die fiktive Erz\u00e4hlerin macht die Besonderheit des Romans aus. Er liest sich wie ein Krimi \u2013 und ist Aufkl\u00e4rung zugleich. Denn die Strukturen, an denen im Roman gez\u00fcndelt wird, sind real. Ein trockenes Aufkl\u00e4rungsbuch w\u00fcrde wahrscheinlich wenige Leser:innen finden. Ein Roman dagegen hat das Potential, ein breiteres Publikum zu erreichen.<br \/>\nDas Buch sollten insbesondere Nichtbehinderte lesen. Die Betroffenen fordern dabei Arbeitnehmer*innenrechte und den Mindestlohn. Nur die wenigsten sind sich bisher der unhaltbaren Zust\u00e4nde bewusst. Selbst unter Menschen, die sich als links oder anarchistisch bezeichnen, fand eine Kampagne von Betroffenen wie #IhrBeutetUnsAus in den sozialen Medien wenig Einklang. Die Kritik an die ebenfalls im Buch thematisierten Zust\u00e4nden in Behindertenheimen kommt in linken politischen Kreisen oft zu kurz. Heime sind Orte der Kontrolle, das Gegenteil von Selbstbestimmung. Sie sind anf\u00e4llig f\u00fcr Gewalt. Die vier Morde an Behinderten durch eine Angestellte im Oberlinhaus in Potsdam im April 2021 sind ein trauriger H\u00f6hepunkt dieser Gewalt.<\/p>\n<p>Katrin Grunds Mitautor Ottmar Miles-Paul engagiert sich seit \u00fcber vierzig Jahren f\u00fcr die Rechte behinderter Menschen. Er ist selbst seh- und h\u00f6rbehindert. Er ist bei der ISL e.V. (Interessenvertretung Selbstbestimmt leben) aktiv und hat viele Fachartikel ver\u00f6ffentlicht. Als Journalist beim Online-Nachrichtendienst kobinet-nachrichten ((1)) schreibt er \u00fcber Behindertenpolitik. Das Buch ist sein erster Roman.<br \/>\nEs ist rechtzeitig vor der Staatenpr\u00fcfung Deutschlands zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention Ende August 2023 erschienen. Dort wurde Deutschland und sein System der Aussonderung behinderter Menschen, ob in Werkst\u00e4tten, Heimen oder F\u00f6rderschulen, scharf kritisiert. Die deutsche Behindertenpolitik verst\u00f6\u00dft gegen die UN-Behindertenrechtskonvention.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Roman \u201eZ\u00fcndeln an den Strukturen\u201c beginnt mit einer Brandstiftung an der Lidenwerkstatt, einer Werkstatt f\u00fcr behinderte Menschen (WfbM). 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