{"id":31028,"date":"2024-03-11T20:02:49","date_gmt":"2024-03-11T18:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/anarchie-oder-chaos\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:49","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:49","slug":"anarchie-oder-chaos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/anarchie-oder-chaos\/","title":{"rendered":"Anarchie oder Chaos?"},"content":{"rendered":"<p>In seinen unver\u00f6ffentlichten Memoiren schrieb Rudolf Rocker \u00fcber seine Beziehungen zu einem Kreis indischer Student*innen und Exilant*innen in Berlin. \u201eFast alle waren ausgesprochene indische Nationalisten, doch gab es unter ihnen auch einige, die f\u00fcr freiheitliche Ideen ein reges Interesse bekundeten\u201c. Namentlich erw\u00e4hnt Rocker den bekannten indischen Nationalisten Virendranath Chattopadhyaya (Chatto), den der Anarchosyndikalist durch Emma Goldman kennengelernt hatte, und den \u201ejungen Kamerad Acharya\u201c, der einige Jahre in Berlin gelebt habe und dann nach Indien zur\u00fcckgekehrt sei (S. 128).<br \/>\nAls Rocker 1922 M. P. T. Acharya in Berlin kennenlernte, hatte dieser schon ein bewegtes politisches Leben hinter sich. Er wurde 1887 in Madras geboren. Als Herausgeber einer Zeitung floh er vor einer drohenden Verfolgung 1908 nach Paris und kurze Zeit sp\u00e4ter nach London, wo er sich in indischen nationalistischen Kreisen bewegte. 1909 misslang sein Versuch, sich in Marokko der bewaffneten Rebellion gegen den spanischen Kolonialismus anzuschlie\u00dfen, um die Taktiken des Guerilla-Kriegs kennenzulernen. In den n\u00e4chsten Jahren besuchte er Berlin, M\u00fcnchen. Im November 1911 war er in Konstantinopel, um muslimische Unterst\u00fctzung im Kampf gegen die Briten zu gewinnen. 1912 zog er nach New York und 1914 nach San Francisco, wo er die tamilische Ausgabe der hinduistischen Ghadar Bewegung herausgab, die 1913 von seinem Freund Har Dayal gegr\u00fcndet wurde, der Mitglied der IWW war und Kontakte zur Anarchistin Emma Goldman hatte.<br \/>\nZu einem \u00fcberzeugten Sozialisten und Anarchisten wurde Acharya aber erst einige Jahre sp\u00e4ter. Nach Beginn des Ersten Weltkrieges suchten die indischen Antikolonialisten zun\u00e4chst das B\u00fcndnis mit dem kaiserlichen Deutschland. Er geh\u00f6rte mit seinem Freund Chatto zu den Gr\u00fcndern des \u201eBerliner Komitees\u201c, das mit Unterst\u00fctzung \u201eder Nachrichtenstelle f\u00fcr den Orient\u201c den Widerstand gegen die britische Kolonialherrschaft organisieren wollte. Er verbrachte die n\u00e4chsten beiden Jahre in Konstantinopel und im Nahen Osten, mit dem Ziel, ein indisches Freiwilligenkorps zu bilden. Im September 1917 nahmen Acharya und Chatto an der internationalen sozialistischen Konferenz in Stockholm teil. Jedoch zeigten die sozialistischen Parteien der Koloniall\u00e4nder kein Interesse f\u00fcr die Interessen der Inder. Dies war anders bei den Bolschewiki, die zur Unterst\u00fctzung der Kolonien gegen den Imperialismus aufriefen.<br \/>\nIm Dezember 1918 reiste Acharya mit einer Gruppe indischer Nationalisten nach Moskau und war Mitglied einer Delegation, die im Mai 1919 mit Lenin zusammentraf. In den n\u00e4chsten beiden Jahren pendelte er zwischen Kabul und Taschkent, wo er im Oktober 1920 zu den Mitbegr\u00fcndern der Kommunistischen Partei Indiens geh\u00f6rte. Aber schon wenige Monate wurde er ausgeschlossen, weil er die Befreiung Indiens nicht den Interessen der Komintern unterordnen wollte. Er ging nach Moskau, wo er seine Frau, die Malerin Magda Nachmann, kennenlernte und enge Kontakte zu AnarchistInnen unterhielt. Da die politische Situation in der Sowjetunion zunehmend schwieriger wurde, flohen Acharya und seine Frau Ende November 1922 nach Berlin.<br \/>\nDort nahm Acharya mit einer Gruppe von Indern am Gr\u00fcndungskongress der Internationalen Arbeiterassoziation (IAA) teil, auf dem eine Gruppe gebildet wurde, die anarchistische Literatur nach Indien senden sollte. Dieses Vorhaben wurde aber schnell von der indischen Regierung verboten und auch die Versuche, indische Arbeiterorganisationen mit der IAA zu verbinden, scheiterten. In Berlin wurde Acharya zum bewussten Anarchisten. Er schrieb und \u00fcbersetzte Artikel f\u00fcr die Theoriezeitschrift der IAA, Die Internationale und den Pressedienst der IAA. Zudem hatte er enge Kontakte zur Internationalen Antimilitaristischen Kommission und seine Artikel erschienen weltweit in der anarchistischen Presse.<br \/>\nSeinem Freund Chatto assistierte er auf dem Gr\u00fcndungskongress der Liga gegen den Imperialismus in Br\u00fcssel 1927. Aber aufgrund seiner ausgepr\u00e4gten antibolschewistischen Haltung kam es bald zum Bruch mit Chatto.<br \/>\nAcharya setzte sich lebenslang intensiv mit Gandhi auseinander, blieb aber ambivalent gegen\u00fcber seinen Ideen und Praktiken. Anl\u00e4sslich des Salzmarsches 1930 schrieb er: \u201eOhne ein Anh\u00e4nger Gandhis zu sein, bin ich ein Bewunderer des Gandhismus, wie er heute in Indien praktiziert wird\u201c. Gandhi \u201e\u00fcberholte und verunsicherte die Regierung und ihre Bereitschaft, ihre errungene Vorherrschaft \u00fcber alle zu nutzen und zu rechtfertigen. Als solcher agierte er als anarchistischer Taktiker ersten Ranges\u201c (S. 153).<br \/>\nNach der Macht\u00fcbernahme der Nazis wurde das Leben f\u00fcr Acharya und seine \u201ehalbj\u00fcdische\u201c Frau zu gef\u00e4hrlich in Berlin. Sie reisten im Februar 1934 nach Z\u00fcrich und wenige Monate sp\u00e4ter nach Paris. Im April 1935 kehrte Acharya nach Indien zur\u00fcck. In Bombay war er politisch weitgehend isoliert und seine Versuche, den Anarchismus in Indien zu verbreitern, fanden nur ein geringes Echo. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er wieder Kontakte zur anarchistischen Bewegung in Europa, den USA und Japan auf. Nach dem Tod seiner Frau, von deren Einnahmen als Malerin das Ehepaar haupts\u00e4chlich lebte, starb er v\u00f6llig verarmt 1954 in Bombay.<br \/>\nAcharya wurde nicht nur in der Geschichtsschreibung des indischen Unabh\u00e4ngigkeitskampfes, sondern auch in der des Anarchismus \u00fcbersehen. Seine Biografie, so Laursen mache deutlich, dass er nicht \u201eam Rande der internationalen anarchistischen Bewegung\u201c agierte, sondern eine \u201eweltweit bekannte Pers\u00f6nlichkeit\u201c war (S. 11.). Bei dem Buch von Laursen handelt es sich um eine bedeutende wissenschaftliche Arbeit, die das Resultat zehnj\u00e4hriger Forschung in fast 30 Archiven weltweit ist. Man kann nur hoffen, dass es trotz der englischen Sprache und des hohen Preises auch in Deutschland zur Kenntnis genommen wird. Wer sich n\u00e4her mit dem Thema besch\u00e4ftigen will, empfehle ich den ausf\u00fchrlichen Rezensionsaufsatz von Melitta Waligora \u00fcber \u201eAnarchismus in S\u00fcdasien\u201c. ((1))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seinen unver\u00f6ffentlichten Memoiren schrieb Rudolf Rocker \u00fcber seine Beziehungen zu einem Kreis indischer Student*innen und Exilant*innen in Berlin. \u201eFast alle waren ausgesprochene indische Nationalisten, doch gab es unter ihnen auch einige, die f\u00fcr freiheitliche Ideen ein reges Interesse bekundeten\u201c. 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