{"id":31029,"date":"2024-03-11T20:02:49","date_gmt":"2024-03-11T18:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/das-vergessen-ist-keine-option\/"},"modified":"2024-03-11T20:02:49","modified_gmt":"2024-03-11T18:02:49","slug":"das-vergessen-ist-keine-option","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/das-vergessen-ist-keine-option\/","title":{"rendered":"Das Vergessen ist keine Option"},"content":{"rendered":"<p>Nimmt man eine Recherche- und Vorbereitungszeit von zwei Jahren f\u00fcr eine Buchver\u00f6ffentlichung an, dann geht Walter L. Berneckers Besch\u00e4ftigung mit der Erinnerungskultur Spaniens inzwischen ins 20. Jahr. ((1))<br \/>\nEine Obsession oder die Einsicht in eine Notwendigkeit? Die aktuelle Diskussion um die AfD und die Remigrationspl\u00e4ne zwingt aktuell zur Einsicht in die Notwendigkeit. H\u00f6rt man sich die Reden bei den \u201eNie wieder ist jetzt\u201c-Demos an, dann sind die beeindruckendsten Beitr\u00e4ge diejenigen, denen es gelingt, einen Mosaikstein aus der Vergangenheit hervorzuzerren, der zeigt, wohin denn ein \u201eWieder\u201c f\u00fchren w\u00fcrde. Etwa wenn die j\u00fcdische Professorin aufzeigt wieviele Mitb\u00fcrger*innen an einem Tag in den Z\u00fcgen aus einer Stadt f\u00fcr immer verschwanden oder der Vertreter der Behindertenverb\u00e4nde daran erinnert, dass die ersten 28 behinderten Menschen, die 1939 im w\u00fcrttembergischen Grafeneck umgebracht wurden, aus Bayern angekarrt wurden. Die Organisatoren der m\u00f6rderischen T-4-Aktion handelten schnell.<br \/>\n1933, kaum an der Macht, handelten die Nazis sofort, der Polizeiapparat unter G\u00f6ring wurde z\u00fcgig von demokratisch orientierten Beamt*innen ges\u00e4ubert. Historische Erinnerungsarbeit, die den baden-w\u00fcrttembergischen AfD-Vorsitzenden dazu veranlasst, zu glauben, dass ein AfD-Innenminister sofort die Beobachtung seiner Partei durch den Verfassungsschutz beenden und stattdessen die Gr\u00fcne Jugend ins Visier nehmen w\u00fcrde. Vergessen die ehemalige Forderung den Verfassungsschutz abzuschaffen! Nun, kurz vor der erwarteten Machtaus\u00fcbung, wird er bereits als ganz brauchbar eingesch\u00e4tzt, dienstbeflissen den eigenen W\u00fcnschen nachzukommen. Ob er dabei falsch liegt, darf bezweifelt werden, schlie\u00dflich stand einst ein Herr Gehlen Pate.<br \/>\nIm 2020 wieder aufgelegten Buch \u201eKampf der Erinnerungen\u201c beschreiben Bernecker und S\u00f6ren Brinkmann die verschiedenen Phasen der Erinnerungsarbeit in Spanien nach dem siegreichen Putsch Francos bis ins Jahr 2004. Berneckers neue Brosch\u00fcre \u201eGeschichte und Erinnerungskultur\u201c kn\u00fcpft daran an und endet 2023 mit einem Ausblick, der prognostiziert, dass die Auseinandersetzungen weitergehen werden. \u201eDer Kampf um die Erinnerung bleibt politisiert und wird die spanische Gesellschaft noch lange spalten.\u201c (S.68)<br \/>\nKehren wir mit Berneckers fundiertem Wissen \u00fcber den Spanischen B\u00fcrgerkrieg und seinen Organisationen zur tiefgreifenden Spaltung der Gesellschaft zur\u00fcck. Mit dem Sieg des Franco-Faschismus 1939 in Spanien wurde die andere H\u00e4lfte der Gesellschaft v\u00f6llig negiert, deren Geschichte sollte es nicht mehr geben und niemand sollte sich mehr daran erinnern, was z.B. die Erfahrungen der \u201eSozialen Revolution\u201c gebracht hatten. Der ultranationalistisch-klerikale Staat schuf seine Heldenverehrung, neue Rituale und eliminierte den anderen Teil der Gesellschaft durch Anpassungsdruck, Zwangsarbeit, Vereinnahmung, Massenerschie\u00dfungen, Todesurteile und Kerker. Wer sich die Vielzahl staatlicher Repressalien zur Unterdr\u00fcckung menschlicher Freiheit vergegenw\u00e4rtigen will, findet in dem erstmals 2006 erschienenen Buch eine  ausf\u00fchrlich recherchierte Sammlung \u00fcber die M\u00f6glichkeiten eines faschistischen Regimes. Da totalit\u00e4re Herrschaft jedoch nicht ewig mit Repression gesichert werden kann, geht es im Anschluss um die Eroberung der K\u00f6pfe, um die Deutungshoheit \u00fcber die vergangenen und zuk\u00fcnftigen Ereignisse. Ausf\u00fchrlich beschreiben die Autoren, wie sich der El Caudillo selbst inszenierte, welche Mythen und Geschichtsklitterungen wieder und wieder erz\u00e4hlt wurden, bis hin zum ungeniert verk\u00fcndeten \u201eNeuen Festkalender der Sieger\u201c.<br \/>\nWas lange funktionierte, das begann mit den Nachwehen der weltweiten Jugendbewegung in den 1970er Jahren auch in Spanien zu br\u00f6ckeln. Nach Francos Tod im November 1975 schien kurzzeitig alles m\u00f6glich. Es war zu erleben, wie vielf\u00e4ltig eine junge Generation sich 1976 auf den Weg machte und 1977 die Stra\u00dfen beherrschte, um alle unterdr\u00fcckten Ideen und politischen Str\u00f6mungen zu diskutieren und damit zu experimentieren. Initiativen wurden gestartet, Gewerkschaften und Organisationen entstanden neu, das Leben verlagerte sich auf die \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tze, auf Spontandemos und Stra\u00dfencaf\u00e9s und der Anspruch setzte sich durch, das eigene Leben zu ver\u00e4ndern, von Opus Dei zur Anarchie oder wenigstens zum Trotzkismus, \u00fcberall war eine unglaubliche Kraft zu sp\u00fcren. 600.000 Menschen nahmen vom 22. bis 25. Juli 1977 am internationalen anarchistischen Kongress Jornades Llibert\u00e0ries Internacionals in Barcelona teil. Aber wer meinte, der Prozess gehe weiter, war fassungslos, dass schon 1978 fast nichts mehr davon zu finden war.<br \/>\nDie Transition hatte Einkehr gehalten. Die Forderung nach Amnestie aller politischen Verbrechen betraf und beruhigte die Mehrheit auf beiden Seiten der Gesellschaft, zumal keine Totalamnestie f\u00fcr politische Gewalttaten umgesetzt wurde, die vielleicht den ein oder anderen Widerspruch provoziert h\u00e4tte. Verzeihen, Vergeben, Vergessen sollte die Gesellschaft vers\u00f6hnen. Der Pakt von Moncloa schuf 1977 die wirtschaftspolitischen Eckdaten, um radikale Gewerkschaften am Aufschwung zu hindern. Die Bereitschaft, sich damit zufrieden zu geben, war gro\u00df. Aufgeschobene gro\u00dfe Reformen, beruhigende kleine Reformen, erste Zugest\u00e4ndnisse bei regionalen Autonomierechten, wechselnde Regierungen taten das \u00dcbrige, eine Auseinandersetzung mit dem Geschehenen abzuw\u00fcrgen. Damit war eine Verfolgung von T\u00e4tern genauso im Keim erstickt wie eine Wiedergutmachung f\u00fcr die Opfer.<br \/>\nUnd sollten doch Fragen aufkommen, dienten kleine Ausnahmen als Beruhigung, dass doch alles irgendwie gut w\u00fcrde. 1977 erreichten Historiker*innen die \u00d6ffnung der Archive zur Zerst\u00f6rung Guernicas durch die deutsche Luftwaffe; die Sichtung ergab 1978 eine Mitschuld Francos. Immerhin kam diese Information in der breiten \u00d6ffentlichkeit an, aber dies lie\u00df nicht darauf schlie\u00dfen, dass sich eine wirklich tiefgreifende ver\u00e4nderte Sichtweise in der spanischen Gesellschaft durchsetzte. Das bewiesen die traditionellen Siegesfeiern der Franqisten, die weiterhin organisiert werden konnten. Bernecker stellte die Frage, weshalb das Verschweigen funktionierte, trotz der Tatsache, dass noch viele Zeitzeug*innen lebten? Er beantwortet sie mit der Angst der Verliererseite vor einem Wiederaufleben der Repressionen und der Entt\u00e4uschung \u00fcber die ausgebliebenen Reformen. Der Historiker stellt eine um sich greifende Entpolitisierung fest. Im Nachwort zur gro\u00dfen Untersuchung von 2006 halten die beiden Autoren fest, dass im Jahr 2000 86% der Befragten stolz auf die Transition waren, dass eine Demokratie ohne Vergangenheitsbew\u00e4ltigung nicht nur akzeptiert, sondern begr\u00fc\u00dft wurde.<br \/>\nDas Ende der Transition kam mit dem Wahlsieg der rechten Partido Popular 1996. Jetzt wurden die kleinen Ver\u00e4nderungen unter den sozialistisch gef\u00fchrten Regierungen in Frage gestellt. Und der Kampf um die Deutungshoheit der eigenen Geschichte nahm von Seiten der Nationalisten neue Fahrt auf. Erste Stimmen von Demokrat*innen lie\u00dfen die beiden Autoren nicht unbeeindruckt: \u201eIst die Wiedergewinnung der historischen Erinnerung (\u2026 ) wom\u00f6glich sogar kontraproduktiv, insofern sie die derzeitige politische Konfrontation zus\u00e4tzlich anheizt und so auch die Spaltung der Gesellschaft bef\u00f6rdert?\u201c (S.364) Eine vorsichtige Rettung f\u00fcr die Erinnerungsarbeit suchten beide Autoren in der Tatsache, dass Exhumierungen in einem Dorf, die Bewohner*innen anders zur\u00fccklassen. Diese Beobachtung, dass Wissen ver\u00e4ndert, deutet aber an, um was es geht und gehen muss, die Wahrnehmung der St\u00e4rke von Erinnerungsarbeit.<br \/>\nDie neue Brosch\u00fcre \u201eGeschichte und Erinnerungskultur\u201c greift die Themen bruchlos wieder auf. Auf den ersten 32 Seiten erfahren Leser*innen, die das erste Buch kennen, nichts Neues. Auf den folgenden 36 Seiten versucht Bernecker die Analyse der Erinnerungsarbeit in Spanien bis in die 2020er Jahr fortzuschreiben. Er beschreibt die Regionalisierung, greift die endlich diskutierten Verbrechen an den \u201egestohlenen Kleinkindern\u201c auf, ein Trauma, dem heute ukrainische Kinder ausgesetzt sind. Der lange verz\u00f6gerte Weg zu einem neuen \u201eGesetz zur demokratischen Erinnerung\u201c hat die Polarisierung der spanischen Gesellschaft zwischen rechts\/nationalistisch und links\/sozialistisch\/regionalistisch wieder verst\u00e4rkt. Wobei angesichts der weltweiten Entwicklungen in allen Demokratien die Frage zu stellen ist, wieviele spanische und wieviele europ\u00e4ische und ideologische Anteile die Spaltung der Gesellschaft mitverursachen. Letztlich wurde das Gesetz am 19.10.2022 verabschiedet und enth\u00e4lt die richtige Pr\u00e4misse: \u201eDas Vergessen ist keine Option f\u00fcr eine Demokratie.\u201c (S.56) Bernecker schlie\u00dft seine neue Arbeit mit einer Kritik an der Mythisierung der spanischen Geschichte durch die konservativen und nationalistischen Parteien und sieht die Erinnerungsarbeit der Zukunft direkt abh\u00e4ngig vom jeweiligen Wahlausgang.<br \/>\nWas mir zu kurz kommt, ist eine explizite Analyse, dass Erinnerungsarbeit von allen jeweils an der gesellschaftlichen Macht befindlichen Regierungen instrumentalisiert wird. Egal ob von rechts oder von links, jede Regierung versucht aus ihrer Machtposition heraus, Gelder und politische Narrative in die gew\u00fcnschte Richtung zu verschieben. Seine ausf\u00fchrlichen Analysen sind lesenswert und enthalten viel Wissenswertes. Trotzdem klebt gerade durch seine Schritt f\u00fcr Schritt vorgehende historische Aufarbeitung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse die Erinnerungsarbeit an den jeweiligen politisch einflussreichen Narrativen und scheint keine eigene Kraft entwickeln zu k\u00f6nnen. Damit macht er Erinnerungsarbeit zum Spielball der Kr\u00e4fte. Immer mal wieder scheint im Text durch, dass die Polarisierung der Gesellschaft bedauert wird.<br \/>\nWeshalb die Polarisierungen weltweit entstehen und Gewicht bekommen, lohnt sich zu untersuchen und zu verstehen, um die News gegen die Fake News zu verteidigen. Erinnerungskultur arbeitet mit belegten historischen Fakten, sie hat eine eigene St\u00e4rke, unabh\u00e4ngig von politischer Vereinnahmung. Eine Analyse muss das Ziel haben, die Vereinnahmungen zu entlarven, das gelingt Bernecker nur bei der Vereinnahmung von rechts. Es kann nicht um eine Erinnerungskultur gehen, die abh\u00e4ngig ist von rechts oder links, sondern um den Kampf, Wahrheiten und Geschehnisse \u00f6ffentlich zu verteidigen, zu erforschen, abzusichern und zu verbreiten. Auch und gerade wenn sie unbequem sind. In diesem Sinn sind Stolpersteine in Deutschland wichtige Mahnungen an Verbrechen an der Menschlichkeit, in Deutschland ausge\u00fcbt von Deutschen. Stolpersteine in Spanien, die in erster Linie nur an die in die KZs \u2013 besonders zahlreich nach Mauthausen \u2013 verschleppten Menschen erinnern, haben noch nicht dieselbe Qualit\u00e4t, solange sie nicht an die Opfer in Spanien von Spaniern erinnern.<br \/>\nWenn es bei der Erinnerungskultur deshalb ausschlie\u00dflich um historische Fakten gehen muss, dann entsteht die Frage, wie diese an die Menschen kommen in Zeiten, in denen computergesteuerte Algorithmen die Handys mit manipulierenden YouTube-Clips \u00fcberschwemmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nimmt man eine Recherche- und Vorbereitungszeit von zwei Jahren f\u00fcr eine Buchver\u00f6ffentlichung an, dann geht Walter L. Berneckers Besch\u00e4ftigung mit der Erinnerungskultur Spaniens inzwischen ins 20. Jahr. ((1)) Eine Obsession oder die Einsicht in eine Notwendigkeit? Die aktuelle Diskussion um die AfD und die Remigrationspl\u00e4ne zwingt aktuell zur Einsicht in die Notwendigkeit. 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