{"id":31031,"date":"2024-03-11T20:02:49","date_gmt":"2024-03-11T18:02:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/vielfalt-aber-kein-durcheinander\/"},"modified":"2024-04-04T01:37:51","modified_gmt":"2024-04-03T23:37:51","slug":"vielfalt-aber-kein-durcheinander","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/vielfalt-aber-kein-durcheinander\/","title":{"rendered":"Vielfalt, aber kein Durcheinander"},"content":{"rendered":"<p>Der Untertitel verspricht sehr viel. Man k\u00f6nnte meinen, dass in diesem Buch eine zusammenh\u00e4ngende Theorie des Anarchismus vorgelegt wird. Gl\u00fccklicherweise beugt der Haupttitel diesem Eindruck von vornherein vor, k\u00fcndigt er doch an, dass es um Gesellschaftsentw\u00fcrfe geht. Es sind also keine Beschreibungen der Verh\u00e4ltnisse, wie sie sind, sondern wie sie aus anarchistischer Perspektive sein sollen. Der Plural deutet an, dass es gerade nicht um Einheitlichkeit geht. Und das gilt nicht nur f\u00fcr die Inhalte, sondern auch f\u00fcr die Textsorten in dem Band: Neben wissenschaftlichen Texten gibt es kommentierende Stellungnahmen und Debattenbeitr\u00e4ge, Vortr\u00e4ge, Interviews und sogar k\u00fcnstlerische Beitr\u00e4ge. Ein Sammelsurium also, das beim Lesen viel Abwechslung bringt, worauf man sich aber auch einlassen muss. Kurzum: Eine leichte Lekt\u00fcre ist das nicht, zumal die meisten Autor*innen sowie die Herausgeber*innen einen akademischen Hintergrund haben. Sie lassen das aber gl\u00fccklicherweise sprachlich nur selten heraush\u00e4ngen.<br \/>\nUmrahmt wird das Buch von einem Vorwort von Konstantin Wecker und drei Texten von ihm als Ausblick. Ich muss gestehen, dass ich sie zuerst gelesen habe. Die Texte sind warmherzig geschrieben und sehr reflektiert argumentiert. In diesem Ausblick kommen noch zwei weitere prominente Anarchisten zu Wort: Noam Chomsky im Interview und Ilija Trojanow mit einem Mut machenden Pl\u00e4doyer f\u00fcr herrschaftsfreie Erz\u00e4hlungen. Es w\u00e4re jedoch irref\u00fchrend, diesen lockeren Rahmen stellvertretend f\u00fcr das gesamte Buch zu nennen. Dieses ist n\u00e4mlich in erster Linie (sozial)wissenschaftlicher Theoriebildung verpflichtet.<br \/>\nInteressant ist, dass ausgerechnet in einem anarchistischen Buch die \u00f6konomische Basis so ausf\u00fchrlich \u2013 n\u00e4mlich fast die H\u00e4lfte des Buches \u2013 diskutiert wird: Es geht um partizipatorische, solidarische und gerechte \u00d6konomie der Mitbestimmung und Selbstverwaltung, die fundamental anders ist als das gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem, das auf Profit, Wachstum, Ausbeutung, Herrschaft setzt. Dass dieses utopische Wirtschaftskonzept so ausf\u00fchrlich und detailliert ausgef\u00fchrt wird, mag etwas \u00dcberwindung beim Lesen kosten. Es wird aber gerade dadurch lebendig und verharrt nicht in abstrakten Vorstellungen vom Ganzen; die gesellschaftliche Entwicklung ist ohnehin nicht prognostizierbar.<br \/>\nGelegentlich musste ich bei der Lekt\u00fcre einiger Texte etwas schmunzeln: Wenn wirtschaftswissenschaftlich geschulte Menschen ein Gesamtkonzept entwickeln, baut es auf sehr rationalen \u2013 eben wirtschaftlichen \u2013 Vorstellungen auf. Irgendwie scheint in diesen Planungen irrationales Verhalten entweder nicht vorzukommen oder sozial austariert zu sein. Andererseits beeindruckt mich die Vielzahl der angesprochenen praktischen Herausforderung. Sogar eine anarchistische Buchhaltung wird durchdekliniert. Weitere alternative Wirtschaftstheorien wie die Postwachstums\u00f6konomie (degrowth, steady state) finden leider keinen Platz (au\u00dfer abwertend in einer Fu\u00dfnote); daf\u00fcr ist Karl Marx im Hintergrund immer anwesend. Das will ich aber nicht grunds\u00e4tzlich kritisieren, schlie\u00dflich will der Band kein wirtschaftswissenschaftliches Handbuch sein.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong> Es geht um partizipatorische, solidarische und gerechte \u00d6konomie der Mitbestimmung und Selbstverwaltung, die fundamental anders ist als das gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem, das auf Profit, Wachstum, Ausbeutung, Herrschaft setzt.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Auch im zweiten Teil wird eine gesellschaftliche Perspektive \u201ezur \u00dcberwindung \u00fcberfl\u00fcssiger sozialer Herrschaft\u201c eingenommen. Erneut bringen die Texte eine Vielfalt von Ansichten und Aspekten zum Ausdruck, sind mal theoretisch, mal anwendungsbezogen, besch\u00e4ftigen sich mit dem Nationalstaat oder mit \u201eFrauenmacht ohne Herrschaft\u201c (danke Ilse Lenz f\u00fcr die mal wieder herausragende Argumentation!), ja sogar mit Rechtsfragen (am Beispiel afrikanischer Gesellschaften). Auch ohne direkten Bezug zum Post-Kolonialismus gelingt es dem Buch, eine westlich zentrierte Argumentation wenn schon nicht ganz zu vermeiden, so doch immer wieder zu relativieren: Das ist Pluralismus im besten Sinn, also nicht die beliebige Ansammlung von Ansichten, sondern immer eingeordnet unter der Frage, wie Herrschaft von Menschen \u00fcber Menschen vermieden werden kann.<br \/>\nIm dritten Teil geht es um \u201ekonkrete Formen alternativer Entscheidungsfindungen\u201c, also nicht mehr um die Gesellschaft insgesamt, sondern um Gruppen, auch um sehr gro\u00dfe. In diesen Beitr\u00e4gen werden etwa praktische Umsetzungen besprochen jenseits des Mehrheitsprinzips, wie wir es aus repr\u00e4sentativen Demokratien kennen. Und sogar das Philosophieren kann einen praktischen Zweck erf\u00fcllen zur Bef\u00e4higung von Gemeinschaft.<br \/>\nIch bin beeindruckt von der argumentativen Sorgfalt der Beitr\u00e4ge. Sie zeigen, dass anarchistische Politik zum einen \u00fcberhaupt theoretisch fundiert sein kann und zum anderen die Theoriebildung nicht bei den bekannten Theoretiker*innen des 19. und 20. Jahrhunderts stehen geblieben ist. Den Band durchziehen mehrere feministische Beitr\u00e4ge, die die Argumentation immer wieder erfrischend aufmischen.<br \/>\nDie erste Auflage ist \u00fcbrigens nach wenigen Wochen schon ausverkauft \u2013 kein schlechtes Zeichen f\u00fcr ein theoretisches Buch. Die zweite Auflage erscheint voraussichtlich zur Leipziger Buchmesse im M\u00e4rz 2024 und kann den Leser*innenkreis gerne noch weiter verbreiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Untertitel verspricht sehr viel. Man k\u00f6nnte meinen, dass in diesem Buch eine zusammenh\u00e4ngende Theorie des Anarchismus vorgelegt wird. Gl\u00fccklicherweise beugt der Haupttitel diesem Eindruck von vornherein vor, k\u00fcndigt er doch an, dass es um Gesellschaftsentw\u00fcrfe geht. 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