{"id":31039,"date":"2024-03-11T20:02:50","date_gmt":"2024-03-11T18:02:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/das-dritte-reich-als-groesster-bordellbetreiber-europas-2\/"},"modified":"2024-06-28T15:57:34","modified_gmt":"2024-06-28T13:57:34","slug":"das-dritte-reich-als-groesster-bordellbetreiber-europas-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/das-dritte-reich-als-groesster-bordellbetreiber-europas-2\/","title":{"rendered":"Das Dritte Reich als \u201egr\u00f6\u00dfter Bordellbetreiber Europas\u201c"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Sexualit\u00e4t unterlag im Konzentrationslager einer geschlechtsspezifischen Konnotation \u2013 Frauen und M\u00e4dchen waren einer anderen Art des Terrors ausgesetzt als ihre m\u00e4nnlichen Mith\u00e4ftlinge. Zwar existierte auch unter m\u00e4nnlichen KZ-Gefangenen sexueller Missbrauch, z.\u2006B. durch Funktionsh\u00e4ftlinge, die sich wiederholt an sehr jungen M\u00e4nnern vergingen (die sogenannten \u201ePipel\u201c). Aber weibliche H\u00e4ftlinge wurden regelm\u00e4\u00dfig mit einer Vielzahl sexueller \u00dcbergriffe konfrontiert. Die Bewachung erfolgte eben nicht konsequent durch weibliches SS-Personal, sondern sie wurden, z.\u2006B. auf Transport, bei der Verbringung zur Zwangsarbeit, bei der Ankunft im KZ, immer wieder m\u00e4nnlichen SS-Wachen gegen\u00fcbergestellt. Bereits bei der Ankunft im Lager setzte oft der erste Schock durch die Hinnahme erzwungener Nacktheit ein. Allein w\u00e4hrend der Aufnahmeprozedur kam es vielfach zu Beschimpfungen, Besch\u00e4mungen, Schl\u00e4gen und ungewollten Ber\u00fchrungen nackter Frauen und M\u00e4dchen durch die SS. Erzwungene Nacktheit existierte im KZ abseits der Aufnahmeprozedur auch bewusst als Strafe und Dem\u00fctigung, z.\u2006B. bei Appellen oder w\u00e4hrend der Pr\u00fcgelstrafe. Viele Frauen erlebten durch den Schock der Verbringung ins Lager, die Mangelern\u00e4hrung und das Elend ein Ausbleiben ihrer Menstruation. Die Frauen, deren Zyklus nicht aussetzte, hatten keine Monatshygiene zur Hand und waren den Schikanen und Dem\u00fctigungen ausgesetzt. Eine ehemalige KZ-Gefangene berichtete: \u201eDen Frauen rann das Blut die Schenkel runter, sie konnten sich nicht helfen und so weiter (\u2026) und ich bin zur Block\u00e4ltesten gegangen, weil ich was gebraucht h\u00e4tte und sie hat zu mir gesagt: \u201aHalt die Hand drunter.\u2018\u201c ((1)) Auch das ist sexualisierte Gewalt.<br \/>\nIm KZ wurden die Schamgrenzen weiblicher Gefangener permanent \u00fcberschritten. Hemmungsloser Voyeurismus und verbale Erniedrigungen durch das SS-Personal waren allt\u00e4glich. Zur Vielfalt der ausge\u00fcbten sexuellen Gewalt z\u00e4hlten auch: das Scheren der Kopfhaare mit dem Ziel, die Weiblichkeit der Frauen zu verletzen, Zwangssterilisationen, medizinische, vor allem gyn\u00e4kologische Versuche, sexuelle \u00dcbergriffe, Vergewaltigungen und auch die Zwangsprostitution in den KZ-Bordellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Errichtung der KZ-Bordelle, also der Bordelle f\u00fcr m\u00e4nnliche KZ-Gefangene, muss auch im Hinblick des Systems KZ als Herrschafts- und Terrorinstrument gesehen und in seiner wirtschaftlichen Bedeutung f\u00fcr den NS-Staat betrachtet werden. Denn allein die Implementierung von Konzentrationslagern erm\u00f6glichte der SS die wirtschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit.<br \/>\nMit dem Programm \u201eVernichtung durch Arbeit\u201c wurde deutlich, dass der NS-Staat die \u201eVolksfeinde\u201c eben auch als Arbeitskr\u00e4fte ansah, deren wirtschaftliche Ausbeutung dem Nationalsozialismus dienen sollte. Damit stellte sich nat\u00fcrlich die Frage, wie die KZ-Gefangenen am besten auszubeuten seien. Bereits 1942 hatten Wirtschaftsvertreter, u.a. die IG Farben, auf die Einf\u00fchrung eines Belohnungssystems f\u00fcr H\u00e4ftlinge gedr\u00e4ngt. Dieses sollte die H\u00e4ftlinge zu noch mehr Arbeit \u201emotivieren\u201c und auf ihre Interessen \u201eFressen, Freiheit, Frauen\u201c eingehen. Auch der Reichsf\u00fchrer SS Heinrich Himmler \u00e4u\u00dferte sich schon im Jahr 1942 zur Einf\u00fchrung eines Pr\u00e4miensystems f\u00fcr m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge: \u201eF\u00fcr notwendig halte ich allerdings, da\u00df in der freiesten Form den flei\u00dfig arbeitenden Gefangenen Weiber in Bordellen zugef\u00fchrt werden. Ebenso mu\u00df ein gewisser kleiner Akkordlohn da sein. Wenn diese beiden Bedingungen gegeben sind, wird die Arbeitsleistung enorm steigen.\u201c ((2))<br \/>\nDa die immer brutalere Behandlung der KZ-H\u00e4ftlinge keine weitere Arbeitssteigerung hervorbrachte, wurde 1943 vom Chef des Wirtschaftsverwaltungshauptamtes, Oswald Pohl, ein ausgekl\u00fcgeltes Pr\u00e4miensystem in Kraft gesetzt. Dieses galt f\u00fcr \u201eH\u00e4ftlinge, die sich durch Flei\u00df, Umsichtigkeit, gute F\u00fchrung und besondere Arbeitsleistung auszeichnen\u201c ((3)) und gew\u00e4hrte f\u00fcnfstufig \u201e1. Hafterleichterung, 2. Verpflegungszulagen, 3. Geldpr\u00e4mien, 4. Tabakwarenbezug, 5. Bordellbesuch\u201c ((4)), wobei der Bordellbesuch f\u00fcr m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge die h\u00f6chste Stufe des Pr\u00e4miensystems darstellte, der nur H\u00e4ftlingen mit hervorragenden Arbeitsleistungen gew\u00e4hrt werden sollte. Zwei Reichsmark sollte der Bordellbesuch kosten, 45 Pfennig davon sollte die gemeinhin als \u201eBordellinsassin\u201c bezeichnete Frau erhalten.<br \/>\nNeben der Steigerung der Ausbeutung m\u00e4nnlicher H\u00e4ftlinge durch die in Aussicht gestellte Motivation, eine Frau, wie es in den Dokumenten hei\u00dft, \u201egeschlechtlich zu gebrauchen\u201c, wird auch deutlich, dass die SS diese Bordelle nutzte, um die Intimsph\u00e4re und das Sexualleben ihrer Gefangenen zu kontrollieren und zu \u00fcberwachen. Das ganze nationalsozialistische Bordellsystem, von Bordellen f\u00fcr KZ-H\u00e4ftlinge und Zwangsarbeiter bis hin zu Bordellen f\u00fcr SS, Wehrmacht und Polizei, machte den Anspruch auf totale Kontrolle der Menschen und die Annullierung ihrer Privatsph\u00e4re durch das NS-System deutlich. Auch die Sexualit\u00e4t sollte zuk\u00fcnftig den NS-\u201eRasse\u201c-Regularien unterliegen und zudem gesundheitlich \u00fcberwacht sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bordelle, in denen sich m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge als Freier bet\u00e4tigen konnten \u2013 und damit zu T\u00e4tern an ihren weiblichen Mitgefangenen wurden \u2013 existierten ab 1942 in Mauthausen und Gusen, Flossenb\u00fcrg, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora. In Mauthausen, Gusen und Auschwitz lagen die Bordelle in direkter N\u00e4he zum Lagertor oder am Appellplatz, in Buchenwald hingegen errichtete man es in einem abgelegenen Winkel des KZ. Grund daf\u00fcr war ein Schreiben des SS-Obersturmbannf\u00fchrers Arthur Liebehenschel vom Wirtschaftsverwaltungshauptamt, in welchem er den Kommandanten vierer Konzentrationslager erkl\u00e4rte, ihm sei \u201ebei der Besichtigung bereits fertiggestellter Sonderbauten aufgefallen, da\u00df diese nicht besonders g\u00fcnstig liegen. Der Hauptamtschef hat angeordnet, da\u00df bei der Errichtung weiterer Sonderbauten darauf zu achten ist, da\u00df diese ihrer Zweckbestimmung gem\u00e4\u00df etwas abseits liegen und nicht von allen m\u00f6glichen Leuten begafft werden k\u00f6nnen.\u201c ((5))<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Konzentrationslager sollten \u201esauber\u201c aussehen. Nichts Aufsehenerregendes wie Krematorien oder Bordelle sollte bei Begehungen erkennbar sein. Daf\u00fcr spricht auch das Schreiben des SS-Gruppenf\u00fchrers und Generalleutnants der Waffen-SS, Gl\u00fccks, an die Lagerkommandanten, in welchem er anordnete: \u201eBei Lagerbesichtigungen sind die Bordelle und Verbrennungsanlagen nicht zu zeigen. Zu den Besichtigungsteilnehmern darf \u00fcber diese Einrichtungen auch nicht gesprochen werden. Hierf\u00fcr ist die ausdr\u00fcckliche Genehmigung des Reichsf\u00fchrer-SS erforderlich (\u2026).\u201c ((6))<br \/>\nAuch der Name der KZ-Bordelle \u2013 \u201eSonderbauten\u201c \u2013 verweist auf das Bed\u00fcrfnis der SS, die Bedeutung dieser Einrichtungen zu verstecken und zu verschweigen. Begriffe des Nationalsozialismus, in denen das Wortteil \u201eSonder-\u201c verwendet wurde, dienten dazu, die eigentliche Bedeutung des Geschehens zu verschleiern \u2013 so waren \u201eSonderkommandos\u201c in den KZ z.\u2006B. daf\u00fcr zust\u00e4ndig, Gaskammern und Krematorien in Betrieb zu halten und \u201eSonderbehandlungen\u201c bezeichneten euphemistisch die Erschie\u00dfung von Menschen. Und auch der \u201eSonderbau\u201c sollte isoliert und versteckt sein \u2013 denn dort, wo die SS ihre Herrschaft \u00fcber Leben und Tod und die totale Kontrolle \u00fcber jegliche menschliche Intimsph\u00e4re auslebte, sollte es am besten gar keine st\u00f6rende Zeugenschaft geben.<br \/>\nNicht nur Zeuginnen, sondern Opfer der Zwangsprostitution durch die SS \u2013 aber auch Opfer ihrer sich an ihnen als Freier bet\u00e4tigenden m\u00e4nnlichen Mitgefangenen \u2013 waren die Frauen in diesen \u201eSonderbauten\u201c. Wo sie herkamen und wie sie f\u00fcr die \u201eSonderbauten\u201c selektiert wurden, soll Thema der 3. Folge dieser Artikelreihe \u00fcber KZ-Bordelle sein. <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern\/\">Teil 3<\/a> erscheint voraussichtlich im April in der GWR 488.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sexualit\u00e4t unterlag im Konzentrationslager einer geschlechtsspezifischen Konnotation \u2013 Frauen und M\u00e4dchen waren einer anderen Art des Terrors ausgesetzt als ihre m\u00e4nnlichen Mith\u00e4ftlinge. Zwar existierte auch unter m\u00e4nnlichen KZ-Gefangenen sexueller Missbrauch, z.\u2006B. durch Funktionsh\u00e4ftlinge, die sich wiederholt an sehr jungen M\u00e4nnern vergingen (die sogenannten \u201ePipel\u201c). 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