{"id":31044,"date":"2024-03-11T20:02:50","date_gmt":"2024-03-11T18:02:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/der-letzte-privatier\/"},"modified":"2024-04-20T22:51:55","modified_gmt":"2024-04-20T20:51:55","slug":"der-letzte-privatier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/03\/der-letzte-privatier\/","title":{"rendered":"Der letzte Privatier"},"content":{"rendered":"<p>Webers satirische Zeitbilder, die sich mit Militarismus, Industrialisierung und Umweltverschmutzung besch\u00e4ftigen, lassen jeden doppelten Boden vermissen, sind oft plakativ und meistens plump. Trotzdem hat gerade dieser K\u00fcnstler eine Lithografie hinterlassen, die vielleicht wie kein anderes Bild zum Spiegel der Jetztzeit taugt, sie tr\u00e4gt den Titel \u201eDer letzte Privatier\u201c.<br \/>\nWas ist auf dem Bild zu sehen? Die Internetseite des A.-Paul-Weber-Museums in Ratzeburg liefert folgende Kurzbeschreibung: \u201eEin Mann sitzt gem\u00fctlich vor seinem idyllischen H\u00e4uschen, das er mit starken Mauern umgeben hat, in einer toten, zerst\u00f6rten Welt, die ihn aber nicht zu k\u00fcmmern scheint.\u201c ((3))<\/p>\n<p><strong>K\u00fcnstler der imperialen Lebensweise<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Weber innerhalb des aktuellen Parteienspektrums irgendwo noch Bewunderer hat, dann in den Reihen der AfD. Die parteinahe Desiderius-Erasmus-Stiftung hat jedenfalls einmal sein Bild \u201eDer Denunziant\u201c in ihrer Hauszeitung abgedruckt. ((4)) Gerade in diesem Umfeld erweist sich Webers Kunst aber vielleicht als subversiver als vom K\u00fcnstler selbst beabsichtigt.<br \/>\nDass die AfD gar keine Alternative, sondern genauso neoliberal ist wie das Gros ihrer parteipolitischen Konkurrenz, ahnt wohl auch der w\u00fctendste Wutb\u00fcrger in seinen stillen Stunden. ((5)) Der einzige Unterschied zwischen den sich untereinander kaum unterscheidenden \u201eAltparteien\u201c und der neuen Scheinopposition besteht darin, dass letztere den globalen Kapitalismus gar nicht erst verstanden hat und glaubt, dass man die \u201eFreiz\u00fcgigkeit von Waren\u201c von der \u201eFreiz\u00fcgigkeit von Menschen\u201c abkoppeln kann. Immerhin hat die AfD den Vorteil, dass sie in aller Deutlichkeit das zum Ziel ihrer Politik erkl\u00e4rt, was unausgesprochen und verdr\u00e4ngt schon l\u00e4ngst g\u00e4ngige Alltagspraxis ist: jene Lebensweise, die Weber in \u201eDer letzte Privatier\u201c karikiert hat.<br \/>\nDie Politikwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen haben diese Lebensweise als \u201eimperial\u201c definiert, womit sie deutlich machen wollen, dass der westliche Lebensstil seine Kosten externalisiert, was so viel hei\u00dft wie: auf die Natur und den globalen S\u00fcden abw\u00e4lzt. ((6)) F\u00fcr das Duo ist das der europ\u00e4ische Status quo. Die Politik der EU beschreiben sie daher als \u201eVersuch, einen Wohlstand, der auch auf Kosten anderer entsteht, gegen die Teilhabeanspr\u00fcche ebendieser anderen zu verteidigen\u201c. ((7))<br \/>\nDiese Analyse beruht nicht auf protestantischer Schuldethik, wie immer wieder behauptet wird, sondern auf ganz materialistischen Tatsachen. Globaler Handel ist bekanntlich nicht viel mehr als Import von Rohstoffen in die Zentren und Export von Abfall in die Peripherien. So war es zumindest noch in der guten alten Zeit. ((8))<br \/>\nWenn es aber vor einigen Jahren f\u00fcr den durchschnittlichen mitteleurop\u00e4ischen Menschen noch m\u00f6glich war, die Bedingungen und Folgen seines Lebens zu ignorieren \u2013 schlie\u00dflich waren die meisten Kriege noch fern, der Klimawandel nur eine Theorie und die Zukunft ein fr\u00f6hliches Werbeversprechen \u2013, ist dies seit den geh\u00e4uft auftretenden \u201eZeitenwenden\u201c nicht mehr ohne weiteres m\u00f6glich. ((9))<br \/>\nWer die aktuellen Zeitungsmeldungen zusammenz\u00e4hlt, kann im Ergebnis das Ende der Welt f\u00fcr wahrscheinlicher halten als das von Fukuyama deklarierte Ende der Geschichte. Auch weniger apokalyptisch gesonnenen Zeitgenoss:innen wird die eigene Zukunft zumindest unsicherer, gef\u00e4hrdeter und bedrohlicher als fr\u00fcher erscheinen.<\/p>\n<p><strong>Warn- oder Wunschbild?<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend in n\u00e4chster Nachbarschaft der Sieg eines imperialistischen Despoten \u00fcber ein angegriffenes Land nicht mehr unm\u00f6glich erscheint, bombardiert etwas weiter weg (aber immer noch sehr nah) ein anderer Despot ein Volk, das kurz vorher noch ma\u00dfgeblich dazu beigetragen hat, einen faschistischen Staat zu besiegen, und nun versucht, auf dessen Tr\u00fcmmern einen Garten zu pflanzen. ((10))<br \/>\nAls Antwort auf den sich zuziehenden Ring aus Tod und Zerst\u00f6rung scheint auch den L\u00e4ndern auf dem europ\u00e4ischen Kontinent der Seligen nichts Besseres als Aufr\u00fcstung und Militarisierung einzufallen. Wenn die Welt gef\u00e4hrlicher wird, m\u00fcssen wir es auch werden. Der Klimawandel trifft sowieso erst mal die anderen.<br \/>\nObwohl sich die gesellschaftliche Mehrheit noch dar\u00fcber einig ist, dass die erstarkenden Rechtsparteien nichts Gutes im Schilde f\u00fchren, sieht es derzeit nicht so aus, als ob eine andere Zukunft wahrscheinlicher w\u00e4re als die der \u201eFestung Europa\u201c. Obwohl allen mittlerweile klar sein sollte, dass ein unbegrenzter Klimawandel humanit\u00e4re Katastrophen zur Folge haben wird, die zu Migrationsbewegungen f\u00fchren, die alles bisher Erlebte wie ein harmloses Vorgepl\u00e4nkel erscheinen lassen, bleiben alle, bis auf die Rechten, auffallend still.<br \/>\nDer Zynismus, den Parteien wie die AfD immer hemmungsloser herausschreien, ist vielleicht auch die klammheimlich gehegte letzte Hoffnung des sich noch \u00fcber den menschenfeindlichen Nazi emp\u00f6renden B\u00fcrgers. Im tiefsten Inneren denkt er: \u201eWenn es f\u00fcr uns ungem\u00fctlich wird, wird der Staat uns schon sch\u00fctzen.\u201c Mit anderen Worten: Grenzen sichern, Mauern hochziehen und dann gem\u00fctlich im Garten grillen. Deutschland. Aber normal.<br \/>\nDer anst\u00e4ndige B\u00fcrger unterscheidet sich momentan zwar noch dadurch vom Rechtsradikalen, dass er hofft, dass die Mauern und Grenzen nicht noch weiter gesichert und hochgezogen werden m\u00fcssen, weil Vater Staat ein Zaubermittel finden wird, um die drohenden Gefahren in Luft aufzul\u00f6sen. Aber was wird er fordern, wenn dies nicht gelingt? Was wird der B\u00fcrger bereit sein, selbst zu tun? Was wird er bereit sein aufzugeben? Es gibt wenig Grund zum Optimismus, denn die unl\u00e4ngst mit Pandemie und Energiewende gemachten Erfahrungen lassen nicht einmal die Hoffnung zu, dass am Menschenrecht auf Inlandsflug und Billigfleisch ger\u00fcttelt werden darf, ohne dass es zum Volksaufstand kommt.<br \/>\nIst \u201eDer letzte Privatier\u201c, wie ihn Weber zeichnete, f\u00fcr viele vielleicht eher ein idyllisches Wunsch- als ein schreckliches Warnbild?<\/p>\n<p><strong>Globale Krise, lokaler Kitsch<\/strong><\/p>\n<p>\u201eFor every wall you build around your fear \/ A thousand darker things are born in here\u201c, dichtet der Countryrockmusiker Steve Earle in seinem Lied \u201eThe Truth\u201c. Mehr muss man \u00fcber eine Zukunft inmitten von Mauern nicht sagen.<br \/>\nSp\u00e4testens angesichts der Klimakrise hat die Umweltbewegung begriffen, dass die Pflege des eigenen Gartens nicht mehr ausreicht. Aus \u201ethink globally, act locally\u201c ist inzwischen \u201eact globally, act locally\u201c geworden. Tats\u00e4chlich kann eine bessere Zukunft f\u00fcr alle aber ohne \u201eact globally\u201c nicht erreicht werden. Den von der Klimakrise am st\u00e4rksten betroffenen Menschen im globalen S\u00fcden muss tats\u00e4chlich geholfen werden. Nicht, weil wir sie von uns fernhalten sollten, sondern weil wir selbst dazu beitragen, dass ihnen nur noch die Flucht zu uns als Zukunftsperspektive bleibt. \u201eFluchtursachen bek\u00e4mpfen\u201c ist aber auch l\u00e4ngst zum Lippenbekenntnis aller politischen Parteien avanciert. Zaghafte Versuche gleichen in der Praxis aber h\u00e4ufig nur dem Versuch, eine Badewanne zu leeren, ohne den St\u00f6psel zu ziehen und den Wasserhahn zuzudrehen.<br \/>\nMit \u201eHilfe\u201c kann nicht mehr die paternalistische \u201eEntwicklungshilfe\u201c von gestern gemeint sein. Wir sind kein Vorbild, zu dem sich auch andere entwickeln sollten. Im Gegenteil: Die gr\u00f6\u00dfte Hilfe w\u00fcrden die V\u00f6lker des S\u00fcdens dadurch bekommen, wenn wir unseren eigenen, weltzerst\u00f6renden Kurs \u00e4ndern w\u00fcrden.<br \/>\nUnd wie steht es um das \u201eact locally\u201c? Zwei autorit\u00e4re Besserwisser haben vor l\u00e4ngerer Zeit in einer teilweise noch g\u00fcltigen Zeitdiagnose geschrieben: \u201eAn die Stelle der alten lokalen und nationalen Selbstgen\u00fcgsamkeit und Abgeschlossenheit tritt ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abh\u00e4ngigkeit der Nationen voneinander.\u201c ((11)) Dem ist schwerlich zu widersprechen. Soll also auch die Umweltbewegung dem Lokalismus endg\u00fcltig entsagen?<br \/>\nAngesichts der globalen Katastrophen wird tats\u00e4chlich jede nur aufs Lokale sich beziehende Utopie unweigerlich zum Kitsch. Auch davon zeugt Webers Gesamtwerk. Und dennoch: Ein Garten muss keine Spie\u00dfer-idylle inmitten von Zerst\u00f6rung sein. G\u00e4rten sind auch Orte der Begegnungen, des Austausches und des Teilens, wie Gemeinschaftsg\u00e4rten und solidarische Landwirtschaftsprojekte seit Jahrzehnten zeigen. Sie sind, wie Niko Paech sagt, \u201eReallabore\u201c f\u00fcr eine andere Zukunft. ((12)) Also immerhin etwas.<br \/>\nNachdem er die Welt von ihrer schlechtesten Seite kennengelernt hat, f\u00e4llt Voltaires Held Candide auch nicht mehr ein als sein \u201eil faut cultiver notre jardin\u201c. ((13)) Und Bernard Charbonneau, der in Deutschland noch zu entdeckende radikale \u00d6kologe, schlie\u00dft sein Buch \u201eLe Jardin de Babylone\u201c mit dem Aufruf: \u201eDas Wunder von Babylon ist dieser irdische Garten, den wir nun gegen die M\u00e4chte des Todes verteidigen m\u00fcssen.\u201c ((14))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Webers satirische Zeitbilder, die sich mit Militarismus, Industrialisierung und Umweltverschmutzung besch\u00e4ftigen, lassen jeden doppelten Boden vermissen, sind oft plakativ und meistens plump. Trotzdem hat gerade dieser K\u00fcnstler eine Lithografie hinterlassen, die vielleicht wie kein anderes Bild zum Spiegel der Jetztzeit taugt, sie tr\u00e4gt den Titel \u201eDer letzte Privatier\u201c. 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