{"id":3108,"date":"2000-01-01T00:00:57","date_gmt":"1999-12-31T22:00:57","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3108"},"modified":"2022-07-26T13:56:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:58","slug":"gedachtnisveranstaltung-fur-paul-wulf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2000\/01\/gedachtnisveranstaltung-fur-paul-wulf\/","title":{"rendered":"Ged\u00e4chtnisveranstaltung f\u00fcr Paul Wulf"},"content":{"rendered":"<p>Ca. 250 BesucherInnen h\u00f6ren am 5.11. der Ged\u00e4chtnisveranstaltung in der ESG-Aula und dem <em>Caf\u00e9 Die Weltb\u00fchne<\/em> zu. Das Publikum bildet eine seltene Mischung: Exotische Gestalten, wohlsituierte Ehepaare, eine Familie mit kleinen Kindern, StudentInnen, Angestellte, Selbst\u00e4ndige, Frauen und M\u00e4nner im sog. besten Alter, RentnerInnen, Unterschicht, Oberschicht, Intellektuelle, ArbeiterInnen. Menschen, die nur ein besonderes Ereignis zusammenf\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Werner Lindemann er\u00f6ffnet die Veranstaltung. Vor Jahren hatte er Paul eine Ausstellung erm\u00f6glicht und sich daf\u00fcr eingesetzt, da\u00df ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Jetzt schildert er, worum es an diesem Abend geht. Es solle keine Trauerveranstaltung sein sondern ein Fest. Es sei etwas sehr erfreuliches, da\u00df sich so viele FreundInnen von Paul zusammengefunden h\u00e4tten, obgleich sie sich untereinander oft fremd seien. Es zeige sich, da\u00df vieles vom Wirken Pauls noch sehr lebendig sei, das die Versammelten offenbar nicht in Vergessenheit geraten lassen wollten. Dann erl\u00e4utert er die Programmpunkte des Abends.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich der leise und intensive Klang einer Fl\u00f6te. Das <em>Duo Contraviento<\/em> kommt in die Au-la. Die melancholischen Kl\u00e4nge der Quena, einem indianischen Instrument aus S\u00fcdamerika, lassen die Anwesenden verstummen. Isabel Lipthay beginnt zu singen, das aus Ecuador stammende Lied: &#8222;Ich m\u00f6chte, da\u00df ihr mich begrabt in einem dunklen, frischen Krug aus Lehm.&#8220; Kaum eineR der Anwesenden d\u00fcrfte den Text verstanden haben, aber jedeR sp\u00fcrt, da\u00df dieses Lied Trauer, Respekt und Liebe zum Ausdruck bringt.<\/p>\n<p>Die Musik verstummt, Michael Holm, ein bekannter Theaterschauspieler, tr\u00e4gt Texte von Paul Wulf und von Erich M\u00fchsam vor. Er l\u00e4sst Pauls biographische Notizen lebendig werden und gibt zu Protokoll, wovon hier nur drei Passagen wiedergegeben werden sollen:<\/p>\n<p>Passage 1: &#8222;Mit dem Jahr 1935 traten die N\u00fcrnberger Gesetze in Kraft, was sich auf die T\u00e4tigkeit des Pflegeperson auswirkte. Die Schwestern des Vincentiner-Ordens wurden von einer Welle der Diskriminierung erfa\u00dft: den Sittlichkeitsprozessen. 1935, es kann auch 1936 gewesen sein, erschien ein ber\u00fcchtigtes SS-Kommando von Arolsen, das uns Kinder fragte, ob die Schwestern uns sittlich mi\u00dfbraucht h\u00e4tten. Aber die Anwesenheit der SS-Banditen war nur von kurzer Dauer, was ich den zwei Ordensschwestern hoch anrechnen mu\u00df. Sie sagten n\u00e4mlich, da\u00df sie hier nichts zu suchen h\u00e4tten und verwiesen sie des Hauses. (&#8230;) Als Vorbote der Euthanasie lief 1936 eine Aktion. Ich kann mich erinnern, da\u00df einige Anstaltsinsassen durch Spritzen umgebracht wurden. Einer der Verantwortlichen war Dr. Kaldewey, der im Anschlu\u00df an diese Aktion die Gehirne der Get\u00f6teten zur Untersuchung nach Warstein brachte. Der dortige Arzt, Dr. Petermann, lehnte es jedoch ab, sich an dieser Leichensch\u00e4ndung zu beteiligen. So wu\u00dften wir Kinder schon fr\u00fchzeitig, wohin die Reise ging und da\u00df unser Leben in Gefahr war.&#8220;<\/p>\n<p>Passage 2: &#8222;Der entscheidende Monat war der November 1937. Meine Eltern stellten einen Antrag auf Entlassung aus dem St. Johannisstift in Niedermarsberg, was aber ohne ein Erbgesundheitsverfahren nicht m\u00f6glich war. Im Januar 1938 wurde von dem damaligen Erbgesundheitsgericht Arnsberg festgestellt, da\u00df ich angeblich schwachsinnig sei. So nahm es seinen Lauf, da\u00df ich im M\u00e4rz 1938 im Landeskrankenhaus Paderborn zwangssterilisiert wurde. (&#8230;) Bis heute kann ich diese Leute nicht als \u00c4rzte bezeichnen, h\u00f6chstens als Gesundheitsinspektoren oder Rassez\u00fcchter.&#8220;<\/p>\n<p>Passage 3: &#8222;Viel Zeit ist seit 1945 vergangen, seit der Niederlage des nationalsozialistischen Regimes. Viele f\u00fcr mich grausame Jahre sind vergangen, in denen ich als in der Jugend Verfolgter ohne Rechtsanspruch in diesem Rechtsstaat \u00fcbergangen worden bin., Mit sechzehneinhalb Jahren wurde ich sterilisiert. Seit 1949 f\u00fchre ich gegen diesen Rechtsstaat Prozesse, um meine Anspr\u00fcche geltend zu machen. Dabei mu\u00dfte ich in all den Jahren erkennen, da\u00df dieser Rechtsstaat in seinem Rechtsverst\u00e4ndnis alles daran setzte, den Kreis der Sterilisationsgesch\u00e4digten auszuschlie\u00dfen &#8211; sei es durch die Ausrede, auch in anderen L\u00e4ndern gebe es Sterilisationsgesetze, oder finanzielle Probleme w\u00fcrden eine Entsch\u00e4digung unm\u00f6glich machen.<\/p>\n<p>Aus diesen Gr\u00fcnden begann ich mir Gedanken zu machen, wer die Drahtzieher in unseren Rechtsinstitutionen waren, die eine Entsch\u00e4digung dieser Opfer verunm\u00f6glichen. Die ehemaligen Sonderrichter der Erbgesundheitsgesetze trugen in der Nachkriegs\u00e4ra dazu bei, Nazi-Gesetze f\u00fcr rechtskr\u00e4ftig zu erkl\u00e4ren. Sonderbare Vertreter waren in Gesundheitsdezernaten anzutreffen, die alles daran setzten, die Zwangssterilisierten auszuschlie\u00dfen. So unterstand das Gesundheitsdezernat am Oberfinanzpr\u00e4sidium M\u00fcnster einem Amtsrichter a. D., der in Berlin Erbgesundheitsrichter gewesen war. Der verstorbene Arzt Dr. Martini, der fr\u00fcher Leiter der vertrauens\u00e4rztlichen Stelle der Landesversicherungsanstalt war, bemerkte mir gegen\u00fcber, als ich ihn darauf aufmerksam machte, da\u00df mir eine Entsch\u00e4digung zustehe: \u201aSolange ich lebe, werden Sie keine Entsch\u00e4digung bekommen!&#8216; &#8220;<\/p>\n<p>Nach dem autobiographischen Bericht spielt und singt Pit Budde (Cochise) ein Lied, eine Ballade &#8222;f\u00fcr das Volk der Dichter und Henker&#8220;. Das Lied &#8222;Der Henker&#8220; erz\u00e4hlt die Geschichte der Ausfl\u00fcchte, mit denen T\u00e4ter, Mitt\u00e4ter, Henker sich zu rechtfertigen suchen. Es erz\u00e4hlt die Geschichten vom Befehlsnotstand, vom armen, kleinen Schr\u00e4ubchen in einer riesigen Maschinerie, von Pflicht und Gehorsam. &#8211; Was tun mit den Henkern, ohne sich von blinder Rache leiten zu lassen?<\/p>\n<p>Es folgt der Vortrag von Ernst Klee. Er hat sich wie nur wenige mit der Geschichte der deutschen Psychiatrie vor und w\u00e4hrend der Nazi-Zeit besch\u00e4ftigt und die &#8222;Euthanasie&#8220;-Verbrechen erforscht. Er stellt fest, da\u00df die deutsche Psychiatrie nicht von den Nazis mi\u00dfbraucht wurde: &#8222;die deutsche Psychiatrie brauchte die Nazis.&#8220; Mit den Nazis wurde es ihr m\u00f6glich, das umzusetzen, was sie schon seit Jahrzehnten gefordert hatte. Mit den Nazis waren jene an die Macht gekommen, die gewillt waren, &#8222;Rassenhygiene&#8220; und &#8222;Erbpflege&#8220; zu verwirklichen. Gesellschaftliche Gruppen wie z. B. die Kirchen und die Gewerkschaften hatten ihre M\u00e4rtyrerInnen, hinter denen sie sp\u00e4ter ihre Schuld verstecken konnten; die deutsche Psychiatrie hatte keine M\u00e4rtyrerInnen.<\/p>\n<p>Es ist sehr still, w\u00e4hrend Klee das System der &#8222;Euthanasie&#8220;-Verbrechen und ihrer wissenschaftlichen Legitimierung erkl\u00e4rt. Und diese endeten 1945 nicht; noch bis 1947\/48 ging das Morden in den Anstalten weiter. Das Personal setzte in der BRD seine Karrieren fort.<\/p>\n<p>Klee beantwortet die Frage, was das f\u00fcr eine Stadt gewesen sei, in der Paul Wulf nach dem Kriege lebte, mit welchen Menschen er hier u. a. umgeben war. Es folgt eine nicht enden wollende Liste von Leuten, die bei den Nazis als Rasseforscher und -hygieniker, als Selektierer und &#8222;Euthanasie&#8220;-Verbrecher t\u00e4tig waren und dann in M\u00fcnster bei Beh\u00f6rden oder an der Uni unterkamen. Viele Opfer der Nazis sahen sich sp\u00e4ter mit denselben Gutachtern konfrontiert und mu\u00dften sich ein zweites Mal dem\u00fctigen lassen.<\/p>\n<p>Dann zeigt der Dokumentarfilmer Robert Krieg den beeindruckenden WDR-Film &#8222;Die nicht vorhersehbare Sp\u00e4tentwicklung des Paul W.&#8220; <a name=\"o1\"><\/a> <a href=\"#u1\">(1)<\/a>.<\/p>\n<p>Drei Szenen seien hier wiedergegeben.<\/p>\n<p>Szene 1: Paul Wulf trifft nach Jahren wieder auf einen Mann, den er aus seiner Zeit in den 30er Jahren in Niedermarsberg kennt. Der Mann wohnt immer noch in dem Heim. Im Gespr\u00e4ch stellt sich heraus, da\u00df beide zwangssterilisiert wurden. Paul fragt den Mann, was er gegen dieses Unrecht unternommen habe. Nichts habe er unternommen, antwortet der Mann, er habe keine Angeh\u00f6rigen und Freunde drau\u00dfen, und er alleine habe nichts machen k\u00f6nnen. Die beiden schauen sich an. Paul schweigt und widerspricht nicht. Er wei\u00df, wie gering die Chancen sind und wie aussichtslos ein Kampf, wenn man sozial isoliert ist.<\/p>\n<p>Szene 2: Die Mutter von Paul erz\u00e4hlt mit stockender Stimme und Unterbrechungen von der Zwangssituation, in die sie geraten ist, als sie Paul aus dem Heim rausholen wollte. Nur wenn ihr Sohn zuvor sterilisiert w\u00fcrde, k\u00f6nne er entlassen werden, sei ihr gesagt worden. Um ihren Sohn vor der drohenden Ermordung zu bewahren, habe sie ja gesagt zu seiner Sterilisation. W\u00e4hrend sie dies erz\u00e4hlt, sitzt Paul ihr stumm gegen\u00fcber. Er kennt die Geschichte. &#8211; Ich wei\u00df, da\u00df Paul seine Mutter sehr geliebt hat. Vielleicht hat ihn die Infamie, mit der ihr die Zustimmung zu dem Eingriff in seine Pers\u00f6nlichkeitsrechte abgepre\u00dft wurde, tiefer verletzt als die Sterilisation selbst. Ihr Vorw\u00fcrfe zu machen liegt ihm fern.<\/p>\n<p>Szene 3: Paul zeigt eine seiner Ausstellungen. Wenn er sich den Besuchern f\u00fcr weitere Erkl\u00e4rungen anbietet, fragen diese: &#8222;Wer sind sie denn?&#8220; Da\u00df er der Ausstellungsmacher ist, \u00fcbersteigt deren Horizont. &#8222;Fassungslos steht die etwa 65j\u00e4hrige Frau, ganz in Schwarz gekleidet, adrettes H\u00fctchen auf dem Haar, vor der Bildtafel und liest immer wieder den Text. \u201aAlso das kann ich nicht glauben, da\u00df Dr. Schlaaf so etwas gemacht hat. &#8211; Ich bin seit drei\u00dfig Jahren Presbyterin, mein Vater war Mitglied der Bekennenden Kirche, ich habe zwanzig Jahre lang bei Dr. Schlaaf im Haushalt gearbeitet, also da h\u00e4tte ich ja etwas merken m\u00fcssen, wenn der so etwas gemacht h\u00e4tte!&#8216; Was sie nicht glauben kann, h\u00e4ngt als Faksimile eines amtlichen Dokuments vor ihr: die genau gef\u00fchrte Liste der Zwangssterilisierten des Evangelischen Krankenhauses in Lippstadt, dem ihr Br\u00f6tchengeber als Chefarzt vorstand. Die medizinischen Verbrechen, die unter dem Deckmantel der Erbgesundheitslehre begangen wurden, erzeugen trotz des Wissens um den nationalsozialistischen Holocaust eine besondere Fassungslosigkeit und Ungl\u00e4ubigkeit.&#8220; (zit. aus d. Dokumentation <a name=\"o2\"><\/a> <a href=\"#u2\">(2)<\/a> , S. 7)<\/p>\n<p>Die Veranstaltung l\u00e4uft nicht linear. Es wird in kleinen Gruppen diskutiert; es gibt Livemusikbeitr\u00e4ge, Texte gegen den Krieg, gegen die Klerisei, gegen das Philistertum werden vorgetragen. Es wird gegessen und getrunken. Junge Leute von der Volxk\u00fcche und der anarchosyndikalistischen Freien ArbeiterInnen Union (FAU) haben ein wundersch\u00f6nes B\u00fcfett vorbereitet und Getr\u00e4nkekisten herangeschafft; zum Selbstkostenpreis bewirten sie die G\u00e4ste. TeilnehmerInnen schildern \u00fcber das offene Mikrophon ihre Erinnerungen an Paul. Ein langj\u00e4hriger Freund von Paul, Volker Pade, der sich jetzt um die Sichtung und Aufbereitung seines Nachlasses k\u00fcmmert, dankt Agathe, Pauls Schwester. Sie ist auf einen Gehstock angewiesen, trotzdem hat sie es sich nicht nehmen lassen, zur Ged\u00e4chtnisveranstaltung ihres Bruders zu kommen. Volker wendet sich direkt an sie und dankt ihr f\u00fcr ihre praktische Solidarit\u00e4t, f\u00fcr ihre allt\u00e4gliche Sorge, durch die sie Paul seine antifaschistische Arbeit erst erm\u00f6glicht habe. Allzu oft werde ihre Leistung \u00fcbersehen; alle Anwesenden seien ihr verpflichtet.<\/p>\n<p>Gegen Ende der Veranstaltung komme ich mit einer \u00e4lteren Frau ins Gespr\u00e4ch. Mit Freunden aus Dortmund sei sie angereist, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen, erz\u00e4hlt sie mir. Sie sei J\u00fcdin und als Kind ins KZ Majdanek gekommen. Alle, die ihr Schicksal h\u00e4tten bezeugen k\u00f6nnen, seien dort umgebracht worden. Nach dem Ende des Nationalsozialismus habe sie \u00e4hnliches erlebt wie Paul. Dann schaut sie mich an mit einem Blick voller Sorge, Angst und Hoffnung: &#8222;Noch nie in meinem ganzen Leben bin ich auf einer Versammlung mit so vielen Menschen gewesen, wo ich das sichere Gef\u00fchl hatte, jeder von ihnen ist wirklich ein Antifaschist.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ca. 250 BesucherInnen h\u00f6ren am 5.11. der Ged\u00e4chtnisveranstaltung in der ESG-Aula und dem Caf\u00e9 Die Weltb\u00fchne zu. Das Publikum bildet eine seltene Mischung: Exotische Gestalten, wohlsituierte Ehepaare, eine Familie mit kleinen Kindern, StudentInnen, Angestellte, Selbst\u00e4ndige, Frauen und M\u00e4nner im sog. besten Alter, RentnerInnen, Unterschicht, Oberschicht, Intellektuelle, ArbeiterInnen. 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