{"id":31116,"date":"2024-04-01T14:22:17","date_gmt":"2024-04-01T12:22:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern\/"},"modified":"2024-06-28T16:06:11","modified_gmt":"2024-06-28T14:06:11","slug":"bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/bordelle-in-deutschen-konzentrationslagern\/","title":{"rendered":"Bordelle in deutschen Konzentrationslagern"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurden ab 1942 Bordelle gebaut, in denen m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge sich als Freier bet\u00e4tigen konnten. Diese KZ-Bordelle existierten in Mauthausen und Gusen, Flossenb\u00fcrg, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora. Die Frauen, die in diesen KZ-Bordellen anschaffen mussten, hatten fast alle eines gemeinsam: den schwarzen Winkel, der auf den Haftgrund der \u201eAsozialit\u00e4t\u201c hinwies.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber wer oder was galt im Nationalsozialismus als \u201easozial\u201c?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieser schwammige Begriff war auch im \u201eDritten Reich\u201c keineswegs fest definiert. Der Rassenhygieniker Fred Dubitscher schrieb dazu in seiner \u201eerb- und sozialbiologischen Untersuchung\u201c: \u201e(\u2026) die Besch\u00e4ftigung mit den Fragen der Asozialit\u00e4t verlangt in gleicher Weise kriminalbiologisches, sozialbiologisches, wirtschaftspolitisches, \u00e4rztlich-psychiatrisches und erbbiologisches Denken und Urteilen. (\u2026) Der Begriff \u00b4asozial\u00b4 kennzeichnet ja doch eine seelisch-soziale Haltung in und zu der Gemeinschaft, die sich von der durchschnittlichen Haltung als abwegig im unerw\u00fcnschten Sinn unterscheidet. (\u2026) Die soziale Wertbeurteilung (also auch \u201aasozial\u2018) ist ja doch prim\u00e4r ausschlie\u00dflich Sache des Volksempfindens.\u201c ((1))<br \/>\nAllgemein, so f\u00fchrte er aus, w\u00fcrden zur Gruppe der \u201eAsozialen\u201c folgende Personen z\u00e4hlen: \u201eKriminelle, Verwahrloste, Arbeitsscheue, Bettler, Prostituierte, Rauschmittels\u00fcchtige, Trunks\u00fcchtige, F\u00fcrsorgez\u00f6glinge, Vagabunden u. a.\u201c ((2)) All diesen Menschen sei eines gemeinsam: \u201ees handelt sich um Verhaltensweisen in Form von Handlungen oder Unterlassungen, die von der sozialen Norm abweichen und die dadurch Leiden oder Sch\u00e4den verursachen.\u201c ((3))<br \/>\nUnterschieden wurde zwischen Menschen, die als \u201everwahrlost\u201c galten, und deren \u201easoziales\u201c Verhalten man ung\u00fcnstigen \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden zuschrieb und Menschen, deren unerw\u00fcnschtes Verhalten man als ererbt auffasste. \u201eAsoziale\u201c galten als Gefahr f\u00fcr das deutsche Volk, f\u00fcr den \u201egesunden Volksk\u00f6rper\u201c, und zwar auf biologischer, sozialer und finanzieller Ebene. In biologischer Hinsicht wurde ihnen unterstellt, sie w\u00fcrden ihre \u201eAsozialit\u00e4t\u201c weitervererben und zudem durch \u201efr\u00fche Geschlechtsreife\u201c und \u201eTriebhaftigkeit\u201c sehr viele (ebenfalls \u201easoziale\u201c) Kinder bekommen. So w\u00fcrden sie das Erbgut des deutschen Volkes sch\u00e4digen und \u201eherabziehen\u201c. Ihnen wurde vorgeworfen, durch ihr \u201egemeinschaftsfremdes\u201c Verhalten das Volk in sozialer Hinsicht zu sch\u00e4digen und zudem enorme Kosten zu verursachen, z.\u2009B. durch Heim- und Gef\u00e4ngnisaufenthalte oder indem sie der F\u00fcrsorge zur Last fielen. \u201eAsoziale\u201c sollten \u00fcber Erziehungs- und Bestrafungsma\u00dfnahmen weggesperrt und mithilfe dieser \u201eunsch\u00e4dlich\u201c gemacht werden \u2013 aber das reichte dem NS-Staat nicht. Denn im Dritten Reich galten nicht nur k\u00f6rperliche und seelische Beeintr\u00e4chtigungen und Krankheiten als unerw\u00fcnscht. Der Begriff des \u201emoralischen Schwachsinns\u201c sollte alle Personengruppen umfassen, die sich kriminell, \u201egemeinschaftsfremd\u201c, sexuell \u201etriebhaft\u201c oder unangepasst verhielten \u2013 und da \u201eAsozialit\u00e4t\u201c als erblich galt, und damit auch der \u201emoralische Schwachsinn\u201c, wurden viele dieser so kategorisierten Personen gegen ihren Willen unfruchtbar gemacht.<br \/>\n\u201eAsozial\u201c zu sein wurde somit verbiologisiert. Es wurde nicht verstanden als Ausdruck einer finanziellen und sozialen Armut, sondern als Charakter- und Erbgutdefizit. \u201eAsozial\u201c war immer auch eine Fremdzuschreibung. Niemand aus der \u2013 sehr homogenen \u2013 Gruppe der als \u201easozial\u201c klassifizierten Personen bezeichnete sich selbst so.<br \/>\nDer Kampf gegen \u201eAsozialit\u00e4t\u201c war immer auch ein Kampf gegen arme und prek\u00e4r lebende Menschen. Die Breite der gegen sie getroffenen Ma\u00dfnahmen war beachtlich. In der Aktion \u201eArbeitsscheu Reich\u201c wurden 1938 \u00fcber 10.000 M\u00e4nner, denen \u201eArbeitsscheu\u201c vorgeworfen wurde, in KZ eingeliefert. Damit \u00e4nderte sich in den KZ die Zusammensetzung der H\u00e4ftlingsgruppe, \u201eAsoziale\u201c stellten ab sofort die gr\u00f6\u00dfte H\u00e4ftlingskategorie. Die Verhaftung der \u201eArbeitsscheuen\u201c war vielfach von den Sozial- und F\u00fcrsorgebeh\u00f6rden veranlasst worden.<br \/>\nDie gegen \u201eAsoziale\u201c getroffenen Ma\u00dfnahmen waren vielf\u00e4ltig und zeugten von enormer H\u00e4rte: Bettlerrazzien, Unterbringungen in Arbeitsh\u00e4usern, Entm\u00fcndigungen von Personen durch F\u00fcrsorge\u00e4mter, Unterbringungen in geschlossenen Anstalten, Einweisung in spezielle, KZ-\u00e4hnliche Lager f\u00fcr F\u00fcrsorgeempf\u00e4nger, au\u00dferdem Schutzhaft, Sicherungsverwahrung und Vorbeugehaft, also die Inhaftnahme von Personen, bevor diese \u00fcberhaupt (erneut) strafrechtlich relevant in Erscheinung traten. Konkret zur Ausl\u00f6schung der unerw\u00fcnschten Personengruppe sollten die Zwangssterilisierungen und die T\u00f6tungen in den KZ beitragen \u2013 denn eine Besserung, Erziehung oder Versorgung von \u201eAsozialen\u201c war nie das Ziel des Nationalsozialismus gewesen. Die subproletarische Klasse, die unerw\u00fcnschte prek\u00e4re Schicht, sollte komplett ausgel\u00f6scht werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe des Krieges fand ein bemerkenswerter Wandel in der \u201eAsozialen\u201c-Politik statt.<br \/>\nHatten zun\u00e4chst m\u00e4nnliche Bettler, \u201eLandstreicher\u201c, Alkoholiker und \u201eArbeitsverweigerer\u201c im Fokus gestanden, konzentrierte sich die Verfolgung im Laufe des Dritten Reiches mehr und mehr auf \u201easoziale Sippen\u201c und auf sexuell freiz\u00fcgige Frauen \u2013 es fand sozusagen eine Feminisierung und Sexualisierung der \u201eAsozialen\u201c-Politik statt. Denn wer oder was genau \u201easozial\u201c war \u2013 das hatte keinen Endpunkt. Der Gummibegriff lie\u00df sich endlos dehnen, immer neu deuten und erfasste somit st\u00e4ndig neue Betroffenengruppen. Frauen, die sich in den Augen der Beh\u00f6rden \u201eherumtrieben\u201c, die \u201esexuell hemmungslos\u201c waren oder \u201esittlich tiefstehend\u201c, wurden nun ebenfalls erfasst und durch Polizei, Gesundheitsamt und F\u00fcrsorge verfolgt. Bereits die Unterstellung sexueller Unangepasstheit reichte aus, um in den Fokus der \u00c4mter zu geraten. Jede sexuelle Freiz\u00fcgigkeit, so unterstellte man den Frauen, w\u00fcrde unweigerlich zu einem bestimmten Zeitpunkt dazu f\u00fchren, dass die Frau sich prostituiere. Prostituierte waren sowieso als \u201eAsoziale\u201c kategorisiert \u2013 aber nun reichte es bereits aus, unbezahlt sexuelle Kontakte zu haben. Wer in Verdacht stand, sich heimlich zu prostituieren, oder wer wechselnde M\u00e4nnerbekanntschaften pflegte, wer in bestimmten Lokalen schlechten Rufs allein oder mit fremden M\u00e4nnern verkehrte, wer ein ungeregeltes Einkommen hatte, der konnte von den Beh\u00f6rden als \u201ehwG\u201c gelistet werden \u2013 als Person mit \u201eh\u00e4ufig wechselndem Geschlechtsverkehr\u201c. Dies galt als eine Art Vorstufe zur Prostitution und rechtfertigte bereits Ma\u00dfnahmen wie Vorbeugehaft.<br \/>\nDie meisten der Frauen, die in den KZ-Bordellen gezwungen wurden, sich von m\u00e4nnlichen KZ-H\u00e4ftlingen sexuell missbrauchen zu lassen, waren wegen \u201eAsozialit\u00e4t\u201c in die KZ eingeliefert worden. Ein Gro\u00dfteil der Frauen aus den KZ-Bordellen war also wegen ihrer Armut und ihres (vermeintlichen) Sexualverhaltens verfolgt und im KZ inhaftiert worden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der H\u00e4ftlingsgemeinschaft standen diese \u201easozialen\u201c Frauen ganz weit unten.<br \/>\nIm KZ trafen verschiedene Nationalit\u00e4ten, soziale Klassen und kulturelle Hintergr\u00fcnde aufeinander. Geschickt verstand es die NS-F\u00fchrung, in den KZ verschiedene Personengruppen gegeneinander auszuspielen und so eine Solidarisierung untereinander sowie das Entstehen einer sich als \u201eH\u00e4ftlingsgemeinschaft\u201c verstehenden Gruppe zu verhindern. Dies gelang u.a. durch die rassistische Hierarchisierung (deutsche H\u00e4ftlinge standen ganz oben in der H\u00e4ftlingsordnung, ganz unten standen Juden, Sinti, Roma und Angeh\u00f6rige der Sowjetunion). Die \u00dcbertragung von Verwaltungsaufgaben an bestimmte H\u00e4ftlinge im Austausch f\u00fcr Vorteile trug zur Spaltung der H\u00e4ftlingsgruppen ebenso bei wie das Winkelsystem. Vor allem Gr\u00fcnwinklige (\u201eKriminelle\u201c) wurden von den anderen H\u00e4ftlingen verachtet, aber auch Menschen mit schwarzen Winkeln, \u201eAsoziale\u201c galten als Bodensatz der KZ-Inhaftierten. Die betroffenen Frauen waren damit doppelt stigmatisiert, als Frau und als \u201eGemeinschaftsfremde\u201c \u2013 und diese Diskriminierung ging eben nicht nur von der SS, sondern auch von den Mith\u00e4ftlingen aus, denn auch in deren Sozialordnung teilte man Inhaftierte in \u201ewertvolle\u201c und \u201eminderwertige\u201c Mith\u00e4ftlinge ein. Vor allem den schwarzwinkligen Frauen wurde vorgeworfen, ihre Inhaftierung durch ihre \u201emoralischen Verfehlungen\u201c selbst verschuldet zu haben. Ihre Zugeh\u00f6rigkeit zu einer sozialen Randgruppe wurde also im KZ fortgef\u00fchrt \u2013 und auch nach dem Ende des Nationalsozialismus distanzierten sich Gemeinschaften ehemaliger H\u00e4ftlinge oft genug von den \u201easozialen\u201c ehemaligen Mith\u00e4ftlingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zusammenfassend l\u00e4sst sich also sagen: Die Frauen, die in den KZ-Bordellen zum Anschaffen gezwungen wurden, waren Frauen, die wegen ihrer Armut und wegen (unterstellter) sexueller Unangepasstheit und Prostitution verfolgt und in KZ inhaftiert worden waren \u2013 und auch dort standen sie in der Sozialordnung ganz unten, wurden von SS und Mith\u00e4ftlingen ausgegrenzt, stigmatisiert und diskriminiert.<br \/>\nWie gelangten diese Frauen nun aber aus den KZ in die damals als \u201eSonderbauten\u201c bezeichneten KZ-Bordelle? Darum soll es in der n\u00e4chste Folge dieser Reihe gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den nationalsozialistischen Konzentrationslagern wurden ab 1942 Bordelle gebaut, in denen m\u00e4nnliche KZ-H\u00e4ftlinge sich als Freier bet\u00e4tigen konnten. Diese KZ-Bordelle existierten in Mauthausen und Gusen, Flossenb\u00fcrg, Buchenwald, Auschwitz, Dachau, Neuengamme, Sachsenhausen und Mittelbau-Dora. 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