{"id":31122,"date":"2024-04-01T14:22:19","date_gmt":"2024-04-01T12:22:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/volk-der-mobber\/"},"modified":"2024-04-25T00:01:09","modified_gmt":"2024-04-24T22:01:09","slug":"volk-der-mobber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/volk-der-mobber\/","title":{"rendered":"Volk der Mobber"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Shitstorm wird produziert<\/strong><\/p>\n<p>Am Anfang dieser Geschichte steht eine Online-Reportage. Einen Tag lang begleitete ein Spiegel TV-Team Niclas M. und dokumentierte seine Freizeitaktivit\u00e4t: Parks\u00fcnder:innen bei den \u00f6rtlichen Ordnungs\u00e4mtern anzeigen.<br \/>\nDer daraus entstandene, 17-min\u00fctige Film zeichnet sich zum einen durch seinen fehlenden Nachrichtenwert aus. Ein Deutscher, der Parks\u00fcnder:innen aufschreibt? Wahrlich keine Neuigkeit. Zum anderen aber ist der Tonfall der Reportage bemerkenswert: Aussagen von Niclas M. greifen die Autor:innen nur ironisch auf, seine T\u00e4tigkeit und Person wird wiederholt ins L\u00e4cherliche gezogen. Die grenz\u00fcberschreitenden Verbalattacken der Parks\u00fcnder:innen werden dagegen in voller L\u00e4nge und unkommentiert gezeigt. Mehrfach k\u00f6nnen aggressive Autofahrer:innen M. so unter anderem als Denunziant bezeichnen. Eine Perspektive, die sich die Reportage durchaus zu eigen macht: Aus dem Off wird M. unter anderem als \u201eInformeller Mitarbeiter der Ordnungsmacht\u201c, \u201eAnschw\u00e4rzer vom Dienst\u201c, \u201eNervens\u00e4ge im Namen von Recht und Ordnung\u201c tituliert.<br \/>\nEin solcher journalistischer Umgang mit einer Person, kann man nur auf eine Art charakterisieren: Da wird einer zum Abschuss freigegeben. Es geht hier nicht darum ein kontroverses Thema von mehreren Seiten zu beleuchten, oder \u00fcber Interessantes zu berichten. Sondern hier wird der Volkszorn kanalisiert. Der Blick, den die Reportage auf M. wirft, ist nicht journalistisch, sondern der des deutschen Wutb\u00fcrgers. In einer solchen Perspektive kann M. nur verachtenswert sein. Man k\u00f6nnte auch sagen: Spiegel TV produziert einen Shitstorm.<br \/>\nUnd genauso kommt es auch: Kaum ist die Reportage online abrufbar wird M. zum Meme und zum Gegenstand von \u00fcblen Anfeindungen auf den sozialen Medien. Finch Asozial macht sich in einem Lied \u00fcber den 18.-j\u00e4hrigen lustig. Der youtube-Star Montana Black nennt ihn einen \u201eungeliebten, ungefickten Au\u00dfenseiter\u201c. Gro\u00dfe wie kleine tiktok-Kan\u00e4le blasen zur Hetzjagd. Bis passiert, was Montana Black, als \u201aVorhersage\u2018 verpackt, ank\u00fcndigte: M. wird krankenhausreif gepr\u00fcgelt.<\/p>\n<p><strong>Hass \u2013 nicht nur im Netz: Der autorit\u00e4re Charakter<\/strong><\/p>\n<p>Der eskalierende und drastische Hass im Netz erinnert an einen anderen Fall von Cybermobbing in der BRD: Das sogenannte Drachengame. Der youtuber Rainer Winkler, genannt Drachenlord, wird seit mehr als einem Jahrzehnt von zehntausenden von Anti-Fans (\u201aHaider\u2018) tyrannisiert. Diese \u00fcberziehen ihn nicht nur mit \u00fcblen Hasskommentaren (sie w\u00fcnschen sich seinen Tod, drohen den toten Vater auszugraben, verbreiten Vergewaltigungsfantasien gegen seine Schwester), sondern schrecken auch vor \u00fcblen Straftaten nicht zur\u00fcck. Inzwischen ist Winkler obdachlos und wird von seinen \u201aHaidern\u2018 zu deren Belustigung quer durch Deutschland gejagt. Der Hetzmob f\u00fchlt sich dabei im Recht: Sie f\u00fchren an, Winkler sei erstens grunds\u00e4tzlich b\u00f6se und verweisen auf tats\u00e4chliche oder vermeintliche Fehltritte des Drachenlords. Zweitens aber heben sie auf seine Armut, sein Aussehen und sein teils sonderbares Verhalten ab, das ihn, in ihren Augen, zurecht verachtenswert macht. Nicht anders im Fall des \u201aAnzeigenhauptmeisters\u2018: Auch hier entwickelt sich eine Internetkultur, die sich im Recht w\u00e4hnt gegen einen der \u201epeak Deutschtum\u201c (br.de) verk\u00f6rpert. Doch als vermeintlicher \u201eFalschparker-Denunziant\u201c (TV-Total) wird M. zugleich b\u00f6sartigen Erniedrigungen preisgegeben: M. ist anders. Nicht nur weil sein Hobby etwas ungew\u00f6hnlich ist. Seine monotone Redeweise sticht hervor, seine auff\u00e4llige, gelbe Warnwesten-Jacke, die etwas unbeholfene Selbstinszenierung. TV Total witzelt so \u00fcber das Aussehen des jungen Mannes, der schon erw\u00e4hnte Montana Black bezeichnet ihn als \u201eeinsam, ungeliebt, und ungefickt\u201c. Die Botschaft ist eindeutig: Da ist nicht nur einer, den wir hassen k\u00f6nnen, sondern der auch weniger wert ist, als wir. Entsprechend formiert sich der autorit\u00e4re Mob und schreitet zur verbalen und offensichtlich auch k\u00f6rperlichen Gewalt.<br \/>\nErkl\u00e4ren lassen sich beide F\u00e4lle nicht einfach nur mit Dynamiken im Internet. Was sich hier zeigt, kann man mit Theodor W. Adorno als Folge von \u201aautorit\u00e4ren Charakteren\u2018 betrachten.<br \/>\nAdorno und andere zeigen, dass insbesondere Personen, die in autorit\u00e4reren Umgebungen aufgewachsen und von ihnen gepr\u00e4gt sind, soziale und politische Widerspr\u00fcche schwer aushalten k\u00f6nnen. Statt diese zu l\u00f6sen, verschieben sie sie auf andere. Diese anderen werden einerseits als Feinde markiert, und andererseits als unterlegen gekennzeichnet. Als vernichtenswert und vernichtbar. Der autorit\u00e4re Charakter kann so nicht nur seine eigene Welt(sicht) stabilisieren, sondern sich in der Vernichtung des Feindes als \u00fcberlegen f\u00fchlen. Immer wieder bemerken \u201aHaider\u2018 im \u201aDrachengame\u2018 so, wie sehr es sie provoziert, dass Winkler nicht arbeitet, faulenzt, oder als Sondersch\u00fcler youtube macht. Die Provokation besteht darin, dass einer, den sie in ihrem Weltbild als unterlegen ansehen, es wagt, nicht nach ihren Vorstellungen zu leben. Diese \u201aProvokation\u2018 ist eigentlich ein Widerspruch gegen die strengen Leistungsnormen der Welt, in der sie sich bewegen. Statt diese Infragestellung einfach zu bearbeiten (vielleicht ist ja die Idee einer Leistungsgesellschaft falsch?), oder sie zu ignorieren, k\u00f6nnen die autorit\u00e4ren Charaktere nicht anders, als mit Hass auf die Provokation zu reagieren und die Stabilit\u00e4t ihrer Welt durch den Angriff auf und die Erniedrigung von Winkler wiederherzustellen.<\/p>\n<p><strong>Ein Neoliberalismus der Hetzmeuten<\/strong><\/p>\n<p>Dies gilt sicher auch im Fall von M. Dass einer, der nicht den Normen der Gesellschaft entspricht, zu Aufmerksamkeit kommt, ist sicher f\u00fcr viele Provokation genug. Doch kommt hier noch eine politische Ebene hinzu.<br \/>\nDas Ziel des \u201aAnzeigenhauptmeisters\u2018 ist es, Regelverst\u00f6\u00dfe von Autofahrer:innen zu melden. Deswegen unterzieht er sie im Grunde unangek\u00fcndigten Kontrollen. F\u00fcr Nutzer:innen des \u00d6PNV sind diese an der Tagesordnung. Dagegen k\u00f6nnen sich Autofahrer:innen sicher sein, dass ihnen so gut wie nichts passiert. Sie genie\u00dfen eine gewisse, privilegierte Position, die eigentlich nur die allgemeine Verkehrspolitik Deutschlands widerspiegelt: Der Staat subventioniert das Autofahren mit Milliarden von Euros (denken wir nur an Verg\u00fcnstigungen f\u00fcr Firmenw\u00e4gen), wehrt sich gegen Verkehrsbeschr\u00e4nkungen zu Gunsten der Reduzierung von Feinstaub, und will, trotz Klimakatastrophe keine Verkehrswende einleiten. W\u00e4hrend SUVs die Stra\u00dfen verstopfen, wurden so letztes Jahr Aktivist:innen der Letzten Generation unter anderem als Klima-RAF bezeichnet, Bayern sperrte Mitglieder der Gruppe ohne Prozess ein, Auto-fahrer:innen misshandelten sie regelm\u00e4\u00dfig. Der motorisierte Individualverkehr in Deutschland ist alternativlos. Gesellschaftliches, wie politisches Ideal ist es, ein Auto zu besitzen, das Land ist eine Republik der Autofahrer:innen. Freie Fahrt f\u00fcr freie B\u00fcrger.<br \/>\nGenau diese herausgehobene Position unterminiert Niclas\u00a0M. Sein Handeln ist im Grunde ein Widerspruch gegen unsere gesellschaftlichen Werten und politischen Strukturen, denn sie verweisen, zum Beispiel, auf das willige Versagen des Staates, der Parks\u00fcnder:innen nicht verfolgt, oder auf die ungeheuren Blechlawinen, die, genauso gewollt, unsere Innenst\u00e4dte vollstellen. Statt diesen Widerspruch anzuerkennen und zum Anlass zu nehmen, die Verkehrspolitik zu hinterfragen, formiert sich die Hetzmeute. Diese l\u00f6st den Widerspruch dadurch auf, dass sie zur Jagd auf einen Einzelnen bl\u00e4st.<br \/>\nUnd dieser gesellschaftliche Umgang mit dem \u201aAnzeigenhauptmeister\u2018 ist kein Einzelfall. Es zeichnet sich immer mehr die Tendenz in unserer Gesellschaft ab, jede Form der Hinterfragung des Status quo autorit\u00e4r zu beantworten. Die moderaten Forderungen der schon erw\u00e4hnten Letzten Generation wurden mit staatlicher Verfolgung und ebenfalls gewaltt\u00e4tigen Reaktionen aus dem Volk beantwortet. W\u00e4hrend Corona mussten Menschen, die f\u00fcr Solidarit\u00e4t einstanden, mit dem Doxxing und Angriffen der Querdenken-Community rechnen. Die \u00f6sterreichische \u00c4rztin Lisa-Maria Kellermayr wurde von der Meute sogar in den Selbstmord getrieben. Ein Gefl\u00fcchteter, der es einmal wagte, gegen das deutsche Asylsystem Stellung zu beziehen, wurde von der Springerpresse monatelange schikaniert und rassistischen Attacken aus der Gesellschaft ausgesetzt.<br \/>\nDie \u00fcblen Reaktionen auf den \u201aAnzeigenhauptmeister\u2018 sind nur eine Momentaufnahme in einem Prozess. Es scheint so, dass, je mehr unser Gesellschaftsmodell in die Krise f\u00e4llt, der autorit\u00e4re Charakter und die Jagdmeute attraktiver und gesellschaftlich akzeptabler werden. Wir erleben so die Entstehung einer Gesellschaft der Hetzmeuten, in der diejenigen, die die anders denken, die herausstechen oder als schw\u00e4cher erscheinen, keine Zukunft mehr haben, und kein Recht auf Partizipation.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Shitstorm wird produziert Am Anfang dieser Geschichte steht eine Online-Reportage. Einen Tag lang begleitete ein Spiegel TV-Team Niclas M. und dokumentierte seine Freizeitaktivit\u00e4t: Parks\u00fcnder:innen bei den \u00f6rtlichen Ordnungs\u00e4mtern anzeigen. Der daraus entstandene, 17-min\u00fctige Film zeichnet sich zum einen durch seinen fehlenden Nachrichtenwert aus. Ein Deutscher, der Parks\u00fcnder:innen aufschreibt? Wahrlich keine Neuigkeit. 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