{"id":31136,"date":"2024-04-04T01:36:10","date_gmt":"2024-04-03T23:36:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=31136"},"modified":"2024-04-16T01:22:39","modified_gmt":"2024-04-15T23:22:39","slug":"einladung-in-die-hoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/einladung-in-die-hoelle\/","title":{"rendered":"Einladung in die H\u00f6lle"},"content":{"rendered":"<p>Der Film wird als Kom\u00f6die oder Tragikom\u00f6die angek\u00fcndigt. Lustig ist die Filmhandlung allerdings eigentlich ganz und gar nicht. Der in schwarz-wei\u00df gedrehte Film zeigt das \u00fcberaus unangenehme Leben der Familienmutter Delia, die sich im Rom des Jahres 1946 nicht nur um die drei Kinder k\u00fcmmern und mit allerlei Hilfst\u00e4tigkeiten zum Haushaltseinkommen beitragen muss, sie ist auch regelm\u00e4\u00dfig den k\u00f6rperlichen und seelischen Misshandlungen ihres Ehemanns Ivano (Valerio Mastandrea) ausgesetzt. Au\u00dferdem muss sie Ivanos maladen Vater versorgen, der ebenfalls in der kargen Kellerwohnung wohnt und seinem Sohn einmal r\u00e4t, Delia nicht unentwegt zu verpr\u00fcgeln: \u201eGlaub deinem alten Vater. St\u00e4ndig Pr\u00fcgel, das geht nicht. Sie gew\u00f6hnt sich sonst dran. Eine richtige Tracht Pr\u00fcgel ab und an, dann kapiert sie\u00b4s. So machte ich es mit deiner Mama. Hast du uns je streiten sehen? Nein? Und warum? Weil sie meine Cousine war und weil Familie wichtig ist!\u201c Die gewaltt\u00e4tigen M\u00e4nner und ihr tumbes chauvinistisches Selbstverst\u00e4ndnis sind in \u201eMorgen ist auch noch ein Tag\u201c meist Ziel des Spottes. Ihre weiblichen Figuren pr\u00e4sentiert Regisseurin Paola Cortellesi, die auch die Hauptrolle der Delia spielt, als zwar k\u00f6rperlich unterlegen und gesellschaftlich inferior, aber zugleich als mutig, gewitzt und letztlich auch wehrhaft. Ein anschauliches Besipiel f\u00fcr den erzielten Kontrast ist eine Sequenz, in der Delia mit ihrer jugendlichen Tochter Marcella ein gemeinsames Essen mit der Familie von Marcellas Verlobten in spe, Giulio, vorbereitet. Die Chance, Marcella in eine wohlhabende Familie einheiraten zu lassen, will Delia sich nicht entgehen lassen, wie jedoch k\u00f6nnen Giulios Eltern bei dem gemeinsamen Abendessen zumindest nicht vollends verschreckt werden durch die Anwesenheit der vier m\u00e4nnlichen Neandertaler im Haushalt?<\/p>\n<p>Die beiden kleinen Jungs, Marcellas Br\u00fcder, das ist noch der einfachste Teil des Plans, sollen mit jeweils 5 Lire bestochen werden, damit sie sich nicht gegenseitig dauernd als \u201eHurensohn\u201c beschimpfen. Den \u201ePapa\u201c wollen Delia und Marcella zumindest vom Alkohol fernhalten, das gr\u00f6\u00dfte Problem ist jedoch der unentwegt aus seinem Zimmer p\u00f6belnde, die Faschisten vermissende Opa. \u201eEr r\u00fclpst und flucht auf den Herrn\u201c, gibt Marcella zu bedenken, doch Delia beruhigt: \u201eUm den k\u00fcmmere ich mich, er kriegt fr\u00fcher essen und wir sperren ihn ein.\u201c<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt spielen Kontraste in Cortellesis \u00c4sthetik eine gro\u00dfe Rolle. Wir sehen in \u201eMorgen ist auch noch ein Tag\u201c einerseits nackte Brutalit\u00e4t gegen\u00fcber Frauen, das wird aber im Score kontrastiert von schmalzigen italienischen Schlagern, Gewaltexzesse werden wie in einem Musical als Tanz inszeniert, ebenso eine scheinbare Vers\u00f6hnungsszene von Delia und Ivano. Nach der Betrachtung des Films bleibt das ungute Gef\u00fchl, man habe einen Feel-Good-Film gesehen, in dem aber eine Frau misshandelt wird.<\/p>\n<p>Wenn er sie nicht gerade zusammenschl\u00e4gt, erniedrigt Ivano Delia und diese Erniedrigungen wirken oft fast noch schmerzhafter als die Schl\u00e4ge, die sie ertragen muss. Die gezielt kitschige, kom\u00f6diantische Feel-Good-\u00c4sthetisierung f\u00fchrt aber keineswegs zu einer Verharmlosung der Geschehnisse, im Gegenteil, die gezeigte Gewalt ist eben als Kontrast zu der suggerierten Lebens- und Abenteuerlust der Frau noch schmerzhafter anzusehen. Die \u00e4sthetischen Einladungen, sich gut zu f\u00fchlen beim Konsum des Kunstwerks, sich zur\u00fcckzulehnen, eine Kom\u00f6die, ein Musical zu genie\u00dfen, wird von der Gewalt und der immer lauernden Gefahr, die der Protagonistin droht, drastisch konterkariert. Das Besondere an dem Film ist, dass er die Zuschauenden mit offen Armen und fr\u00f6hlich in die reale H\u00f6lle h\u00e4uslicher Gewalt gegen Frauen einl\u00e4dt.<\/p>\n<p>Cortellesi f\u00fchrt den Diskurs also sowohl erz\u00e4hlerisch, als auch \u00e4sthetisch. Sie betreibt gewisserma\u00dfen filmische Ideologiekritik. Denn toxische M\u00e4nnlichkeit wird auch heute noch in vielen Produkten der Kulturindustrie romantisiert, als liebensw\u00fcrdiges Macho-Gehabe inszeniert, harte M\u00e4nner zarten Frauen gegen\u00fcber und als Schutzmacht zur Seite gestellt. \u201eMorgen ist auch noch ein Tag\u201c schaut dagegen gewisserma\u00dfen hinter die Kulissen und zeigt, dass Romantisierung von M\u00e4nnlichkeit und patriarchaler Kitsch einerseits und brutale Gewalt gegen Frauen und Misogynie andererseits sich keineswegs ausschlie\u00dfen, sondern in der Kulturgeschichte oft nur unterschiedliche Ausw\u00fcchse von gewaltf\u00f6rmigen Herrschaftsstrukturen sind.<\/p>\n<p>Auf der Erz\u00e4hlebene zeigt der Film zun\u00e4chst, wie verfestigt solche Herrschaftsstrukturen sind, wie selbstverst\u00e4ndlich sie als gegeben angenommen werden und wie schwierig es ist, sie zu \u00fcberwinden. Einmal fragt Delia einen ihrer Auftraggeber f\u00fcr Hilfst\u00e4tigkeiten, warum der v\u00f6llig unf\u00e4hige neue Mitarbeiter mehr Lohn bekomme als sie, worauf dieser wie selbstverst\u00e4ndlich antwortet, der Neue sei eben ein Mann. Ihre beiden jungen S\u00f6hne benehmen sich bereits genauso unfl\u00e4tig und chauvinistisch wie ihre m\u00e4nnlichen Familienvorbilder.<\/p>\n<p>Neben den beiden toxisch bzw. faschistisch konnotierten M\u00e4nnerfiguren Ivano und dessen Vater Ottorino pr\u00e4sentiert der Film indes drei weitere, deutlich ambivalentere \u201eM\u00e4nner-Typen\u201c. Und mit ihnen n\u00e4hert er sich diskursiv der Frage, welche Auswege Frauen haben, wie sie sich aus den patriarchalen Strukturen befreien, bzw. sie sogar \u00fcberwinden k\u00f6nnen.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><strong> \u201eMorgen ist auch noch ein Tag\u201c schaut gewisserma\u00dfen hinter die Kulissen und zeigt, dass Romantisierung von M\u00e4nnlichkeit und patriarchaler Kitsch und brutale Gewalt gegen Frauen und Misogynie sich keineswegs ausschlie\u00dfen, sondern in der Kulturgeschichte oft nur unterschiedliche Ausw\u00fcchse von gewaltf\u00f6rmigen Herrschaftsstrukturen sind.<\/strong><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Und auch hier arbeitet Cortellesi sehr geschickt mit den Seherwartungen des Publikums. Zun\u00e4chst bietet sich Delia eine klassische Fluchtoption. Eine alte Jugendliebe taucht auf, Nino, auch ein Mann, auch bei seiner Vorstellung und der Inszenierung der erneuten Ann\u00e4herung der beiden spart Cortellesi nicht mit Romantik- und Liebesfilmkitsch, aber jetzt sind wir schon gewarnt und skeptisch. Die Flucht in eine neue Liebe, zu einem anderen, ebenfalls patriarchal sozialisierten, anderen Mann (Nino arbeitet in einer Autowerkstatt und will sie in eine andere Stadt mitnehmen) wird letztlich verworfen. Mit Nino in den Sonnenuntergang zu reiten w\u00e4re nichts weiter als eben eine Flucht innerhalb der gegebenen Verh\u00e4ltnisse: Wieder w\u00e4re die Frau abh\u00e4ngig von den Launen des Mannes, angewiesen auf dessen Gutartigkeit und Freundlichkeit. Delia will aber nicht fl\u00fcchten, sie will sich befreien.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit Giulio. Er ist der Freund bzw. Verlobte von Delias Tochter Marcella. Giulios Familie wird als wohlhabend, liberal, aber auch etwas undurchsichtig vorgestellt, der Junge ist verliebt und wirkt freundlich. Doch auch hier tr\u00fcgt der Schein, offenbar ist seine moderne, aufgekl\u00e4rte Attit\u00fcde reine Fassade.<\/p>\n<p>Eine weitere M\u00e4nner-Figur ist ein amerikanischer Soldat, der als Teil der US-Besatzungsarmee im Nachkriegs-Rom stationiert ist. William (Yonv Joseph) ist Schwarzer, Amerikaner, aufmerksam (er erkennt die Spuren der Gewalt an Delias K\u00f6rper), gewisserma\u00dfen eine Art Alien, ein Mann von au\u00dfen, aus einer anderen, liberaleren Welt und als Schwarzer ebenfalls strukturell von Diskriminierung betroffen (auch Delia benutzt ihm gegen\u00fcber das N-Wort). William will Delia nicht mitnehmen, er bietet ihr keine Flucht, keinen m\u00e4nnlichen Schutz an, sondern Hilfe, Unterst\u00fctzung. Sie wird das in Anspruch nehmen, aber wir wollen nicht zu viel verraten.<\/p>\n<p>Mit dem Partner von Delias bester Freundin wird eine weitere M\u00e4nner-Figur eingef\u00fchrt. Er ist offenbar tats\u00e4chlich ein liberaler, liebender, gewaltfreier Mann, er kommt aber nur als ferne M\u00f6glichkeit vor, spielt im Verlauf der Geschehnisse nur eine Rolle als Beweis daf\u00fcr, dass nicht jeder Mann ein gewaltt\u00e4tiger Frauenhasser werden muss, nur weil er keine Konsequenzen zu f\u00fcrchten hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_31173\" aria-describedby=\"caption-attachment-31173\" style=\"width: 1010px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-31173 size-full\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/MIANET2.avif\" alt=\"\" width=\"1010\" height=\"673\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/MIANET2.avif 1010w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/MIANET2-300x200.avif 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/MIANET2-600x400.avif 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/MIANET2-768x512.avif 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1010px) 100vw, 1010px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31173\" class=\"wp-caption-text\">Blick in die H\u00f6lle h\u00e4uslicher Gewalt &#8211; Foto: Tobis<\/figcaption><\/figure>\n<p>Innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen ist Befreiung also nicht ohne weiteres zu haben, diese ist nur durch eigene (auch politische) Initiative zu erlangen. Bei aller Klugheit und inszenatorischer Pr\u00e4zision werden die Handlungsoptionen von Cortellesi etwas zu sehr ins Private verlagert: das unterdr\u00fcckte Individuum wird zum einsamen Handeln aufgefordert. Zwar wird letztlich so etwas wie eine politische L\u00f6sung nahegelegt, diese wird aber nicht solidarisch erk\u00e4mpft, sondern f\u00e4llt gewisserma\u00dfen vom Himmel. Die Solidarit\u00e4t, die Delia von anderen Frauen erf\u00e4hrt, f\u00fchrt indes mehr oder minder ins Leere. Erst im Schlussakt kommt es zu einer vagen politischen Einordnung, die aber dem Furor der vorangegangenen Inszenierung kaum angemessen ist.<\/p>\n<p>So verweigert sich der Film letztlich einer eindeutigen politischen Positionierung und bekommt den Zusammenhang zwischen den Anforderungen von kapitalistischer Mehrwertproduktion und den dargestellten brutalen patriarchalen Herrschaftsstrukturen, die zumindest zum Teil als Ausformungen jener verstanden werden m\u00fcssen, nicht scharf genug in den Blick.<\/p>\n<p>Trotzdem ist \u201eMorgen ist auch noch ein Tag\u201c ein Film, den man gesehen haben sollte und dem hierzulande eine \u00e4hnliche Aufmerksamkeit zu w\u00fcnschen ist wie in Italien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Film wird als Kom\u00f6die oder Tragikom\u00f6die angek\u00fcndigt. Lustig ist die Filmhandlung allerdings eigentlich ganz und gar nicht. 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