{"id":31213,"date":"2024-04-16T01:19:24","date_gmt":"2024-04-15T23:19:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/?p=31213"},"modified":"2024-04-25T00:06:40","modified_gmt":"2024-04-24T22:06:40","slug":"zurichtung-in-nahaufnahme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/zurichtung-in-nahaufnahme\/","title":{"rendered":"Zurichtung in Nahaufnahme"},"content":{"rendered":"<p>Die vielleicht eindrucksvollste Episode des iranischen Films, der seit 11. April in den deutschsprachigen Kinos l\u00e4uft, ist ein Vorstellungsgespr\u00e4ch einer jungen Frau bei einer gr\u00f6\u00dferen Baufirma in Teheran. Wir sehen nur die Frau, den m\u00e4nnlichen Interviewer h\u00f6ren wir nur. Er f\u00e4llt aber schon nach wenigen S\u00e4tzen durch seine Prahlerei und seinen Chauvinismus auf. Zun\u00e4chst aber verl\u00e4uft das Gespr\u00e4ch wie ein \u00fcbliches Vorstellungsgespr\u00e4ch, der Interviewer erkl\u00e4rt, seine Firma k\u00fcmmere sich gut um die Angestellten, achte darauf, \u201edass sie versichert sind, und es gibt Zusatzleistungen, sogar drei Monate Mutterschaftsurlaub.\u201c Doch bald wechselt der Mann die Anrede, aus dem f\u00f6rmlichen Sie wird ein ranschmei\u00dferisches Du, im Persischen eine Signal f\u00fcr Flirterei, die Fragen werden privat, pers\u00f6nlich, anma\u00dfend.<\/p>\n<p><i>Bist du wirklich schon 30 Jahre alt? &#8211; Ja. &#8211; Im Ernst? Du hast dich gut gehalten.<\/i><\/p>\n<p>Er befragt sie nach seinen Englischkenntnissen, sie erkl\u00e4rt, sie spreche recht gut Englisch. Er fragt: \u201e<i>You are very beautiful\u201c, was hei\u00dft das? <\/i><\/p>\n<p>Sie z\u00f6gert.<\/p>\n<p><i>Sagtest du nicht, du verstehst gut Englisch? Ein einfacher Satz. You are very beautiful. &#8211; Es hei\u00dft \u201eSie sind sehr sch\u00f6n\u201c \u2013 Oh danke, findest du das wirklich?<\/i><\/p>\n<p>\u201eDer Film mag absurd und tragikomisch wirken, aber f\u00fcr einen iranischen B\u00fcrger ist er hyperrealistisch. Das sind die Gespr\u00e4che, die wir jeden Tag f\u00fchren\u201c, erkl\u00e4rt Ali Asgari, einer der beiden Co-Regisseure im Presseheft zu \u201eIrdische Verse\u201c, in dem in verschiedenen kurzen so genannten Vignetten anhand kurzer Gespr\u00e4che einfacher B\u00fcrger*innen mit Vertreter*innen von Beh\u00f6rden bzw. in zwei F\u00e4llen privaten Arbeitgebern, die jeweils mit einem Anliegen, einem Interesse an die Autorit\u00e4ten herantreten, kleine Geschichten erz\u00e4hlt werden.<\/p>\n<p>Der Film ist als Satire gelabelt, aber da die Geschichten und Situationen, wie ja Asgari selbst angibt, im Iran durchaus zum Alltag geh\u00f6ren, verliert \u201eIrdische Verse\u201c seine satirische Dimension, die \u00dcberzeichnung von b\u00fcrokratischen G\u00e4ngeleien im Allgemeinen ist ja hier keine Karikatur, sondern spiegelt die realen Zust\u00e4nden in einem besonders repressiven System wieder.<\/p>\n<p>Das schadet dem Film aber keineswegs, im Gegenteil.<\/p>\n<p>Einmal sehen wir einen Mann, der von einem Standesbeamten erkl\u00e4rt bekommt, dass er seinen Sohn nicht David nennen d\u00fcrfe, da eine solche Namensgebung \u201eeine fremde Kultur propagieren w\u00fcrde\u201c. In einer anderen Episode wird ein kleines M\u00e4dchen in einer Boutique f\u00fcr eine \u201ereligi\u00f6se Verpflichtungszeremonie\u201c ausgestattet. Aus dem bunten, tanzenden Kind wird eine graue, verh\u00fcllte Puppe und tanzen und h\u00fcpfen kann sie in dem schweren h\u00e4sslichen Gewand auch nicht mehr.<\/p>\n<p>Die einzelnen Episoden haben erz\u00e4hlerisch nichts miteinander zu tun, au\u00dfer dass sie in ihrer Abfolge von dem verhinderten David bis zu einem 100j\u00e4hriger Mann in der letzten Einstellung grob den Ablauf eines Menschenlebens nachzeichnen.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"YouTube video player\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/lW3m_Oo5AVM?si=s4ciEfXy9LH011Hw\" width=\"100%\" height=\"350\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><span data-mce-type=\"bookmark\" style=\"display: inline-block; width: 0px; overflow: hidden; line-height: 0;\" class=\"mce_SELRES_start\">\ufeff<\/span><\/iframe><\/p>\n<p>Was wir hier pr\u00e4sentiert bekommen, ist nicht weniger als ziemlich dezdierte Staats- und Kapitalismuskritik. Asgari und Khatami belassen es nicht dabei, \u201edas Regime\u201c als ein den Individuen aufgezwungenes, repressives \u201e\u00c4u\u00dferes\u201c darzustellen, das in seiner konkret-individuellen Form zur Erniedrigung und zum Sadismus neigt, sondern sie weisen ebenfalls auf den Umstand hin, dass diese Entw\u00fcrdigung des Individuums durch Vertreter der Macht durchaus systemisch, strukturell ist. Das oben ausschnittsweise zitierte Vorstellungsgespr\u00e4ch kann in etwas weniger drastischer Form genauso gut hierzulande oder in anderen demokratischen Staaten, ja in allen Gemeinschaften stattfinden, die extreme Machtgef\u00e4lle aufweisen oder deren innere Konstitution solche erm\u00f6glichen. Das Problem ist dann nicht ein bestimmtes konkretes Regime, sondern die systematische M\u00f6glichkeit, Macht auszu\u00fcben an sich.<\/p>\n<p>Die besondere St\u00e4rke des Films ist also, dass er bei schlichter (moralisierender) Staatskritik nicht stehenbleibt, sondern in der Analyse weitergeht. Die beiden Regisseure nutzen die besondere M\u00f6glichkeit des Kinos, menschliche K\u00f6rper, Gesichter, Gesten, Mimik aus der N\u00e4he zu zeigen meisterhaft. \u201eWir [haben] das Kino von allem befreit, was den Flammen im Wege stand. Wir wollten sehen, wie scharf dieses Medium werden kann, wie direkt es sein kann\u201c, erkl\u00e4rt Co-Regisseur Asgari. Formal ist der Film minimalistisch. Wir sehen immer nur einen Gespr\u00e4chspartner, immer den Schwachen, Erniedrigten, w\u00e4hrend wir die Autorit\u00e4t nur h\u00f6ren k\u00f6nnen. Die Kamera ist fest und unbeweglich. Durch diese Form wird die Aufmerksamkeit des Zuschauers ganz auf den betroffenen Menschen gerichtet, auf die Zurichtung und ihre sichtbare Wirkung in der jeweils konkreten Situation.<\/p>\n<p>\u201eIn \u201eIrdische Verse\u201c untersuchen wir die Machtdynamik in der zeitgen\u00f6ssischen iranischen Gesellschaft und st\u00fctzen uns dabei auf Foucaults Ideen zu Bio-Politik und Bio-Macht. Wir untersuchen, wie totalit\u00e4re Regime pers\u00f6nliche Aspekte des Lebens des Einzelnen, wie K\u00f6rper, Sexualit\u00e4t und Identit\u00e4t, kontrollieren\u201c, schreiben die Regisseure in ihrem Statement zum Film.<\/p>\n<p>Und das gelingt. Wir sehen sich kr\u00fcmmende, nerv\u00f6se sich sch\u00e4mende, geduckte, sich windende K\u00f6rper, nerv\u00f6se H\u00e4nde, wir sehen die Wirkung der repressiven Zurichtungen aus der N\u00e4he und was wir aus dem Off h\u00f6ren, sind Prahlereien, Besserwissereien, Belehrungen und in dem oben erw\u00e4hnten Vorstellungsgespr\u00e4ch puren Sexismus, chauvinistische Anmache, eine kaum verbl\u00fcmte Erpressung von sexuellen Diensten.<\/p>\n<p>Indem die Regisseure \u00fcberdies die Abh\u00e4ngigkeit der gezeigten Menschen vom Wohlwollen oder Entgegenkommen der Vertreter der Macht auch auf \u00f6konomische Zusammenh\u00e4nge zur\u00fcckf\u00fchren (jedenfalls in denjenigen Episoden, die im dargestellten Zyklus des Lebens Menschen zum Gegenstand haben, die im werkt\u00e4tigen Alter sind), bekommen sie die tats\u00e4chlichen Verh\u00e4ltnisse in kapitalistischen Gemeinschaften in den Blick. Der sexistische Arbeitgeber ist dabei nur ein Beispiel. Auch das Verkehrsamt, das droht, einer Taxifahrerin das Auto abzunehmen, genauso ein weiterer Arbeitgeber, der einen Bewerber zu einer sehr erniedrigenden Scharade zwingt, alle erhalten ihre Macht durch gesellschaftliche Verh\u00e4ltnisse, die den Einzelnen dadurch abh\u00e4ngig macht, dass alle Menschen unter kapitalistischen Bedingungen nur durch den Verkauf ihrer Arbeitskraft Zugang zu den gesellschaftlich produzierten Reicht\u00fcmern erhalten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Und weil sie vereinzelt sind, weil sie nicht oder zu wenig voneinander wissen, weil sie sich nicht ohne weiteres organisieren k\u00f6nnen, sind sie den M\u00e4chtigen ausgeliefert. Diese Vereinzelung f\u00fchrt der Film durch seine episodenhafte Form eindr\u00fccklich vor.<\/p>\n<p>Aber gerade in den unterschiedlichen Reaktionen der Menschenk\u00f6rper unter der Lupe wird nahegelegt, dass man der \u201eMacht\u201c durchaus auch entgegentreten kann. Die junge Frau, der das Auto entzogen werden soll, weil sie ohne Kopftuch gefahren sei, reagiert vergleichsweise souver\u00e4n, macht sich sichtlich lustig \u00fcber die spie\u00dfige Fragerin, ein anderes junges M\u00e4dchen gibt der Schuldirektorin nicht nur sehr selbstbewusst kontra, sondern \u00fcberf\u00fchrt sie auch der Bigotterie. \u00dcberhaupt sind es in \u201eIrdische Verse\u201c fast ausschlie\u00dflich die weiblichen Charaktere, die in ihrer (K\u00f6rper)haltung so etwas wie Widerst\u00e4ndigkeit ausstrahlen, wo die M\u00e4nner sich meist resigniert und ver\u00e4ngstigt in ihr Schicksal f\u00fcgen. \u201eDie Ereignisse im Iran haben alles vor und nach der Bewegung \u201eFrau, Leben, Freiheit\u201c in den Schatten gestellt. Es gab ein Kino davor, und es wird ein Kino danach geben\u201c, stellt Co-Regisseur Alireza Khatami fest.<\/p>\n<p>\u201eIrdische Verse\u201c ist ein kluger, gro\u00dfartig gespielter Film, vielleicht einer der sehenswertesten des Jahres.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die vielleicht eindrucksvollste Episode des iranischen Films, der seit 11. April in den deutschsprachigen Kinos l\u00e4uft, ist ein Vorstellungsgespr\u00e4ch einer jungen Frau bei einer gr\u00f6\u00dferen Baufirma in Teheran. Wir sehen nur die Frau, den m\u00e4nnlichen Interviewer h\u00f6ren wir nur. Er f\u00e4llt aber schon nach wenigen S\u00e4tzen durch seine Prahlerei und seinen Chauvinismus auf. 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