{"id":31278,"date":"2024-04-30T10:29:15","date_gmt":"2024-04-30T08:29:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/forscher-und-aktivist-fuer-den-frieden\/"},"modified":"2024-06-18T08:59:16","modified_gmt":"2024-06-18T06:59:16","slug":"forscher-und-aktivist-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/forscher-und-aktivist-fuer-den-frieden\/","title":{"rendered":"Forscher und Aktivist f\u00fcr den Frieden"},"content":{"rendered":"<p>Im Alltag wird Gewalt in erster Linie als k\u00f6rperlich (von Schl\u00e4gen bis zur T\u00f6tung), psychisch (Bedrohung, Mobbing, Stalking) oder sprachlich (Hassrede, Diskriminierung) von einzelnen Personen gegen\u00fcber anderen verstanden. Dieses Verst\u00e4ndnis ist berechtigt, greift aber zu kurz, denn Gewalt kann auch von gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen ausgehen. Das k\u00f6nnen restriktive Gesetze sein, die Minderheiten benachteiligen, Herrschaftsverh\u00e4ltnisse, die bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppen unterdr\u00fccken \u2013 kurz: strukturelle Faktoren. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat in den 1960er und 1970er Jahre auf diese Dimension von Gewalt hingewiesen und ihnen den Namen \u201estrukturelle Gewalt\u201c gegeben. Demnach ist Gewalt bei Kriminalit\u00e4t oder Kriegen eben nicht nur die direkte, von Angesicht zu Angesicht ausge\u00fcbte Gewalt. Darunter geh\u00f6ren immer auch die gewaltsamen gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse, die f\u00fcr Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Unfreiheit sorgen, die Kriminalit\u00e4t oder Kriege \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichen. Mit dieser neuen Ausrichtung der Gewaltforschung wurde die wissenschaftliche und die politische Analyse von Gewalt und Gewaltverh\u00e4ltnissen deutlich erweitert. 1959 gr\u00fcndete Galtung das Peace Research Institute Oslo (PRIO) und f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter das wissenschaftliche Journal of Peace Research. ((2))<br \/>\nDas ist nicht das einzige Verdienst von Galtung. Er hat sich auch um die Bek\u00e4mpfung von Gewalt, individuell, also im kleinen Kreis, sowie gesellschaftlich, also im schlimmsten Fall bei Kriegen, verdient gemacht. 1993 gr\u00fcndete er das weltweite Netzwerk Transcend International, das seit 2008 auch den Transcend Media Service, einen w\u00f6chentlichen Newsletter f\u00fcr l\u00f6sungsorientierten Friedensjournalismus, herausgibt.\u00a0((3))<br \/>\nDie wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Konflikten und Gewalt wandte er methodisch (Trans-cend-Methode) bei zahlreichen Mediationen in Konfliktf\u00e4llen und Konfliktregionen im Auftrag der Vereinten Nationen an.\u00a0((4)) Weiterhin war Galtung Ideengeber f\u00fcr das Konzept der sozialen Verteidigung, wie der Bund f\u00fcr Soziale Verteidigung in seinem Nachruf ((5)) w\u00fcrdigt. Denn oft lassen sich gewaltt\u00e4tige Konflikte, insbesondere bei milit\u00e4rischer \u00dcberlegenheit einer Seite, nicht allein durch Mediationen l\u00f6sen.<br \/>\nSchon fr\u00fch interessierte sich Galtung auch daf\u00fcr, wor\u00fcber und wie die Medien berichten. Es ist kein Zufall, dass Gewalt und Kriege Themen sind, \u00fcber die bevorzugt berichtet wird, wohingegen diejenigen, die Konflikte friedlich l\u00f6sen, oft keiner Nachricht wert sind. Sp\u00e4ter hat Galtung aus seiner Studie \u00fcber die Nachrichtenwerte in der Auslandsberichterstattung von 1965 die praktischen Lehren gezogen und das Konzept des Friedensjournalismus entwickelt. Am herk\u00f6mmlichen Mainstream-Journalismus kritisiert er, dass die Medien \u00fcber Kriege nach dem milit\u00e4rischen Gewinn-Verlust-Schema berichten. Au\u00dferdem gehen sie oft der Propaganda der Milit\u00e4rs auf den Leim, insbesondere wenn es die Milit\u00e4rs eines \u201ebefreundeten\u201c oder des eigenen Landes sind. Dagegen wird die Propaganda des Gegners professionell als solche entlarvt. Diese Aufdeckung und Kritik an der Propaganda entspricht dann zwar dem professionellen Auftrag von Massenmedien, ist aber einseitig und genau deshalb ideologisch. Fast immer geht es in der Berichterstattung darum, wie und von wem ein Krieg gewonnen werden kann.<br \/>\nDiesem Verst\u00e4ndnis stellt Galtung seine Vorstellung eines echten Friedensjournalismus entgegen, wonach Krieg niemals die L\u00f6sung eines Konflikts sein kann. Dementsprechend gibt es auch keinen gerechten Krieg, selbst wenn der Aggressor eindeutig feststeht. Friedensjournalismus l\u00e4sst sich also nicht einbinden und auf die eine oder andere Seite ziehen, sondern nimmt immer zuerst die zivilen Opfer in den Blick. \u00dcbrigens sind auch Soldat*innen nicht nur T\u00e4ter*innen, weil sie t\u00f6ten, sondern gleicherma\u00dfen Opfer, weil sie von Regierungen und Milit\u00e4rbefehlshabern in den Krieg geschickt und selbst get\u00f6tet werden. Zur Aufgabe des Friedensjournalismus geh\u00f6rt auch die Berichterstattung \u00fcber Konflikte, die noch nicht gewaltsam ausgeartet sind. Dies erfordert eine vorausschauende Sichtweise, denn in einem fr\u00fchen Stadium eines Konfliktes k\u00f6nnen friedliche L\u00f6sungen noch eher durchdringen als sp\u00e4ter, wenn die \u201eFronten\u201c schon verh\u00e4rtet sind. Deshalb spricht man auch von \u201ekonfliktsensitivem\u201c Journalismus. ((6))<br \/>\nDamit ist Galtungs Konzept auch eine von vielen theoretischen Wurzeln f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis der Graswurzelrevolution. Sie praktiziert Friedensjournalismus sehr konsequent, versteht Kriege nicht als Mittel zur L\u00f6sung von Konflikten, sondern als Teil des Problems. Friedensjournalismus verlangt die konsequente Berichterstattung \u00fcber friedliche Konfliktl\u00f6sungen, \u00fcber aktivistische Gruppierungen, die sich f\u00fcr friedenserhaltende oder friedensschaffende Ma\u00dfnahmen engagieren. Damit steht der Friedensjournalismus nicht nur an der Seite der Opfer, sondern ist auch l\u00f6sungsorientiert \u2013 und zwar jenseits einer kriegerischen \u201eL\u00f6sung\u201c.<br \/>\nGaltungs Forderung nach Friedensjournalismus ist eigentlich an die Mainstream-Medien gerichtet, da sie viel mehr Einfluss haben als die reichweitenschwachen Alternativmedien. Man k\u00f6nnte diese Hoffnung als idealistisch oder realit\u00e4tsfern abtun, weil die etablierten Medien auch \u201eKriegsgewinner\u201c sind; weil die Einschaltquoten, die Klickzahlen, die Verkaufszahlen steigen. Bei den Mainstream-Medien arbeiten aber viele professionelle Journalist*innen mit viel Sachkenntnis, die f\u00fcr vern\u00fcnftige Argumente offen sind. Trotzdem fallen die Mainstream-Medien immer wieder in das milit\u00e4rische Freund-Feind-Schema zur\u00fcck, weil sie aus ihren Mechanismen nicht rauskommen. Sie verfallen immer wieder in alte Muster. Friedensjournalistische Ans\u00e4tze, die zivile Opfer in ihrem Leid portr\u00e4tieren, die investigativ die L\u00fcgen der milit\u00e4rischen Propaganda aufdecken und Kritik an der Regierung \u00fcben, bleiben in der Minderzahl. Eine Zeitschrift wie die Graswurzelrevolution hat nicht die finanziellen Mittel und personellen Ressourcen, diese investigative Aufgabe permanent und schon gar nicht weltweit zu leisten. Dennoch finden wir hier nahezu alle Anspr\u00fcche realisiert, die Galtungs Friedensjournalismus fordert.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Galtungs Konzept ist auch eine von vielen theoretischen Wurzeln f\u00fcr das Selbstverst\u00e4ndnis der Graswurzelrevolution. Sie praktiziert Friedensjournalismus sehr konsequent, versteht Kriege nicht als Mittel zur L\u00f6sung von Konflikten, sondern als Teil des Problems.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Bei so viel Verdiensten f\u00fcr Frieden und Gewaltpr\u00e4vention muss jedoch auch eine Problematik angesprochen werden, die mit Johan Galtung verbunden ist. Er ist im fortgeschrittenen Alter durch einige antisemitische \u00c4u\u00dferungen im Zusammenhang mit den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Pal\u00e4stinenser*innen negativ aufgefallen. Selbst wenn er sich gegen den Vorwurf gewehrt hat, antisemitisch argumentiert zu haben, sind einige seiner Positionen doch verst\u00f6rend. ((7)) Wer sich mit den ber\u00fchmten Theoretiker*innen des Anarchismus besch\u00e4ftigt hat, wird nachvollziehen k\u00f6nnen, dass solche Verst\u00f6rungen \u00f6fter vorkommen. Der franz\u00f6sische Anarchist Pierre-Joseph Proudhon, der im 19. Jahrhundert ein wichtiger Wegbereiter des modernen Anarchismus war, war gleichzeitig auf eine geradezu absurde Weise frauenfeindlich und antisemitisch.<br \/>\nMan sollte also bei aller Bewunderung f\u00fcr die Leistung von Johan Galtung f\u00fcr den Frieden und f\u00fcr den Friedensjournalismus keine unkritische Haltung der Heldenverehrung entwickeln, wof\u00fcr Nachrufe manchmal etwas anf\u00e4llig sind. Aber das d\u00fcrfte im anarchistischen Selbstverst\u00e4ndnis sowieso kein Problem sein. Dass Johan Galtung das hohe Alter von 93 Jahren erreichen durfte und dass er wissenschaftlich und politisch viel Positives bewirkt hat, sollte genug Anlass zur W\u00fcrdigung sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Alltag wird Gewalt in erster Linie als k\u00f6rperlich (von Schl\u00e4gen bis zur T\u00f6tung), psychisch (Bedrohung, Mobbing, Stalking) oder sprachlich (Hassrede, Diskriminierung) von einzelnen Personen gegen\u00fcber anderen verstanden. 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