{"id":31285,"date":"2024-04-30T10:29:17","date_gmt":"2024-04-30T08:29:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/es-ist-wichtig-die-kriegslogik-zu-durchbrechen-2\/"},"modified":"2024-07-22T23:36:35","modified_gmt":"2024-07-22T21:36:35","slug":"es-ist-wichtig-die-kriegslogik-zu-durchbrechen-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/es-ist-wichtig-die-kriegslogik-zu-durchbrechen-2\/","title":{"rendered":"\u201eEs ist wichtig, die Kriegslogik zu durchbrechen\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Bernd: Swetlana, wir haben gestern diese gro\u00dfartige Veranstaltung mit Nadine und dir machen d\u00fcrfen, \u00fcber eure Arbeit. Es war zum Thema Israel\/Pal\u00e4stina eine der bewegendsten Veranstaltungen, die man bisher in M\u00fcnster miterleben konnte. Vielleicht neben der Veranstaltung mit den Friedensaktivisten Rotem Levin und Osama Eliwat von der israelisch-pal\u00e4stinensischen Graswurzelgruppe Combatants for Peace ((4)), die im Februar stattfand. In den Medien war dar\u00fcber nichts zu lesen. Das trifft leider auch auf Eure gestrige Veranstaltung zu. Deshalb m\u00f6chte ich Dir die Gelegenheit geben, Dich und die Gruppe vorzustellen. Wie ist Eure Gruppe entstanden?<\/p>\n<p>Swetlana: Also, das Ganze ist entstanden nach dem 7. Oktober, nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel. Kurz darauf hat auch das israelische Milit\u00e4r mit Angriffen auf Gaza reagiert. Das war so ein Moment, wo, glaube ich, alle pal\u00e4stinensischen und j\u00fcdischen Menschen, auch in Deutschland, wussten: Das ist etwas, was nicht nur in Nahost passiert, sondern was auch unser Leben hier beeinflusst. Wir waren alle in einer totalen Schockstarre, gerade in den ersten Tagen. Viele haben sich auch einsam gef\u00fchlt und hilflos. Es entbrannte gleich eine krasse, polarisierte, sehr gewaltvolle Debatte dar\u00fcber, was jetzt gerade passiert und das Richtige ist. Es gab unterschiedliche Perspektiven, die versuchten, die Deutungshoheit an sich zu rei\u00dfen.<br \/>\nWir wollten einen Dialog schaffen und einen Raum f\u00fcr gegenseitige Solidarit\u00e4t. Kris und Zey waren die beiden ersten, die sich getroffen haben, weil sie schon vorher befreundet waren. Die haben sich getroffen und gemerkt, dass ihre Perspektiven und ihre Ansichten nicht in den Medien, nicht auf den Demos und auch sonst nicht vertreten waren. Dann haben sie beschlossen: Na ja, wenn es das noch nicht gibt, dann muss man das halt selber machen. Sie haben dann mithilfe von Allies und Freund*innen ein Statement verfasst, das sie auf Instagram gepostet haben. So bin ich auch auf sie gesto\u00dfen. Das war ganz am Anfang. Es war interessant zu sehen, dass der Zulauf erheblich und das Interesse sehr gro\u00df war, noch bevor wir uns das erste Mal getroffen haben. Dann haben wir innerhalb von ein paar Tagen, obwohl wir uns da das erste Mal erst kennengelernt haben, eine komplette Demo auf die Beine gestellt. Also, unsere erste Demo, die wir hatten, da hatten wir 500 Teilnehmende. Am Anfang waren nur 150 angemeldet. Bei der zweiten Demo, die wir dann gemacht haben, im November, haben wir 1.000 Leute angemeldet und wir waren dann schon 3.000 Menschen. Wir haben unz\u00e4hlige Anfragen f\u00fcr Interviews bekommen und haben auf Instagram inzwischen \u00fcber 11.000 Follower. Wir haben gemerkt, dass unsere Perspektiven wichtig sind und gerade in dieser Zeit ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n<p>B: Ja, das war auch der Grund, warum wir euch eingeladen hatten. Wir haben \u00fcber einen K\u00f6lner Graswurzelrevolution\u00e4r von Euren Aktionen erfahren und mitgekriegt, dass Ihr auf euren Demos bewegende Reden haltet und dass ihr dort durchsetzt, dass keine Nationalfahnen zu sehen sind, dass es keine nationalistische Positionierung gibt, sondern stattdessen die Menschen, die gegenseitige Empathie und Solidarit\u00e4t im Vordergrund stehen. Das finden wir gro\u00dfartig. Deshalb haben wir schon drei Redebeitr\u00e4ge von Euch in der Graswurzelrevolution ver\u00f6ffentlicht. ((5)) Gestern, bei der Veranstaltung in der ESG-Aula M\u00fcnster waren \u00fcber 100 Leute und auch \u201everfeindete\u201c Fraktionen, also sogenannte Antideutsche und Antiimps. Die Atmosph\u00e4re war trotzdem freundlich und respektvoll. Es ist nicht eskaliert, was angesichts der angespannten Situation ungew\u00f6hnlich ist. Dazu habt ihr durch euren bewegenden Vortrag beigetragen. Ich glaube, dass es Euch gelungen ist, Empathie zu wecken und bei den Menschen ein Wahrnehmen der anderen Realit\u00e4t entstanden ist. Kannst du sagen, wie du das empfunden hast und skizzieren, was ihr bei der Veranstaltung erz\u00e4hlt habt?<\/p>\n<figure id=\"attachment_31333\" aria-describedby=\"caption-attachment-31333\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-31333\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/InterviewBernd-1.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/InterviewBernd-1.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/InterviewBernd-1-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/InterviewBernd-1-600x336.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/InterviewBernd-1-768x430.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31333\" class=\"wp-caption-text\">Nika, Bernd und Swetlana beim GWR-Interview im Studio des medienforum m\u00fcnster &#8211; Foto: Detlef Lorber<\/figcaption><\/figure>\n<p>S: Wir haben \u00fcber unsere eigenen Erfahrungen und aktivistische Arbeit berichtet, aber auch \u00fcber die Emotionen, die dabei eine Rolle spielen, die Grundhaltung, die man daf\u00fcr braucht, um diesen Dialog zu f\u00fchren. Denn die Kriegsrhetorik, die es in Israel und Pal\u00e4stina gibt, diese extreme Spaltung und Dehumanisierung, beeinflusst nat\u00fcrlich auch die Debatten in Deutschland. Wir versuchen das aufzubrechen, zuzuh\u00f6ren und andere Menschen zu animieren, sich gegenseitig zuzuh\u00f6ren. Was schwer ist, weil die Leute durch die Polarisierung und Kriegsrhetorik in total unterschiedlichen Universen leben. Die konsumieren komplett andere Nachrichten, haben eine andere Lebensrealit\u00e4t, andere Erfahrungen, andere Wahrnehmungen. Das finde ich interessant, weil wir einen gewissen Spagat versuchen, um mit unterschiedlichen Menschen zu reden. Die Diskussionen im Internet sind teilweise so eskaliert, dass sie viel Kraft rauben, aber auch im pers\u00f6nlichen Austausch sind die Gespr\u00e4che oft sehr kr\u00e4ftezehrend. Dieselben Ereignisse werden so derma\u00dfen gegens\u00e4tzlich bewertet. Trotzdem glauben wir, dass wir darauf angewiesen sind, einen friedlichen und diplomatischen Weg zu finden. Dazu m\u00fcssen wir die Leute an einen Tisch bringen. Es ist wichtig, sich gegenseitig zuzuh\u00f6ren, selbst wenn jemand die W\u00f6rter verwendet, die man f\u00fcr problematisch h\u00e4lt, oder Ansichten hat, die man nicht teilt, selbst wenn man dann mit anderen Fakten oder mit einem anderen Framing von Nachrichten konfrontiert wird, bestimmte Nachrichten nicht h\u00f6rt, bestimmte Nachrichten auf eine ganz andere Art und Weise dargestellt werden. Es ist schwierig, das unter einen Hut zu bringen und zu sagen, wir reden jetzt trotzdem dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Nika: Ihr habt gestern ein Konzept vorgestellt, ohne das f\u00fcr euch die Kommunikation \u00fcber den Nahostkonflikt schwer m\u00f6glich scheint, n\u00e4mlich das Konzept der radikalen Empathie. Magst Du uns das kurz vorstellen?<\/p>\n<p>S: Ja, gerne. Empathie ist eine F\u00e4higkeit, wie wir uns in andere Menschen hineinversetzen und ihre Perspektive \u00fcbernehmen k\u00f6nnen, wie wir Mitgef\u00fchl entwickeln k\u00f6nnen und basierend darauf unsere soziale Interaktion aufbauen. Das ist etwas, ohne das ein soziales Zusammenleben weder pers\u00f6nlich noch in der Gesellschaft m\u00f6glich ist. Unterschiedliche Diskriminierungsformen, wie Rassismus, wie Antisemitismus, auch Kriegspropaganda und Dehumanisierung f\u00fchren oft dazu, dass wir die Menschlichkeit in anderen Menschen nicht sehen, dass wir ihnen ihre Gef\u00fchle absprechen oder weniger Empathie f\u00fcr sie empfinden, als es notwendig w\u00e4re. Das verst\u00e4rkt sich in einer Situation, wo es einem selber schlecht geht und man nicht die Ressourcen und emotionalen Kapazit\u00e4ten hat, um neben seinem eigenen Schmerz noch den Schmerz der anderen Person auszuhalten. F\u00fcr uns ist das Empfinden von Empathie f\u00fcr andere Menschen zentral, auch wenn sie andere Meinungen und Lebenserfahrungen haben, auch wenn sie zur vermeintlich anderen Gruppe geh\u00f6ren. Und anzuerkennen, dass wir einen gemeinsamen Schmerz teilen, dass wir vielleicht auch gemeinsame Freude teilen und darauf dann unsere Kommunikation aufbauen. Das ist wichtig. In Deutschland k\u00f6nnen die meisten sich nicht vorstellen, wie die aktuelle Situation f\u00fcr Menschen ist, die in der Region Verwandte haben, Freund*innen, Bekannte. Man kann sich kaum vorstellen, wie sehr das emotional mitnimmt. Dann wird das Ganze zu einer sehr intellektuellen Debatte. Wer hat jetzt recht? Wer benutzt die richtigen W\u00f6rter? Wer kennt welche geschichtlichen Fakten? Dann wird das zu einem Rhetorik-Debattierclub, wer die richtige Meinung hat. Dabei ger\u00e4t der Schmerz, den Betroffene aushalten m\u00fcssen, in den Hintergrund: Betroffene von Rassismus, von Antisemitismus, Menschen, die um Verwandte, Bekannte und Freund*innen Angst haben, die auch um ihre eigene Sicherheit f\u00fcrchten m\u00fcssen. Das wird nicht anerkannt, dabei ist das die Basis, die wir brauchen. Wenn wir diese Grundlage geschaffen haben, k\u00f6nnen wir vielleicht auch \u00fcber die anderen Dinge reden. Aber erst mal brauchen wir dieses grunds\u00e4tzliche Anerkennen, im Gegensatz zur selektiven Empathie, die sagt: Du geh\u00f6rst der einen Gruppe an, f\u00fcr dich habe ich Empathie und du geh\u00f6rst der anderen Gruppe an, f\u00fcr dich habe ich deswegen keine. Das ist f\u00fcr uns wichtig, sowohl in der Kommunikation untereinander als auch bei unseren politischen Forderungen, zu sagen: Wir m\u00f6chten die Milit\u00e4rinitiative in Gaza und die Siedlergewalt beenden, wir m\u00f6chten nicht, dass unschuldige pal\u00e4stinensische Menschen sterben. Aber wir m\u00f6chten auch, dass die Geiseln wieder sicher zu ihren Familien zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Unsere Empathie gilt f\u00fcr alle Menschen, die unter diesem Krieg leiden.<br \/>\nN: Mich interessiert aus meiner pers\u00f6nlichen, nicht betroffenen Perspektive in dem Konflikt und auch aus Perspektive vieler anderer nicht betroffener Menschen: Was erhofft oder erwartet ihr euch f\u00fcr den Umgang mit der Situation? Was f\u00fcr eine Unterst\u00fctzung k\u00f6nnen Leute bieten, die eben keinen pers\u00f6nlichen Bezug haben?<\/p>\n<p>S: Das wichtigste ist: Zuh\u00f6ren und viel Verst\u00e4ndnis gegen\u00fcber allen Menschen, die betroffen sind. Mit Verst\u00e4ndnis meine ich auch, dass man mal ein Auge zudr\u00fcckt, wenn die Emotionen verr\u00fcckt spielen. Viele k\u00f6nnen sich nicht vorstellen, wie angespannt sich die Situation in Deutschland gerade anf\u00fchlt. Da kommen viele Sachen zusammen und diese Art und Weise, wie die Debatte hier gef\u00fchrt wird und auch der Rechtsruck f\u00fchren dazu, dass die meisten Betroffenen sich alleine, unverstanden, nicht gesehen, nicht geh\u00f6rt f\u00fchlen. Das gilt es zu durchbrechen. Statt irgendwie jetzt superintellektuelle Analysen dar\u00fcber, wer jetzt was machen sollte, von sich zu geben, w\u00e4re es wichtig, auf einer pers\u00f6nlichen Ebene Verst\u00e4ndnis zu zeigen, Empathie zu zeigen und eine Haltung f\u00fcr Menschenrechte zu entwickeln. Gegens\u00e4tze auch mal zuzulassen, selbst wenn man nicht einverstanden ist mit dem, was die andere Person sagt. Weiterhin in Kontakt bleiben und Unterst\u00fctzung anbieten. Aber sich gleichzeitig auch nicht dahinter zu verstecken, dass das alles so kompliziert ist und ich mich deshalb da jetzt lieber heraushalte, nichts dazu sage. Dadurch \u00fcberl\u00e4sst man die schwierige Arbeit den Menschen, die so oder so schon durch ihre pers\u00f6nliche Betroffenheit, durch Rassismuserfahrungen, durch Antisemitismuserfahrungen an die Grenzen ihrer emotionalen Kapazit\u00e4t gebracht werden. Stattdessen kann man sich ja auch daf\u00fcr einsetzen, dass in Deutschland Menschen gesch\u00fctzt werden, die marginalisiert sind, die Diskriminierung erfahren. Und gleichzeitig daf\u00fcr, dass die deutsche Au\u00dfenpolitik diese Werte vertritt und f\u00fcr Menschenrechte einsteht, auch bei den B\u00fcndnispartnern. Konsequent, egal, von wem das kommt.<\/p>\n<p>B: Ihr seid vernetzt mit Graswurzelbewegungen, die es in Israel gibt, die aber hier in den Medien kaum vorkommen. Es gibt da zum Beispiel die Combatants for Peace, die im Februar auch in M\u00fcnster waren, eine Graswurzelgruppe, die aus j\u00fcdischen und pal\u00e4stinensischen Aktivist*innen besteht, die versuchen, den Konflikt egalit\u00e4r zu l\u00f6sen und eine gemeinsame solidarische Gesellschaft zu organisieren, im Sinne von allen Menschen, mit gleichen Rechten, ohne Nationalismus und autorit\u00e4re Strukturen. Wie seid ihr als Gruppe vernetzt, welche emanzipatorischen Gruppen gibt es in Israel und Pal\u00e4stina, die wir unterst\u00fctzen k\u00f6nnen, die nicht nationalistisch sind? Welche Perspektiven siehst du bei diesen Gruppen und in der Vernetzung?<\/p>\n<p>S: Israel ist ein kleines Land, auch im Vergleich zu Deutschland. Dadurch, dass dort in den letzten Jahrzehnten so ein krasser Rechtsruck stattgefunden hat, sowohl in der Politik als auch in der Zivilgesellschaft, ist eine linke israelisch-j\u00fcdische Perspektive eine sehr, sehr einsame Position. Die Menschen sind gro\u00dfen Repressalien ausgesetzt, sowohl im pers\u00f6nlichen Leben als auch im Berufsleben. Das Ganze hat sich durch den Krieg versch\u00e4rft. Es gibt Menschen, die nach dem 7. Oktober gesagt haben: \u201eNein, jetzt, wo so etwas passiert ist, k\u00f6nnen wir das nicht mehr, k\u00f6nnen wir mit diesen Menschen keinen Frieden schlie\u00dfen.\u201c Das ist tragisch. Aber auf der anderen Seite gibt es die Leute, die sagen: \u201eJetzt erst recht.\u201c Die sagen: \u201eWir haben in den letzten Jahrzehnten immer mehr Militarisierung, immer mehr milit\u00e4rische Gewalt eingesetzt, das funktioniert nicht, wir m\u00fcssen etwas anders machen. Jetzt zeigt sich erst recht, dass wir eine gewaltfreie L\u00f6sung brauchen, die darauf basiert, dass Menschen gleiche Rechte haben, erst dann kann es \u00fcberhaupt Frieden geben.\u201c Diese Menschen m\u00fcssen sich gegen eine krasse politische Landschaft durchsetzen und gegen Gewalt. Bei Demos gibt es immer wieder herzzerrei\u00dfende Bilder von extremer Polizeigewalt oder von rechten Israelis, die Aktivist*innen die Transparente aus den H\u00e4nden rei\u00dfen, sie zusammenschlagen und pers\u00f6nlich bedrohen. Einige Menschen bekommen berufliche Nachteile. Es gab auch Inhaftierungen. Dabei ist wichtig anzumerken, dass j\u00fcdisch-israelische Aktivist*innen vielleicht f\u00fcr ein paar Tage inhaftiert, dann aber wieder freigelassen werden. Pal\u00e4stinensische Aktivist*innen haben deutlich st\u00e4rkere Repressalien zu bef\u00fcrchten und werden oft \u00fcber Monate festgehalten. Auch an Unis gibt es gerade ein Klima, dass Pal\u00e4stinenser*innen mit israelischer Staatsb\u00fcrgerschaft, die sogenannten \u201eArab Israelis\u201c, stark unter Druck setzt. Die m\u00fcssen aufpassen, kein falsches Wort zu sagen und sich blo\u00df nicht mit der pal\u00e4stinensischen Zivilbev\u00f6lkerung in irgendeiner Weise zu solidarisieren, sonst werden sie aus der Uni gemobbt. Aber es gibt immer wieder auch Online-Veranstaltungen, beispielsweise auch von der Initiative Standing Together ((6)), die tolle Arbeit macht und eine gemeinsame Perspektive f\u00fcr j\u00fcdische und pal\u00e4stinensische Zusammenarbeit bietet. Es gibt auch viele kleinere Gruppen, aber Standing Together ist die, die jetzt am st\u00e4rksten gewachsen ist. Seit dem 7. Oktober veranstaltet die Gruppe immer wieder Antikriegsdemos. Au\u00dferdem gibt es auch die Demos der Angeh\u00f6rigen der Geiseln, die teilweise immer noch in Gaza festgehalten werden und bei denen ungewiss ist, wie viele noch am Leben sind. Diese Angeh\u00f6rigen sind extrem verzweifelt und viele haben das Gef\u00fchl, dass die Regierung nicht genug macht, um die Geiseln freizubekommen. Dass die israelische Regierung stattdessen damit besch\u00e4ftigt ist, gegen die pal\u00e4stinensische Bev\u00f6lkerung vorzugehen und um jeden Preis die Hamas ausl\u00f6schen will, wobei da sehr fraglich ist, ob genug zwischen Hamas-Terroristen und der Zivilbev\u00f6lkerung differenziert wird, wof\u00fcr es auch viel Kritik gibt. Und dass die israelische Regierung nicht genug Einsatz zeigt, einen Geiseldeal durchzusetzen, der m\u00f6glich gewesen w\u00e4re!<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Wir m\u00f6chten die Milit\u00e4rinitiative in Gaza und die Siedlergewalt beenden, wir m\u00f6chten nicht, dass unschuldige pal\u00e4stinensische Menschen sterben. Aber wir m\u00f6chten auch, dass die Geiseln wieder sicher zu ihren Familien zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Unsere Empathie gilt f\u00fcr alle Menschen, die unter diesem Krieg leiden.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Daf\u00fcr h\u00e4tte man sich eben auf einen Waffenstillstand einigen m\u00fcssen. Was neben all den schlimmen Nachrichten Hoffnung gegeben hat, ist, dass sich die Proteste der Geiselangeh\u00f6rigen jetzt mit der Antikriegsbewegung zusammengeschlossen haben. Dadurch sind sie deutlich gr\u00f6\u00dfer geworden und bilden jetzt eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe von Menschen, die verstanden haben, dass es nur \u00fcber einen Geiseldeal und einen Waffenstillstand geht, und die erkannt haben, dass diese Regierung weder Pal\u00e4stinenser*innen in Ruhe und Frieden leben l\u00e4sst, aber auch nicht im Interesse der Israelis handelt.<\/p>\n<p>N: Was ich in meinem pers\u00f6nlichen, tendenziell nicht betroffenen Bekanntenkreis wahrnehme, ist, dass viele Menschen in Bezug auf aktuelle Kriege und Konfliktsituationen, das starke Bed\u00fcrfnis haben, sich eine Seite auszusuchen, der sie dann die Daumen dr\u00fccken k\u00f6nnen, f\u00fcr die sie sein k\u00f6nnen, die sie anfeuern k\u00f6nnen, die sie in sozialen Medien verteidigen k\u00f6nnen etc. Inwiefern kannst Du solche Gedanken nachvollziehen und was w\u00fcrdest du denen entgegnen?<\/p>\n<p>S: Ich kann diese Gedanken gut nachvollziehen, weil unser Gehirn so funktioniert. Wir arbeiten mit Vereinfachungen und das f\u00fchlt sich oft toll an: Ja, ich habe die richtige Meinung und ich rede mit Leuten, die auch meine Meinung vertreten und dann kriege ich daf\u00fcr soziale Best\u00e4tigung. Das ist wichtig f\u00fcr Gruppenzugeh\u00f6rigkeit. Aber ich glaube, gerade in dieser Situation ist es wichtig, die Kriegslogik zu durchbrechen. Es ist eben kein \u201eWir gegen die\u201c und \u201eWir haben die richtige Meinung, ihr habt die falsche\u201c, sondern es gibt deutlich mehr als zwei Seiten, auch in diesem Krieg. Das merkt man, sobald man sich n\u00e4her mit der Thematik auseinandersetzt. Wir reden beispielsweise die ganze Zeit von j\u00fcdischen und pal\u00e4stinensischen Menschen. Es gibt aber auch in Israel noch einige andere Menschen und ethnische Gruppen, \u00fcber die wir kaum etwas h\u00f6ren, beispielsweise die Drusen und Beduinen. Neben der mehrheitlich muslimischen pal\u00e4stinensischen Community gibt es auch christliche Pal\u00e4stinenser*innen. Alleine unter Pal\u00e4stinenser*innen gibt es total unterschiedliche Lebensrealit\u00e4ten, je nachdem was f\u00fcr einen Pass sie haben und wo und ob sie in Israel, in der Westbank oder in Gaza leben. Ich stelle immer wieder fest, dass, wenn ich mich als J\u00fcdin mit anderen j\u00fcdischen Menschen treffe, das oft mit einer Selbstvorstellung beginnt, von wegen: \u201eWas ist dein Background?\u201c Dann h\u00f6rt man erst mal so f\u00fcnf Minuten Biographie-Erz\u00e4hlungen, wer wo seine famili\u00e4ren Wurzeln hat, weil diese durch Vertreibung und Migration so unterschiedlich sind. Ob jetzt jemand aus dem arabischen Raum kommt, ob jemand aschkenasische Wurzeln hat, aus der Sowjetunion kommt, oder oder oder, einfach internationale Biografien. Dasselbe gilt auch f\u00fcr Pal\u00e4stinenser*innen, die durch unterschiedliche Fluchtbiografien und Familiengeschichten ebenfalls eine diverse Gruppe darstellen. In Deutschland und auch in anderen L\u00e4ndern gibt es einen starken Wunsch, diese Komplexit\u00e4t herunterzubrechen, wodurch die komplett unterschiedlichen und diversen Ansichten in diesen Communities vernachl\u00e4ssigt werden. Dieses Herunterbrechen \u00fcbersieht auch beispielsweise die Diversit\u00e4t in der j\u00fcdischen Community, also dass es da linke, rechte, religi\u00f6se, s\u00e4kulare Str\u00f6mungen gibt und sie unfassbar vielf\u00e4ltig ist. Das Ganze gibt es in jeder Community. Ich verstehe die Tendenz, das vereinfachen zu wollen. Aber es ist nicht einfach. Au\u00dferdem sind Menschen, die nicht in dieses Schema von zwei Seiten, von \u201eWir gegen die\u201c hineingepresst werden k\u00f6nnen, h\u00e4ufig diejenigen, die am meisten unter dem Krieg leiden. Beispielsweise sind israelisch-j\u00fcdische Menschen, die sich gegen den Krieg einsetzen und solidarisch mit Pal\u00e4stinenser*innen sind, teils krasser milit\u00e4rischer, polizeilicher, juristischer und pers\u00f6nlicher Repression ausgesetzt. Oder die arab Israelis, also die Pal\u00e4stinenser*innen mit israelischer Staatsb\u00fcrgerschaft, die in einem Loyalit\u00e4tskonflikt stehen, weil sie einerseits Teil der israelischen Gesellschaft, andererseits aber auch pal\u00e4stinensisch sind. Da sind 1.000 Identit\u00e4tskrisen, die in so einer Kriegszeit extrem heftige Implikationen haben. Ich glaube, es w\u00e4re wichtig, diese Gegens\u00e4tze auszuhalten, zuzuh\u00f6ren und zu verstehen, dass das Ganze sehr komplex ist. Gleichzeitig nicht zu vergessen und darauf zu bestehen, dass Menschenrechte f\u00fcr alle gelten.<\/p>\n<p>B: \u201eErk\u00e4mpft das Menschenrecht\u201c, da steckt auch ein St\u00fcck Utopie drin. Als Redaktion einer gewaltfrei-anarchistischen Monatszeitschrift versuchen wir immer auch die Gruppen zu unterst\u00fctzen, die sich f\u00fcr eine gewaltfreie, herrschaftsfreie Gesellschaft einsetzen. Habt ihr oder hast du eine Utopie, die du skizzieren m\u00f6chtest?<\/p>\n<p>S: Ich habe letztens erst l\u00e4nger dar\u00fcber nachgedacht, was ich mir w\u00fcnsche, was meine Utopie sein k\u00f6nnte und wie es, irgendwann hoffentlich, aussehen k\u00f6nnte. Und ich habe gedacht: Wenn in Israel die Wehrpflicht abgeschafft wird, weil sie nicht mehr ben\u00f6tigt wird. Und dass alle Menschen in Israel und Pal\u00e4stina in Freiheit, Frieden, Sicherheit und gleichen Rechten gemeinsam leben k\u00f6nnen. Ich habe dadurch, wie ich aufgewachsen bin, in sehr diversen migrantischen Communities, immer so eine kleine Utopie gehabt. Einfach dadurch, dass ich viele Menschen mit total unterschiedlichen Hintergr\u00fcnden, Religionen, Familien- und Migrationsgeschichten kennengelernt habe. Ich habe pal\u00e4stinensische Freund*innen, iranische, russische,&#8230; Leute, die aus den unterschiedlichsten L\u00e4ndern kommen, deren Regierungen teilweise verfeindet sind und Kriege gegeneinander f\u00fchren. Wir, weit weg davon, waren trotzdem in der Lage, auf einer pers\u00f6nlichen Ebene Beziehungen aufzubauen und zu sehen, dass wir mehr sind als die Staaten, aus denen wir kommen, und deren Regierungen. Wir haben Dinge, die uns verbinden und gemeinsame Werte. Wir haben unterschiedliche Geschichten und ich wei\u00df aus meinem Privatleben, dass diese Utopie m\u00f6glich ist. Ich hoffe, dass diese Art der Utopie und des Lebens nicht nur in unserem kleinen, gesch\u00fctzten Raum stattfinden kann, sondern auch auf einer gro\u00dfen gesellschaftlichen Ebene.<\/p>\n<p>N &amp; B: Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bernd: Swetlana, wir haben gestern diese gro\u00dfartige Veranstaltung mit Nadine und dir machen d\u00fcrfen, \u00fcber eure Arbeit. Es war zum Thema Israel\/Pal\u00e4stina eine der bewegendsten Veranstaltungen, die man bisher in M\u00fcnster miterleben konnte. 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