{"id":31288,"date":"2024-04-30T10:29:18","date_gmt":"2024-04-30T08:29:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/starke-frauen-in-rojava\/"},"modified":"2024-05-26T21:49:23","modified_gmt":"2024-05-26T19:49:23","slug":"starke-frauen-in-rojava","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/04\/starke-frauen-in-rojava\/","title":{"rendered":"Starke Frauen in Rojava"},"content":{"rendered":"<p>In einer verkehrs\u00fcberfluteten, staubigen Stra\u00dfe mitten in Qamishlo, der inoffiziellen Hauptstadt von Nord- und Ostsyrien, liegt das Gesch\u00e4ft der Kunsthandwerkerin Jehan. In ihrer ger\u00e4umigen Holzwerkstatt empf\u00e4ngt uns das Kreischen einer Kreiss\u00e4ge. Jehan schneidet gerade den Rahmen f\u00fcr ein Bild von \u015eahmaran zurecht. ((1)) Das Bild hat sie in ihrem kleinen, vollgestopften Atelier angefertigt, dessen Farbenf\u00fclle \u00fcberw\u00e4ltigt, wenn man kurz zuvor den gelblich-braunen Film, der die ganze Stadt \u00fcberzieht, hinter sich gelassen hat. An den W\u00e4nden h\u00e4ngen dicht an dicht bunte Stoffe, T\u00fcll, Borden, Federn, Lederst\u00fccke und in den Regalen stapeln sich Farbtuben und kunsthandwerkliche Accessoires.<\/p>\n<p>Jehan produziert \u015eahmaran in Serie. Konzentriert sitzt sie am Arbeitstisch \u00fcber einer kleinen Holzplatte gebeugt, auf der sie aus verschiedenen Tuben Farbtupfer und -linien auftr\u00e4gt. Nach und nach entsteht das sagenumwobene Gesch\u00f6pf, das in der kurdischen Mythologie eine zentrale Rolle spielt und deren Bedeutung m\u00fcndlich \u00fcberliefert wurde, um ihre Geschichte an zuk\u00fcnftige Generationen weiterzugeben. ((2))<br \/>\nSchon in der Schule erkannte man Jehans kunsthandwerkliches Talent, ihr Vater f\u00f6rderte sie nach Kr\u00e4ften. W\u00e4hrend das Werkst\u00fcck entsteht, beschreibt sie ihren Werdegang in die Selbst\u00e4ndigkeit. Sie traut sich viel zu und probiert einfach aus. \u201eFr\u00fcher hatte ich nichts mit traditionellem Zeug zu tun. Nun gef\u00e4llt es mir selbst, und ich ziehe mir mehr Informationen bei alten Frauen ein. In meinen Arbeiten kombiniere ich das Alte mit dem Modernen\u201c, erz\u00e4hlt sie, w\u00e4hrend sie den Bilderrahmen mit Firnis einstreicht. Nach einer kleinen Pause blickt sie auf und f\u00fcgt hinzu: \u201eBei der Arbeit vergesse ich die schlimme Situation, in der wir hier schon l\u00e4nger leben. Es ist wie eine Flucht daraus.\u201c<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Man sagt, die Arbeit in der Landwirtschaft sei f\u00fcr Frauen zu schwer. Wir wollen das Gegenteil beweisen.<\/strong> <\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Ein paar Stra\u00dfenz\u00fcge weiter weist ein gro\u00dfes Wandbild auf eine Frauenkooperative hin, die auf traditionelle Weise Gem\u00fcse einkocht und ihre in Gl\u00e4ser eingemachten Produkte \u00fcber Facebook vertreibt. Ihre Kund:innen sind Schulen, Kinderg\u00e4rten, Betriebe, aber auch einzelne Familien. Von der Stra\u00dfe aus sieht man hinter einer Mauer Rauch aus einem Hinterhof aufsteigen. Die Frauen haben ein Holzfeuer entz\u00fcndet und dabei mit etwas Benzin nachgeholfen. Auf einem provisorischen Geviert aus Steinbl\u00f6cken siedet das Wasser in einem bis an den Rand mit Auberginen gef\u00fcllten Kessel aus Aluminium. Theodora pr\u00fcft, ob das Gem\u00fcse weich ist. Sie gibt ein Zeichen und Nawal wuchtet mit einer Kollegin den Kessel vom Feuer.<\/p>\n<p>Gemeinsam schleppen sie ihn in den Innenhof des flachen Geb\u00e4udes, in dem die Kooperative untergebracht ist, und f\u00fcllen das gekochte Gem\u00fcse in mit kaltem Wasser gef\u00fcllte Plastikwannen um. Die Frauen setzen sich auf niedrige Hocker um die Wannen herum, fischen die Auberginen heraus, sch\u00e4len sie, schneiden sie auf und f\u00fcllen die Schnittstelle mit etwas Salz.<\/p>\n<p>Shama hat die Kooperative gegr\u00fcndet und erz\u00e4hlt uns Gr\u00fcnde ihres Bestehens. Sie stellen gut zu lagernde, gesunde Lebensmittel her und entlasten dadurch die Frauen in den Familien. Die Kooperative erm\u00f6glicht ihren Mitgliedern ein Einkommen und macht dadurch die beteiligten Frauen finanziell unabh\u00e4ngig. Dadurch verbessern sie die finanzielle Situation ihrer Familien und erwerben sich Respekt. Die Zusammensetzung der Kooperative spiegelt die Vielfalt der Gesellschaft wieder, die in den autonomen Gebieten (noch) herrscht und auch hier in Qamishlo das Stadtbild pr\u00e4gt. Shama ist Kurdin, sie hat ihre modische Sonnenbrille ins offene Haar gesteckt und beantwortet bereitwillig unsere Fragen. Theodora geh\u00f6rt der Assyrisch-Orthodoxen Kirche an, Nawal ist eine arabische Muslima. Die Frauen beschreiben die Vorteile der Kooperative in sozialer und kultureller Hinsicht. Sie ist ein Schutzraum, in dem sie Erfahrungen und \u00dcberzeugungen unter Frauen teilen k\u00f6nnen. Die Genderzugeh\u00f6rigkeit erleichtert dabei den Austausch. Dazu kommen das Zusammenwirken unterschiedlicher Kulturen und ethnischer Zugeh\u00f6rigkeiten, der gegenseitige Respekt und das Lernen voneinander. Theodora: \u201eEs gibt keine Unterschiede zwischen Kurden, Arabern, Christen, Muslimen. Wir leben alle unter den gleichen Bedingungen und sind gleicherma\u00dfen ersch\u00f6pft. Ich rufe die internationale Gemeinschaft auf, die T\u00fcrkei bei ihren Angriffen auf die Zivilbev\u00f6lkerung zu stoppen, alle leiden darunter, nicht nur wir Christen.\u201c<br \/>\nNawal ist die J\u00fcngste und stammt aus einer traditionellen arabischen Familie: \u201eEs bedeutet viel f\u00fcr mich, mit Frauen zusammenzuarbeiten. Ich lerne viel von ihnen.\u201c Theodora f\u00fcgt hinzu, wie wichtig es f\u00fcr Nawal sei, dass hier nur Frauen arbeiten: \u201eSonst h\u00e4tte es ihre Familie nicht erlaubt, bei uns mitzumachen\u201c. Nawal l\u00e4chelt sch\u00fcchtern,ihr Blick best\u00e4tigt, was Theodora sagt.<\/p>\n<p>Am sp\u00e4ten Nachmittag l\u00e4dt uns Jehan zu sich nach Hause ein, um uns mit ein paar Freundinnen bekannt zu machen. Wir sitzen im Hof des mehrst\u00f6ckigen Wohngeb\u00e4udes auf einem pr\u00e4chtigen, handgewebten Teppich und versuchen den allgegenw\u00e4rtigen L\u00e4rm der Generatoren zu \u00fcberh\u00f6ren, die ganze Stra\u00dfenz\u00fcge mit Strom versorgen. Schnell dreht sich das Gespr\u00e4ch um die Dominanz der M\u00e4nner und das Gerede der Nachbarn:innen, wenn sich M\u00e4dchen und Frauen nicht an traditionelle Regeln halten. Trotz Anstrengung der autonomen Selbstverwaltung stellt ein Teil der Bev\u00f6lkerung immer noch die aktive gesellschaftliche Teilhabe der Frauen infrage.Der Einfluss patriarchalischer Herrschaft sitzt tief und l\u00e4sst sich nicht innerhalb einer Generation aufheben.<\/p>\n<p>Boza ist eine resolute Frau mittleren Alters, die ihre \u00dcberzeugungen mit knappen Gesten unterstreicht: \u201eDie repressive Behandlung von M\u00e4dchen und jungen Frauen hat schwerwiegende psychologische Folgen. Das kann im schlimmsten Fall bis zum Suizid f\u00fchren.\u201c<br \/>\nNisrin l\u00e4chelt sarkastisch. \u201eWarum haben meine Onkel einen derartig starken Einfluss auf mein Leben?\u201c, fragt sie eher rhetorisch in der Runde. \u201eOhne das Vertrauen meiner Mutter, h\u00e4tte ich keinen Schritt auf die Stra\u00dfe tun d\u00fcrfen, obwohl auch sie sich vor dem schlechten Gerede der Nachbar:innen f\u00fcrchtet.\u201c<br \/>\nBoza lenkt das Gespr\u00e4ch auf ein Thema, das ihr besonders am Herzen liegt: Die finanzielle Unabh\u00e4ngigkeit, welche ihrer Ansicht nach der zentrale Hebel f\u00fcr die Selbsterm\u00e4chtigung der Frauen ist: \u201eEin Teil der Gesellschaft verfolgt \u00fcberholte Konzepte. Sie l\u00e4sst keine Bewegungsfreiheit und kein Recht auf Unabh\u00e4ngigkeit zu. Dabei sollten alle Frauen das Recht auf Arbeit haben. Wir brauchen die Arbeit f\u00fcr unser Selbstwertgef\u00fchl.\u201c<br \/>\nJehan erg\u00e4nzt: \u201eWenn wir arbeiten, k\u00f6nnen wir die negative Energie rauslassen. Sonst ginge es uns noch schlechter.\u201c<\/p>\n<p>Wir verlassen Qamishlo und bewegen uns Richtung S\u00fcdwesten. Uns ist geraten worden, nach Rakka auf einer neu gebauten \u00dcberlandstra\u00dfe zu fahren. Dadurch meiden wir auf unserer Reise ein paar arabische D\u00f6rfer, in denen die islamistische Heilslehre immer noch Bef\u00fcrworter:innen findet und man Schl\u00e4fer-Zellen des IS bef\u00fcrchten muss.<\/p>\n<p>Rakka ist einerseits relativ sicher vor t\u00fcrkischen Luftangriffen. Andererseits sp\u00fcrt man auf Schritt und Tritt die Traumata, die die islamistische Gewaltherrschaft in den K\u00f6pfen und Herzen hinterlassen hat. Um so mehr beeindruckt mich die frische Energie, mit der die Frauen ihr Leben umkrempeln. Eine von ihnen ist Ghoufran. Sie hat eine Taekwondo-Schule f\u00fcr Jugendliche gegr\u00fcndet. Der traditionelle Hijab , den sie fest gekn\u00fcpft um ihre Haare tr\u00e4gt, will nicht in die westliche Vorstellung einer Taekwondo-Trainerin passen. Ihre Kommandos und die Kampfschreie ihrer Sch\u00fctzlinge hallen durch die mit Matten ausgelegte Halle eines Geb\u00e4udes des gro\u00dfen Sportstadions im Stadtzentrum. Die Gruppe umfasst etwa zwanzig Kinder und Jugendliche zwischen sechs und sechzehn Jahren, darunter nur ein einziges M\u00e4dchen, etwa sechs Jahre alt. Sie folgen aufmerksam den Lockerungs\u00fcbungen ihrer Lehrerin, die den Takt dazu mit Schl\u00e4gen auf ein Polster vorgibt. Ghoufran, eine gl\u00e4ubige Muslima, war gefl\u00fcchtet, als die Dschihadisten die Stadt eingenommen hatten: \u201eIch bin nach Rakka zur\u00fcck, als die Situation wieder besser wurde. Es wurden Taekwondo-Lehrer*innen gesucht und ich hatte die Ausbildung dazu. Anfangs war es schwer, Kinder f\u00fcr das Training zusammen zu bekommen, aber mittlerweile bin ich erfolgreich. Leider ist es mir noch nicht gelungen, M\u00e4dchen in den Kurs zu bekommen, die \u00e4lter als zw\u00f6lf sind. Obwohl ich als Frau trainiere. Und Frauen sollten lernen, sich zu verteidigen!\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_31312\" aria-describedby=\"caption-attachment-31312\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-31312\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-Midia-lachen.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"540\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-Midia-lachen.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-Midia-lachen-300x162.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-Midia-lachen-600x324.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-Midia-lachen-768x415.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31312\" class=\"wp-caption-text\">Midia und Argin, Foto: Mansour Karimian<\/figcaption><\/figure>\n<p>Vor der Stadt besuchen wir Frauen einer landwirtschaftlichen Kooperative. Ihre Felder liegen im Tal des Euphrat, der fruchtbarsten Region Rojavas. Die noch relativ gut mit Wasser versorgten B\u00f6den sind offiziell Teil des syrischen Staats. Die autonome Selbstverwaltung hat sie der Kooperative, einem Projekt der Frauenbewegung, als \u00f6ffentliches Gut zur Verf\u00fcgung gestellt. Es geht den beteiligten Frauen nicht um Profit, sondern um eine funktionierende Subsistenzwirtschaft. Die B\u00e4uerin Um Mahmoud unterbricht ihr J\u00e4ten, um uns ihre Weltsicht zu erkl\u00e4ren: \u201eEs hat immer schon Klassen, Reichtum und Armut gegeben. Unser Reichtum ist diese Erde hier, sie ist unser Schatz. Wir pflanzen darauf, und Gott l\u00e4sst es wachsen. Wenn du als Frau die Energie dazu hast, musst du arbeiten. Wir werden nicht emigrieren, denn dies ist unser Land. Das Land und die Menschen darauf haben den gleichen Wert f\u00fcr mich. Ich gebe meine Seele f\u00fcr dieses St\u00fcck Erde. Meine Heimat ist diese Erde. Sie ist unser Schatz.\u201c Um ihre Worte zu unterstreichen, h\u00e4lt Um Mahmoud einen dicken Erdklumpen in die H\u00f6he. \u201eAls der IS kam, habe ich alle T\u00fcren verschlossen und bin nicht mehr nach drau\u00dfen gegangen. Ich wusste nicht mehr, was drau\u00dfen vor sich geht. Jetzt kann ich wieder drau\u00dfen sein, den Himmel sehen und am Leben teilhaben. Ich schw\u00f6re, vorher war ich nur im Haus. Als Frauen konnten wir nicht wagen, die T\u00fcr zu \u00f6ffnen. Wir sa\u00dfen in einem Gef\u00e4ngnis.\u201c<br \/>\nDas kann die Mutter von Ghoufran best\u00e4tigen, die in einem \u00e4rmeren Viertel der Stadt wohnt: \u201eEs war ein Horror. Man konnte nicht einmal atmen. Es herrschte totale Angst. Man musste sogar die Augen verschleiern, sonst wurde man geschlagen. Frauen allein auf der Stra\u00dfe wurden misshandelt. Wer rauchte, wurde misshandelt. Der IS st\u00fcrmte die Wohnungen. Allein angetroffene Frauen wurden zwangsverheiratet. Wie ein Geheimdienst fragten sie Details der Familie ab. Wenn ein Mann angetroffen wurde, der kein Bruder oder Vater war, wurden wir Frauen als rechtlos betrachtet und vergewaltigt.\u201c<br \/>\nUm Mahmoud st\u00fctzt sich auf ihre Hacke ab und schaut uns eindringlich in die Augen:<br \/>\n\u201eNach dem Zusammenbruch des IS konnte ich wieder frei herum laufen und mich mit Menschen treffen. Wir werden unsere Heimat nicht verlassen und einfach abziehen. Wir k\u00f6nnen nicht im Ausland als Fl\u00fcchtlinge leben. Einige, die das Land verlassen haben, kamen wieder zur\u00fcck, weil sie es im Ausland nicht ausgehalten haben. \u201c<\/p>\n<p>Wir fahren zur\u00fcck Richtung Norden. Das Frauendorf Jinwar liegt nicht weit von der t\u00fcrkischen Grenze entfernt und damit im Gefahrenbereich t\u00fcrkischer Luftangriffe. Das hat die Anzahl der Bewohnerinnen reduziert. Aber die Arbeit der landwirtschaftlichen Kooperative auf der 35 Dunam bzw. 9 ha gro\u00dfen Anbaufl\u00e4che l\u00e4uft weiter. In der Ferne zieht ein Trecker eine Staubfahne hinter sich her. Dalila erkl\u00e4rt uns die Bewirtschaftung der Felder. Sie hat in der T\u00fcrkei Landwirtschaft studiert und wird so schnell nicht in ihre alte Heimat zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen. Heute steht die Ernte der restlichen Granat\u00e4pfel an. Auf dem Weg zur Plantage zeigt sie uns die abgeernteten Fl\u00e4chen, die f\u00fcr die Saat bereit sind: \u201eMan sagt, die Arbeit in der Landwirtschaft sei f\u00fcr Frauen zu schwer. Wir wollen das Gegenteil beweisen. Wir k\u00fcmmern uns selbst um alles, ob es um das Pfl\u00fcgen, Pflanzen oder Ernten geht. Wir hatten eine gute Baumwollsaison und haben diese vor zwei Tagen geerntet. Wir pflanzen und ernten Gem\u00fcse und Obst, wir kaufen nichts au\u00dferhalb.\u201c<\/p>\n<p>In der b\u00e4uerlich gepr\u00e4gten Kultur der Kurd:innen war es normal, dass die Frauen in der Landwirtschaft mitarbeiteten. Urspr\u00fcnglich haben sie f\u00fcr das t\u00e4gliche Auskommen an verantwortlicher Stelle mitgesorgt. Daran will das Projekt Jinwar ankn\u00fcpfen. \u201eIn unserer Frauenkooperative wollen wir die Frauen unabh\u00e4ngig machen, ihnen ein Einkommen sichern und ihre Mentalit\u00e4t \u00e4ndern. Sie m\u00fcssen wieder lernen, an sich zu glauben und die Abh\u00e4ngigkeit von den M\u00e4nnern zu \u00fcberwinden\u201c fasst Dalila die Ziele von Jinwar zusammen und erl\u00e4utert das Gesch\u00e4ftsmodell: \u201eFrauen verdienen in unserer Kooperative z.\u2009B. durch Herstellung von K\u00e4se ihr eigenes Geld, auch f\u00fcr ihre Kinder. Sie sind \u00f6konomisch unabh\u00e4ngig und haben keine M\u00e4nner f\u00fcr Anweisungen n\u00f6tig. In der Kooperative arbeiten nur Frauen: junge, alte, Witwen. Alles Geld der Kooperative geht an die Frauen.\u201c<\/p>\n<p>Argin lenkt den Trecker spurgenau \u00fcber das abgeerntete Weizenfeld. Mit der Egge bereitet sie die frische Aussaat von Linsen vor. Sie war an der Befreiung von Koban\u00ea beteiligt und hat danach drei Jahre in einer Frauenmiliz gedient. Nach ihrem Ausscheiden musste sie sich etwas Neues suchen und hat es in Jinwar gefunden. Nach der Arbeit trifft sie sich auf einen Tee mit Ihrer Arbeitskollegin Midia, die gemeinsam mit anderen Frauen ein unabh\u00e4ngiges Leben als Frau f\u00fchren m\u00f6chte: \u201eIch will hier im Experiment sehen, was es hei\u00dft, nur mit Frauen zusammenzuleben. Frauen haben Power, physisch und mental. Man sollte uns Frauen nicht untersch\u00e4tzen. Frauen k\u00f6nnen alle Arbeiten machen, das wei\u00df ich aus eigener Erfahrung.\u201c<br \/>\nMidia hat sehr jung geheiratet und musste ihre Ehe beenden, da ihr autorit\u00e4rer Mann ihr ganzes Leben bestimmt hat. Argin fragt sie, wie sich eine Gemeinschaft ohne M\u00e4nner f\u00fcr sie anf\u00fchlt. Midia ist da ganz klar: \u201eDas ist ideal f\u00fcr mich, dass hier keine M\u00e4nner sind. Ich ertrage keine m\u00e4nnliche Dominanz mehr. M\u00e4nner sind nicht die Basis f\u00fcr alles. Die Frauen sollen \u00fcber ihr Leben selbst bestimmen. Ich habe nichts gegen M\u00e4nner, aber die Basis einer Gesellschaft wird von Frauen und M\u00e4nnern gleicherma\u00dfen gestellt. Die Erfahrung hier im Frauendorf zeigt, dass wir als Frauen unser Leben selbst\u00e4ndig organisieren k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Eine davon ist Delal. Sie ist zur Wache eingeteilt und sitzt am Eingang des Frauendorfes. Ihr Gesichtsausdruck wirkt melancholisch, ihr Blick scheint nach innen gerichtet. Als alleinerziehende Mutter lebt sie seit zwei Jahren mit ihren drei T\u00f6chtern in Jinwar. Wir lernen sie in den kommenden Tagen n\u00e4her kennen. Schlie\u00dflich ist sie bereit, uns ihre pers\u00f6nliche Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_31313\" aria-describedby=\"caption-attachment-31313\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-31313\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-faehrt-Trecker.jpg\" alt=\"\" width=\"1000\" height=\"527\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-faehrt-Trecker.jpg 1000w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-faehrt-Trecker-300x158.jpg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-faehrt-Trecker-600x316.jpg 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/04\/Argin-faehrt-Trecker-768x405.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1000px) 100vw, 1000px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-31313\" class=\"wp-caption-text\">Argin auf dem Trecker &#8211; Foto: Mansour Karimian<\/figcaption><\/figure>\n<p>Die Yesidin war mit einem Vetter v\u00e4terlicherseits verheiratet. Ihr Mann hatte sie verlassen, und sie musste gem\u00e4\u00df der traditionellen Regeln mit seiner Familie zusammenleben. Sie lie\u00df sich scheiden, und die Kinder wurden ihrem Vater zugesprochen. Dann erhielt sie einen Anruf, dass dieser sich nicht um die Kinder k\u00fcmmere und diese auf der Stra\u00dfe lebten und verwahrlosten. Jinwar wird zu ihrer Rettung: \u201eWir leben hier jetzt wie in einer Familie. Niemand kann die Rolle des Vaters ersetzen. Aber besser ohne Vater als mit einem schlechten Vater.\u201c W\u00e4hrend sie spricht, h\u00f6ren die drei T\u00f6chter scheinbar gleichg\u00fcltig zu, aber ihnen ist die Anspannung anzumerken. Sie versuchen ihre Mutter mit Blicken zu tr\u00f6sten. \u201eMein Mann hat mich total kontrolliert. Ich sollte nur als Mutter zuhause sitzen. Dabei wollte ich drau\u00dfen etwas erreichen. Einen Beruf als Lehrerin, als Anw\u00e4ltin oder mir eine Arbeit im Krankenhaus suchen. Alles wurde mir von meinem Mann verboten. Mein Leben geh\u00f6rt jetzt nach Jinwar. Meine Kinder sollen studieren und sp\u00e4ter ihr Wissen wieder hier im Dorf einbringen. Das Dorf war und ist unser Schutzraum. Das d\u00fcrfen wir nie vergessen.\u201c<\/p>\n<p>Das Luftbild von Jinwar zeigt die Anlage des Dorfes: Sie ist dem Symbol der Syrischen Steppenraute nachempfunden, das in jedem Haus des Dorfes h\u00e4ngt und in der kurdischen Kultur weit verbreitet ist. Seine sedative und antidepressive Wirkung ((3)) steht stellvertretend f\u00fcr nat\u00fcrliche Heilverfahren und das weibliche Wissen darum, das bis in die matriarchalische Menschheitsepoche zur\u00fcckverweist. Verbunden mit dem Projekt Jinwar als Ort weiblicher Selbsterm\u00e4chtigung mag man es als einen Verweis auf das Matriarchat als Menschheitsprojekt der Zukunft lesen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einer verkehrs\u00fcberfluteten, staubigen Stra\u00dfe mitten in Qamishlo, der inoffiziellen Hauptstadt von Nord- und Ostsyrien, liegt das Gesch\u00e4ft der Kunsthandwerkerin Jehan. In ihrer ger\u00e4umigen Holzwerkstatt empf\u00e4ngt uns das Kreischen einer Kreiss\u00e4ge. Jehan schneidet gerade den Rahmen f\u00fcr ein Bild von \u015eahmaran zurecht. 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