{"id":3129,"date":"0200-02-01T00:00:08","date_gmt":"0200-01-31T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=3129"},"modified":"2022-07-26T13:34:19","modified_gmt":"2022-07-26T11:34:19","slug":"frauen-sollen-die-effizienz-der-totungsmaschine-erhohen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/0200\/02\/frauen-sollen-die-effizienz-der-totungsmaschine-erhohen\/","title":{"rendered":"Frauen sollen die Effizienz der T\u00f6tungsmaschine erh\u00f6hen"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Letzte Bastion geschleift&#8220; war der Kommentar der Frankfurter Rundschau zum Strassburger Urteil \u00fcberschrieben ((1)), und \u00e4hnlich d\u00fcrfte es in den anderen Medien ausgesehen haben. Zweifellos ist die Bundeswehr eine m\u00e4nnliche Einrichtung nicht nur in dem Sinn, dass sie eine zuf\u00e4llige Ansammlung von M\u00e4nnern ist. Vielmehr symbolisiert sie &#8211; wie jede Armee &#8211; geradezu traditionell m\u00e4nnliche Werte, ist somit eine zutiefst &#8222;maskuline&#8220; Institution. Es erscheint mir mehr als fraglich, dass sich dies \u00e4ndert, wenn Frauen Teil dieser Institution werden.<\/p>\n<p>Erfahrungen aus anderen L\u00e4ndern In vielen Staaten &#8211; meist sind dies Staaten, in denen die Wehrpflicht abgeschafft wurde &#8211; haben Frauen schon l\u00e4nger Zugang zur Armee, wenn auch in fast allen F\u00e4llen einige Bereiche &#8211; z.B. Eliteeinheiten &#8211; immer noch eine reine M\u00e4nnerangelegenheit bleiben. So liegt z.B. der Frauenanteil beim Milit\u00e4r in den USA und Kanada jeweils bei 12 %, in den meisten EU-Staaten (mit Ausnahme Deutschlands und \u00d6sterreichs) bei ca. 5 % ((2)). Doch hat dies weder am &#8222;maskulinen&#8220; Charakter des Milit\u00e4rs etwas ge\u00e4ndert, noch an der gesellschaftlichen Position von Frauen.<\/p>\n<h3>Mit Frauen den Krieg m\u00f6glich machen<\/h3>\n<p>Francine d&#8217;Amico schreibt zu den Erfahrungen mit amerikanischen Soldatinnen w\u00e4hrend des Golfkrieges: &#8222;Beschreibungen der Operationen &#8222;Desert Shield&#8220; und &#8222;Desert Storm&#8220; durch US-VertreterInnen sprachen gleichf\u00f6rmig von &#8222;unseren M\u00e4nnern und Frauen am Golf&#8220; oder &#8222;unsere mutigen Soldaten und Soldatinnen&#8220;. Soldatinnen sind daher f\u00fcr das Milit\u00e4r n\u00fctzlich, nicht nur weil sie Arbeiten ausf\u00fchren, die f\u00fcr den milit\u00e4rischen Einsatz notwendig sind, sondern auch, weil sie diesen Einsatz legitimieren. Aus der Perspektive der Milit\u00e4rplaner sind Soldatinnen ausserdem wertvoll, weil sie aufgrund ihrer &#8222;pflegenden Sozialisation&#8220; und ihrer Verf\u00fcgbarkeit f\u00fcr sexuelle Dienste die Moral der m\u00e4nnlichen Truppe steigern: so machen sie Krieg m\u00f6glich, erh\u00f6hen die Effizienz der T\u00f6tungsmaschine.&#8220; ((3)) In Israel ist die &#8222;Integration&#8220; von Frauen in die Armee wohl am weitesten fortgeschritten. Trotzdem gibt es auch hier zahlreiche gesetzliche Vorschriften, die zwischen Frauen und M\u00e4nnern unterscheiden. Die Wehrpflicht gilt zwar sowohl f\u00fcr Frauen als auch f\u00fcr M\u00e4nner, doch w\u00e4hrend M\u00e4nner drei Jahre &#8222;dienen&#8220; m\u00fcssen, reichen bei Frauen zwei Jahre aus. Den einmonatigen j\u00e4hrlichen Reservedienst m\u00fcssen M\u00e4nner bis zu einem Alter von 42 Jahren leisten, Frauen bis zu einem Alter von 24 Jahren. In der Praxis werden M\u00e4nner bis zum 35. Lebensjahr zum Reservedienst einberufen, Frauen gar nicht. Auch werden Frauen viel schneller vom Milit\u00e4rdienst freigestellt als M\u00e4nner (Gr\u00fcnde sind z.B. Schwangerschaft, Kindererziehung oder verheiratet zu sein), so dass nur etwa 40- 50 % aller wehrpflichtigen Frauen ihren Dienst tats\u00e4chlich ableisten ((4)). Trotz der Wehrpflicht f\u00fcr Frauen bleiben sie jedoch auch in Israel von Kampfeinheiten ausgeschlossen, und gerade der Kampf ist nicht nur innerhalb der israelischen Gesellschaft das Schl\u00fcsselelement bei der Definition von M\u00e4nnlichkeit ((5)). Trotz der Beteiligung von Frauen an der israelischen Armee ist die reale gesellschaftliche Position von Frauen in Israel nicht besser als in anderen vergleichbaren Staaten, im Gegenteil. In Israel gibt es gerade bez\u00fcglich Ehe und Scheidung immer noch stark diskriminierende gesetzliche Regelungen. Diese Tatsachen, so Uta Klein, \u00bbtreten in Konflikt mit Theorien, die f\u00fcr die Integration von Frauen in die Streitkr\u00e4fte argumentieren, und eine Verbesserung des Status von Frauen in der Gesellschaft behaupten. Das israelische Beispiel zeigt, dass die Wehrpflicht f\u00fcr Frauen keinen positiven Effekt bez\u00fcglich des Status von Frauen in der breiteren Gesellschaft hat. Cynthia Enloe weist das Argument zur\u00fcck, dass Kriegserfahrung eine befreiende Kraft f\u00fcr die Rolle der Frau darstellt. Das israelische Beispiel ist eine starke Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre Argumentation, dass Kriegserfahrung nur das Ausmass deutlich macht, in dem das Leben von Frauen durch m\u00e4nnliche Eliten kontrolliert wird. Nur in relativ entmilitarisierten Gesellschaften, so argumentiert sie, haben Frauen, die sich nicht als maskulinisierte Politikerinnen sehen, eine Chance, das Land zu regieren&#8220; ((6)) &#8211; wobei zu fragen w\u00e4re, ob es so erstrebenswert ist, zu &#8222;regieren&#8220;.<\/p>\n<h3>Gewalt und sexualisierte Gewalt bei Polizei und Armee<\/h3>\n<p>Die Realit\u00e4t von Frauen im Milit\u00e4r Anfang dieses Jahres sorgte ein Leserbrief der stellvertretenden Frauenbeauftragten der Giessener Polizei f\u00fcr Aufregung: Sie wehrte sich gegen die Behauptung eines harmonischen Verh\u00e4ltnisses zwischen Beamten und Beamtinnen und stellte fest, dass es &#8222;sexuelle Bel\u00e4stigungen von Kollegen gegen\u00fcber Polizistinnen&#8220; gibt ((7)). Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen hat ergeben, dass sich jede vierte Polizistin im Dienst von ihren Kollegen bel\u00e4stigt f\u00fchlt ((8)). Gegen\u00fcber der Polizei d\u00fcrfte das Milit\u00e4r mit seiner Kasernierung noch eine weit mehr &#8222;maskuline&#8220; Institution darstellen, und die Erfahrungen von Soldatinnen in den USA und Grossbritannien verheissen nichts gutes. So zeigen Untersuchungen zu sexueller Bel\u00e4stigung innerhalb der US-Streitkr\u00e4fte von 1991, dass z.B. innerhalb der US-Marine 44 % der Soldatinnen und 33 % der Offizierinnen im vergangenen Jahr mindestens einmal bel\u00e4stigt worden waren. Bei Sch\u00fclerinnen an US-Milit\u00e4rakademien ist der Anteil sogar noch wesentlich h\u00f6her und lag zwischen 70 % und 78 % ((9)). Doch nur 4-6 % der F\u00e4lle f\u00fchren zu formalen Beschwerden ((10)). Aufgrund des Charakters des Milit\u00e4rs als einer &#8222;maskulinen&#8220; Institution sind diese Ergebnisse nicht verwunderlich. Auch wenn Frauen Zugang zum Milit\u00e4r erhalten, so bleibt das Milit\u00e4r ein Ort, an dem junge M\u00e4nner sich (und anderen) ihre M\u00e4nnlichkeit beweisen. Besonders betroffen von sexuellen \u00dcbergriffen sind daher auch Frauen, die wenig M\u00f6glichkeiten haben, sich zur Wehr zu setzen &#8211; niedriges Bildungsniveau oder relativ neue Rekrutinnen, unverheiratete Rekrutinnen mit oder ohne Kinder. Doch nicht nur f\u00fcr Frauen, auch f\u00fcr M\u00e4nner ist gerade in der Armee das Risiko, vergewaltigt zu werden, am h\u00f6chsten ((11)).<\/p>\n<h3>Traditionelle Geschlechterrollen stabilisiert<\/h3>\n<p>Auch f\u00fcr Frauen innerhalb der Armee wird die geschlechtsbezogene Arbeitsteilung nicht aufgehoben, im Gegenteil. Durch die Ausbildung im Milit\u00e4r werden traditionelle Geschlechterbilder stabilisiert. In den meisten Armeen, die Frauen zulassen, \u00fcberwiegt die Ausbildung in &#8222;weiblichen F\u00e4higkeiten&#8220; vor der eigentlichen Kriegsausbildung. So wird z.B. Soldatinnen der israelischen Armee beigebracht, wie sie entsprechend der Vorschriften Make-Up aufzutragen haben, und sich als &#8222;Offizierin und Dame&#8220; zu bewegen haben. Selbst in Armeen, in denen Frauen eine Ausbildung an der Waffe erhalten, wird in der Regel die Selbstverteidigung f\u00fcr den Fall in den Vordergrund ger\u00fcckt, dass das &#8222;unaussprechliche geschieht, d.h., dass m\u00e4nnliche Soldaten darin scheitern, sie zu sch\u00fctzen, und Frauen so in face-to-face-Kontakt mit dem Feind geraten&#8220;. ((12)) \u00dcberwindung von Geschlechterdifferenzen? Fehlanzeige!<\/p>\n<h3>&#8222;SoldatInnen sind M\u00f6rderInnen&#8220; &#8211; das Dilemma bleibt<\/h3>\n<p>D&#8217;Amico kommt zu dem Ergebnis, dass &#8222;eine milit\u00e4rische Karriere &#8230; kaum als ein Vehikel f\u00fcr das Empowerment von Frauen angesehen werden kann, wie liberale Feministinnen behaupten. Anstatt dass wir unsere Anstrengungen vergr\u00f6ssern, &#8222;Frauen gleich zu machen&#8220; innerhalb des staatlich-milit\u00e4rischen Apparates, m\u00fcssen Feministinnen daran arbeiten, die milit\u00e4rische Institution und die zerst\u00f6rerische Aussenpolitik, die von ihr ausgef\u00fchrt wird, zu demontieren.&#8220; ((13)) Trotzdem l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich das Dilemma, dass bestimmte Institutionen &#8211; und gerade die, die staatliche Macht symbolisieren &#8211; Frauen ausschliessen, und somit einen geschlossenen Raum zur Kultivierung von M\u00e4nnlichkeit schaffen, nicht einfach durch den Hinweis auf die Notwendigkeit ihrer Abschaffung aufl\u00f6sen &#8211; so richtig die Forderung nach Abschaffung aller Armeen auch ist. Aus feministischer Perspektive kann jedoch die wachsende Beteiligung von Frauen am Milit\u00e4r dennoch nicht als Beweis f\u00fcr Fortschritte in Sachen Gleichberechtigung gesehen werden, sondern stellt eher ein Symptom f\u00fcr die zunehmende Militarisierung der Gesellschaft dar. Auch wenn einige Frauen von den Ausbildungs- oder Arbeitsm\u00f6glichkeiten profitieren m\u00f6gen, die der Milit\u00e4rdienst bietet, so \u00e4ndert die wachsende Beteiligung von Frauen am Milit\u00e4r doch nichts an der grunds\u00e4tzlich &#8218;vergeschlechtlichten&#8216; Struktur der Institution, die in ihrem Kern auf Zwang beruht, hierarchisch und patriarchal ist. Tats\u00e4chlich hilft die wachsende Beteiligung von Frauen, die Institution zu legitimieren, indem sie ihr zu einer egalit\u00e4ren Fassade verhilft. Wenn Frauen den &#8218;Krieger-Mythos&#8216; akzeptieren, dann schw\u00e4chen sie das Bild des Milit\u00e4rs als Agenten des Zwanges und der Zerst\u00f6rung, und helfen, den Mythos des Milit\u00e4rs als demokratischer Institution zu verbreiten, als &#8218;Arbeitgeber mit gleichen M\u00f6glichkeiten&#8216; wie jeder andere auch, ohne Bezug zu seiner existentiellen Aufgabe: organisiertes T\u00f6ten f\u00fcr politische Zwecke.&#8220; ((14))<\/p>\n<h3>Kriegsdienstverweigererinnen, Deserteurinnen und Saboteurinnen<\/h3>\n<p>Die Beteiligung von Frauen am Milit\u00e4r wird also das Milit\u00e4r selbst kaum ver\u00e4ndern, und weder die traditionellen M\u00e4nnlichkeits- und Weiblichkeitsbilder noch die herrschende Geschlechterordnung ins Wanken bringen.<\/p>\n<p>Auf der positiven Seite bleibt somit auch nach der Entscheidung des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes eigentlich fast nichts \u00fcber, vom &#8222;Schleifen der letzten Bastion&#8220; kann beim besten Willen nicht die Rede sein.<\/p>\n<p>Dagegen wirken die negativen Effekte schwer: ein Legitimationszuwachs f\u00fcrs Milit\u00e4r und eine weitere Militarisierung der Gesellschaft, die sich nun auch verst\u00e4rkt auf Frauen erstreckt. Und da das Milit\u00e4r auch weiterhin das patriarchale Geschlechterverh\u00e4ltnis st\u00fctzt und immer wieder neu produziert &#8211; auch mit Frauen im Milit\u00e4r &#8211; steht eher zu bef\u00fcrchten, dass die Voraussetzungen f\u00fcr eine Ver\u00e4nderung des Geschlechterverh\u00e4ltnisses sogar schlechter werden. &#8222;SoldatInnen sind M\u00f6rderInnen?&#8220; &#8211; Bleibt zu hoffen, dass viele Frauen (und M\u00e4nner) sich dem verweigern, und auf die Militarisierung von oben mit einer Entmilitarisierung von unten antworten. SoldatInnen sind nicht nur M\u00f6rderInnen, sondern eben auch (potentielle) KriegsdienstverweigererInnen und DeserteurInnen. Und damit dann SaboteurInnen am Patriarchat. Hoffentlich!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Letzte Bastion geschleift&#8220; war der Kommentar der Frankfurter Rundschau zum Strassburger Urteil \u00fcberschrieben ((1)), und \u00e4hnlich d\u00fcrfte es in den anderen Medien ausgesehen haben. 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