{"id":31436,"date":"2024-06-07T09:58:15","date_gmt":"2024-06-07T07:58:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/es-geht-nur-mit-solidaritaet\/"},"modified":"2024-06-07T09:58:15","modified_gmt":"2024-06-07T07:58:15","slug":"es-geht-nur-mit-solidaritaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/es-geht-nur-mit-solidaritaet\/","title":{"rendered":"\u201eEs geht nur mit Solidarit\u00e4t!\u201c"},"content":{"rendered":"<p>In einem B\u00fcro im dritten Stock eines Wohnhauses in Berlin-Prenzlauer Berg, in dem auch der Berliner Landesverband der Gr\u00fcnen Liga residiert, sitzt die Redaktion vom Raben Ralf. Es hat den Flair der guten alten Zeit der Printmedien \u2013 an den W\u00e4nden reihen sich Aktenordner und auf den Schreibtischen stapeln sich Notizzettel. Dennoch, einiges hat sich schon im Laufe der Zeit ge\u00e4ndert. Aus der anf\u00e4nglich monatlichen Erscheinungsweise mit 16 Seiten ist mittlerweile eine zweimonatliche mit 32 Seiten geworden. Auch die R\u00e4tsel- und Kinderseite gibt es nicht mehr und das Format ist handlicher geworden. Ansonsten ist man sich und dem kritischen Anspruch treu geblieben. Der Name \u2013 Rabe Ralf \u2013 ist auch geblieben und gef\u00e4llt der kleinen Tochter von Redakteur Johann sehr gut. Der Schwerpunkt der Zeitung liegt auch weiterhin auf klassischen \u00f6kologischen Themen aus dem Natur- und Umweltschutz Aber wie auch in der Umweltbewegung aus der ehemaligen DDR, in deren Tradition die Zeitung steht, geht es dar\u00fcber hinaus auch immer wieder um andere gesellschaftliche Themen, z.B. um Rechtsextremismus im Umweltschutz, Wald-Darstellungen im Black Metal oder Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) \u2013 h\u00e4ufig auch aus libert\u00e4r-anarchistischer Sicht. Das ist nicht zuletzt damit zu erkl\u00e4ren, dass sich unter den Autor_innen immer wieder Namen finden, die man auch als mehr oder weniger regelm\u00e4\u00dfige Beitr\u00e4ger_innen aus der Graswurzelrevolution kennt. Die gemeinsame Pr\u00e4ferenz f\u00fcr Basisbewegungen spielt nat\u00fcrlich auch eine Rolle. Damit k\u00f6nnte leider bald Schluss sein\u2026<\/p>\n<p>\u201eBerlins letzte Umweltzeitung steht vor dem Aus\u201c, lautete der Untertitel eines Beitrages in der Dezemberausgabe vom Raben Ralf im vergangenen Jahr. Im Flie\u00dftext wird es dann noch konkreter: \u201eBis Mitte 2024 wird eine mittelfristige Finanzierung f\u00fcr den Raben Ralf ben\u00f6tigt, um die Schlie\u00dfung der Redaktion zum Jahresende 2024 zu verhindern. Wir brauchen etwa 20.000 Euro pro Jahr und der Rabe fliegt weiter!\u201c Es ist nicht die erste Krise, in der sich der Rabe Ralf in seiner \u00fcber drei\u00dfigj\u00e4hrigen Geschichte ((1)) befunden hat, gesteht \u201eChefredakteur\u201c Matthias, ein studierter Mathematiker, ein. Diesmal scheint es aber ernster und existentieller als fr\u00fcher zu sein. Steigende Kosten \u2013 vor allem die Druck- und Portokosten \u2013 machen der von der Gr\u00fcnen Liga Berlin mitfinanzierten Zeitschrift ((2)) arg zu schaffen. Die generellen Preissteigerungen belasten auch die Gr\u00fcne Liga Berlin, so dass sie Schwierigkeiten hat, im gewohnten Ma\u00dfe das Projekt zu unterst\u00fctzen. Dabei sind die Kosten an sich f\u00fcr ein Projekt wie dieses nicht sonderlich hoch \u2013 Matthias hat nicht mal eine Vollzeitstelle, auch wenn die anfallende Arbeit dies sicherlich rechtfertigen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt er u.a. von Menschen, die ihr Freiwilliges \u00d6kologisches Jahr (F\u00d6J) in der Redaktion machen, und vielen Ehrenamtlichen, die Artikel, Fotos und Zeichnungen beisteuern oder die Ausgaben alle zwei Monate in Biol\u00e4den, Bezirks\u00e4mtern und Bibliotheken in Berlin auslegen. Der Rabe Ralf ist seit jeher eine \u201eMitmachzeitung\u201c im positiven Sinne. Jede_r kann hier mithelfen \u2013 sei es mit seiner\/ihrer Arbeitskraft oder einfach \u201enur\u201c finanziell. Helfende H\u00e4nde sind jederzeit willkommen \u2013 gerne auch F\u00d6Jler_innen.<\/p>\n<p>Der Name der Zeitung \u2013 Rabe Ralf \u2013 ist einem Gedicht von Christian Morgenstern entliehen.<\/p>\n<p>\u201eDer Rabe Ralf<br \/>\nwill will hu hu<br \/>\ndem niemand half<br \/>\nstill still du du<br \/>\nhalf sich allein<br \/>\nam Rabenstein<br \/>\nwill will still still<br \/>\nhu hu\u201c<\/p>\n<p>hei\u00dft es in der ersten Strophe jenes Gedichtes des deutschen Lyrikers. Morgensterns Galgenlieder stehen noch an prominenter Stelle im Regal \u2013 gleich neben dem vom Raben herausgegebenen Kochbuch. Fr\u00fcher wurde in jeder Ausgabe ein Gedicht aus der Sammlung abgedruckt. Mittlerweile ist abgedruckte Lyrik rar geworden, aber die Kochrezepte sind daf\u00fcr ein integraler und wichtiger Bestandteil in jeder Ausgabe.<\/p>\n<p>Der Untertitel \u2013 \u201eDie Berliner Umweltzeitung\u201c \u2013 klingt etwas hochtrabend und trifft auch nicht genau den Kern der Sache. Einerseits gibt es nat\u00fcrlich noch andere Umweltmagazine, die in Berlin produziert werden, und andererseits ist die Bedeutung des Raben Ralf \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus gegeben. Dabei ist es Johann wichtig zu betonen, dass es nicht darum geht, dass \u201eSt\u00e4dter_innen der Landbev\u00f6lkerung \u00f6kologisches Handeln erkl\u00e4ren\u201c.  <\/p>\n<p>Im Dezember 1990 wurde der Rabe Ralf aus der Taufe gehoben. Damals wie heute ist die Gr\u00fcne Liga Berlin ((3)) offiziell Herausgeberin der Zeitschrift \u2013 auch wenn der Rabe unabh\u00e4ngig ist. Heute kann die Zeitschrift als das l\u00e4ngste und gr\u00f6\u00dfte Projekt jenes \u00f6kologischen Netzwerkes gelten, das sich in der Wendezeit als Gr\u00fcne Liga formierte. Damals spaltete sich die Umweltbewegung der DDR in zwei Str\u00f6mungen \u2013 \u00e4hnlich wie es im Westen gut zehn Jahre zuvor geschah. Ein Fl\u00fcgel suchte in der Partei(en)-gr\u00fcndung sein Heil, der andere Fl\u00fcgel blieb dem Bewegungsgedanken treu und gr\u00fcndete u.a. die Gr\u00fcne Liga als \u201eNetzwerk \u00d6kologischer Bewegungen\u201c. Dieser Bewegungsgedanke ist immer noch erkennbar, auch wenn der Rabe mittlerweile als eine gesamtdeutsche Zeitschrift gesehen werden kann \u2013 im Gegensatz z.B. zum telegraph als Nachfolgeorgan der legend\u00e4ren Umweltbl\u00e4tter, die unter dem Dach der Umweltbibliothek erschienen. Der telegraph, bei dem heutzutage Umweltthemen nur noch eine untergeordnete Rolle spielen, sitzt aber auch nur eine Parallelstra\u00dfe entfernt im Haus der Demokratie und Menschenrechte.<\/p>\n<p>Ein Meilenstein des Zusammenwachsens der Umweltbewegungen im Raben war sicherlich die zweij\u00e4hrige Kooperation mit der Berliner Luft-Zeitung, einem Medium der Westberliner Umweltbewegung ((4)). Mitte \/ Ende der 1990er Jahre gab man gemeinsam mehrere Doppelausgaben heraus \u2013 bevor die Berliner Luft-Zeitung ganz eingestellt wurde. Matthias kann sich noch gut daran erinnern. Er war damals bereits Redakteur beim Raben. Nachdem dieser schon Anfang der 90er einen Leserbrief von ihm kurzerhand als Leitartikel abgedruckt hatte, war der Weg zum Raben f\u00fcr ihn schon vorgezeichnet gewesen. Mit einer mehrj\u00e4hrigen Unterbrechung, w\u00e4hrend der er bei einer anderen Umweltzeitung als Redakteur arbeitete, ist er seit 1993 dabei. Johann ist seit ca. drei Jahren an Bord und unterst\u00fctzt Matthias tatkr\u00e4ftig bei der Arbeit.<\/p>\n<p>Der Rabe hat auch schon mit seinen Artikeln einiges bewirkt und kann ein paar augenf\u00e4llige \u201eErfolge\u201c verzeichnen. Der wichtigste Erfolg ist die Umbenennung des seit 1997 vergebenen Berliner Naturschutzpreises Victor-Wendland-Ehrenring, nachdem man \u00fcber die braunen Verstrickungen des Namensgebers Victor Wendland, eines hohen NS-Beamten, aufgekl\u00e4rt hatte. Er hatte nach dem Krieg die Rehabilitierung der bedeutenden j\u00fcdischen Natursch\u00fctzer Max Hilzheimer und Benno Wolf verhindert. Auf die Berichterstattung hin wurde dieser Preis umbenannt. Auch die mediale Unterst\u00fctzung einer Klage des Berliner Naturschutzbundes gegen den Ausbau des Friedhofs in Gatow auf Kosten gesch\u00fctzter Zauneidechsen trug zu deren Erfolg bei.  <\/p>\n<p>Der Redaktion ist es wichtig, dass man sich nicht nur in der klassischen \u00d6koblase bewegt und \u201epreaching to the converted\u201c betreibt, sondern auch Leute, die nicht so viel mit Umwelt am Hut haben, zu erreichen und f\u00fcr solche Themen anzufixen versucht. Das zeigt sich in dem Konzept, eine kostenlose Mitnehm-Zeitung zu produzieren. Seit seiner Gr\u00fcndung erscheint der Rabe Ralf in einer Auflage von 10.000 St\u00fcck und wird kostenlos ausgelegt. Zwischen den vielen, werbefinanzierten Hochglanzmagazinen, die Lifestyle-Themen bringen oder Veranstaltungen bewerben, wirkt er etwas unscheinbar und aus der Zeit gefallen. Dennoch findet er immer wieder seinen Weg zu neuen Leuten. Zeitweilig hat man es sogar mal mit einer Kooperation mit einem Lesezirkel versucht, auch um an ein anderes Klientel in Arztpraxen oder Friseursalons heranzukommen, aber das hat damals nicht geklappt. Um aber auch in Zukunft die umf\u00e4ngliche Verbreitung leisten zu k\u00f6nnen, braucht der Rabe sowohl ein paar hundert zus\u00e4tzliche Abos (25 Euro pro Jahr) \u2013 vorrangig Soliabos (ab 40 Euro im Jahr) \u2013 als auch bezahlte Werbung und (regelm\u00e4\u00dfige) Spenden. Die Preise sind so gehalten, dass es sich m\u00f6glichst viele Menschen leisten k\u00f6nnen, einen Raben frei Haus zu erhalten \u2013 vielleicht auch als Zweitblatt zur Graswurzelrevolution. \u201eEs ist ein solidarischer Akt, den Raben zu abonnieren\u201c, erkl\u00e4rt Matthias. Eine Umstellung auf eine reine Onlineausgabe kommt weder f\u00fcr ihn noch f\u00fcr Johann in Frage. Es gibt zwar eine kostenlos downloadbare PDF und auch einzelne Artikel im Netz und an manchen Verteilstationen prangt auch ganz professionell ein QR-Code, der zur jeweiligen Ausgabe f\u00fchrt, aber das sind verglichen mit der Printausgabe kleine Spielereien. Dann w\u00fcrde man diesem Anspruch, auch andere Menschen jenseits der Filterblase zu erreichen, nicht mehr gerecht werden. In Zeiten, wo immer mehr Printpublikationen eingestellt werden \u2013 zuletzt etwa das Greenpeace Magazin \u2013 w\u00e4re es w\u00fcnschenswert, wenn der Rabe als Printausgabe \u00fcberleben w\u00fcrde. Es ist daher wichtig daf\u00fcr zu sorgen, dass der lebensfrohe Rabe nicht dem Pleitegeier zum Opfer f\u00e4llt \u2013 und noch weiter fliegt und berichtet. Johann bringt es mit den folgenden Worten auf den Punkt: \u201eEs geht nur mit Solidarit\u00e4t!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem B\u00fcro im dritten Stock eines Wohnhauses in Berlin-Prenzlauer Berg, in dem auch der Berliner Landesverband der Gr\u00fcnen Liga residiert, sitzt die Redaktion vom Raben Ralf. Es hat den Flair der guten alten Zeit der Printmedien \u2013 an den W\u00e4nden reihen sich Aktenordner und auf den Schreibtischen stapeln sich Notizzettel. 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