{"id":31440,"date":"2024-06-07T09:58:16","date_gmt":"2024-06-07T07:58:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/also-habe-ich-mich-fuer-den-anarchismus-entschieden\/"},"modified":"2024-08-05T18:18:34","modified_gmt":"2024-08-05T16:18:34","slug":"also-habe-ich-mich-fuer-den-anarchismus-entschieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2024\/06\/also-habe-ich-mich-fuer-den-anarchismus-entschieden\/","title":{"rendered":"\u201eAlso habe ich mich f\u00fcr den Anarchismus entschieden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin als Sohn j\u00fcdischer Eltern geboren. Sein Vater war B\u00fchnenbildner und verwandt mit dem Flugpionier Otto Lilienthal.<br \/>\nNach der Reichspogromnacht 1938 wurde die Situation f\u00fcr j\u00fcdische Menschen in Nazi-Deutschland immer lebensbedrohlicher. 1939, vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, flohen Peters Mutter und seine Gro\u00dfmutter mit ihm vor den Nazis nach Uruguay. Peter hat mir erz\u00e4hlt, dass sein bester Freund aus Kindheitstagen in Berlin bleiben musste und in Auschwitz ermordet wurde.<br \/>\nPeter wuchs vaterlos in dem Hotel auf, das seine Mutter in Montevideo betrieb. \u00dcber die dort gestrandeten Exilant*innen kam er in Ber\u00fchrung mit den Geschehnissen in der Welt. Dort lernte er auch einige aus Spanien vor den Franco-Faschisten geflohene Anarchosyndikalist*innen und andere spannende Pers\u00f6nlichkeiten kennen. In dieser Zeit entwickelte er aus den h\u00e4ufigen Kinobesuchen seine Liebe zum Film. Er gr\u00fcndete einen Schmalfilmclub und unternahm erste Filmversuche.<br \/>\nAls Peter 1954 aus dem Exil nach Deutschland zur\u00fcckkehrte, studierte er nach einer Banklehre Film- und Fotografie in Berlin und bekam bald eine feste Stelle beim S\u00fcdwestfunk. Er nutzte die damals noch vorhandenen Sendepl\u00e4tze mit seinem Kameramann Michael Ballhaus, um mit experimentellen Versuchen die M\u00f6glichkeiten des Fernsehens intellektuell auszuloten.<br \/>\nBald wurde Peter einer der einflussreichsten Regisseure der Bundesrepublik. Dies wird auch in vielen Nachrufen deutlich. So w\u00fcrdigte ihn der Spiegel am 5.5.2023: \u201eAuf dem Papier war der Regisseur (&#8230;) ein unwahrscheinlicher Vertreter des Neuen Deutschen Films. (&#8230;) das Versprechen, mit Filmen neue, herausfordernde Perspektiven auf Deutschland zu entwickeln, l\u00f6ste er wie kaum ein Zweiter ein. (\u2026) Insgesamt dreimal wurde Lilienthal mit dem Deutschen Filmpreis geehrt; (&#8230;) als Dozent an der K\u00f6lner Kunsthochschule f\u00fcr Medien pr\u00e4gte er die deutsche Filmkultur weit \u00fcber das eigene Schaffen hinaus.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-31529 alignleft\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/PL.jpeg\" alt=\"\" width=\"420\" height=\"560\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/PL.jpeg 420w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/PL-300x400.jpeg 300w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2024\/06\/PL-225x300.jpeg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 420px) 100vw, 420px\" \/><\/p>\n<p>Seine Spielfilme machten Peter international bekannt. Sie waren radikal und solidarisch aus einer Graswurzelperspektive. Dabei trugen sie zur Politisierung vieler Menschen bei und kl\u00e4rten \u00fcber Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnisse auf.<br \/>\nViele seiner Kinofilme spielten in Lateinamerika: \u00fcber die Emanzipation einer jungen Chilenin in der Allende-Zeit (LA VICTORIA), \u00fcber die Folgen des Milit\u00e4rputsches in Chile (ES HERRSCHT RUHE IM LAND, 1975) und \u00fcber das Engagement eines Nationalgardisten f\u00fcr die sandinistische Revolution in Nicaragua (DER AUFSTAND, 1980).<br \/>\nAus der Perspektive der Unterdr\u00fcckten und hier meistens an den gebrochenen Biografien von Einzelschicksalen klagte er die Repression an, zeigte aber auch Handlungspotentiale auf. Seine Utopie war ein Leben ohne Herrschaft und Gewalt.<br \/>\nSein Konzept als Filmemacher brachte er 1963 auf den Punkt: \u201eIch zeige die Geschichte von Menschen, die keine Heldenaureole um sich haben, die sich nicht \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnen, die stumm vor dem schrecklichen Geschehen stehen und eigentlich nichts zu sagen haben.\u201c<br \/>\nIn seinem 1979 mit dem Goldenen B\u00e4ren ausgezeichneten Film DAVID arbeitete er die Vernichtung der J\u00fcdinnen und Juden in Nazideutschland auf und fragt nach den Urspr\u00fcngen von Rassismus, Antisemitismus und Hass. Dieser Spielfilm von 1978 ist, so der Deutsche Filmdienst im Dezember 2023, einer \u201eder feinf\u00fchligsten deutschsprachigen Filme \u00fcber den Holocaust\u201c. David ist 18 Jahre alt und Jude. Er lebt mit seiner Familie in Berlin. Am Tag nach der Reichspogromnacht wird sein Vater verhaftet, misshandelt und eingesperrt. Noch glaubt die Familie glimpflich davon zu kommen, doch dann werden Davids Eltern deportiert. David taucht unter, versteckt sich vor den Nazis und sucht verzweifelt einen Weg, um aus Deutschland zu fliehen. Peters Film basiert auf Joel K\u00f6nigs autobiografischen Aufzeichnungen \u201eDen Netzen entkommen\u201c.<br \/>\nAuch in vielen Dokumentarfilmen wandte er sich den Unterdr\u00fcckten, aber auch starken Charakteren zu, die ihr Leben selbst unter widrigsten Umst\u00e4nden zu meistern versuchen. In seinem letzten Film CAMILO wurde die Intention des \u201erastlosen Nomaden\u201c deutlich. Die urspr\u00fcngliche Fragestellung von Lilienthal in diesem Dokumentarfilm \u00fcber zwei Soldaten aus dem Irakkrieg war: Warum schicken V\u00e4ter ihre S\u00f6hne in den Krieg?<\/p>\n<p>Anhand zweier Einzelschicksale wird die M\u00f6glichkeit aufgezeigt, sich staatlicher Herrschaft zu widersetzen. Gleichzeitig wird \u2013 im Subtext \u2013 die doppelte Ausbeutung lateinamerikanischer Staaten durch die USA aufgezeigt, die die mittellosen S\u00f6hne aus diesen L\u00e4ndern mit Zukunftsversprechungen als Soldaten f\u00fcr ihre Kriege anwerben. CAMILO ist auch ein Blick auf das heutige Nicaragua, das weit weg ist von den sandinistischen Tr\u00e4umen aus DER AUFSTAND.<\/p>\n<p><strong>Mein erstes Treffen mit Peter Lilienthal<\/strong><\/p>\n<p>Im Dezember 2004 wurde der 75. Geburtstag Peter Lilienthals in meiner Wahlheimatstadt M\u00fcnster zum Anlass genommen, ihn mit einer Gala in der ESG-Aula und einer Pr\u00e4sentation einiger seiner Filme im Programmkino Schlosstheater zu w\u00fcrdigen. Unter den gezeigten Filmen war auch der Spielfilm MALATESTA \u00fcber die Zeit des italienischen Anarchisten Errico Malatesta (1853-1932) im Londoner Exil. Bei der Erstausstrahlung 1970 sorgte dieser Film beim SFB f\u00fcr einen Skandal \u2013 es war die Zeit der \u201eTerroristenhysterie\u201c.<\/p>\n<p>Am 11.12.2004 hatte ich erstmals die Gelegenheit, Peter f\u00fcr die Graswurzelrevolution (GWR) zu interviewen. Anlass war sein Dokumentarfilm \u00fcber den Golfkriegs-Deserteur Camilo Mejia, der zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig war. Es war unser erstes Zusammenkommen und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Gl\u00fccklicherweise nutzte Volker Pade ((1)) von der Filmwerkstatt die Gelegenheit, einen Teil unseres Vorgespr\u00e4chs zu filmen, so dass wir das zusammen f\u00fcr eine B\u00fcrgerfunksendung im Medienforum M\u00fcnster aufgenommene Gespr\u00e4ch transkribieren und unter dem Titel \u201eAnarchismus, eine Philosophie des Friedens\u201c in der GWR Nr. 296 vom Februar 2005 ver\u00f6ffentlichen konnten. Aus meiner Sicht eines der sch\u00f6nsten Interviews ((2)), die ich je gemacht habe.<br \/>\nIch hatte Peter zum ersten Treffen ein paar Schnupperexemplare der Graswurzelrevolution mitgebracht, die er anschlie\u00dfend abonnierte und aufmerksam las. Sp\u00e4ter beteiligte er sich mit einem Spendenaufruf an einer Solidarit\u00e4tskampagne f\u00fcr die GWR.<br \/>\nPeter erz\u00e4hlte mir, dass es dadurch, dass er einen Film \u00fcber Malatesta gemacht habe, immer wieder kuriose Situationen gebe. Wenn er in St\u00e4dten sei, wo er niemanden kenne, dann tauche immer jemand auf, \u201emeistens nicht unter 95, der mich anspricht als Veteran der Anarchisten und der mich aus irgendeinem Grund f\u00fcr einen Spezialisten h\u00e4lt\u201c. Tats\u00e4chlich hatte Peter sich nicht nur f\u00fcr den Film MALATESTA intensiv mit dem Anarchismus besch\u00e4ftigt.<br \/>\n\u201eDie Leute, die ich dann auf dem Weg treffe, die sich mit Anarchismus besch\u00e4ftigen, haben so etwas jenseits von der realen Welt, ihre Ideologie ist so befreiend und gleichzeitig so wenig effizient, was ja auch sch\u00f6n ist. Ich wei\u00df dann gar nicht, was ich sagen soll. Aber es sind die reinen Seelen und deswegen ein Vorbild nat\u00fcrlich. Der Anarchismus ist eine Philosophie der friedlichen Auseinandersetzung und Ideen, eine Philosophie des Friedens. Das wurde st\u00e4ndig missbraucht, nicht nur der Name; du wei\u00dft, was \u201aAnarchisten\u2018 f\u00fcr die Polizei bedeutet oder f\u00fcr manche Leute. Es ist schwer, das richtigzustellen.\u201c<br \/>\nIch fragte ihn, wie er 1969 auf die Idee gekommen ist, einen Film \u00fcber Malatesta zu drehen. Er erz\u00e4hlte, dass er im Exil in Montevideo im Gymnasium einen Geschichtslehrer hatte, der aus Spanien kam und Anarchist war.<br \/>\n\u201eDas Erste, was wir von ihm lernten, war, dass er am Montag entweder phantastische Laune hatte und der beste Geschichtsprofessor der Welt war oder der w\u00fctendste, den man sich vorstellen konnte.<br \/>\nAus einem einfachen Grund: Am Sonntag ging er zum Pferderennen; wenn er gewann, dann betrachtete er uns als Sympathisanten seiner Idee, des Anarchismus, und wenn er verlor, wurden wir als der \u201aletzte Dreck der Bourgeoisie\u2018 beschimpft, den man noch nicht mal anschauen durfte.\u201c<br \/>\nDiese Art von Pathos gefiel Peter, jenseits von den politischen Ideen seines Lehrers, der nach dem Sieg des Franco-Faschismus 1939 aus Spanien geflohen war. Peter und seinen Mitsch\u00fcler*innen hatte der Anarchist auch etwas von Bakunin und Bakunins Auseinandersetzung mit Marx erz\u00e4hlt.<br \/>\nPeter: \u201eDas interessierte mich, auch, weil er Bakunin so lebendig beschrieb, als einen Nicht-Bourgeoisen \u2013 da hatte ich eine Vorstellung, was das ist \u2013, und Marx als den letzten Spie\u00dfer. Jetzt war es so, dass er in seiner Theatralik auf den Tisch stieg und alle Rollen spielte. Er sprach wie Marx oder erz\u00e4hlte, \u00fcbernahm die Thesen von Marx und von Bakunin. Bei dieser Geschichte sa\u00dfen wir gebannt vor ihm, entweder als die Beschimpften und Verachteten oder als die gr\u00f6\u00dften Anh\u00e4nger des Anarchismus.<br \/>\nIrgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich in meiner Rolle als verachteter Bourgeois weiterleben wollte \u2013 oder als Anarchist. Also habe ich mich f\u00fcr den Anarchismus entschieden und auf dem Weg bis heute mich immer mit dieser Philosophie besch\u00e4ftigt.\u201c<\/p>\n<p>Aus Peters Sicht war der Anarchismus \u201eimmer auch eine missbrauchte Philosophie. Missbraucht, f\u00fcr jede Art von Reaktion, die man heute vielleicht als Terrorismus bezeichnen w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Peter hatte eine mitrei\u00dfende Sprache. Wie blumig er mit mir \u00fcber die anarchistischen Ideen redete, das war begl\u00fcckend: \u201eIch habe durch die gro\u00dfen philosophischen Gedanken von einem Mann wie Malatesta, die pazifistisch waren, die \u00fcberzeugen wollten, erkannt, wie wichtig es ist, sich einer Autorit\u00e4t des Staates zu verweigern, um eigene Wege zu gehen, um jeden Tag zu w\u00e4hlen, um die Bedeutung der Entscheidungen des Kollektivs im kleinsten Rahmen zu erkennen.\u201c<br \/>\nDas habe ihn begleitet und sei Teil seiner Auseinandersetzungen mit anderen politischen Ideen geworden, \u201eweil gerade eine solche Utopie immer ein Licht wirft auf die Dressur einer politischen Idee, der die Menschen unterworfen werden\u201c.<br \/>\nEr k\u00e4mpfe nicht f\u00fcr die Differenz, sondern f\u00fcr die \u00c4hnlichkeit.<br \/>\nPeter: \u201eDas ist interessant bei Derrida, bei seiner \u201aPolitik der Freundschaft\u2018, dass er sagt, die eigentliche Freundschaft entsteht da, wo wir uns nicht berufen auf zum Beispiel: \u201aIch bin Anarchist, du bist Sozialist\u2018, \u201aIch bin Jude, du bist Christ\u2018, \u201aIch bin in M\u00fcnster aufgewachsen und du in Chile\u2018, sondern: \u201aWo sind unsere Gemeinsamkeiten? Wo ist die F\u00e4higkeit, den anderen anzunehmen in seiner Andersartigkeit?\u2018\u201c<br \/>\nDas sei den meisten Menschen so fremd, weil jeder sage: \u201eIch grenze mich ab! Du verstehst mich nicht, wenn ich Anarchist bin, und du bist Kommunist.\u201c<br \/>\nPeters klare Position: \u201eNein, da m\u00fcssen wir eine andere Art von Verbindung suchen.\u201c<\/p>\n<p><strong>CAMILO<\/strong><\/p>\n<p>Den Dokumentarfilm \u201eCAMILO \u2013 Der lange Weg zum Ungehorsam\u201c hatte Peter zusammen mit der Filmwerkstatt M\u00fcnster gemacht. Im November 2007 wurde der fast fertige Film \u00fcber Camilo Mej\u00eda, den ersten US-Deserteur des 3. Golfkriegs, auf dem Filmfestival M\u00fcnster vorgestellt. Ich hatte die gro\u00dfe Freude, nach der Pr\u00e4sentation des Films unter anderem mit Peter und Rudi Friedrich von Connection e.V. an einer Podiumsdiskussion zum Thema Desertion und Kriegsdienstverweigerung im Cineplex-Kino teilzunehmen. Im Anschluss an diese Veranstaltung interviewte ihn die damalige GWR-Praktikantin Kerstin Wilhelms f\u00fcr die GWR 324 ((3)).<br \/>\nAm 24. April 2008 startete CAMILO in den deutschen Kinos, am 12. September 2009 fand die Erstausstrahlung im Fernsehen auf ARTE statt.<\/p>\n<p><strong>Peter und die Ossietzky-Medaille<\/strong><\/p>\n<p>Am 9.12.2012 wurde Peter f\u00fcr sein politisches und k\u00fcnstlerisches Lebenswerk sowie seinen herausragenden Beitrag zur Verwirklichung der Menschenrechte von der Internationalen Liga f\u00fcr Menschenrechte (ILM) mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille ((4)) ausgezeichnet.<br \/>\nGemeinsam mit der K\u00fcnstlerin Isabel Lipthay und Winfried Bettmer von der Filmwerkstatt hatte ich ihn nominiert. Das erste GWR-Interview mit ihm hatten wir dem Nominierungsschreiben beigef\u00fcgt.<br \/>\nDie Verleihung der Ossietzky-Medaille im GRIPS-Theater Berlin wurde von der Filmwerkstatt gefilmt und abends in der Tagesschau erw\u00e4hnt. Das Duo Contraviento spielte Peters Lieblingslied \u201eClandestino\u201c von Manu Chao. Es gab Livemusik vom I Felici Ensamble und bewegende Reden von ILM-Pr\u00e4sidentin Fanny-Michaela Reisin, Rolf G\u00f6ssner und Michael Ballhaus. Mir hat es gefallen, die Verleihung zu moderieren und auch eine Rede halten zu d\u00fcrfen.<br \/>\nNamensgeber der Medaille ist der antimilitaristische und antifaschistische Publizist, Menschenrechtsaktivist und Friedensnobelpreistr\u00e4ger Carl von Ossietzky. Der Herausgeber der Weltb\u00fchne und Vorstandsmitglied der Deutschen Liga f\u00fcr Menschenrechte starb 1938 an den Folgen seiner KZ-Haft.<\/p>\n<blockquote>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><strong>Irgendwann musste ich mich entscheiden, ob ich in meiner Rolle als verachteter Bourgeois weiterleben wollte \u2013 oder als Anarchist. Also habe ich mich f\u00fcr den Anarchismus entschieden und mich bis heute immer mit dieser Philosophie besch\u00e4ftigt<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Nach eigenem Bekunden war Peter dieser \u201ealternative Nobelpreis\u201c wichtiger als das Bundesverdienstkreuz und all die anderen Preise, mit denen er f\u00fcr sein Lebenswerk geehrt wurde.<br \/>\nIm Dezember 2014 moderierte er die Ossietzky-Medaillenverleihung an den Whistleblower Edward Snowden, die Filmemacherin Laura Poitras und den Journalisten Glenn Greenwald. Es war ein bewegender Moment, als Snowden live aus dem Moskauer Exil auf die Kinoleinwand in Berlin zugeschaltet wurde. Die Menschen im vollbesetzten Kino sprangen auf und bejubelten Snowden mit Standing Ovations.<br \/>\nIn den folgenden Jahren traf ich Peter nur noch selten. Wir telefonierten h\u00e4ufig und gratulierten uns gegenseitig zu unseren Geburtstagen. In der Corona-Zeit riss der Kontakt ab.<br \/>\nPeter hatte die letzten Lebensjahre in einem Pflegeheim in M\u00fcnchen verbracht. Dort ist er gestorben.<br \/>\nNach seinem Tod zeigte die GWR-Redaktion zusammen mit der Filmwerkstatt seinen heute angesichts von Kriegen und Remilitarisierung noch immer aktuellen CAMILO-Film im Schlosstheater. Im Anschluss teilten wir unsere gemeinsamen Erinnerungen an Peter. Es war ein w\u00fcrdevolles Gedenken im kleinen Kreis.<br \/>\nZeit seines Lebens hat Peter sich f\u00fcr eine gewaltfreie und herrschaftslose Gesellschaft eingesetzt. Mit seinen k\u00fcnstlerischen Mitteln versuchte er aus der Perspektive von unten, Gewaltmechanismen aufzuzeigen und Menschen zu ermutigen, sich f\u00fcr eine solidarische, egalit\u00e4re Gesellschaft zu engagieren. Jenseits von nationalstaatlichem Denken steht das Schicksal der Menschen in seinem Schaffen im Mittelpunkt der Reflexion.<br \/>\nDiese Haltung bestach auch in seiner p\u00e4dagogischen Arbeit. Mit Hark Bohm und Wim Wenders gr\u00fcndete er den \u201eFilmverlag der Autoren\u201c. In antimilitaristischen Netzwerken (Graswurzelrevolution, Connection e.V., DFG-VK u.a.) engagierte er sich \u2013 in der Tradition von Ossietzky \u2013 als konsequenter Anarchopazifist gegen Militarismus und jegliche Form von Militarisierung.<br \/>\nPeter Lilienthal war ein gro\u00dfer Menschenfreund. Es macht mich gl\u00fccklich, dass ich viel von diesem warmherzigen Menschen lernen und sein Freund sein durfte.<br \/>\nRuhe in Frieden, lieber Peter!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Peter Lilienthal wurde am 27.11.1929 in Berlin als Sohn j\u00fcdischer Eltern geboren. Sein Vater war B\u00fchnenbildner und verwandt mit dem Flugpionier Otto Lilienthal. 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